Sophie Chung Diese Gründerin verbindet Ärzte und Patienten auf der ganzen Welt

Die Österreicherin baut in Berlin an der Zukunft der Medizin. Mit ihrem Start-up Qunomedical will sie gute ärztliche Versorgung für alle ermöglichen.
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Die Medizinerin bringt auf der ganzen Welt Ärzte zu ihren Patienten.
Sophie Chung

Die Medizinerin bringt auf der ganzen Welt Ärzte zu ihren Patienten.

BerlinWer Sophie Chung Mitte dieses Jahres eine E-Mail schrieb, erhielt eine besondere Abwesenheitsnotiz: „Ich bin auf einer Expedition in Alaska und wandere auf den höchsten Punkt Nordamerikas.“ Sie werde ziemlich abgekoppelt sein – ohne Laptop, mit wenig Sauerstoff und bei minus 30 Grad Celsius. „Für den Fall, dass ich mir die Nase abfriere, macht euch keine Sorgen“, beruhigt die 34-jährige Gründerin. „Qunomedical bietet Zugang zu den besten Ärzten der Welt.“

Damit bringt sie die Idee hinter ihrem Start-up ziemlich genau auf den Punkt: Qunomedical vermittelt Patienten an Ärzte und Kliniken im In- und Ausland. Entweder um kostenintensive Eingriffe auch für weniger zahlungskräftige Kunden erschwinglich zu machen oder eine bessere Behandlung zu ermöglichen. Ein ähnliches Modell verfolgen auch die deutschen Start-ups Medigo und Caremondo. Letzteres meldete jedoch 2016 Insolvenz an und wurde nach Singapur verkauft.

Das Spektrum bei Qunomedical reicht von Behandlungen an den Herzklappen im türkischen Izmir bis zur Haartransplantation in Polen. Die Patienten kommen aus über 50 Ländern, Kliniken und Ärzte aus über 25 Ländern sind mittlerweile auf der Plattform vertreten.

Rund 7.000 Patienten fragen im Monat Behandlungen an. Ärzte und Kliniken zahlen eine Vermittlungsgebühr. Zu den Investoren zählt der Berliner Wagniskapitalgeber Project A und 500 Startups aus Kalifornien. Auch ein Family Office gehört zu den Geldgebern, will sich aber öffentlich nicht bekennen. In der letzten Finanzierungsrunde sammelt Qunomedical 2,5 Millionen Euro ein.

Chungs Mission ist es, ein gerechteres Gesundheitssystem zu schaffen. „Es kann nicht sein, dass viele Menschen ewig auf Termine bei Ärzten warten müssen oder sich gewisse Dinge gar nicht erst leisten können“, sagt sie. Mit ihrem Konzept will sie auch zwei Welten ihrer Herkunft miteinander verbinden.

Ärztin mit Philosophiestudium

Ihre österreichische Heimat kann Chung nicht ganz verhehlen: Obwohl die Gründerin in Berlin lebt und lange in New York bei einem Start-up für die Vermittlung von Arztterminen gearbeitet hat. Den typischen Linzer Singsang hat sie nicht verloren. Spricht sie über den chinesischen Markt, redet sie von „Kina“. Chung ist die Tochter zweier kambodschanischer Flüchtlinge. Die Familie blickt auf eine lange Tradition als Ärzte zurück – auch für Chung war immer klar, dass sie diesen Beruf einmal ausüben wollte.

Während ihres Medizinstudiums belegte sie zudem noch Kurse in Philosophie und forschte zum Zusammenspiel von westlicher und fernöstlicher Medizin: „Beide Seiten haben ihre Vorteile, die sich gut miteinander verbinden lassen – wenn man nur die Vorurteile auf beiden Seiten überwindet.“ Besonders der ganzheitliche Ansatz der traditionell chinesischen Medizin war etwas, das sie bereits während ihrer Zeit als Notfallärztin am Krankenhaus antrieb.

Kurz nach ihrem Studium verschlug es sie dann aber nicht in den Heilberuf, sondern in die Unternehmensberatung: Bei McKinsey arbeitete sie als Beraterin für die Gesundheitsbranche – und stellte schnell fest, dass sich etwas ändern musste. „Die Medizin ist oft völlig losgelöst von Gedanken wie Transparenz oder Dienstleistung, die im Zuge der Digitalisierung immer wichtiger werden.“

Und so wuchs in der Ärztin der Wunsch, etwas dagegen zu unternehmen. Sie heuerte 2015 beim New Yorker Start-up Zocdoc an und wurde zur rechten Hand von Chef und Gründer Oliver Kharraz. Sie wollte auch in Deutschland so etwas wie einen Vermittler von Arztterminen aufbauen. Schließlich ging die Geschäftsidee zum Medizintourismus – und Qunomedical.

Milliardenmarkt Medizintourismus

Der Start war nicht ganz einfach. Schließlich gilt das deutsche Gesundheitssystem nicht gerade als das innovationsfreundlichste, meint Chung: „Wir mussten wirklich viele Klinken putzen, damit uns zum Beispiel die Krankenkassen ernst genommen haben.“ Dabei sind die Herausforderungen gerade für Start-ups in diesem Markt groß, sagt Thomas Solbach, Partner bei Strategy&, der Strategieberatung von PWC: „Die Hemmschwelle, für eine Operation ins Ausland zu gehen, ist hoch. Es herrscht bei Patienten oft Verunsicherung über die Qualität und Sicherheit der Behandlung, aber auch zum Beispiel über die Rechte gegenüber Ärzten und Krankenhäusern in anderen Ländern.“

Damit keine schwarzen Schafe die Reputation des Start-ups beschädigen, setzt Qunomedical daher zum Beispiel auch auf Technologie: Ein Algorithmus wertet die Fähigkeiten von Ärzten weltweit aus, erklärt die Gründerin: „Da fließen Kriterien wie Zertifizierungen, Ausbildungsdaten aber auch Patientenbewertungen mit ein.“ Der zweite Schritt sei dann aber auch immer die genaue Analyse des Teams vor Ort.

Dass Chung es schaffen könnte, aus dem Start-up einen etablierten Anbieter zu machen, glaubt auch Anton Waitz, General Partner bei Project A: „Sophie ist eine der leidenschaftlichsten und tatkräftigsten Gründerinnen, mit denen ich zusammengearbeitet habe.“ Sie verbinde intelligentes Unternehmertum mit dem überzeugenden Willen, die Welt ein Stück besser zu machen.

Der Medizintourismus ist Milliardenmarkt: 2014 bezifferte PWC das Marktvolumen auf rund 48 Milliarden Dollar. Nach einer Schätzung der US-Organisation „Patienten ohne Grenzen“ wächst der Markt um 15 bis 25 Prozent pro Jahr.

Auch Gesundheitsmarktexperte Solbach prognostiziert weiteres Wachstum – allerdings nicht nur aufgrund steigender Kostensensibilität und Verfügbarkeit von Angeboten: „Der digitale Wandel wird den Gesundheitsmarkt global verändern.“ Standorte, die besonders weit vorne seien bei innovativer Diagnostik und personalisierter Behandlung, würden umso stärker von dem Trend profitieren. Patienten, die es sich leisten könnten, würden dann stärker nach Qualitätsmedizin im Ausland suchen.

Gründerin Chung sitzt in ihrem wuseligen Start-up-Großraum in Berlin-Mitte und erinnert sich an ihre Zeit als Notfallärztin. Fehlt ihr das nicht manchmal? Doch, beteuert Chung. Zuletzt erst hat sie mit einem Kamerateam der BBC in der Türkei einen Patienten mit Haartransplantation begleitet.

„Als die Kopfhaut betäubt wurde, haben alle verschreckt weggeschaut – ich fand es total spannend.“ Manchmal schaue sie den Ärzten in Krankenhäusern noch sehnsüchtig nach, wenn sie in den OP verschwänden: „Aber vielleicht kehre ich ja auch irgendwann wieder dahin zurück.“

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