Todesarzt von Auschwitz Mediziner lernen an Mengeles Knochen

In Auschwitz war er als Todesarzt berüchtigt, er schickte Menschen in die Gaskammern und führte grausame Experimente durch. Jetzt dienen die Gebeine von KZ-Arzt Josef Mengele als Lehrmaterial für Rechtsmediziner.
Am Rechtsmedizinischen Institut im brasilianischen São Paulo lernen Mediziner mit Hilfe der Gebeine des KZ-Arztes. Quelle: AP
Mengeles Schädel

Am Rechtsmedizinischen Institut im brasilianischen São Paulo lernen Mediziner mit Hilfe der Gebeine des KZ-Arztes.

(Foto: AP)

São PauloMehr als 30 Jahre lang lagerten die Gebeine von NS-Verbrecher Josef Mengele in einem blauen Plastiksack im Rechtsmedizinischen Institut im brasilianischen São Paulo. Dann bat der Arzt Daniel Romero Munoz – Leiter des Teams, das 1985 die sterblichen Überreste identifizierte – um die Genehmigung, die Knochen in seinen forensischen Vorlesungen zu nutzen.

Seine Schüler studieren sie nun und verbinden ihre Erkenntnisse mit der Lebensgeschichte des KZ-Arztes, der als „Engel des Todes“ im Todeslager Auschwitz berüchtigt war. „Die Gebeine werden helfen zu lehren, wie man die Überreste eines Menschen untersucht und dann diese Informationen mit Daten in Dokumenten über diese Person abgleicht“, erläutert Munoz.

Hitlers Handlanger
Oskar Groening
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Das Landgericht Lüneburg hat den 94-Jährigen am Mittwoch wegen Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen in Auschwitz zu vier Jahren Haft verurteilt. Gröning hatte im Prozess seine Beteiligung und moralische Mitschuld am Holocaust eingeräumt. Er hatte gestanden, Geld von Verschleppten gezählt und zur SS nach Berlin weitergeleitet zu haben. Dies brachte ihm später den Beinamen eines „Buchhalters von Auschwitz“ ein. Er sagte aus, zwei- bis dreimal vertretungsweise Dienst an der Rampe getan zu haben, um dort Gepäck zu bewachen. Dort wurden deportierte Juden zur Ermordung selektiert.

Siert Bruins
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Als Angehöriger der deutschen Sicherheitspolizei in den Niederlanden soll er 1944 einen Gefangenen erschossen haben. Dafür wurde der gebürtige Niederländer 1949 dort zum Tode verurteilt, später umgewandelt in lebenslange Haft. In Deutschland, wo Bruins lebt, galt die Tat zunächst als verjährter Totschlag. Später wertete die Staatsanwaltschaft sie als Mord. 2013 kam er mit 92 Jahren vor Gericht. Das Landgericht Hagen stellte das Verfahren aber ein: Nach 70 Jahren sei der Nachweis des Mordvorwurfs nicht möglich gewesen.

John Demjanjuk
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Der 91-jährige gebürtige Ukrainer starb 2012 in einem bayerischen Pflegeheim - zehn Monate nach seiner Verurteilung als Holocaust-Mittäter. Das Landgericht München hatte ihn wegen Beihilfe zum Mord an 28 000 Juden im Lager Sobibor zu fünf Jahren verurteilt. Mit Blick auf sein Alter wurde der Haftbefehl aber aufgehoben.

Laszlo Csatary
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Der ehemalige NS-Lagerkommandant starb 2013 mit 98 Jahren in Budapest. Er soll 1944 maßgeblich an der Deportation von Juden in Konzentrationslager beteiligt gewesen sein. Wenige Wochen vor seinem Tod wurde er in Ungarn angeklagt. Zuvor hatte das Oberste Gericht der Slowakei ein Todesurteil, das 1948 gegen ihn in Abwesenheit ergangen war, in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt.

Hans Lipschis
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Der Pass von Hans Lipschis: Der mutmaßliche frühere SS-Wachmann in Auschwitz muss sich nicht wegen Beihilfe zum Mord vor Gericht verantworten. Das Landgericht Ellwangen (Baden-Württemberg) lehnte ein Verfahren gegen den damals 94-Jährigen 2014 wegen Verhandlungsunfähigkeit ab. Die Staatsanwaltschaft hatte dem gebürtigen Litauer vorgeworfen, zwischen 1941 und 1943 Beihilfe zum Mord an mehr als 10 500 Menschen geleistet zu haben.

Heinrich Boere
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Das Landgericht Aachen verurteilte den 88-Jährigen 2010 wegen dreifachen Mordes zu lebenslanger Haft. Er hatte 1944 als Teil eines SS-Mordkommandos niederländische Zivilisten erschossen. Er starb 2013 hinter Gittern. Boere war 1949 in den Niederlanden in Abwesenheit verurteilt worden, die Strafe wurde aber nie vollstreckt.

Samuel Kunz
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Der wegen Beihilfe zum Massenmord angeklagte mutmaßliche NS-Verbrecher starb 2010 kurz vor Beginn seines Prozesses. Kunz soll 1942/1943 Wachmann im Vernichtungslager Belzec, dessen Gedenkstätte hier im Bild zu sehen ist, gewesen sein. Wegen Mordes in 10 und Beihilfe zum Mord in mindestens 430.000 Fällen sollte dem 89-Jährigen der Prozess gemacht werden.

Mengele, der während der Nazi-Zeit entsetzliche Experimente an KZ-Häftlingen vorgenommen und Tausende Menschen in Auschwitz in die Gaskammern geschickt hatte, starb vor fast vier Jahrzehnten. Er ertrank vor der Küste des brasilianischen Bundesstaates São Paulo.

Mengeles Leben auf der Flucht nach dem Zweiten Weltkrieg machten seine Gebeine zu einem nützlichen Lehrinstrument, formuliert es Munoz. „Als wir seine Überreste untersuchten, entdeckten wir zum Beispiel eine Fraktur am linken Becken“, sagt der Mediziner. Aus alten Unterlagen gehe hervor, dass er sich die Verletzung bei einem Motorradunfall in Auschwitz zuzogen habe.

Mit Mengeles Schädel in der Hand weist Monoz auch auf ein kleines Loch im linken Wangenknochen hin – Folge einer Langzeit-Entzündung der Nasennebenhöhlen. Munoz zufolge schilderte das deutsche Ehepaar Bossert, das dem Verbrecher in Brasilien Unterschlupf gab, in polizeilichen Vernehmungen, dass Mengele oft an Zahnabszessen gelitten und diese mit einer Rasierklinge behandelt habe.

Cyria Gewertz ist eine heute 92-jährige Holocaust-Überlebende. „Ich weiß nicht, was ich fühle“, sagte sie über die Studien an Mengeles Gebeinen. „Ich habe schon zu viele schmerzhafte Erinnerungen an ihn, was er mir und anderen in Auschwitz angetan hat. Das sind Erinnerungen, die ich nicht ausradieren kann.“

„Ein böser, perverser Mann“
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