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Alibabas KI-Chef Min Wanli „Es gibt Firmen, die Zeit in Brettspiele investieren – wir machen Krankenwagen schneller“

Der Architekt der KI des Internet-Konzerns Alibaba erklärt den gesellschaftlichen Nutzen seiner Technologie – und warum sie nicht für Zensur genutzt wird.
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Alibabas Chefdatenwissenschaftler hat ehrgeizige Pläne für die Zukunft des IT-Riesen. Quelle: Valéry Kloubert für Handelsblatt
Min Wanli

Alibabas Chefdatenwissenschaftler hat ehrgeizige Pläne für die Zukunft des IT-Riesen.

(Foto: Valéry Kloubert für Handelsblatt)

Der Alibaba-Mann ist in Europa unterwegs. Wieder einmal. Derzeit fliegt der Chefdatenwissenschaftler des chinesischen IT-Riesen ständig aus Asien rüber. Denn es ist viel zu tun. Alibaba Cloud hat in Frankfurt seinen ersten Datendienst für Europa aufgebaut. Jetzt will Min Wanli europäische Firmen davon überzeugen, die Produkte der Chinesen zu nutzen.

ET Brain nennt er das Programm, mit dem er Industrie, Landwirtschaft, Medizin und Städteplanung revolutionieren will. Min gerät sofort ins Schwärmen über die Möglichkeiten der Technik, als er sich mit dem Handelsblatt zum Interview trifft.

Herr Min, lassen Sie uns in die Zukunft blicken. Wie wird Künstliche Intelligenz, kurz KI, unser Leben in den nächsten fünf Jahren verändern?
Wenn wir heute von Künstlicher Intelligenz sprechen, dann denken wir zu klein. Wir sprechen oft nur von Geschichtserkennung oder Spracherkennung. Dabei kann KI viel mehr: Wir können mit der Technik heute schon alle möglichen Probleme des Alltags lösen.

Was genau?
Wir bei Alibaba haben es zum Beispiel geschafft, die Fahrzeit von Krankenwagen erheblich zu reduzieren, indem wir Algorithmen in der Verkehrssteuerung einsetzen. Dank der Auswertung von Überwachungskameras an Straßen können wir in Echtzeit erkennen, dass Müll auf den Gehwegen liegt. Dieses System ist direkt mit der Steuerung der Standverwaltung verbunden – sodass wir dann gezielt Reinigungsfahrzeuge losschicken können. An vielen Orten in China fährt die Straßenreinigung noch nach festen Fahrplänen, egal ob die Straßen schmutzig sind oder nicht. Das ist völlig ineffizient.

Dazu laufen derzeit Testprojekte in China. Wann kommt das System auf den Markt?
Die Technik funktioniert, das haben wir bewiesen. Jetzt müssen nur noch die Stadtverwaltungen zustimmen. Ich denke, in ein bis zwei Jahren sind wir so weit.

Und dann soll es auch außerhalb Chinas weitergehen?
In der Stadt Hangzhou läuft das System schon. Dank unserer mit KI gesteuerten Ampeln sank die Fahrzeit mit dem Auto um 15 Prozent. Das sind keine Visionen, sondern Fakten: Unser System funktioniert. Nun müssen wir sehen, wie schnell wir die Technik ausrollen können – erst in China, dann in die großen Städte weltweit.

Mit einem eigenen Sprachassistenten fordert Alibaba auch Amazons Alexa heraus. Wie sehr wird Sprache die Interaktion mit Computern verändern?
In der Vergangenheit hatten wir nur Tastaturen. Mit Sprache lassen sich Informationen und Befehle viel direkter übermitteln, ohne Tasten als Krücke.

Werden wir in Zukunft Maschinen nur noch mit Sprache steuern?
Sprache ist nicht in allen Situationen geeignet. Wenn Sie unterwegs sind zum Beispiel. Oder Zuhause, wenn Kinder durcheinanderreden. Sprache ist nur eine neue Form der Interaktion. Da wird noch viel mehr möglich sein.

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Gesten zum Beispiel.
Genau. Maschinen können in Zukunft nicht nur unsere Worte erkennen, sondern über den Klang unserer Stimme auch die Stimmung der Nutzer lesen – und entsprechend reagieren. Aber es geht noch mehr: Menschen können Maschinen auch mit ihren Augen steuern. All diese Technologien sind längst erprobt. Jetzt sind wir dabei, sie alle in ein System zusammenzuführen.

Ihr digitaler Assistent AliGenie ist die Basis dafür. Kritiker meinen aber, es sei nur eine chinesische Kopie von Amazons Alexa.
Unser System ermöglicht zu Themen wie Wetter, Musik oder Nachrichten ein natürliches Gespräch. Springen Nutzer wie in einer Diskussion allerdings von einem Thema zu einem anderen Thema, gibt es noch Schwierigkeiten.

Genau wie Alexa.
Ich möchte AliGenie nicht direkt mit Alexa vergleichen. Aber klar ist: Unser System ist perfekt auf das Umfeld in China zugeschnitten und versteht nicht nur Hochchinesisch, sondern viele Dialekte.

Sie wollen AliGenie auch in Autos von Audi und Daimler einsetzen. Wann sind Sie soweit?
Wir kommen voran. Mit Zebra OS haben wir ein eigenes Betriebssystem für vernetzte Autos vorgestellt. Nun rollen wir die Plattform mit Chinas größtem Autokonzern, der Shanghai Automotive Industry Corporation (SAIC) aus. Es geht nicht nur darum, den Bordcomputer mit Worten zu steuern. Wir wollen das gesamte Auto mit dem Internet verknüpfen.

Wann wird das System in Autos deutscher Hersteller in China verfügbar sein?
In zwei oder drei Jahren, vielleicht auch schneller. Das hängt auch von den Produktionszyklen ab. Die Technologie jedenfalls steht.

Das Alibaba-Betriebssystem soll künftig auch selbstfahrende Autos möglich machen. Sind Autohersteller dann nur noch Juniorpartner?
So weit würde ich nicht gehen. Ein selbstfahrendes Auto besteht nicht nur aus einem ausgefeilten Betriebssystem. Die Fahrzeuge müssen bremsen und lenken – dafür muss die technische Basis stimmen. Wir können die technischen Herausforderungen nur mit einer engen Kooperation lösen.

„Uns geht es um die großen Herausforderungen unserer Welt – nicht um Spiele.“ Quelle: Valéry Kloubert für Handelsblatt
Min Wanli

„Uns geht es um die großen Herausforderungen unserer Welt – nicht um Spiele.“

(Foto: Valéry Kloubert für Handelsblatt)

Wird es bei Betriebssystemen irgendwann nur noch einen Anbieter geben?
Nein. Ich kann mir gut vorstellen, dass es weltweit zwei oder drei dominierende Anbieter für die Systeme zur Steuerung autonomer Fahrzeuge geben wird.

Wird Alibaba einer davon sein?
Wir sind entschlossen, einer der dominanten Spieler zu werden.

Haben Sie da nicht einen unfairen Vorteil? In China schreibt der Staat vor, dass nur chinesische Firmen hochauflösende Karten nutzen dürfen, auf denen Systeme für selbstfahrende Autos beruhen.
Das ist zu kurz gedacht. Die Karten allein sind noch nicht der Schlüssel. Sie müssen erst aufbereitet und mit anderen Informationen verbunden werden, damit sie ihre volle Kraft entfalten können. Ausländische Firmen sind davon nicht ausgeschlossen. Der deutsche Navigationsgerätehersteller Garmin ist ein Beispiel dafür.

Wann werden die ersten vernetzten Autos von Alibaba über die Straßen in Europa rollen?
Das hängt davon ab, wann BMW, Audi oder Daimler unser System einsetzen wollen. Praxiserprobt ist es jedenfalls. SAIC hat bereits mehr als 300.000 Fahrzeuge mit unserem Betriebssystem verkauft.

Noch sprechen Sie von vernetzten Autos, wann werden wir die ersten komplett selbstfahrenden Autos von Alibaba sehen?
Es gibt ein globales Wettrennen um die besten Systeme für wirklich autonome Fahrzeuge. International wird dabei in verschiedene Autonomiestufen unterschieden. Wir sind derzeit auf Stufe drei. Autos mit unserem System übernehmen Funktionen, wechseln selbstständig die Spur, der Fahrer muss aber noch eingreifen. Bei Stufe vier steuert der Computer das Fahrzeug dauerhaft. Davon sind wir noch ein ganzes Stück entfernt. Tesla ist bei der Entwicklung führend.

Wann werden Sie komplett autonome Fahrzeuge entwickelt haben?
Wir sind bereits mitten in Tests. In der chinesischen Stadt Hangzhou sind unsere Prototypen bereits im Einsatz. Allerdings ist China ein Härtetest für selbstfahrende Autos. In unserem Straßenverkehr herrscht täglich Chaos. Autos, Lastwagen, Scooter und Fahrräder fahren wild durcheinander. Es ist nicht leicht für einen Algorithmus, damit klarzukommen. Ich bin trotzdem optimistisch. In einigen Jahren werden wir wirklich selbstfahrende Autos entwickelt haben.

In China gibt es die Forderung, nur noch selbstfahrende Autos auf die Straßen zu lassen. Das würde das Chaos beenden. Was halten Sie von der Idee?
Die Idee ist zu radikal. Wollen Sie sterben, nur weil ein Computersystem einen Fehler macht? Noch ist das Risiko dafür zu groß.

US-Verteidigungsminister James Mattis hat davon gesprochen, dass China bereits führend bei Technologien rund um Künstliche Intelligenz ist. Stimmt das?
Ja und nein. In der Volksrepublik wird sehr viel in die Technik investiert. Die USA sind aber nach wie vor führend in der Grundlagenforschung. Wir sprechen heute von neuronalen Netzen als Basis neuer Computersysteme. Die Basis dafür wurde schon vor drei Jahrzehnten in den USA entwickelt. China ist immer noch dabei aufzuholen.

Und im Jahr 2030 werden Sie die globale Nummer eins sein?
Das hängt von der Perspektive ab. China ist das bevölkerungsreichste Land. Schon heute nutzen bei uns mehr Menschen KI-Systeme als irgendwo sonst auf der Welt. Es ist aber eine völlig andere Frage, ob die KI-Systeme auch die besten der Welt sind.

Daten sind der wichtigste Rohstoff für Künstliche Intelligenz. Der chinesische Staat stellt in großem Umfang Daten für IT-Firmen bereit.
Die Daten helfen ungemein. Aber Daten allein reichen nicht aus, wir müssen auch intelligente Systeme entwickeln, um die Daten vernünftig zu nutzen.

Gehen chinesische Unternehmen anders an Künstliche Intelligenz heran als US-Konzerne wie Google oder Amazon?
Wir nehmen uns konkrete Probleme vor.

Sie würden also – anders als Google – kein KI-System entwickeln, das vor allem dafür da ist, das komplizierte Brettspiel Go zu lernen?
Lassen Sie es mich so formulieren: Es gibt Firmen, die ihre Zeit und Aufmerksamkeit in Brettspiele investieren. Wir machen in der Zwischenzeit Krankenwagen schneller. Uns geht es um die großen Herausforderungen unserer Welt – nicht um Spiele. Alibaba-Gründer Jack Ma hat die Direktive ausgegeben, dass wir für ein übergeordnetes Ziel arbeiten. Unsere Entwicklungen sollen die Welt besser machen. Eine praktische Lösung steht daher an erster Stelle, nicht die Demonstration einer besonders ausgefeilten Technik.

Alibaba will zum Beispiel Städte mithilfe von Künstlicher Intelligenz besser machen.
Genau. Im ersten Schritt analysieren wir dafür die bestehende Infrastruktur: Die Straßen, die Strom- und Wasserversorgung. Und diese Struktur können wir dann mit den Anforderungen der Bevölkerung abgleichen und den Behörden bei der Stadtplanung helfen. Das ist aber nur der erste Schritt.

Was ist der nächste Schritt?
Südlich von Peking entsteht die Stadt Xiong’an. Dafür haben wir die Entwicklungsdaten von dutzenden chinesischen Großstädten analysiert, vom Straßenverkehr über Stromverbrauch bis hin zu Luftverschmutzung. Daraus haben wir einen optimalen Plan errechnet.

Mit Künstlicher Intelligenz?
Ja. Unser Algorithmus rechnet zum Beispiel aus, ob Hochhäuser 30 Stockwerke oder 80 Stockwerke haben sollten, weil das System gleichzeitig weiß, wie groß die Anforderungen an die Verkehrsanbindung sind, wie hoch der Stromverbrauch ist und wie viele Parkplätze gebraucht werden. Letztlich entwickelt unser Algorithmus den Plan für die Stadt.

Gleichzeitig will Alibaba auch die Industrie vernetzen.
Wenn chinesische Unternehmen vor 20 Jahren ein Fließband aus Deutschland importieren wollten, standen sie vor großen Herausforderungen. Schon für kleine Probleme mussten sie Ingenieure aus Deutschland einfliegen, die ihnen dann erklärten, welches Einzelteil verstellt oder ausgetauscht werden muss. Unseren Ingenieuren fehlte das Fachwissen. Das Problem lösen wir mit unserem System „ET Industrial Brain“, das alle Entwicklungsdaten gesammelt hat. Das System weiß, wie das Fließband eingesetzt wird und welche Probleme es in den vergangenen zwei oder drei Jahren gab. Diese Informationen gleicht das System dann mit aktuellen Sensordaten ab. Aus Millionen von Datenpunkten entsteht damit Wissen, das dabei hilft, die Maschinen optimal zu steuern.

Welche Unternehmen setzen das System ein?
GCL Power war unser erster Kunde. Bei dem Solar-Unternehmen haben wir nicht nur die Leistungsfähigkeit der Produkte gesteigert, sondern auch die Produktionskosten gesenkt.

Nutzen die Technik auch europäische oder deutsche Firmen?
Derzeit laufen Tests in verschiedenen Unternehmen, darunter auch eine deutsche Firma. Dabei geht es vor allem um die Optimierung der Produktion. Mehr darf ich über die Versuche nicht sagen. Das deutsche Unternehmen möchte erst die Wirksamkeit testen.

Und im nächsten Schritt wird dann KI nicht nur eine Stadt, sondern auch eine Fabrik entwerfen?
Fabriken sind komplizierter. Hier geht es zunächst um das Produktionsdesign, um das Entwerfen eines Smartphones zum Beispiel. Diesen Design-Teil kann Künstliche Intelligenz noch nicht übernehmen. Sobald ein Design feststeht, kann KI den Rest übernehmen.

Was für eine Künstliche Intelligenz setzt Alibaba ein?
Ich nutze eine Technik, die über Deep Learning hinausgeht. Es hat etwas mit neuronalen Netzes zu tun, nicht aber mit Deep Learing.

Der Computer soll also wie ein menschliches Gehirn arbeiten?
Ganz genau. Unser Gehirn besteht aus einem Netzwerk von Neuronen. Unsere Plattform ist der Schlüssel. Die Plattform dafür haben wir selbst entwickelt.

Es wirkt so, als würde Alibaba jeden Winkel des Alltags mit Künstlicher Intelligenz verknüpfen. Was ist der nächste Schritt?
Wir nehmen uns die Landwirtschaft vor. Bislang arbeiten Bauern in China noch sehr traditionell. Ihre Ernte ist stark vom Wetter und anderen Einflüssen abhängig. Aber schon heute überlegen wir mit Landwirten zusammen, wie sich ihre Arbeit verbessern ließe. Wir setzen auf Präzision: Düngemittel etwa sollen nicht länger pauschal über große Flächen verteilt werden. Wir wollen die Beschaffenheit des Bodens erfassen und dadurch einen zielgerichteten Einsatz von Dünger möglich machen. Das gilt auch für Wasser oder Pestizide. Wir können dank KI auf Basis vieler Daten jeden Arbeitsschritt optimieren. Das steigert die Ernte und reduziert die Kosten.

Wird das System jetzt schon eingesetzt?
In Tests, ja. Das System basiert auf der permanenten Auswertung von Kamera-Informationen oder auch Sensoren in der Luft und im Boden. Landwirtschaft wirkt zwar traditionell. Aber genau dort sehe ich die größte Chance für den Einsatz von KI: Hier geht es um die Herstellung von Lebensmitteln. Und davon profitiert jeder.

Eine Musterstadt wird mit Hilfe von KI gebaut. Quelle: Visual China Group/Getty Images
Luftaufnahme von Xiong'an

Eine Musterstadt wird mit Hilfe von KI gebaut.

(Foto: Visual China Group/Getty Images)

Ist das nicht eine naheliegende Anwendung, die auch andere Firmen umsetzen können?
Natürlich können das auch andere machen. Aber wir nehmen uns jetzt entschieden das Thema vor. Damit sind wir Pionier. Ich kann jetzt noch nicht sagen, welche weiteren Branchen wir uns vornehmen werden. Aber unsere Strategie werden datengetriebene Anwendungen sein.

Ihre Anwendungen basieren auf der Alibaba Cloud. Seit 2016 sind Sie in Europa aktiv. Doch viel hört man seitdem nicht von Ihnen. Was unterscheidet Sie von der Konkurrenz?
Wenn es Ihnen nur darum geht, Daten zu speichern, dann gibt es viele Anbieter. Aber wir denken weiter. Für uns geht es um digitale Transformation. Dafür bieten wir mit „ET Brain“ Lösungen an.

Aber selbst Techniken wie „Machine Learning“ lassen sich mittlerweile auch bei Google, Amazon und Microsoft buchen.
Das stimmt. Wir denken die Technik allerdings aus Sicht der Unternehmen. Es gibt Firmen, die setzen „Machine Learning“ nur ein, damit sie sagen können, dass sie bei einer Zukunftstechnik dabei sind. Das sagt aber überhaupt nichts darüber aus, ob die Technik sinnvoll eingesetzt ist und Probleme löst. Wir versuchen, unsere Kunden zu verstehen und darauf basierend sinnvolle Anwendungen zu entwickeln. Wir können eine Steigerung in der Produktivität garantieren.

Was passiert mit den Daten, die Ihnen Kunden in Europa anvertrauen.
Die werden alle in Frankfurt gespeichert, nirgendwo sonst.

Der chinesische Staat plant für das Jahr 2020 ein landesweites Kontrollsystem, das „Social Credit System“. Das klingt nach einem düsteren Szenario von einem mächtigen Überwachungsstaat. Alibaba arbeitet dafür mit der Regierung zusammen. Was machen Sie da genau?
Die Regierung will nicht nur mit Alibaba, sondern auch mit anderen Internetfirmen zusammenarbeiten. Wir beteiligen uns an den Plänen. Denn wir glauben, dass sie allen nutzen werden. Die Regierung sammelt Daten und errechnet auf der Grundlage einen Wert. Das ist so wie die klassische Prüfung einer Kreditwürdigkeit.

Wie arbeiten Sie genau mit dem Staat zusammen?
Die Finanztochter von Alibaba, Ant Financial, ermittelt jetzt schon auf Grundlage der Zahlungsdaten einen Wert für die Nutzer. Das System heißt „Sesame Credit“. Wir sind überzeugt, dass unser Punktesystem eine gute Hilfe für die Regierung sein kann. Der Staat überlegt sogar, unser Punktesystem zu übernehmen. Falls er das möchte, unterstützen wir gerne.

Wie errechnet Alibaba den Wert?
In unsere Berechnung fließen mehrere Daten ein. Da sind zunächst die Informationen über Ihr Kaufverhalten. Dann berücksichtigen wir die Bewertungen, die Sie online bekommen. Oder wir nutzen Informationen darüber, wo Sie sich aufhalten. Wenn Sie zum Beispiel in besonders gesicherten Wohnblöcken Zutritt haben, hilft das Ihrem Punktewert.

Der Zugang zu Luxuswohnungen mit Wachsystem hilft. Also bekommen in Ihrem System reiche Menschen einen höheren Wert als arme?
Nicht unbedingt. Es kann schon sein, dass reiche Menschen viel mehr kaufen. Noch wichtiger sind aber positive Bewertungen.

Was sorgt für eine negative Bewertung?
Eine Rechnung nicht zu Bezahlen. Das schlimmste, was Sie machen können, wäre nach dem Kauf ein Produkt nicht zu bezahlen und dann noch dem Händler eine schlechte Bewertung zu hinterlassen. Das würde Ihren Punktewert zerstören.

Das klingt nach totaler Kontrolle. Die Vorstellung macht vielen Menschen in Europa Angst. Können Sie die Sorgen verstehen?
Absolut. Ich habe länger in den USA gelebt. Dort gibt es drei große Firmen, die Ihre Kreditwürdigkeiten bewerten. Mir ist es passiert, dass bei einer Firma falsche Daten hinterlegt waren. Sie hatten Informationen über eine Person aufgenommen, die nur so ähnlich hieß wie ich. Das kann natürlich negative Auswirkungen haben, etwa auf die Möglichkeit, einen Kredit für den Hauskauf zu bekommen. Aber ich konnte die Daten korrigieren lassen. Und das sieht das System in China auch vor: Fehler lassen sich beheben. Dadurch wird das System langfristig sicher werden.

Also können Sie die Angst nicht nachvollziehen?
Ich kann verstehen, dass es Bedenken gibt. Aber ich bin überzeugt, dass wir Lösungen dafür haben.

Der Staat will das System nicht nur benutzen, um Kaufverhalten zu bewerten. Es gibt Pläne, auch politische Einstellungen oder Kritik an der Regierung zu erfassen. Solche Erwägungen klingen wie die Pläne eines Überwachungsstaates.
Da machen Sie sich zu viele Gedanken. Als Technologieunternehmen kann ich nicht erfassen, ob jemand der Regierung gegenüber kritisch ist. Diese Daten gibt es nicht und sie lassen sich auch nicht generieren. Deshalb werden sie nicht Teil des Punktewertes sein. Selbst wenn das geplant sein sollte, ließe es sich praktisch nicht umsetzen.

Sie sind sich sicher, dass Kritik an der Regierung in China niemals erfasst wird? Es gibt doch heute schon Systeme, mit denen heikle Themen in sozialen Netzwerken zensiert werden.
Wir haben noch nie eine Anforderung in diese Richtung von der Regierung bekommen.

Als Vorboten des neuen „Social Credit Systems“ in China wurden schon jetzt Bürgern mehr als elf Millionen Flüge untersagt und mehr als vier Millionen Zugfahrten – darunter sind auch Regierungskritiker.
Das ist aber das Ergebnis von Gerichtsurteilen. Unser Wert hat damit nichts zu tun. In vielen Fällen geht es um Menschen, die einen Kredit nicht mehr bezahlen konnten oder sich geweigert haben, die Entscheidung eines Gerichts umzusetzen. Das wird in China auch so öffentlich berichtet. Das geht auf eine Entscheidung der Regierung zurück.

Gibt es für Sie eine rote Linie? Würden Sie sich weigern, wenn die Regierung von Ihnen verlangt, Kritiker oder Dissidenten zu identifizieren.
Selbst wenn die Regierung das Ziel hätte, könnten wir es als Internetfirma nicht umsetzen. Uns fehlen die Daten dafür.

Sie erzählen uns, wie clever Ihre Künstliche Intelligenz ist. Aber nun sagen Sie, die Meinung eines Bürgers können Sie nicht erfassen. Wie passt das zusammen?
Die Frage führt in die falsche Richtung. Um zu wissen, ob wirklich jemand für oder gegen die Regierung ist, müssten wir vorher verstehen, welche Position der Staat hat. Aber wir können uns nie sicher sein, was die wahre Meinung des Staates ist. Folglich können wir die auch nicht mit der von Bürgern vergleichen.

Der Alibaba-Gründer Jack Ma will sich im kommenden September vom Posten als Chairman zurückziehen. Wie wird sich das Unternehmen ohne ihn verändern?
Es wird sich nicht verändern, denn Jack Ma wird immer mit Alibaba verbunden bleiben.

Jack Ma wird also bei Alibaba bleiben?
Auf jeden Fall.

Herr Min, vielen Dank für das Interview.

Ein Sprecher von Ant Financial bat um folgende Ergänzung: „Zhima Credit (hier: Sesame Credit) ist ein privater, unabhängiger Kredit-Scoring-Service von Ant Financial für kommerzielle Zwecke. Zhima Credit nimmt nicht an der Entwicklung des Social Credit Sytems teil oder arbeitet mit anderen Stellen hierzu zusammen, wie in dem Interview suggeriert wird.“

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