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Pharmabranche Ein Spray gegen Corona – Biotech-Firmen bilden neue Allianzen

Im Kampf gegen die Pandemie formieren sich neue Bündnisse. Zwei junge Firmen wollen zusammen ein inhalierbares Medikament gegen das Coronavirus entwickeln.
16.04.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
Viele Biotech-Firmen arbeiten an Corona-Medikamenten und Impfstoffen. Quelle: PantherMedia / matej kastelic
Forschung im Labor

Viele Biotech-Firmen arbeiten an Corona-Medikamenten und Impfstoffen.

(Foto: PantherMedia / matej kastelic)

Frankfurt Schlechte Nachrichten, verpackt in Protein. So beschrieb einst der britische Biologe Peter Medawar die Funktion von Viren. Im Fall des Sars-CoV-2-Virus sind die schlechten Nachrichten auf einem RNA-Strang aufgeschrieben, den der Erreger in die Zellen der Atemwege einschleust, um sie so für die Produktion neuer Viren umzuprogrammieren.

Mit einer ganz ähnlichen Technik wollen zwei junge Biotechunternehmen – die Münchener Firma Ethris und die Züricher Neurimmune – gegen das Coronavirus vorgehen. Auch ihr Konzept besteht darin, RNA zu verpacken und als Aerosol in die Lunge zu liefern. In diesem Fall jedoch ist die RNA nicht von Proteinen umhüllt, sondern von Lipidmolekülen. Und anstatt schlechter Informationen soll sie die Bauanleitung für einen wirksamen Abwehrmechanismus enthalten, das heißt für sogenannte Antikörper gegen das Coronavirus.

„Wir wollen eine schützende Antikörperschicht über die Lungenzellen legen“, beschreiben die Ethris-Gründer Carsten Rudolph und Christian Plank das Projekt der beiden Unternehmen. Der Charme des Konzepts: Die Medizin würde in diesem Fall in Form eines Sprays dorthin geliefert, wo sie am dringendsten benötigt wird, in die Lunge. Und das Medikament würde dabei nicht den eigentlichen Wirkstoff enthalten, sondern lediglich die Blaupause dafür in Gestalt einer speziell aufbereiteten Boten-Ribonukleinsäure (mRNA).

Das Biomolekül mRNA spielt eine zentrale Rolle im Zellstoffwechsel, indem es genetische Informationen in Eiweißsubstanzen (Proteine) übersetzt. Es ist in den letzten Jahren verstärkt ins Blickfeld von Pharmaforschern gerückt, nachdem einige Firmen Verfahren entwickelten, mit deren Hilfe mRNA als Arzneiwirkstoff genutzt werden könnte. Manche Experten sehen es als eine Art Software, mit der Zellen in beliebige Richtungen gesteuert werden können.

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    Rund ein Dutzend Biotechfirmen – darunter etwa auch die deutschen Firmen Curevac und Biontech – arbeiten inzwischen an konkreten Medikamenten und Impfstoffen aus mRNA. Die Coronakrise gibt ihnen zusätzlichen Auftrieb, auch weil die Technik eine vergleichsweise schnelle Erzeugung von Wirkstoff- und Impfstoffkandidaten verspricht.

    Dessen ungeachtet ist es noch zu früh, von einer validierten Wirkstoffklasse zu sprechen. Potenzielle mRNA-Arzneien befinden sich durchweg noch in einem relativ frühen Entwicklungsstadium und sind mit einigen Unsicherheiten behaftet. Noch gibt es weltweit kein einziges zugelassenes Medikament oder Vakzin, das aus mRNA besteht. Soweit klinische Versuche laufen, befinden sie sich fast durchweg noch in der ersten von drei Erprobungsphasen.

    Wir machen uns quasi die Evolution des humanen Immunsystems zunutze, indem wir Millionen von Jahren an Optimierung mitnehmen. Roger Nitsch, Neurimmune-Chef und -Gründer

    Auch die Produktentwicklung von Ethris und Neurimmune steht erst ganz am Anfang. Dennoch sind die Unternehmen zuversichtlich, dass sie bis im Laufe der nächsten Monate den Bauplan für einen hochwirksamen Antikörper identifizieren können und im 4. Quartal 2020 erste klinische Versuche mit einem Spray gegen Covid-19 starten können. „Das ist eine einzigartige Kombination an Expertise, um möglichst schnell eine therapeutische Option für die Patienten zur Verfügung zu stellen“, sagte Ethris-Mitgründer Rudolph.

    Die Kooperation der beiden Unternehmen ist insofern auch ein typisches Beispiel dafür, wie in diesen Tagen Pharma- und Biotechfirmen komplementäre Fähigkeiten bündeln, um möglichst schnell Medikamente gegen die Corona-Pandemie zu entwickeln. Die 2009 gegründete Ethris arbeitet seit Längerem bereits an RNA-basierten Wirkstoffen gegen Lungenerkrankungen wie COPD, Asthma oder Fibrosen, und kooperiert auf dem Gebiet mit dem britischen Pharmariesen Astra-Zeneca.

    Die Schweizer Neurimmune dagegen versteht sich als Spezialist für die Analyse von Immunzellen und die Selektion von Antikörpern aus diesen Zellen. Das Unternehmen, das 2006 als Ausgründung aus der Universität Zürich entstand, hat auf diese Weise zum Beispiel den Antikörper Aducanumab entdeckt, den derzeit wohl prominentesten Wirkstoffkandidaten gegen Alzheimer, für den die US-Firma Biogen plant, in Kürze eine Zulassung in den USA zu beantragen.

    Auswahl von Antikörpern

    Bei Antikörpern handelt es sich um komplexe Eiweißmoleküle, die sich besonders zielgenau an andere Moleküle binden können. In der Medizin werden biotechnisch hergestellte Antikörper seit vielen Jahren bereits vor allem als Wirkstoffe gegen Krebserkrankungen und Rheuma eingesetzt.

    Im menschlichen Körper erzeugen die B-Zellen des Immunsystems Antikörper in großer Vielfalt zur Abwehr von Fremdkörpern und Mikroorganismen. Die Antikörper werden dabei nach und nach optimiert und bilden damit ein wichtiges Element der Immunabwehr. Das gilt auch für die natürliche Immunreaktion gegen das Coronavirus.

    Genau diese Eigenschaften versucht sich Neurimmune zunutze zu machen. „Unsere Technologie zeichnet sich dadurch aus, dass wir die B-Zellen gesunder Menschen analysieren und daraus spezifische Gensequenzen identifizieren können, die für Antikörper kodieren, die dann wiederum bei kranken Personen eingesetzt werden können“, beschreibt Neurimmune-Chef und -Gründer Roger Nitsch die Strategie des Züricher Biotechunternehmens. „Wir machen uns quasi die Evolution des humanen Immunsystems zunutze, indem wir Millionen von Jahren an Optimierung mitnehmen.“

    Im Blut eines Menschen, der eine Covid-19-Erkrankung überstanden hat, finden sich nach Erfahrung von Neurimmune durchschnittlich etwa 100 verschiedene Antikörper gegen den Erreger. Diese Eigenschaft nutzen Mediziner zum Beispiel auch, um schwer kranke Covid-19-Patienten mit dem Blutplasma von Rekonvaleszenten zu behandeln.

    Zahl des Tages

    100

    Antikörper

    gegen den Erreger finden sich im Blut eines Menschen, der eine Covid-19-Erkrankung überstanden hat. (Quelle: Neurimmune)

    Die Experten des Schweizer Biotechunternehmens zielen dagegen nicht auf ein Gemisch an Antikörpern, sondern auf die Auswahl eines einzelnen, besonders wirkungsvollen Exemplars, das nicht nur an das Virus bindet, sondern ihn dadurch auch direkt unschädlich macht. Also zum Beispiel seine Fähigkeit eliminiert, in die Lungenzellen einzudringen. Biologen sprechen in diesem Fall von „neutralisierenden“ Antikörpern. Sie gelten als die entscheidende Waffe gegen den Erreger.

    Um die Gensequenz für einen solchen Super-Antikörper zu finden, analysiert Neurimmune nach eigenen Angaben derzeit zwei bis drei Millionen B-Zellen von geheilten Covid-19-Patienten pro Woche im Hochdurchsatzverfahren. „Wir wollen so lange testen, bis wir das optimale Molekül vorliegen haben“, so Nitsch.

    Ein solcher, aus dem Blut von gesunden Menschen herausgefilterter Antikörper hat aus Sicht des Neurimmune-Chefs zudem den Vorteil, dass er besonders wenige Nebenwirkungen verursacht. Denn im Prinzip wurde er vom Immunsystem auch in dieser Hinsicht optimiert.

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