Strahlenschäden Die unsichtbare Gefahr

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Der mit Abstand größte stochastische Effekt durch Tschernobyl war ein dramatischer Anstieg von Schilddrüsenkrebs in der weiteren Umgebung des Kernkraftwerks – in erster Linie bei Personen, die zum Zeitpunkt der Katastrophe noch Kinder waren. 6848 Fälle von Schilddrüsenkrebs traten zwischen 1991 und 2005 bei Menschen auf, die 1986 unter 18 waren, fasst der aktuelle Bericht des wissenschaftlichen Ausschusses der Vereinten Nationen zur Untersuchung der Auswirkungen atomarer Strahlung (UNSCEAR) zusammen. Kinder, die nach 1986 geboren wurden, sind nicht betroffen.

Als wahrscheinlichste Ursache für die Zunahme an Schilddrüsenkrebs gilt das Trinken von Milch, die mit kurzlebigem radioaktivem Jod-131 verunreinigt war. Die wachsende Schilddrüse der Kinder könnte das Jod „wie ein Schwamm“ aufgesogen haben.

Kritiker haben angemerkt, dass die hohe Zahl von Krebsfällen dadurch mitbedingt sein könnte, dass bei den Reihenuntersuchungen Tumoren entdeckt wurden, von denen vermutlich keine Gefahr ausging und die ohne Untersuchung nie eine Rolle gespielt hätten – ein Effekt, wie er auch bei der Suche nach Brust- und Prostatakrebs von Bedeutung ist. Dafür spricht, dass trotz Tausender von Schilddrüsen-Tumoren bis 2005 „nur“ 15 Todesopfer durch den Krebs zu beklagen waren. Damit summiert sich die Zahl der weitgehend gesicherten Todesfälle durch Tschernobyl laut UNSCEAR auf 62.

Zu den am stärksten der Strahlung ausgesetzten Personen gehören rund 530.000 Menschen, die als „Liquidatoren“ eingesetzt waren, um die Folgen der Havarie zu bekämpfen. Die durchschnittliche effektive Dosis, der sie ausgesetzt waren, betrug 117 Millisievert (mSv). Stochastische Effekte durch Strahlung lassen sich etwa ab einer Dosis von 100 mSv beobachten, sagt der Medizinphysiker Christoph Hoeschen vom Helmholtz-Zentrum München. „Das Risiko an einer strahlenverursachten Krebserkrankung zu sterben kann mit 1,2 Prozent pro 100 mSv angegeben werden“, teilt das Bundesamt für Strahlenschutz dazu mit.

Laut UNSCEAR-Bericht gibt es Hinweise auf das vermehrte Auftreten von Blutkrebs und grauem Star bei Liquidatoren, die einer höheren Strahlenbelastung ausgesetzt waren. Überzeugende Belege für weitere strahlenbedingte Effekte in der Allgemeinbevölkerung sehen die Experten nicht. Die große Mehrheit brauche nicht in Furcht vor ernsthaften Konsequenzen durch Tschernobyl zu leben, das gelte umso mehr für Länder, die anders als Weißrussland, die Ukraine und Russland nicht direkt betroffen waren.

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