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Streitgespräch „Das Todesszenario für Apotheken ist keine Übertreibung“

Die Digitalisierung wird die Medikamentenversorgung grundlegend wandeln – doch in welche Richtung? Darüber debattieren die Chefs von Doc Morris und Noventi.
20.10.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
Für die Apotheken wächst die Konkurrenz. Quelle: dpa
Automatisiertes Medikamentenlager

Für die Apotheken wächst die Konkurrenz.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Ist die Digitalisierung der Tod der klassischen Apotheke? Die Botschaft der jüngsten Kampagne von Noventi war eindeutig: Ein neongrünes Kreuz stand im Zentrum der Werbeanzeigen, zum Verwechseln ähnlich mit dem Logo der Versandapotheke Doc Morris. Nur wandelte es Noventi ab – zu einem Totenkreuz.

Seit Jahren läuft der Clinch zwischen dem niederländischen Apothekenschreck Doc Morris und insbesondere Noventi, einem Firmenkonstrukt aus 27 Unternehmen, darunter die Marktführer bei IT-Systemen und Abrechnungen für Apotheken. Hinter Noventi stehen mehr als 5000 deutsche Apotheker als Gesellschafter.

Beim Streitgespräch zwischen Doc-Morris-Chef Olaf Heinrich und seinem Noventi-Pendant Hermann Sommer in der Düsseldorfer Handelsblatt-Redaktion herrscht keine Beerdigungsstimmung. Doch zeigt der Disput, um wie viel es aktuell geht. Die Digitalisierung wird den Apothekenmarkt in seinen Grundfesten verändern. Aber in welche Richtung?

Lesen Sie hier das komplette Streitgespräch:

Herr Heinrich, die Aussage hinter Noventis grünem Totenkreuz war eindeutig. Sind Sie wirklich der Tod für die klassischen Apotheken?
Heinrich: Nein, im Gegenteil. Wir sind eine Chance für die Apotheken, den Sprung in das digitale Zeitalter zu schaffen, denn dafür braucht es Verbündete. Und was ich noch zum grünen Kreuz sagen will, weil auch uns bekanntlich oft Provokation vorgeworfen wird: Unser Stil wäre das nicht.

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    Herr Sommer, „Chance für die Apotheken“ klingt doch hervorragend. Für Ihre nächste Kampagne wäre dann ein grünes Herz passend, oder?
    Sommer: Nein, wir meinen es wirklich ernst: Ich mache mir große Gedanken, ob die klassische Apotheke und damit die bislang gut funktionierende deutsche Gesundheitsversorgung weiterbestehen können, wenn ausländische Versandapotheken wie Doc Morris immer weiter vordrängen. Klar ist für uns auch: Wir wollen die Arzneimittel-Versorgung in die digitale Welt bringen und verschließen uns dem Neuen nicht, ganz im Gegenteil. Trotzdem sind Versandapotheken höchst problematisch, weil sie ganz andere Interessen als eine gut funktionierende Versorgung haben. Das Todesszenario für die deutschen Apotheken ist keine Übertreibung, sondern eine berechtigte Sorge.
    Heinrich: Das sind doch Spekulationen ins Blaue. Auf unserer Gesundheitsplattform wollen wir gemeinsam mit den Vor-Ort-Apotheken dem Kunden alle Möglichkeiten bieten, sodass Versand- und klassische Apotheken wunderbar nebeneinander existieren können. Das ist es doch, was der Kunde will, die Kombination aus Versand- und Vor-Ort-Geschäft.

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    „Ich will die flächendeckende Versorgung stärken und nicht gefährden.“ Quelle: © Henning Ross Fotografie
    DocMorris-Chef Olaf Heinrich

    „Ich will die flächendeckende Versorgung stärken und nicht gefährden.“

    (Foto: © Henning Ross Fotografie)

    Herr Sommer, wo kommt Ihre Sorge ausgerechnet jetzt her, obwohl Doc Morris ein solches Angebot macht?
    Sommer: Das hängt erst einmal mit dem digitalen Rezept zusammen, das derzeit eingeführt wird. Papierrezepte landen bislang fast ausschließlich bei den Apotheken vor Ort. Das Angebot von Herrn Heinrich degradiert die klassischen Apotheken nun zu reinen Auslieferstellen von Doc Morris. Außerdem wird das digitale Rezept den Versandhandel immens stärken. Das darf nicht die Zukunft sein, wenn wir unsere hohe Qualität bei der Arzneimittelversorgung beibehalten wollen. Denn je mehr Versandhandel es gibt, desto weniger Apotheken vor Ort wird es geben. In ländlichen Gebieten geben die Apotheker auf, weil der Versandhandel ihr Geschäft unrentabel gemacht hat. Man brauche nur noch 1100 Vor-Ort-Apotheken für die Plattform von Doc Morris, hat Herr Heinrich mal gesagt. Das zeigt, wie Doc Morris das System gefährdet.
    Heinrich: Erst einmal gibt es allerhand wissenschaftliche Untersuchungen, die zeigen, dass der Versandhandel gar nicht zum Apothekensterben beiträgt. Der Marktanteil der Versender bei rezeptpflichtigen Arzneimitteln liegt gerade einmal bei einem Prozent. Außerdem werden wir doch gar kein Monopolist sein. Sie arbeiten doch ebenfalls mit vielen anderen Partnern an einer Online-Plattform für Apotheken. Ich will die flächendeckende Versorgung stärken und nicht gefährden.

    Sommer: Das ist natürlich leicht gesagt. Aber bei einem börsennotierten Konzern wie Ihnen ist die Realität ganz schnell mal eine andere. Man stelle sich vor, Amazon kauft Doc Morris: Dann sind wir ganz schnell vom partnerschaftlichen Ansinnen weg und bei „1100 Apotheken in ganz Deutschland reichen doch". Herr Heinrich, Sie sagen doch selbst, dass Sie das Amazon des deutschen Gesundheitsmarkts werden wollen.
    Heinrich: Ja, aber im Sinne des Kundenerlebnisses. Das gleiche Interesse haben Sie mit Ihrer Plattform doch auch. Genauso wie wir die gleichen geschäftlichen Interessen haben. Nur schieben Sie stets den Deckmantel der wohnortnahen Versorgung vor.

    „Die Vermischung zwischen Arzt und Apotheke ist bedrohlich.“ Quelle: NOVENTI Health SE
    Noventi-Chef Hermann Sommer

    „Die Vermischung zwischen Arzt und Apotheke ist bedrohlich.“

    (Foto: NOVENTI Health SE )

    Das müssen Sie erklären, Herr Heinrich.
    Heinrich: Ganz einfach: Die Sorge von Herrn Sommer um die Versorgung ist nur vorgeschoben, um selbst wirtschaftliche Interessen zu verfolgen. Das kann man ja so machen, nur sollte man es dann auch so benennen.
    Sommer: Natürlich haben wir auch wirtschaftliche Interessen. Aber uns gibt es als Unternehmen seit dem Jahr 1900. Wir gehören mehreren Tausend Apothekern, und an die werden gar keine Gewinne ausgeschüttet. Warum sollte ich persönlich also wirtschaftliche Interessen haben? Im Gegensatz zu Ihnen ist unser Handeln nicht dadurch bestimmt, möglichst große Dividenden zu generieren.
    Heinrich: Aber Ihre Gesellschafter, die Apotheker, haben ja das wirtschaftliche Interesse. Und bei Ihrem Plattformprojekt sind Sie mit Kapitalgesellschaften Teil eines Gemeinschaftsunternehmens. Sie sind also im Endeffekt ganz genauso wie wir aufgestellt.


    Sommer: Ja, indirekt verfolgen auch wir natürlich ein wirtschaftliches Interesse. Wirtschaftlich arbeiten wollen wir alle. Aber nicht alle wollen das als Monopolist. Und Sie sind börsennotiert, schlussendlich muss es bei Ihnen darum gehen, möglichst viel Geld zu verdienen. Und das geht nun einmal am besten als Monopolist, ganz im Sinne von Ihrem formulierten Anspruch, das Amazon des Gesundheitsmarktes sein zu wollen.
    Heinrich: Das sehe ich anders. Wettbewerb befördert das Geschäft. Deshalb bin ich mir sicher, dass es auch mehr als eine Apotheken-Plattform geben wird und geben muss.
    Sommer: Das passt aber nicht mit Ihrem Vorgehen bei der Übernahme von Teleclinic zusammen …

    Grafik

    … einem Münchener Start-up, das Videosprechstunden zwischen Arzt und Patient vermittelt und kürzlich durch die Doc-Morris-Mutter Zur Rose gekauft wurde …
    Sommer: Diese Vermischung zwischen Arzt und Apotheke ist bedrohlich. Die Ärzte sind nicht mehr unabhängig beim Verschreiben der Medikamente, und der Patient wird bei der Wahl seiner Apotheke beeinflusst. Das muss ganz klar, schon gesellschaftsrechtlich, voneinander getrennt sein. Es ist ja schon umstritten, ob ein Arzt seine Praxis in einem Haus haben darf, was dem darunterliegenden Apotheker gehört. Ich denke, Doc Morris hat Teleclinic nicht gekauft, um Geld loszuwerden, sondern, um eine gute Dividende zu bekommen.
    Heinrich: Zu einer Gesundheitsplattform gehört die Arztleistung dazu, um die durchgängige Versorgungskette für den Patienten zu ermöglichen. Das hat sich besonders während der Corona-Pandemie bewährt, digital zum Arzt, das Medikament per Versand oder Botendienst. Und zu Ihren Vorwürfen: Wir halten uns ganz klar an die Gesetze. Deshalb sind Bedenken, wir würden uns die Rezepte zuschustern, vollkommen unbegründet. Das ist doch nur ein Versuch, in unsere Richtung zu schießen. Und Noventi und die weiteren Beteiligten wollen bei ihrer Online-Plattform doch auch mit Videosprechstunden-Anbietern kooperieren.

    Sommer: Aus Kundensicht macht das absolut Sinn. Drei Telemedizin-Anbieter haben wir schon an Bord, demnächst wird der europäische Marktführer Kry aus Schweden hinzukommen. Der entscheidende Unterschied aber ist, dass diese Unternehmen alle ihre eigenen Gesellschafter haben, das heißt, im Gegensatz zu Ihnen verstoßen wir nicht gegen die deutsche Gesundheitsordnung.
    Heinrich: Das tun wir auch nicht. Das ist eben nicht nur gesetzlich ausgeschlossen. Teleclinic ist als Plattform auch nur Vermittler, dort sind keine Ärzte direkt angestellt. Sie sind also unabhängig von uns. Das ist eine Diskussion, mit der Sie Geschäftsmodelle der Zukunft unterbinden wollen.

    Sommer: Die Ärzte mögen unabhängig sein, die Behandlungsdaten laufen aber trotzdem über Ihre Systeme. Und wenn Sie wissen, wie Ärzte Patienten behandeln und welche Medikamente sie verschreiben, ist es ein Leichtes, die Patienten zu Doc Morris zu locken.
    Heinrich: Ein „Zuweisen“ von Rezepten ist gesetzlich doch ohnehin verboten.
    Sommer: Ja, aber das lässt sich innerhalb eines Konzerns kaum noch kontrollieren. Deshalb sollte der Gesetzgeber das Zuweisungsverbot auf gesellschaftsrechtliche Verbindungen ausweiten. Das ist unsere Forderung an Bundesgesundheitsminister Spahn.

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    Heinrich: Da muss ich Ihnen in aller Deutlichkeit widersprechen. Die Gefahr, die Sie skizzieren, besteht überhaupt nicht. Die Behandlungsdaten gehen gar nicht an uns. Das ist ein Grundsatzproblem, finde ich: Ich würde mir von Deutschland erwarten, dass wir viel offener sind, neue Dinge erst einmal auszuprobieren, bevor man sie schon wieder verbietet. Unser Gesundheitssystem ist durch die Regulierung der vergangenen Jahre nicht einmal im Ansatz digital. Ich würde mir wünschen, dass wir eher darüber diskutieren, wie wir kluge Ideen im Sinne der Patienten fördern können. Der Ansatz, einfach möglichst viel zu verbieten, ist da absolut der falsche.

    Sommer: Wir haben in diesem Land eine hohe Qualität in unserem Gesundheitswesen. Nicht alles Alte ist schlecht. Und gleichzeitig wird doch jetzt ganz viel bewegt. Wenn im nächsten Jahr das digitale Rezept an den Start geht, haben wir ein digitales Niveau, mit dem wir uns weltweit sehen lassen können – wir dürfen nur nicht in ein unsicheres System abdriften, was dem Patienten schaden kann.

    Herr Heinrich, Herr Sommer, vielen Dank für das Gespräch.

    Mehr: Zeit der Entscheidungen am Apothekenmarkt

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