Seniorenheimbetreiber So sehen die Wachstumspläne der Korian-Chefin Sophie Boissard aus

Der Seniorenheimbetreiber Korian hat ehrgeizige Wachstumspläne. Pflegebedürftige sollen verstärkt auch mit digital unterstützten ambulanten Angeboten erreicht werden.
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„Unser Ziel ist es, die häusliche Pflege ganz neu zu denken.“ Quelle: Lionel Préau/Riva Press/laif
Sophie Boissard

„Unser Ziel ist es, die häusliche Pflege ganz neu zu denken.“

(Foto: Lionel Préau/Riva Press/laif)

München Sophie Boissard hat sich viel vorgenommen. Der von ihr geführte börsennotierte Pflegekonzern Korian soll innerhalb von fünf Jahren von zuletzt 3,3 auf dann fünf Milliarden Euro Umsatz wachsen. Die Zahl der „Living areas“, wie Boissard die Pflegestandorte des Unternehmens in Europa nennt, soll bis 2023 von derzeit 400 auf 600 zulegen.

Mit der stetig alternden Bevölkerung in Europa steigt der Bedarf an Pflegeangeboten. Aber die sollten vor allem auf der lokalen Ebene sinnvoll vernetzt sein, betont Boissard im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Wir wollen Pflege so organisieren, dass wir eine lokale Kette von Betreuungsleistungen anbieten können: vom Ausbau der ambulanten Pflege zu Hause über Tages- und Kurzzeitpflege bis hin zur Langzeitpflege“, sagt die Konzernchefin.

Vernetzt wird dies mit der professionellen Expertise von Pflegern, Physiotherapeuten, Ernährungsberatern und Ärzten vor Ort. „Eine große Herausforderung für die Pflege ist die wachsende Zahl von Menschen mit chronischen Erkrankungen, die im Alter weiter zunehmen“, sagt Boissard. 80 Prozent der über 65-Jährigen hätten heute bereits eine chronische Erkrankung, 50 Prozent hätten sogar zwei. „Das heißt, diese Menschen brauchen auf Dauer eine professionelle Unterstützung. Hier sehe ich für uns als Pflegeheimbetreiber viele Ansatzpunkte.“

Die 49-jährige Boissard führt den Pflegeheimkonzern, der nach der französischen Orpea zweitgrößter börsennotierter Betreiber in Europa ist, seit Anfang 2016. Damals hatte der Konzern einen Umsatz von 2,6 Milliarden Euro und wuchs zu langsam. Steigende Kosten drückten auf die Marge. Boissard, die zuvor bei der französischen Bahn SNCF unter anderem für die Planung und Gestaltung von Bahnhöfen zuständig war, entwickelte eine Strategie, um das Unternehmen operativ in Schwung zu bringen.

Einsparungen bei den Verwaltungskosten, mehr Synergien unter anderem im Einkauf gehörten ebenso dazu wie der Ausbau bestehender Einrichtungen sowie Zukäufe. In Deutschland ist Korian durch den Kauf der Pflegeheimbetreiber Phoenix, Curanum und Casa Reha vor einigen Jahren zum Marktführer aufgestiegen.

Erwartungen übertroffen

Mittlerweile hat der Konzern seine Präsenz von vier auf sechs europäische Länder ausgeweitet. Der Umsatz wuchs zügig auf 3,3 Milliarden Euro, die operative Marge (Ebitda) erhöhte sich von 13,3 auf 14,3 Prozent im Jahr 2018. Heute empfehlen viele Analysten die Aktie des Konzerns wieder zum Kauf. Die Experten der Berenberg würdigen unter anderem, dass Korian in den letzten Jahren bei Umsatz und Gewinn mehr geliefert habe als versprochen wurde: „In den vergangenen drei Jahren hat Sophie Boissard das Unternehmen in eine gut geölte Maschine verwandelt.“

Die stationären Pflegeheime werden zwar auch weiterhin der größte Umsatzbringer im Konzern sein. Aber Boissard möchte die Services rund um die häusliche Pflege konsequent ausbauen. Dabei sollen digital unterstützte Ansätze eine wichtige Rolle spielen.

Gerade hat das Unternehmen in Frankreich ein Angebot für die häusliche Betreuung namens Oriane gestartet. Es umfasst Dienstleistungen: von Hilfe im Alltag wie Anziehen, Putzen und Essenszubereitung über Beratung und Unterstützung bei der altersgerechten Einrichtung der Wohnung bis hin zur Organisation etwa eines Hausbesuchs durch den Friseur.

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Die Gesundheitsfürsorge der Senioren wird von einer Krankenpflegerin übernommen, die in Abstimmung mit den Pflegeassistenten auch Arztbesuche organisiert und die digitale Krankenakte führt. Mit Einverständnis des Patienten können Ärzte, Pfleger, aber auch Angehörige auf die digitale Plattform zugreifen und so die medizinische Betreuung des Patienten lückenlos verfolgen.

„Unser Ziel ist es, die häusliche Pflege ganz neu zu denken. Wir wollen den Alltag von Menschen, die zunehmend ihre Autonomie verlieren, aber gleichzeitig in ihren eigenen vier Wänden bleiben möchten, vereinfachen“, beschreibt Boissard das Vorgehen. Entwickelt wurde Oriane von der vor einem Jahr gegründeten internen Digital-Agentur von Korian und dem Start-up „Move-in med“ aus Montpellier. Außerdem flossen das Know-how des im vergangenen Jahr von Korian übernommenen Start-ups Petits Fils ein, das ein Premium-Netzwerk für häusliche Betreuung aufgebaut hatte.

Derzeit hat Oriane ein paar Dutzend Kunden. Ziel sei es, im nächsten Jahr in Frankreich rund 1000 Kunden zu erreichen, sagt Boissard. Die Kosten für die Services von Oriane fangen bei wöchentlichen Raten von rund 45 Euro an und können bis zu mehreren Hundert Euro betragen.

200 Millionen Euro pro Jahr für Zukäufe

Perspektivisch kann sich die Korian-Chefin vorstellen, ein vergleichbares Angebot auch in Deutschland und anderen europäischen Märkten, in denen Korian aktiv ist, einzuführen. Mit den neuen Angeboten jenseits der stationären Pflege will das Unternehmen 2023 etwa 30 Prozent des Umsatzes erwirtschaften. Der Umsatzanteil der stationären Pflegeheime, der Ende 2018 bei 78 Prozent lag, soll dann auf 70 Prozent sinken.

Zu den Expansionsplänen von Korian gehört auch, in den nächsten Jahren um durchschnittlich mehr als acht Prozent pro Jahr zu wachsen. Die Hälfte davon soll aus Zukäufen stammen. Boissard will vor allem kleinere Firmen und Einrichtungen kaufen, um die lokalen Pflegeketten zu etablieren.

Auch in neue geografische Märkte will Korian expandieren. Seit diesem Jahr etwa ist der Konzern durch einen Zukauf in Spanien präsent. „Der Fokus liegt aber klar auf den Ländern Kerneuropas, in denen die Pflegekultur ähnlich ist, was Synergien ermöglicht“, sagt Boissard.

Nach Aussage der Firmenchefin kann der Konzern etwa 200 Millionen Euro pro Jahr für Zukäufe ausgeben. Auch in Deutschland kann sich Boissard vorstellen, weitere kleinere Einrichtungen zuzukaufen. Gerade hat Korian ein Heim im Landkreis Rosenheim erworben. Bereits Anfang des Jahres wurde die Pforzheimer Pflegegruppe Schauinsland übernommen. Mit den sechs Seniorenheimen und ambulanten Dienstleistungen baut der Pflegekonzern sein regionales Cluster in Baden-Württemberg aus.

Das große Thema, der Fachkräftemangel im Pflegebereich, treibt natürlich auch Boissard um. Korian hat mittlerweile diverse Maßnahmen gestartet, um neue Pflegekräfte zu gewinnen. Neben einer hohen Zahl von Auszubildenden – in Deutschland sind es mittlerweile 1600 – qualifiziert Korian etwa in Frankreich rund 500 Berufsumsteiger für eine Tätigkeit in der Pflege. Auch ausländische Pflegekräfte aus fernen Ländern werden eingesetzt. In der Regel aber nicht mehr als ein bis zwei Mitarbeiter pro Einrichtung, um eine erfolgreiche Integration zu ermöglichen.

Boissard findet aber, dass die gesamte Gesellschaft gefordert sei, wenn die Herausforderungen der Zukunft, immer mehr Pflegebedürftige zu versorgen, bewältigt werden sollen. „Wir leben in einer Gesellschaft, die sich mit dem Älterwerden und der demografischen Entwicklung schwertut. Wir müssen breit über Lösungen nachdenken. Die Pflegekräfte können diese gesellschaftliche Aufgabe nicht ganz alleine erfüllen“, sagt die Korian-Chefin.

Mehr: Die Menschen werden älter – das treibt den Bedarf an Gesundheitsleistungen und Pflegeplätzen. Davon profitieren Börsenkonzerne wie Orpea und Korian.

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