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Pharmabranche Deutsch-britische Allianz: Biontech und Curevac auf dem Weg in die Weltspitze

Deutschland hat den einstigen Vorsprung in der Impfstoffentwicklung verspielt. Zwei junge Unternehmen bringen den Standort zurück auf die Weltkarte.
20.07.2020 - 19:48 Uhr Kommentieren
Der Pharmastandort Deutschland könnte durch die Impfstofferfolge wieder stärker werden. Quelle: ddp images/Erwin Wodicka - wodic
Forschung im Labor

Der Pharmastandort Deutschland könnte durch die Impfstofferfolge wieder stärker werden.

(Foto: ddp images/Erwin Wodicka - wodic)

Frankfurt Im globalen Geschäft mit Impfstoffen spielt die klassische deutsche Pharmaindustrie zwar keine führende Rolle mehr. Doch zwei junge Biotechfirmen – die Mainzer Biontech und die Tübinger Curevac – sind auf bestem Wege, eine Art Renaissance einzuleiten. Beide Firmen arbeiten an vorderster Front an der Entwicklung von Impfstoffen gegen Covid-19 und konnten am Montag ihre starke Ausgangsposition durch wichtige Transaktionen untermauern.

Zum einen besiegelte Curevac eine Forschungsallianz mit dem britischen Pharmakonzern und weltweit führenden Impfstoffhersteller Glaxo-Smithkline (GSK). Es geht dabei nicht speziell darum, ein Immunserum gegen das Coronavirus zu finden, sondern generell um die Entwicklung von bis zu fünf neuen Impfstoffen. GSK kauft für 150 Millionen Euro zehn Prozent der Anteile von Curevac, die mehrheitlich SAP-Gründer Dietmar Hopp gehört und an der sich zuvor schon die Bundesregierung mit 300 Millionen Euro beteiligte.

Zum anderen vereinbarte Biontech, die zum Beteiligungsportfolio der Strüngmann-Familie gehört, mit der Regierung in London die Lieferung von 30 Millionen Einheiten ihres noch in der Entwicklung befindlichen Covid-Impfstoffs. Biontech erwartet noch für 2020 die erste Zulassung. 

Beide Firmen arbeiten auf der Basis von Botennukleinsäuren, einer in der Praxis noch nicht erprobten Technologie. Das Interesse der Regierungen und der großen Pharmakonzerne spiegelt die Zuversicht, dass das Verfahren auch über den Kampf gegen Corona hinaus eine wichtige Rolle spielen könnte.

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    Mit einem Erfolg der beiden Biotech-Unternehmen Curevac und Biontech in der Impfstoffentwicklung würde die deutsche Arzneimittelindustrie erstmals seit langer Zeit wieder auf einem Feld mitspielen, das einst den Weltruhm der Branche begründete: Anfang des vergangenen Jahrhunderts setzten Wissenschaftler wie Paul Ehrlich, Robert Koch und Emil von Behring in der Erforschung von Infektionskrankheiten und des Immunsystems Maßstäbe.

    Im aktuellen Impfstoffgeschäft dagegen sind deutsche Pharmakonzerne praktisch nicht mehr präsent. Bayer, Boehringer und Merck waren in dem Bereich nie stark vertreten. Der einst zu Hoechst gehörende Pharmahersteller Behringwerke aus Marburg ist heute Teil von Sanofi (Frankreich) und CSL (Australien), die Sächsischen Serumwerke wurden von Glaxo-Smithkline übernommen.

    Kompetente Entwicklungs- und Vertriebspartner können die jungen deutschen Impfstoffentwickler daher nur im Ausland finden. Allianzen, wie sie Curevac mit GSK und Biontech mit Pfizer vereinbart haben, bieten ihnen jedoch eine Chance, nach und nach auch selbst im Impfstoffgeschäft Fuß zu fassen. Grundlage dafür sind ihre langjährigen Entwicklungsarbeiten auf dem Gebiet der Botennukleinsäuren (mRNA), eines genetischen Materials, das die Eiweißproduktion in den Zellen steuert.

    Erprobungsfeld für junge Technologie

    Bei dieser neuartigen Technik besteht der Impfstoff nicht aus Viren oder Proteinen, sondern aus genetischen Bauplänen zur Produktion von sogenannten Antigenen in den Körperzellen. Auf diese Antigene wiederum reagiert das Immunsystem mit einer Abwehrreaktion, die dann auch vor dem eigentlichen Virus schützen soll. Diesen Mechanismus wollen beide Unternehmen im Kampf gegen Covid-19 nutzen, um Körperzellen zur Produktion von kleinen Virusbestandteilen anzuregen, auf die dann wiederum das Immunsystem reagiert.

    Die Corona-Pandemie eröffnet den RNA-Spezialisten eine besonders attraktive Möglichkeit, ihre bisher noch unerprobte Technologie in der Praxis zu beweisen. Ein Erfolg könnte für sie dann auch weit über das Thema Covid-19 hinausreichen. Denn theoretisch ist Botennukleinsäure als Arzneiwirkstoff und Impfstoff in sehr vielfältiger Weise nutzbar. Die Technologie könnte damit zu einer Plattform für eine breite Palette an Arzneien und Impfstoffen werden.

    Das ist auch der Hintergrund des Curevac-Deals mit GSK, der gar nicht auf das neuartige Coronavirus abzielt, sondern generell auf die Entwicklung von Impfstoffen gegen Infektionskrankheiten. Die beiden Unternehmen wollen dazu ihre jeweilige Expertise mit Blick auf Botennukleinsäuren bündeln und auch in der Entwicklung von Antikörpern gegen Infektionskrankheiten zusammenarbeiten.

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    GSK ist der weltweit größte Hersteller von Impfstoffen und erzielte zuletzt rund neun Milliarden Dollar Umsatz auf dem Gebiet. In der Entwicklung eines Covid-Impfstoffs arbeitet GSK bereits mit Sanofi zusammen.

    Über die Allianz mit Curevac versucht der britische Konzern vor allem, seine Forschungsbasis generell weiter zu verbreitern. Konkret wurde die Erforschung, Entwicklung, Erzeugung und Vermarktung von bis zu fünf Botennukleinsäuren-basierten Impfstoffen und monoklonalen Antikörpern (mAbs) zur Bekämpfung von Erregern von Infektionskrankheiten bekanntgegeben. Bei diesen Antikörpern handelt es sich um eine spezielle, sehr vielfältige Klasse von Proteinen, die auch das Immunsystem zur Infektionsabwehr nutzt. Solche Substanzen werden unter anderem auch in der Krebs- und Rheumatherapie eingesetzt. Die Allianz auf diesem Feld dürfte darauf zielen, Botennukleinsäuren zu nutzen, um die Körperzellen selbst zur Produktion von therapeutischen Antikörpern anzuregen.

    Die bestehenden Projekte von Curevac im Bereich Covid-19 und auch ein potenzieller Impfstoff gegen Tollwut sind dagegen nicht Teil der Verantwortung. Hier arbeitet Curevac vielmehr weiterhin ausschließlich mit der Impfstoff-Allianz Cepi zusammen, die auch die Phase-1-Studie mit dem Covid-Impfstoffkandidaten finanziert.

    Curevac wird finanziell gestärkt

    Die GSK-Allianz ist dennoch eine sehr wichtige Bestätigung für das Tübinger Biotechunternehmen und zugleich eine weitere finanzielle Stärkung, nachdem vor wenigen Wochen bereits der Bund mit 300 Millionen Euro eingestiegen ist und in diesem Zuge eine Beteiligung von 23 Prozent am Curevac-Kapital erwarb. Bislang wurde Curevac maßgeblich vom früheren SAP-Chef und -Mitgründer Dietmar Hopp finanziert. Er holt sich nun finanzkräftige Mitstreiter an Bord.

    Die liquiden Reserven von Curevac dürften mit dem Engagement des Bundes und von GSK auf deutlich mehr als 600 Millionen Euro ansteigen. Das Tübinger Unternehmen kann damit auch den geplanten Gang an die Börse in einer starken finanziellen Verfassung angehen. Ebenso wie Biontech im vergangenen Jahr zielt auch Curevac offenbar auf ein Listing an der US-Technologiebörse Nasdaq. Ein solcher Schritt dürfte die Finanzreserven noch weiter stärken.

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    Immerhin versprechen Aktivitäten im Bereich Covid-Impfstoffe und Botennukleinsäuren aktuell ansehnliche Bewertungen. Die Mainzer Biontech wird zurzeit immerhin mit etwa 20 Milliarden Dollar bewertet. Der US-Konkurrent Moderna bringt knapp 30 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung auf die Waage. Beide Unternehmen arbeiten neben Impfstoffen gegen Infektionskrankheiten auch an Medikamenten gegen Krebs und testen auch in dem Bereich eine Reihe von RNA-Produkten. Gemessen daran wirkt die aktuelle Bewertung von Curevac eher noch bescheiden. Aus der zehnprozentigen Beteiligung von Glaxo-Smithkline errechnet sich ein Wert von etwa 1,5 Milliarden Euro.

    Curevac startete die ersten Tests mit seinem Produktkandidaten Ende Juni. Das Unternehmen liegt damit gegenüber den unmittelbaren Konkurrenten Moderna und Biontech, die ihre Impfstoffkandidaten bereits im März und im April in die klinischen Studien brachten, zeitlich zwei bis drei Monate zurück. Sowohl Moderna als auch Biontech haben inzwischen bereits erste positive Testresultate präsentiert und wollen noch im Juli mit großen, zulassungsrelevanten Studien für ihre Impfstoffe beginnen.

    Astra-Zeneca präsentiert positive Daten

    Gleiches gilt für den britischen Konzern Astra-Zeneca, der in Zusammenarbeit mit der Universität Oxford ein Impfstoffprojekt auf der Basis eines modifizierten Virus verfolgt. Der Pharmakonzern publizierte am Montag erstmals Daten aus einer relativ umfangreichen Phase-1/2-Studie mit mehr als 1000 Teilnehmern.

    Der Impfstoff der Briten erzeugte danach eine robuste Immunreaktion bei fast allen Teilnehmern, und zwar sowohl, was die Bildung von Antikörpern gegen das Virus angeht, als auch mit Blick auf die Aktivierung von sogenannten T-Zellen des Immunsystems. Eine noch größere Studie mit dem Produkt ist inzwischen in Großbritannien, Brasilien und Südafrika angelaufen. Ebenfalls größere Tests planen im Laufe des Jahres unter anderem auch Johnson & Johnson und Sanofi mit ihren Impfstoffkandidaten.

    Die deutschen RNA-Impfstoff-Pioniere sind insofern keineswegs allein auf dem Feld unterwegs. Aber sie haben durchaus eine Chance, in der Spitzengruppe mitzuspielen.

    Mehr: Neue Studie stärkt Hoffnung auf Corona-Impfstoff

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