Pharmahersteller Warum Firmen wie Merck und Bayer noch nicht vom Krebsmittel-Boom profitieren

Der Kampf gegen Krebs entwickelt sich zum wichtigsten Markt für die Pharmabranche. Doch deutsche Anbieter spielen dabei nur eine Nebenrolle.
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Die Pharmabranche verbuchte einige Fortschritte im Kampf gegen Krebs und einen Rekord an neu zugelassenen Mitteln. Quelle: 7
Krebsmittelforschung

Die Pharmabranche verbuchte einige Fortschritte im Kampf gegen Krebs und einen Rekord an neu zugelassenen Mitteln.

(Foto:ه)

FrankfurtEinmal im Jahr wird Chicago zum Mittelpunkt der Krebsforscher und Pharmaindustrie: Seit Samstag tauschen sich rund 32.000 Mediziner, Manager und Analysten in der US-Metropole über moderne Therapien, vielversprechende Forschungsansätze und neues Wissen aus. Die amerikanische Gesellschaft für klinische Onkologie (Asco) hält dort das weltweit wichtigste Meeting auf dem Feld der Krebsforschung ab.

Die Bilanz der Krebsexperten für 2018 fällt eher durchwachsen aus. Die Pharmabranche verbuchte einige Fortschritte im Kampf gegen Krebs und einen Rekord an neu zugelassenen Mitteln, sie musste aber auch einige unerwartete Rückschläge verkraften.

An der Grundtendenz im mittlerweile größten Arbeitsgebiet der Branche indessen wird sich wenig ändern: Das Geschäft mit Krebsmitteln dürfte auf absehbare Zeit der wichtigste Wachstumstreiber für die globale Pharmaindustrie bleiben. Dafür sprechen nicht nur die nach wie vor riesigen Investitionen in der Produktentwicklung, sondern auch die jüngsten Geschäftszahlen und M&A-Aktivitäten.

Die 20 führenden Anbieter im Onkologiegeschäft setzten im vergangenen Jahr nach Berechnungen des Handelsblatts rund 120 Milliarden Dollar mit Krebsmedikamenten um. Das waren 17 Prozent mehr als im Vorjahr und währungsbereinigt ein Plus von schätzungsweise 13 bis 14 Prozent. Der Gesamtmarkt dürfte auf mehr als 130 Milliarden Dollar gewachsen sein.

Alleine die zehn größten Anbieter glänzten dabei mit zweistelligen Wachstumsraten, angeführt vom US-Konzern Merck & Co, der dank seines erfolgreichen Krebsimmunmedikaments Keytruda um mehr als 70 Prozent zulegte. Selbst Marktführer Roche, der von Patentabläufen bei seinen Top-Produkten betroffen ist, verbuchte dank mehrerer Neuentwicklungen noch ein leichtes Umsatzplus von drei Prozent in dem Bereich.

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Im ersten Quartal 2019 hat sich der Trend tendenziell sogar noch verstärkt, mit Umsatzsteigerungen von durchschnittlich 16 Prozent bei den führenden Herstellern – und dies trotz der deutlichen Aufwertung des Dollars. Insgesamt wuchs die Pharmaindustrie auf Dollarbasis dagegen nur um etwa drei Prozent.

Das Geschäft mit Medikamenten gegen Krebserkrankungen entwickelt damit stärker als von vielen Experten erwartet. Die britische Analyse-Firma Evaluate Pharma, die Prognosen aus den aggregierten Schätzungen von Bankanalysten ableitet, kalkulierte zuletzt mit einem durchschnittlichen Wachstum von zwölf Prozent für Onkologie-Medikamente.

Der Teilbereich des Marktes dürfte danach bis 2024 auf mehr als 230 Milliarden Dollar zulegen. Der Anteil am Gesamtmarkt dürfte dann auf rund 20 Prozent steigen, gegenüber weniger als zehn Prozent zu Beginn des Jahrzehnts. Doch selbst diese Prognosen sind womöglich noch zu konservativ.

Experten von Bloomberg Intelligence schätzen inzwischen, dass alleine die neue Klasse der Krebs-Immuntherapien mittelfristig Spitzenumsätze von mehr als 100 Milliarden Dollar erzielen könnten. Diese Wirkstoffe, darunter die Bestseller Keytruda von Merck & Co und Opdivo von Bristol-Myers Squibb (BMS), zielen darauf, die Immunabwehr gegen Tumorzellen zu aktivieren.

Seit 2011 wurden insgesamt sechs solcher Medikamente zugelassen. Dutzende befinden sich in der klinischen Entwicklung. Gleichzeitig haben Pharmafirmen in den vergangenen Jahren das Arsenal an anderen Wirkstoffen, die gezielt in die Wachstumsprozesse von Krebszellen eingreifen, deutlich erweitert.

Milliardenschwere Forschungsallianzen

Aufsteiger im Krebsmittel-Geschäft sind aktuell vor allem die britische Astra-Zeneca und der US-Konzern Merck & Co. Aber auch BMS, Pfizer und Johnson & Johnson legten zuletzt überdurchschnittlich stark zu, während die bisherigen Marktführer Roche und Novartis durch Patentabläufe gebremst wurden.

Deutsche Pharmakonzerne mischen im großen Onkologiegeschäft zwar mit, sie spielen aber nur eine Nebenrolle und sind mit mehr oder weniger stagnierenden Erlösen in den vergangenen Jahren sogar gegenüber der Konkurrenz zurückgefallen. Allerdings deuten sich in den Produkt-Pipelines Fortschritte an.

Bayer hat 2018 Zulassungen für zwei neue Wirkstoffe erhalten. Die Darmstädter Merck-Gruppe ist mit ihrem Krebsimmun-Medikament Bavencio zumindest in Nischenbereichen der Immuntherapie vertreten und konnte für einen weiteren interessanten Produktkandidaten auf dem Gebiet den britischen Pharmariesen Glaxo Smithkline als Partner gewinnen. Auch Boehringer hofft, bei der zweiten Welle der Krebsimmuntherapie mit dabei zu sein.

Wie wichtig Krebsmedikamente für die Branche geworden sind, zeigt auch die M&A-Aktivität. Fast alle größeren Deals zielten auf einen Ausbau der Position in diesem Segment des Marktes. An vorderster Front steht dabei die Anfang des Jahres vereinbarte Übernahme des US-Biotechunternehmens Celgene durch BMS, der mit einem Volumen von rund 88 Milliarden Dollar bisher größte Deal in der Pharmabranche überhaupt.

Durch diese Akquisition wird BMS voraussichtlich zum Marktführer Roche aufschließen. Celgene selbst hatte sich im Jahr zuvor bereits durch den Kauf der Firma Juno verstärkt, eines Spezialisten für neuartige Zelltherapien gegen Krebs.

Merck & Co erwarb unterdessen vor wenigen Tagen die Biotechfirma Peloton, die an neuen Mitteln gegen Nierenkrebs arbeitet. Eli Lilly schluckte den Bayer-Partner Loxo Oncology, der neuartige Wirkstoffe gegen spezifische, tumorrelevante Genmutationen erforscht.

Den Appetit auf Onkologieprojekte unterstreichen daneben etliche milliardenschwere Forschungsallianzen. Dazu gehört etwa die im Februar vereinbarte Kooperation von Glaxo Smithkline (GSK) mit der Darmstädter Merck-Gruppe für die gemeinsame Entwicklung des potenziellen Krebswirkstoffs Bintrafusp alfa. Bis zu 3,7 Milliarden Euro wird GSK dafür an Merck überweisen. Der britische Konzern hatte sich vor vier Jahren eigentlich aus dem Onkologiegeschäft verabschiedet, investiert inzwischen aber wieder massiv in die Produktentwicklung auf dem Gebiet und erwarb dazu im vergangenen Jahr auch die US-Biotechfirma Tesaro.

Der Konkurrent Astra-Zeneca verstärkte sein Produktprogramm unterdessen über eine bis zu 6,9 Milliarden Dollar schwere Allianz mit der japanischen Daiichi Sankyo für die gemeinsame Entwicklung eines neuen Brustkrebsmedikaments. Alles in allem ist die Onkologie inzwischen für etwa die Hälfte der Big-Pharma-Konzerne zum strategischen Schwerpunkt und wichtigsten Forschungsgebiet geworden.

Diese Entwicklung kommt nicht von ungefähr. Sie wird vielmehr vor allem von den wissenschaftlichen Fortschritten der letzten Jahre getrieben, die besonders viele neue Optionen für die kommerzielle Medikamentenentwicklung eröffnet haben. Die Immuntherapie ist dafür das herausragende Beispiel. Innerhalb von nur einem halben Jahrzehnt entwickelte sie sich zu einem Schwerpunkt der klinischen Forschung, auch wenn sich bisher längst nicht alle Hoffnungen auf dem Gebiet erfüllten.

Insgesamt hat sich die Zahl der neu eingeführten Krebsmedikamente im Laufe des Jahrzehnts mehr als verdreifacht und erreichte 2018 mit insgesamt 18 Erstzulassungen für neue Moleküle einen neuen Spitzenwert. In den vergangenen fünf Jahren kamen damit jeweils im Schnitt ein Dutzend neuer Krebsmittel auf den Markt, gegenüber lediglich drei bis vier Molekülen zu Beginn des letzten Jahrzehnts.

Hinzu kommt der Effekt, dass dieses wachsende Arsenal nach und nach in neuen Bereichen und Kombinationen eingesetzt wird. Dadurch erweitert sich das Marktpotenzial vieler Medikamente im Laufe der Zeit.

„Präzisionsonkologische“ Wirkstoffe im Fokus

So kürte die ASCO in diesem Jahr eine Reihe neuer Therapien gegen seltene Krebsarten zur „Innovation des Jahres“. Dazu zählt etwa die Kombination der Medikamente Tafinlar und Mekinist, die gewisse Fortschritte in der Behandlung seltener Formen von Schilddrüsenkrebs brachten. Beide Wirkstoffe sind bereits seit 2013 auf dem Markt.

Das mehr als zehn Jahre alte Bayer-Medikament Nexavar, das bisher vor allem bei Nieren und Leberkrebs eingesetzt wird, erwies sich in neuen Studien auch als wirksam gegen bestimmte seltene Formen von Weichteiltumoren (Sarkome). Für sein Blutkrebsmittel Aliqopa (Copanlisib), das bereits seit 2017 vermarktet wird, erhielt der Leverkusener Konzern von der FDA nun auch den Status eines Therapiedurchbruchs bei der Behandlung einer speziellen Form von Lymphomen. Das Brustkrebsmittel Herceptin, dessen Patente inzwischen bereits auslaufen, zeigte bei bestimmten Varianten von Gebärmutter-Krebs gute Resultate.

Pharmakonzerne wie Roche, Merck & Co, Astra-Zeneca und BMS versuchen unterdessen mit Hunderten von Studien vor allem das Wirkspektrum ihrer neuen Immuntherapien auszuweiten. Die Herausforderung besteht darin, dass diese Immuntherapien zwar zum Teil überraschend gute Ergebnisse lieferten, etwa bei Lungen- und Hautkrebs – dies aber oft nur bei 20 bis 30 Prozent der betroffenen Patienten. Für die übrigen Patienten werden zusätzliche Immun-Stimulanzien als Ergänzung benötigt.

Diese Strategien erwiesen sich bisher als eher mühsam und schwierig. Der Versuch etwa von Merck & Co und der Biotechfirma Incyte, die Wirksamkeit des Bestsellers Keytruda mit Hilfe der Neuentwicklung Epacadostat zu steigern, scheiterte bisher, ebenso wie die Kombination von zwei Immun-Medikamenten von BMS bei bestimmten Formen von Lungenkrebs oder der Versuch von Merck/Darmstadt und Pfizer, ihren Wirkstoff Bavencio in Kombination mit Chemotherapien bei Magen- und Eierstockkrebs einzusetzen. Zahlreiche weitere Kombinationen dieser Art werden indessen getestet.

Mit einigem Interesse werden Beobachter auf dem Asco-Meeting auch auf eine neue Klasse von „präzisionsonkologischen“ Wirkstoffen schauen. Dazu gehören etwa die Medikamente Larotrectinib von Bayer und Entrectinib von Roche. Beide greifen an spezifischen Mutationen an, die bei einer Vielzahl von Krebsarten auftreten können.

Eine weitere Wirkstoffklasse, an die Pharmamanager und Forscher einige Hoffnungen knüpfen, sind so genannte bispezifische Antikörper. Sie sind zum Beispiel in der Lage, Immunzellen gezielt mit Krebszellen zu verknüpfen.

Ähnliche Effekte werden bisher bereits mit speziellen Zelltherapien wie der Car-T-Therapie Kymriah von Novartis erzielt. Dabei werden Immunzellen von Krebspatienten außerhalb des Körpers genetisch so modifiziert, dass sie Tumorzellen erkennen und angreifen. Das Verfahren zeigte hohe Wirkungsraten bei bestimmten Leukämien, ist aber sehr aufwendig und mit gefährlichen Nebenwirkungen verbunden.

Insgesamt befinden sich nach Daten des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens EY aktuell mehr als 2400 potenzielle Krebsmedikamente in klinischer Entwicklung, gut viermal so viele wie im nächstgrößten Therapiegebiet. Potenzielle Krebsmittel repräsentieren damit laut EY rund 42 Prozent der gesamten Forschungs- und Entwicklungs-Pipeline der Branche. Auch das spricht dafür, dass der Kampf gegen Krebs trotz mancher Rückschläge vorerst der Wachstumstreiber Nummer Eins für die Pharmabranche bleiben wird.

Mehr: Warum Experten in der Nierenkrebstherapie von einer „zweiten Revolution“ sprechen, erfahren Sie hier.

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