Sana-Chef Thomas Lemke Sinkende Patientenzahlen und Überregulierung: Klinikkonzern Sana schlägt Alarm

Der drittgrößte private Klinikbetreiber Sana ächzt unter den Lasten der Gesundheitsreformen. Konzernchef Thomas Lemke fordert Lösungen von der Politik.
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Der deutsche Krankenhausmarkt steht für einen Umsatz von fast 95 Milliarden Euro. Quelle: dpa
Klinik in Berlin

Der deutsche Krankenhausmarkt steht für einen Umsatz von fast 95 Milliarden Euro.

(Foto: dpa)

FrankfurtViele Jahre galt die deutsche Krankenhausbranche als stabil wachsender Markt. Doch nun zeichnet sich ein Wendepunkt ab. Die großen privaten Klinikbetreiber ächzen unter den Lasten der Gesundheitsreformen der vergangenen Jahre.

Dem drittgrößten privaten Klinikbetreiber Sana Klinik AG mit Sitz in Ismaning bei München droht nun erstmals seit Langem ein sinkendes Ergebnis für das laufende Jahr, wie das Handelsblatt exklusiv erfuhr. „Der Markt ist rückläufig. Die Patientenzahlen sinken“, sagt Sana-Chef Thomas Lemke, der zugleich Vizepräsident im Vorstand der Deutschen Krankenhausgesellschaft ist.

Als Gründe für das rückläufige Ergebnis macht Lemke die zahlreichen regulatorischen Eingriffe verantwortlich. Unter dem Strich führen sie dazu, dass die Kliniken – vor allem jene auf dem Land – immer stärker in Bedrängnis geraten. Es ist ein Weckruf, den Lemke an die Adresse der Politik in Berlin sendet. Denn die Probleme, die er thematisiert, sind Probleme der gesamten Branche.

Mit seiner Prognose befindet sich der Sana-Chef in guter Gesellschaft: Fresenius-CEO Stephan Sturm prognostizierte im Februar für die Kliniktochter Helios einen Rückgang des operativen Ergebnisses von zwei bis fünf Prozent, und auch der Chef der Rhön-Klinikum AG, Stephan Holzinger, gab eine Bandbreite für 2019 vor, innerhalb der der Gewinn (Ebitda) auch unterhalb des Vorjahreswerts liegen kann. Der zweitgrößte private Klinikkonzern, Asklepios, veröffentlicht seine Jahresbilanz Mitte Mai.

Der deutsche Krankenhausmarkt steht für einen Umsatz von fast 95 Milliarden Euro. Zwar ist die Zahl der Häuser in den vergangenen 20 Jahren von 2.100 auf nunmehr 1.942 Kliniken geschrumpft. Dennoch gilt der Markt weiter als überbesetzt, worauf unter anderem die durchschnittliche Bettenauslastung von zuletzt 77,8 Prozent hindeutet.

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Experten wie die Autoren des jährlich erscheinenden Krankenhaus-Rating-Reports weisen aber drauf hin, dass es Überkapazitäten vor allem in den Ballungsgebieten gibt, während manche ländlichen Regionen eher unterversorgt sind.

Fachkräftemangel und der Trend zur Urbanisierung machen der Branche ganz ohne Regulierung schon zu schaffen: „Die jungen Leute verlassen die ländlichen Regionen, damit fehlen Mitarbeiter. Zurück bleiben die Älteren, die mit ihren vielfältigen Erkrankungen angesichts einer steigenden Lebenserwartung auf Krankenhäuser treffen, die auf diese Entwicklung nicht vorbereitet sind“, sagt Sana-Chef Lemke.

Mehr Insolvenzen in der Branche

Der Manager fürchtet, dass die vielfältigen regulatorischen Eingriffe ländliche Klinikanbieter noch stärker ins Hintertreffen bringen könnten. „Die politische Zielsetzung ist es, die vermeintlichen Überkapazitäten im Markt mit einer Verknappung der Ressourcen zu reduzieren. Zunehmend wird der komplette Betriebsalltag eines Krankenhauses reguliert. Es wird an vielen Stellschrauben gedreht, aber es fehlt die Vision, welche Versorgung wir in Deutschland haben wollen“, sagt Lemke. Stattdessen werde es dem Markt überlassen, etwa durch Insolvenzen Strukturen zu schaffen, kritisiert er.

Tatsächlich gab es in der jüngeren Vergangenheit einige größere Insolvenzen, die der Markt so noch nicht gesehen hat. Die Paracelsus-Kliniken aus Osnabrück etwa, die im vergangenen Sommer vom Schweizer Investor Porterhouse gekauft wurden. Ende Dezember 2018 hatte die DRK-Krankenhausgesellschaft Thüringen-Brandenburg mit vier Standorten Insolvenz in Eigenregie angemeldet.

Konzernchef Thomas Lemke fordert von der Politik statt Überregulierung eine Vision. Quelle: Sana Kliniken AG
Sana-Klinikum Offenbach

Konzernchef Thomas Lemke fordert von der Politik statt Überregulierung eine Vision.

(Foto: Sana Kliniken AG)

Seit Anfang April läuft das Insolvenzverfahren der Katharina Kasper ViaSalus Gesellschaft mit Sitz in Dernbach. Das Unternehmen ist Träger von fünf Krankenhäusern, vier Medizinischen Versorgungszentren sowie 13 Seniorenzentren. Für Lemke sind diese Großinsolvenzen ein klares Zeichen: „Der Konsolidierungsdruck und die Not der Anpassung aller Trägergruppen nehmen im Markt stündlich zu.“

Im abgelaufenen Geschäftsjahr konnte Sana trotz der Herausforderungen Umsatz und Gewinn steigern. Der Klinikkonzern, der 25 privaten Krankenkassen gehört, wuchs organisch um 3,3 Prozent und damit schneller als der Markt. Der legte laut Lemke um knapp zwei Prozent zu. Dass der Umsatz trotz sinkender Patientenzahlen steigt, liegt daran, dass mehr schwere und damit höher vergütete Fälle behandelt wurden.

Rechnet man Zukäufe wie etwa die Fabricius-Klinik in Remscheid mit ein, wuchs Sana sogar um 5,1 Prozent auf 2,7 Milliarden Euro Umsatz. Aber dennoch haben die staatlichen Eingriffe auch in der Sana-Bilanz deutliche Spuren hinterlassen, was sich an den weniger stark gestiegenen Ergebniszahlen zeigt: Das operative Konzernergebnis (EBIT) erhöhte sich um 4,6 Prozent auf 146,7 Millionen Euro, der Konzerngewinn legte um 4,4 Prozent auf 99,6 Millionen Euro zu.

Ein Beispiel für die Regulierung sind die verringerten Vergütungssätze für umfangreiche Behandlungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Hüft- und Kniegelenkoperationen. Jedes Jahr müssen Kliniken mit den Krankenkassen ein Budget für ihre geplanten Behandlungen vereinbaren.

Machen sie deutlich mehr Eingriffe, reduziert sich die Vergütung („Fixkostendegressionsabschlag“). Durch diese „künstliche Wachstumsbremse“ verliert Sana 11,2 Millionen Euro Umsatz, sagt Lemke.

Länder kommen Finanzierungsaufgabe nicht nach

Hinzu kommen seit einiger Zeit verstärkte Rückforderungen durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen über Prüfungen und Rechnungsbeanstandungen – ein Zankapfel zwischen Krankenhäusern und den gesetzlichen Krankenversicherungen. Sana etwa hat dafür einen signifikanten zweistelligen Millionenbetrag zurückgestellt. Aktuelle Zahlen des GKV-Spitzenverbandes zeigen, dass die Krankenkassen im Jahr 2017 von den Kliniken insgesamt 2,8 Milliarden Euro an Rückzahlungen erhielten.

Zudem ist das seit Jahren gärende Problem der Investitionsfinanzierung der Krankenhäuser nicht gelöst. Grundsätzlich sind die Kliniken dual finanziert, das heißt, die Investitionen in die Infrastruktur und Medizintechnik sollen von den Bundesländern übernommen werden, während der laufende Betrieb aus den Geldern der Krankenkassen finanziert wird.

Tatsächlich kommen die Länder ihrer Finanzierungsaufgabe seit vielen Jahren nicht mehr in ausreichendem Maße nach.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft rechnet vor, dass der Branche jedes Jahr 3,7 Milliarden Euro für Investitionen fehlen. Branchenkenner beziffern den Investitionsstau auf bis zu 50 Milliarden Euro.

In der Vergangenheit sind Kliniken dazu übergegangen, notwendige Investitionen aus dem Budget der Krankenkassengelder zu finanzieren. Gespart wurde dafür auch beim Pflegepersonal. Ein Grund, warum Gesundheitsminister Jens Spahn mit seinen Pflegestärkungsgesetzen gegengesteuert hat.

Ab diesem Jahr beispielsweise müssen bestimmte Abteilungen eine Mindestbesetzung an Personal vorhalten, um die pflegerische Versorgung zu verbessern. Das gilt zunächst für die Intensivmedizin, Geriatrie, Kardiologie und Unfallchirurgie. Die durchschnittlichen Tarifsteigerungen für das Pflegepersonal sollen von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden.

Neue Gesetze für die Pflege

Ab 2020 dann sollen laut Pflegestärkungsgesetz die Kosten für die Pflegekräfte aus den Fallpauschalen herausgelöst und separat erstattet werden. Die Dienstleistungsgewerkschaft begrüßt das Vorhaben, weil „die Pflege dann so bezahlt wird, wie sie auch erbracht worden ist“, sagt Grit Genster, Bereichsleiterin Gesundheitspolitik bei Verdi. „Denn in den vergangenen Jahren wurden bei vielen Betreibern zulasten der Pflege Mittel zweckfremd eingesetzt, um Renditeerwartungen zu erfüllen oder Baustellen zu finanzieren. Das ist unserer Ansicht nach auch eine Ursache für den Fachkräftemangel in der Branche“, sagt sie.

Nach Ansicht von Sana-Chef Lemke wird diese Stufe des Pflegestärkungsgesetzes aber die Situation für viele Betreiber verschärfen. „Da schon heute Zehntausende Pflegekräfte fehlen, werden die Krankenhäuser also weniger Geld bekommen als bisher durch die Pauschale“, sagt er.

Damit sinke der Spielraum der Kliniken, aus den Betriebskosten Geld für notwendige Investitionen bereitzustellen, weiter. „Und weil die Länder nach wie vor ihrer Investitionsaufgabe nicht nachkommen, wird die notwendige Erneuerung der Infrastruktur auf der Strecke bleiben.“

So oder so – die neuen Regelungen werden im Krankenhausmarkt noch für einige Unruhe sorgen. Branchenanalyst Tom Jones von der Berenberg Bank geht davon aus, dass der Wettbewerb um Pflegekräfte eine neue Intensität erreichen wird und sich die Anbieter neben besserer Bezahlung, flexibleren Arbeitszeiten und Kinderbetreuung noch einiges einfallen lassen müssen, um attraktiver zu werden: etwa die Möglichkeit, Paketsendungen von Onlinebestellungen künftig am Arbeitsplatz im Krankenhaus entgegennehmen zu können.

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