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Anlagenbauer Auftrag Disruption – Wie Katja Windt die SMS Group digitalisieren will

Die SMS Group will sich erneuern, um der Stahlkrise zu trotzen. Die neue Frau im Vorstand des Anlagenbauers soll die Wende schaffen.
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Die 49-Jährige soll die Digitalisierung in der Düsseldorfer SMS Group vorantreiben. Quelle: SMS Group
Katja Windt

Die 49-Jährige soll die Digitalisierung in der Düsseldorfer SMS Group vorantreiben.

(Foto: SMS Group)

DüsseldorfZwischen ihren drei neuen Vorstandskollegen, alle im schwarzen Anzug und mit grauen Haaren, wirkt Katja Windt auf den ersten Blick wie ein Leichtgewicht. Im grauen Blazer sitzt die 49-Jährige mit den braunen Locken am Mittwochmorgen in der Zentrale der Digitaleinheit der Düsseldorfer SMS Group und wartet auf ihr Bühnendebüt.

Schon seit April ist sie für das Vorstandsressort Digitalisierung, Automatisierung und Elektrik verantwortlich. Doch erst ein halbes Jahr später wagt sie sich an die Öffentlichkeit – und zwar mit einem lauten Knall.

Während Vorstandschef Burkhard Dahmen bei der Vorlage der Jahreszahlen die neue Strategie des Anlagenbauers erklärt, fällt Windt ihr Namensschild mit lautem Scheppern vom Tisch. Gestatten, Katja Windt: das sympathische Gesicht der Disruption.

Die hat die SMS Group bitter nötig. Seit Jahren leidet der Stahlwerksausrüster wie auch seine Wettbewerber unter einer anhaltenden Branchenkrise. Weil die Stahlpreise in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen sind, denkt derzeit kaum ein Hersteller daran, seine Kapazitäten auszubauen. Schätzungen gehen davon aus, dass die Branche schon jetzt jährlich rund 30 Prozent mehr Kapazitäten hat, als Stahl nachgefragt wird.

Zwar haben sich die Preise zuletzt wieder erholt, auch infolge von Handelsbeschränkungen in einigen Ländern. Doch weil der Bedarf an Stahlwerken trotzdem kaum steigt, ändert sich das Geschäftsmodell der SMS Group. „Waren die Boomjahre geprägt von großen Neubauprojekten, so bestimmen nun Modernisierungsprojekte unser Geschäft“, so Dahmen. Hier kommt Katja Windt ins Spiel.

Als jüngstes Mitglied in Dahmens vierköpfigem Vorstandsteam ist die studierte Maschinenbauingenieurin dafür zuständig, das Portfolio der SMS zu digitalisieren. Mehr als 200 verschiedene Digitalprodukte vereint der Konzern bereits unter seinem Dach, darunter eine Software zur Qualitätsüberwachung bei der Stahlproduktion sowie eine App, mit der sich die Energiebilanz eines Werks in Echtzeit kontrollieren und optimieren lässt.

Doch das bisherige Flickwerk ist für Windt nur die Ausgangsbasis: „Diese Produkte und Innovationen tragen dazu bei, dass wir das ‚lernende Stahlwerk‘ ermöglichen“, so Windt. „Damit haben wir nicht nur einen Vorteil gegenüber anderen Anlagenbauern, sondern auch gegenüber reinen Softwarehäusern.“ Denn die kennen sich mit künstlicher Intelligenz und Datenanalyse aus – aber nicht mit der Herstellung von Stahl.

Windt ist vom Fach

Ganz anders ist das bei Windt, die in Bonn aufwuchs und in Hannover studierte. „Ich habe schon in meiner Zeit als Wissenschaftlerin verschiedene Projekte geleitet, bei denen ich Stahlhersteller, aber auch Maschinen- und Autobauer bei der Planung von Prozessen beraten habe“, erklärte sie dem Handelsblatt. Windt ist vom Fach: Im Jahr 2008 wurde die Spezialistin für Produktionslogistik als Professorin an den Lehrstuhl für Global Production Logistics der Bremer Jacobs-Universität berufen.

2014 dann wurde sie Präsidentin der damals finanziell angeschlagenen Privatuniversität – und sammelte erste Krisenerfahrung. Mit Geschäftsführer Michael Hülsmann ordnete sie das Fächerangebot neu, baute Stellen ab und setzte Sparmaßnahmen um, bis sich das Ergebnis in vier Jahren um 16,6 Millionen Euro verbesserte. „Damit war meine Aufgabe vorbei“, so Windt. Sie habe „das sinkende Schiff vor dem Untergang gerettet“, lobt Alexander Lerchl, Biologieprofessor und Betriebsrat an der Jacobs-Universität.

Dass es Windt von Bremen nach Düsseldorf verschlug, ist auch das Verdienst von Dahmen, der mit der Beratungsagentur Etventure schon 2015 begann, die Digitalisierung des 150 Jahre alten Traditionsunternehmens anzustoßen. „Mit meinen Ideen musste ich nur darauf aufbauen“, erklärte die Professorin und dreifache Mutter.

Vor allem die Idee des „lernenden Stahlwerks“ hatte es der Logistikexpertin angetan. Im März eröffnete die SMS Group im US-Bundesstaat Arkansas ein Modellwerk für den Hersteller Big River Steel. Dort wird der gesamte Herstellungsprozess selbstständig von Algorithmen überwacht und reguliert.

„Wenn es einen Ort auf der Welt gibt, an dem man die Erfolge unserer Digitalisierung im Betrieb erleben kann, dann ist es unser Showcase in Arkansas“, sagte Windt. „Delegationen aus der ganzen Welt pilgern zu der Anlage unseres Kunden, um das modernste Stahlwerk der Welt zu sehen.“

„Tatkräftig und visionär“

Doch der rasante Wandel birgt für die SMS Group nicht nur Chancen, sondern auch Herausforderungen. Kurz nach Windts Einstieg im April gab Vorstandschef Dahmen bekannt, dass der Konzern infolge der anhaltenden Krise 500 von deutschlandweit rund 4100 Arbeitsplätzen streichen wird.

Viele davon entfallen auf die Sparten Metallurgie, Langprodukte und Fertigung – also auf das Kerngeschäft der SMS. Weltweit jedoch ist die Belegschaft zuletzt um drei Prozent gewachsen. Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2017 arbeiteten so rund 14.300 Menschen für das Unternehmen.

„Wir gewinnen zunehmend Mitarbeiter aus der Data-Engineering-Branche“, erklärte Windt. Dabei greift die Digitalvorständin auch auf frühere Kontakte zurück. „Ich suche weiterhin die Nähe zu Universitäten, etwa der RWTH Aachen oder der Jacobs-Universität.“

Der Kampf um Talente sei hart, so Windt. „Viele ausgelernte IT-Kräfte haben ja nach ihrem Studium zuerst Google als Wunscharbeitgeber im Kopf.“ Deshalb müsse sich die SMS Group auch bei Veranstaltungen jenseits der Branche als attraktiver Arbeitgeber positionieren.

Einen ersten Versuch machte der Konzern von Familienunternehmer Heinrich Weiss im August, als sich die Digitaleinheit der SMS Group erstmals bei der Entwicklerkonferenz der Kölner Videospielmesse Gamescom präsentierte. „Seitdem haben wir viele Bewerbungen von tollen Programmierern und 3D-Designern erhalten.

“ Künftig dürfte der Bedarf an Arbeitskräften, die digitale Welten programmieren können, bei der SMS Group deutlich steigen. So will der Konzern bis Ende des Jahres ein Virtual-Reality-Konzept vorstellen, bei dem Kunden mithilfe einer Datenbrille online durch eine digitale Version ihres späteren Stahlwerks wandern können – egal von welchem Ort der Erde.

In diesem „digitalen Klassenzimmer“ will Windt auch die SMS-Kunden von den Vorteilen der künstlichen Intelligenz und der virtuellen Realität überzeugen. „Die Branche ist oft noch sehr konservativ“, so die Vorständin. Wegbegleiter trauen ihr die schwierige Überzeugungsarbeit durchaus zu. „Katja Windt ist eine sehr tatkräftige, visionäre Frau“, meint Lerchl von der Jacobs-Universität. „Ich denke, sie wird ihre neue Aufgabe ebenso erfolgreich bewältigen, wie sie es bei uns getan hat.“

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