Wissenschaftler fordert für Deutschland ein unabhängiges Internet-Portal zu Gesundheitsinformationen Medizin im Netz ist nicht immer seriös

Das Internet hat das Informationsmonopol der Mediziner ins Wanken gebracht. Immer mehr Patienten geben sich nicht mehr mit den Erklärungen ihres Arztes zufrieden. Sie recherchieren im Internet und bilden sich ihre eigene Meinung über Krankheiten und deren Behandlungsmethoden.
  • Hans Schürmann
Immer mehr Patienten geben sich nicht mehr mit den Erklärungen ihres Arztes zufrieden. Sie suchen im Interne Rat. Foto: dpa

Immer mehr Patienten geben sich nicht mehr mit den Erklärungen ihres Arztes zufrieden. Sie suchen im Interne Rat. Foto: dpa

HB DÜSSELDORF. Laut der Internetnutzerstudie „W3B“ interessiert sich in Deutschland bereits jeder dritte Surfer für Gesundheitsthemen. Jeder zwölfte Nutzer besucht Medizinseiten regelmäßig. „Die leichte Verfügbarkeit von Medizininformationen verändert das Gesundheitswesen“, sagt Sebastian Schmidt-Kähler, Gesundheitswissenschaftler an der Universität Bielefeld. Das sei auf der einen Seite positiv, auf der anderen jedoch nicht unproblematisch, denn vor allem unerfahrene Internetnutzer seien bei der Fülle von Informationsangeboten zum Thema Medizin oft überfordert. Versuche, mit Hilfe von Qualitätssiegeln die Orientierung zu erleichtern, sind bisher gescheitert.

Alle Beteiligten des Gesundheitssystems – Ärzte, Apotheken, Kliniken, Krankenkassen und die Pharmaindustrie – haben das Informationsbedürfnis der Patienten erkannt und entsprechend reagiert. „Für den Surfer ist es auf den ersten Blick schwer, zu beurteilen, ob ein Artikel verlässlich und seriös ist“, sagt Schmidt-Kähler, der in seiner Dissertation die Qualität der Gesundheitsberatung im Internet unter die Lupe genommen hat. Neben allgemeinen Gesundheitsportalen wie Gesundheitscout24.de, lifeline.de, Netdoktor.de oder Medicine Worldwide gibt es für jede Krankheit zahllose Spezialseiten im Internet, die gezielt über einzelne Behandlungsmethoden informieren. So wirft allein das Portal „Patienten-Information.de“, das nach eigenen Angaben nur auf vorher geprüfte Informationen verweist, allein zum Thema „Krebs“ mehr als 200 deutschsprachige Internetseiten aus.

Die Verantwortlichen im Bundesgesundheitsministerium haben das Problem zwar frühzeitig erkannt, aber bis heute nicht in den Griff bekommen. So wurde bereits 1999 das Aktionsforum Gesundheitsinformationssysteme (Afgis) gegründet, das so genannte Transparenzkriterien entwickelt hat, mit denen eine Mindestqualität der Gesundheitsinformationen sichergestellt werden sollte. Nur Internetanbieter, die auf ihren Seiten die Autoren sowie die Datenquelle eindeutig kenntlich machen, die Finanzierung und die Sponsoren veröffentlichen, Kooperationen und Vernetzungen deutlich machen und klar zwischen Werbung und redaktionellem Beitrag trennen, sollten das Logo als Qualitätsmerkmal auf ihren Seiten platzieren dürfen.

„Es zeigte sich schnell, dass die Afgis-Initiative unzureichend ist“, sagt Schmidt-Kähler. Denn die Transparenzkriterien lassen keinen Schuss zu über Qualität der Informationen, kritisiert der Forscher. Das sieht Philipp Wachter, Leiter des Portalgeschäfts bei der Onvista Group ähnlich. Die Firma hatte im März vergangenen Jahres das Gesundheitsportal „Medicine Worldwide“ übernommen und führt es nun unter „Onmeda.de“ weiter.

„Bei den bisherigen Qualitätssiegeln für die Medizininformation ist die Kontrolle viel zu gering“, sagt Wachter. Der Nutzer müsse sich daher immer noch selbst ein Bild machen, ob er dem Angebot vertraue. Führte „Medicine Worldwide“ das Afgis-Logo noch auf seiner Seite, hat Onvista nun bei Onmeda auf eine Beantragung des Qualitätssiegels verzichtet.

Andere Anbieter entscheiden sich ähnlich. Nachdem Afgis die Qualitätskriterien Anfang des Jahres leicht verschärft hat, haben sich laut dem Vorsitzenden des Aktionsforums, Stephan Schug, nur sechs Portale um das Logo beworben. Schmidt-Kähler sieht nur einen Ausweg: die Einrichtung eines nationales Gesundheitsportal, wie es andere Länder bereits haben. Dort würden dann nur solche Seiten gelistet, die Mindeststandards bei der Qualität der Infos einhalten.

Starthilfe bei der Suche nach Medizininformationen:

Medizinportale im Internet bieten einen ersten Überblick über Gesundheitsthemen. Sie bereiten Informationen zu Krankheiten allgemein verständlich auf und verweisen in der Regel auf weiterführende Literatur. Die Linksammlung unter www.medport.de/linksammlungen.html erleichtert hier den Einstieg.

Einen etwas anderen Einstieg in Medizinthemen eröffnet die Datenbannk von Medinfo unter www.medinfo.de/index.asp. Hier werden qualitätsgeprüfte Gesundheitsseiten aus einem anderen Blickwinkel gelistet. Von Alternative Medizin, Beschwerden über Medikament und Pflege bis hin zu Zahnmedizin.

Wer schon speziellere Informationen zu Krankheiten sucht, der findet unter www.patienten-information.de eine Vielzahl von qualitätsgeprüften Internetadressen. Das Portal wird vom Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin betrieben, einer gemeinsamen Einrichtung von Bundesärztekammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung mit Sitz in Berlin.

Vor allem Patienten mit chronischen Krankheiten sind oft besser informiert als ihre Ärzte. Sie recherchieren beim Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information (www.dimdi.de), in deren kostenlosen Datenbanken eine Vielzahl medizinischer Fachinformationen gespeichert sind.

Wer mehr über die Qualität von Gesundheitsinformationen im Web lesen möchte, kann sich unter www.schmidt-kaehler.de/gesundheitsberatunginternet.pdf die Doktorarbeit des Forschers durchlesen.

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