Privatsphäre im Netz Das Datenschutz-Paradoxon

Datenschutz ist für die Deutschen nach wie vor sehr wichtig. Doch in Zeiten von sozialen Netzwerken, Fitness-Trackern und Co. ist die Privatsphäre in Gefahr. Nicht nur die Nutzer, auch die Unternehmen können etwas tun.
  • Alexander Dziedeck
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Wer sein Betriebssystem aktualisiert, muss die Allgemeinen Geschäftsbedingungen akzeptieren. Doch nur die Wenigsten lesen das Kleingedruckte. Quelle: dpa
Softwareaktualisierung

Wer sein Betriebssystem aktualisiert, muss die Allgemeinen Geschäftsbedingungen akzeptieren. Doch nur die Wenigsten lesen das Kleingedruckte.

(Foto: dpa)

Düsseldorf„Wir haben unsere Allgemeinen Geschäftsbedingungen geändert. Bitte bestätigen Sie die neuen Nutzungsbedingungen.“ Ob Whatsapp, Facebook, IOS und Co. – eine Mitteilung, die wohl jeder kennt und mit gemischten Gefühlen aufnimmt. Die Nutzer wissen, dass sie zustimmen müssen. Im schlimmsten Fall kann nämlich die App, das soziale Netzwerk oder die neueste Version des Betriebssystems nicht mehr verwendet werden.

Eine Studie des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) zeigt: Die große Mehrheit, das sind 86 Prozent der Befragten, hält es für wichtig, die Inhalte der AGBs und Datenschutzbestimmungen zu kennen. Allerdings gaben auch mehr als 60 Prozent an, dass sie sich nur wenig bis gar nicht damit auseinandersetzen und die Bestimmungen gar nicht lesen.

Matthias Kammer, Direktor des DIVSI, ist von dem Ergebnis kaum überrascht: „Wer heute online kommunizieren will, kommt an Messengern und E-Mail-Diensten nicht vorbei – und damit auch nicht am Kleingedruckten – das erklärt das auf den ersten Blick paradoxe Verhalten.“ Dieser Gegensatz zeigt aber auch ein großes Problem auf: Datenschutz scheint wichtig zu sein, für viele Menschen ist die zunehmende digitale Vernetzung unserer Welt aber eine enorme Herausforderung.

Dem einzelnen Nutzer fällt es schwer, sich zwischen dem praktischen Nutzen von digitalen Inhalten und dem richtigen Umgang mit den eigenen Daten zu entscheiden. Das stellten die Kommunikationswissenschaftlerinnen Alice Ruddigkeit und Jana Penzel fest: „Der Lernprozess hinkt der rasend schnellen technischen Evolution ständig hinterher. Nutzer müssen sich daher auf ihr eigenes Bauchgefühl und begrenztes technisches Verständnis verlassen, wenn sie sich in neues Territorium wagen.“

Wer beim Datenschutz gute Noten bekommt
Kontrolleure des Überwachungsstaats
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Ist Datenschutz schon in Deutschland eine heikle Sache, sieht es in den USA noch viel kritischer aus: Die dortigen Ermittlungsbehörden wie die NSA haben durch den Patriot Act, der nach den Anschlägen des 11. September 2001 erlassen und kürzlich leicht abgemildert wurde, viel umfassendere Rechte und Befugnisse zur Abfrage von Daten von Privatpersonen. Und diese nutzen sie auch, während die Gesetze und Regulierungen im Bereich Datenmanagement und Datenschutz mit den technologischen Entwicklungen nicht mithalten können. Die Nichtregierungsorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF) will mit ihrem regelmäßigen Datenschutz-Report „Who has your back“ auf dieses Problem aufmerksam machen. EFF untersucht 24 große IT- und Telekomunternehmen daraufhin, wie sie mit dem Thema Datenschutz umgehen.

Den Ermittlern ihre Grenzen aufweisen
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Der Report bewertet einerseits, ob sich Firmen gegen teils willkürliche staatliche Überwachung wehren. Zudem wird die Transparenz bewertet, die Firmen darüber herstellen, ob und wie staatlichen Ermittlungsbehörden bei ihnen Zugriff auf Nutzerdaten fordern. Die EFF hat über vier Jahre die Praktiken großer Internet- und IT-Konzerne beobachtet und analysiert, ob die Firmen ihren Fokus eher auf den Schutz der Nutzerdaten oder eher auf die Kooperation mit staatlichen Ermittlern legen. Dabei konnten sie in den vergangenen vier Jahren eine Entwicklung feststellen.

Er stieß Veränderungen mit an
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Während das Thema Datenschutz vor vier Jahren bei kaum einem Unternehmen auf der Agenda stand, hat nun – einige Snowden-, Wikileaks-Enthüllungen und Spähaffären später – laut EFF ein Umdenken eingesetzt: Viele Firmen veröffentlichen Reports über ihren Umgang mit Nutzerdaten und über Regierungsanfragen nach Nutzerdaten.

Aktuelle Anforderungen
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Die EFF hat die Entwicklungen damit aufgefangen, dass sie die Firmen nun unter anderem in der Kategorie des industrieweiten Standards vorbildlicher Praktiken bewerten.

Ihre Kriterien im Überblick:

1. Unter dem erwähnten industrieweiten Standard verstehen die Aktivisten etwa, dass die Firma den Staat bei einer Datenanfrage nach einer offiziellen Vollmacht für den spezifischen Fall fragt. Außerdem wird erwartet, dass das Unternehmen einen Transparenzreport über staatliche Anfragen veröffentlicht und dass die Firma deutlich macht, wie sie mit den Regierungsanfragen formell verfährt.

2. In einer weiteren Kategorie wird geprüft, ob Internetfirmen die jeweiligen Nutzer einzeln informieren, wenn sie beziehungsweise ihre Daten von Regierungsanfragen betroffen waren. Als Best Practice Beispiel gelten die Firmen, die ihre Nutzer schon vor der Weitergabe über solche staatlichen Anfragen informieren, sodass diese sich juristisch zur Wehr setzen können.

Facebook sperrte unliebsame Nutzer
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3. Die Aktivisten checkten auch, ob Firmen bekannt machen, wie lange sie Nutzerdaten speichern. Es wurde dabei nicht bewertet, wie lange die Unternehmen IP-Logins, Übersichten über individuellen Datentransfer und auch eigentlich bereits gelöschte Daten speichern und für Ermittlungen verfügbar halten – es geht nur um die Transparenz.

4. Regierungen und staatliche Ermittlungsstellen fragen nicht nur Nutzerdaten an, teils verlangen sie von Internet- und Telekomkonzernen auch, unliebsame Nutzer zu blockieren oder Nutzeraccounts zu schließen. Für diese Praxis war zuletzt insbesondere Facebook kritisiert worden, das einige Insassen von Gefängnissen an der Eröffnung eines Accounts hinderte. Auch Informationen darüber honorierten die Aktivisten mit einer positiven Bewertung, wobei ihnen besonders Twitter in dieser Kategorie mit einem umfangreichen Report über Lösch-Gesuche positiv auffiel.

5. Unternehmen bekamen auch eine positive Bewertung, wenn sie sich im öffentlichen Diskurs gegen staatlich geduldete oder gar intendierte Hintertüren in Software und Netzwerken stellen. 21 von 24 untersuchten Firmen nehmen mittlerweile eine solche kritische Position gegenüber dem Überwachungsstaat ein.

Die besten Firmen: Adobe – 5 Sterne
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Adobe hat laut den Aktivisten in den vergangenen Jahren alle Best Practice Standards übernommen, die in der Branche etabliert sind. Adobe verlangt von Ermittlungsbehörden eine explizite Erlaubnis, Daten von Nutzern anzufordern und bekennt sich zudem öffentlich dazu, keine Hintertüren in die eigene Software einzubauen. „Alle Regierungsanfragen für Nutzerdaten müssen bei uns durch den Vordereingang kommen“, schreibt Adobe in seinem Transparenzreport. Die EFF wertet eine solche starke Position gegen die früher gängige Praxis als bemerkenswert – unabhängig von der Wahrhaftigkeit.

Apple – 5 Sterne
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Triumph für Tim Cook. Apple erfüllt alle Kriterien der Aktivisten für möglichst große Transparenz im Bereich Datensicherheit. Der IT-Konzern lässt allerdings einige Hintertürchen offen, neben den Verpflichtungen zur Verschwiegenheit, die ihm etwa durch Gerichte in Einzelfällen auferlegt werden können. Apple behält sich vor, Nutzer nicht über eine Datenabfrage zu informieren, wenn dies nach Einschätzung des Unternehmens gefährlich für das Leben oder die Unversehrtheit von Personen werden könnte. Dies lässt Raum zur Deutung.

Für Versicherer, Marketingstrategen und Finanzdienstleister sei es bisher zu aufwendig gewesen, gezielte Informationen über Kunden zu bekommen. Das Problem: Zu viele Informationen können sich negativ auswirken. Versicherungen könnten durch den Lebensstil teurer werden oder Kredite aufgrund einer Erkrankung verweigert werden. Dass sich bisher jeder selber entscheiden konnte, möglichst „unvollständige Informationen“ herauszugeben, ändere sich allerdings in Zeiten von Big Data.

So ist es heute möglich, durch eine gezielte Suche bei Google und in sozialen Netzwerken, viele Informationen zusammenzufügen. „Aus vielen kleinen Puzzleteilen entsteht jetzt ein sehr detailliertes Bild einer Person.“, lautet das Urteil der beiden Forscherinnen. Über den Namen, einen Eintrag im Telefonbuch und per Google Maps lässt sich zum Beispiel leicht überprüfen, wie jemand wohnt. Und wer mit einem leicht zu identifizierenden Nicknamen in Online-Foren unterwegs ist, muss damit rechnen, dass auch die intimsten Sorgen öffentlich werden. Ähnlich verhält es sich mit privaten Angaben bei Facebook.

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