Remifentanil Lieferengpass bei Narkosemittel

Remifentanil hat Vorteile, auf die vor allem niedergelassene Ärzte ungern verzichten. Nun mangelt es an dem Mittel. Gefahren für Patienten bestünden zwar nicht. Sauer auf die Pharmaindustrie sind die Ärzte trotzdem.
Kommentieren
In manchen OP-Zentren kann nur noch zwei Wochen operiert werden. Quelle: dpa
Narkose

In manchen OP-Zentren kann nur noch zwei Wochen operiert werden.

(Foto: dpa)

Frankfurt/Berlin/LudwigsburgLieferschwierigkeiten bei einem Narkosemittel verärgern Ärzte und rufen die Behörden auf den Plan. Seit Monaten gibt es Nachschubprobleme bei Präparaten mit dem Wirkstoff Remifentanil. Er wird vor allem bei ambulanten Operationen und Kindern eingesetzt. Dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) sind die Probleme bekannt – an diesem Donnerstag sind weitere Gespräche anberaumt.

Zuerst hatte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (Mittwoch) über die Engpässe berichtet. In manchen OP-Zentren könne nur noch zwei Wochen lang operiert werden, dann seien die letzten Vorräte aufgebraucht. Der Grund für die Misere sei unbekannt. Über Verunreinigungen bei Grundstoffherstellern werde ebenso spekuliert wie darüber, dass die Produkte aus wirtschaftlichen Gründen in andere Märkte geliefert würden.

Vom Bundesinstitut BfArM hieß es, die Nachschubprobleme seien seit Ende 2016 bekannt. Im März habe es eine erste Gesprächsrunde mit allen Akteuren gegeben, am Donnerstag stehe eine weitere Abstimmungsrunde an. „Ziel ist es, möglichst schnell die Versorgung aller Patienten sicherzustellen“, sagte BfArM-Sprecher Maik Pommer der Deutschen Presse-Agentur.

Die größten Pharmakonzerne der Welt
Platz 20: Astellas
1 von 20

Gemessen am reinen Pharmaumsatz ist Astellas die Nummer zwei der japanischen Pharmaindustrie. Der Schwerpunkt liegt auf Transplantationsmedizin, Onkologie und Antiinfektiva. Die Japaner kamen im vergangenen Jahr auf einen Umsatz von 11,1 Milliarden Dollar.

Platz 19: Boehringer
2 von 20

Das Labor von Boehringer Ingelheim: Der zweitgrößte deutsche Pharmakonzern ist fest in Familienhand. Die Schwerpunkte liegen auf Mittel gegen Atemwegserkrankungen wie etwa das Lungenmittel Spiriva. Ein weiteres bekanntes Mittel ist Pradaxa, das zur Thrombose-Prävention eingesetzt wird. Geschätzter Umsatz 2015: 12,6 Milliarden Dollar.

Platz 18: Takeda
3 von 20

Takeda ist der größte japanische Pharmahersteller und bietet Mittel in verschiedenen Therapiegebieten. Die Japaner haben sich 2014 durch die Fusion mit Nycomed deutlich vergrößert und kamen voriges Jahr auf einen Pharmaumsatz von 13,8 Milliarden Dollar.

Platz 17: Allergan
4 von 20

Allergan hieß früher einmal Actavis und ist unter anderem Hersteller von Botox. 2015 machte das Unternehmen einen Umsatz von 15,1 Milliarden Dollar.

Platz 6: Bayer
5 von 20

Der größte deutsche Pharmakonzern hat sich im Gegensatz zu dem Jahr 2015 um ganze zehn Platze verbessern können. Der Umsatz 2017: 43,1 Milliarden Dollar. Top-Produkte sind beispielsweise der Gerinnungshemmer Xarelto und das Augenmedikament Eylea.

Platz 15: Novo Nordisk
6 von 20

Die Produktion von Langzeitinsulin der Firma Novo Nordisk: Der dänische Arzneihersteller ist einer der weltweit führenden Anbieter von Mitteln gegen Diabetes. Er kam im vergangenen Jahr auf einen Umsatz von 16,1 Milliarden Dollar.

Platz 14: Bristol-Myers Squibb
7 von 20

Der New Yorker Konzern hat seinen Schwerpunkt bei Mitteln gegen HIV und in der Immunologie, aber auch in der Onkologie. Der Pharmaumsatz lag 2015 bei 16,6 Milliarden Dollar.

Das Wirkstoff Remifentanil wird als Originalpräparat unter dem Produktnamen Ultiva vertrieben. Das Narkosemittel hat laut BfArM einen Marktanteil von 80 Prozent. Zwar seien auch rund ein Dutzend Generika auf dem Markt, diese könnten den Lieferengpass aber nicht auffangen. Laut Pommer wird der Wirkstoff zwar inzwischen wieder produziert, neue Ware werde ausgeliefert, „es kommt aber weiter zu Verzögerungen.“

Der größte Lieferant, GlaxoSmithKline (GSK) mit deutschem Sitz in München, war zunächst nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Die „FAZ“ zitiert einen GSK-Sprecher mit den Worten, 2016 seien Chargen wegen Qualitätsmängeln zurückbehalten oder vernichtet worden. Die Probleme seien aber behoben: „Wir sind wieder voll lieferfähig.“

Remifentanil habe entscheidende Vorteile gegenüber anderen Narkosemitteln, sagte der Präsident des Berufsverbands Deutscher Anästhesisten, Götz Geldner (Ludwigsburg), der dpa. „Sie sind gut steuerbar beim An- und Abfluten“. Der Patient könne schnell in tiefe Narkose versetzt werden und wache schnell wieder auf. Das sei vor allem bei ambulanten Operationen wichtig, nach denen die Patienten wieder nach Hause gehen müssten, aber auch bei Kindern. In Kliniken gebe es mehr Alternativen. Krankenhäuser würden wohl auch bevorzugt beliefert, weil sie in Einkaufsverbünden größere Mengen abnähmen.

Die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) fordert, „dass in Deutschland eine Basisversorgung mit essenziellen Medikamenten sichergestellt ist“. Laut Geldner fällt Remifentanil für ambulante OP-Zentren eindeutig in diese Kategorie. Von Kollegen in der Schweiz wisse er, dass es dort keine Probleme gebe – dort würden höhere Preise gezahlt. „Wir wundern uns.“

Allem Ärger zum Trotz: „Patienten müssen sich keine Sorgen machen“, sagte Geldner. Weder müssten Operationen abgesagt werden noch würden Patienten Schaden nehmen. Durch die Umstellung auf andere Narkosemittel müsse man aber Abläufe ändern, etwa die Nachbeobachtung nach dem Aufwachen verlängern. „Das ist, wie wenn Sie gewohnt sind, einen Brief mit dem Computer zu schreiben. Wenn der kaputt ist, müssen Sie eben wieder die Schreibmaschine nehmen.“

  • dpa
Startseite
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%