PwC-Umfrage Die Deutschen sehen Telemedizin in Notfällen skeptisch

Telekliniken und Apps als Entlastung der Notfallversorgung befürwortet laut einer Studie nur eine Minderheit der Bürger in Deutschland. Doch die Akzeptanz nimmt zu.
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Telekliniken bieten unter anderem Sprechstunden per Video an. Quelle: dpa
Telemedizin

Telekliniken bieten unter anderem Sprechstunden per Video an.

(Foto: dpa)

Frankfurt Die Notaufnahmen vieler Krankenhäuser in Deutschland sind überlastet. Wenn es um die Frage geht, ob innovative digitale Lösungen die Notaufnahmen entlasten können, ist die Mehrheit der Deutschen skeptisch. Das zeigt eine repräsentative Umfrage zum Thema Notfallversorgung unter 2000 Bürgern im Auftrag der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC.

Telekliniken etwa, die Sprechstunden über Video anbieten, begrüßen 42 Prozent der Befragten als Entlastung der Notfallversorgung. 58 Prozent stehen dem Vorschlag eher ablehnend gegenüber. Noch geringer ist die Zustimmung zu Smartphone-Apps, die Vorabdiagnosen erstellen und an geeignete Behandlungsstellen verweisen: Diese halten nur 37 Prozent der Befragten für geeignet.

Bei jüngeren Menschen zwischen 18 und 39 Jahren fällt die Zustimmung deutlich größer als bei älteren Studienteilnehmern aus. So befürworten 56 Prozent der 18- bis 29-Jährigen Telekliniken und 49 Prozent die Apps. In der Gruppe der 30- bis 39-Jährigen liegt die Zustimmung nur wenig darunter: 54 Prozent halten Telekliniken für geeignet, Notaufnahmen zu entlasten, 44 Prozent trauen das Anwendungen auf dem Smartphone zu.

Einig sind sich die Befragten aller Altersgruppen darin, dass Portalkliniken die Notaufnahmen sinnvoll entlasten könnten. Portalkliniken sind Bereitschaftsdienstpraxen, die rund um die Uhr geöffnet und direkt an die Notaufnahmen von Kliniken angegliedert sind. Im Durchschnitt über alle Altersgruppen stimmen 91 Prozent der Befragten dieser Aussage zu.

„Generell fühlt sich eine Mehrheit der Bevölkerung in deutschen Kliniken gut versorgt. Portalpraxen bieten den Vorteil, dass Patienten immer ein und denselben zentralen Anlaufpunkt an einer Klinik ansteuern – das gibt Sicherheit“, sagt Michael Burkhart, Leiter des Bereichs Gesundheitswirtschaft bei PwC.

Akzeptanz von Apps nimmt zu

Notfall- und Erste-Hilfe-Apps steht die Hälfte der Bürger aufgeschlossen gegenüber. Aktuell nutzen zwar lediglich fünf Prozent der Befragten solche Anwendungen, zeigt die PwC-Studie. „Aber fast die Hälfte der Befragten sagt, sie könne sich das durchaus künftig vorstellen“, sagt Burkhart.

Apps seien zwar noch wenig verbreitet, doch die Akzeptanz nehme zu. Als sinnvolle Funktion empfanden 73 Prozent der Befragten die Möglichkeit, über eine App den Rettungsdienst zu verständigen. 68 Prozent der Studienteilnehmer halten Anleitungen zur Ersten Hilfe, zum Beispiel zur Herzdruckmassage, für sinnvoll. Und 58 Prozent fänden eine Unterstützung bei der Ersten Hilfe, etwa beim Rhythmus der Herzdruckmassage, nützlich.

„Es sollte nicht der Anspruch sein, dass Notfall-Apps Ersthelfer ersetzen“, sagt PwC-Experte Burkhart. „In einer realen Notfallsituation werden lebenserhaltende Sofortmaßnahmen immer das A und O bleiben. Apps können aber eine wichtige zusätzliche Hilfe sein – insbesondere für das Erste-Hilfe-Training vor einem Notfall – und so Leben retten.“

Apps, die im Notfall qualifizierte Ersthelfer im Umkreis verständigen, kennen die Befragten ebenfalls kaum: Nur elf Prozent haben davon schon gehört, wovon lediglich zwei Prozent solche Apps auch nutzen. Aber fast sieben von zehn Befragten (69 Prozent) halten solche Anwendungen für sinnvoll. „Das Ergebnis zeigt das große Potenzial, das App-Lösungen bei einer Vielzahl medizinischer Fragestellungen haben“, sagt der PwC-Gesundheitsexperte.

Auch wenn die überwiegende Mehrheit der Befragten weiß, dass die Notaufnahmen überlastet sind, ist der Vertrauensbonus in die medizinische Versorgung nach wie vor vorhanden. Jeweils zwei Drittel (67 Prozent) der Befragten sagen, dass die Notaufnahmen gut organisiert seien und sie sich als Patient willkommen gefühlt haben. 77 Prozent finden sogar, dass Personal und Ärzte sie gut betreut haben.

Die Erwartung, Notaufnahmen könnten überlaufene Haus- oder Facharztpraxen ersetzen, findet sich vor allem bei den jüngeren Patienten. 34 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass die Behandlungsmöglichkeiten in Notaufnahmen aufgrund der dort verfügbaren Fachärzte und der medizinischen Geräte grundsätzlich besser seien. Ein Drittel der Jüngeren war in den vergangenen fünf Jahren mehr als dreimal in der Notaufnahme – der häufigste Wert unter allen Altersgruppen.

Die Erwartungshaltung deckt sich auch nicht mit der eigentlichen gesetzlich festgeschriebenen Aufgabe des Rettungsdienstes. So wünschen sich 84 Prozent der Befragten eine Behandlung zuhause durch einen Notarzt. „Es ist offensichtlich, dass hier Aufklärungsbedarf besteht“, sagt Burkhart. „Der Mehrheit scheint nicht klar, was ein Notfall ist und dass es Aufgabe von Rettungsdienst und Notarzt ist, den Patienten zu stabilisieren und dann zu befördern. Eine ambulante Behandlung ist nicht vorgesehen.“

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