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EmissionszertifikateMilliardenrisiko CO2-Preis: Klimakosten werden zum Innovationsmotor

Die Preise für CO2-Zertifikate steigen drastisch. Unternehmen wie Thyssen-Krupp, Lanxess und Covestro stellen sich darauf ein – und investieren in klimafreundliche Technologien.Bert Fröndhoff, Kevin Knitterscheidt 19.05.2021 - 04:01 Uhr Artikel anhören

Parallel zur Umstellung auf die Produktion mit Wasserstoff treibt Thyssen-Krupp weitere Reduktionsprojekte voran – um seine CO2-Kosten zu verringern.

Foto: dpa

Düsseldorf. Beim Thema CO2-Reduktion fährt Thyssen-Krupp mittlerweile mehrgleisig: Erst am Montag gab der Industriekonzern bekannt, dass er in der Stahlherstellung künftig mit dem Recyclingunternehmen TSR kooperieren will, um den Schrottanteil bei der Stahlherstellung zu erhöhen – und so, parallel zur langfristigen Umstellung von Kohle auf Wasserstoff, schon kurzfristig seine Emissionen zu senken.

Der Technikchef der Stahlsparte, Arndt Köfler, erklärte: „Die Umstellung auf gänzlich neue Technologien wird Zeit brauchen.“ Deswegen sei es wichtig, dass der Stahlhersteller auch im bestehenden Anlagenpark kurzfristige Maßnahmen ergreife, um den Ausstoß von CO2 zu senken. „Denn der Klimawandel macht keine Pause“, sagte Köfler. Das gilt auch für die Kosten, denen sich die Unternehmen angesichts steigender Preise für Emissionszertifikate gegenübersehen.

Allein Thyssen-Krupp emittiert am Standort in Duisburg-Bruckhausen jedes Jahr rund 20 Millionen Tonnen CO2. Einen großen Teil der dafür nötigen Zertifikate, 80 Prozent, bekam das Unternehmen zuletzt noch frei zugeteilt. Den Rest muss es durch CO2-Einsparungen oder zugekaufte CO2-Zertifikate decken.

Durch zunehmende Verknappung wird dieser Anteil mit der Zeit aber immer größer – womit Investitionen in klimaneutrale Technologien ausgelöst werden sollen, so das Kalkül der Politik.

Derzeit kostet ein solches Verschmutzungsrecht auf dem Spotmarkt rund 55 Euro pro Tonne, nachdem die Zertifikate in der vierten Handelsperiode seit Januar nun zügiger verknappt werden sollen als bislang. Noch im Februar erzielte der Preis erstmals die Marke von 32 Euro – nachdem er im vergangenen Jahr bei 25 Euro gelegen hatte.

Dabei richten sich die Zuteilungsregeln derzeit noch nach dem alten Reduktionsziel der EU, das kürzlich von 40 auf 55 Prozent im Vergleich zu 1990 angehoben wurde. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass bei der Zuteilung noch einmal nachjustiert wird.

Noch spürt man die Auswirkungen davon bei Thyssen-Krupp zwar nicht. So erklärte Finanzchef Klaus Keysberg bei der Vorlage der Quartalszahlen in der vergangenen Woche, der Konzern decke seinen Bedarf derzeit noch aus Freizuteilungen und früheren Zukäufen ab, als die Preise noch günstiger waren. Wie viele andere Unternehmen hat sich auch Thyssen-Krupp vorsorglich eingedeckt. Doch es sei „davon auszugehen, dass die Belastungen steigen“, so Keysberg.

Steigende Preise könnten Milliardenrisiko bedeuten

Wie hoch die Zahl der frei zugeteilten Zertifikate ausfällt, bemisst sich dabei an Benchmarks für verschiedene Produktionsverfahren. Bei der Stahlproduktion selbst fällt das CO2 bei der Reduktion des Eisenerzes an, die entweder mit Erdgas oder mit Koks, das aus Kohle gewonnen wird, erfolgt. Weil die Reduktion per Erdgas in der EU derzeit kaum verbreitet ist, bemisst sich die Zuteilung am Verfahren im Hochofen.

Gemessen an einer Freizuteilung von 80 Prozent müsste Thyssen-Krupp bei einem theoretischen Preis von 50 Euro jedes Jahr mehr als 200 Millionen Euro allein für den Zukauf von Verschmutzungsrechten ausgeben – hätte das Unternehmen nicht vorsorglich zu günstigeren Preisen zugekauft. Andere Unternehmen, wie Arcelor-Mittal in Bremen, geben ihre Zukaufquote für die vergangene Handelsperiode mit 30 Prozent an.

Für die Branche drohen die steigenden Preise deshalb zum Milliardenrisiko zu werden – wenn nicht gleichzeitig Technologien wie der vermehrte Einsatz von Schrott eingeführt werden, die die Emissionen kurzfristig senken. Durch jede Tonne Schrott, die künftig in Duisburg im Hochofen eingesetzt wird, spart der Konzern eine Tonne CO2, also derzeit rund 50 Euro. Da lohnt es sich, schnell in die Entwicklung neuer Verfahren zu investieren, um die Emissionen entsprechend zu senken.

Auch andere Industriebereiche wie die Chemieindustrie sind von steigenden Preisen betroffen. Konkrete übergreifende Zahlen zur Belastung für die deutsche Chemieindustrie sind schwierig zu ermitteln. Für die Anlagen in der Branche gibt es zwölf Benchmarks, die unterschiedlich verschärft worden sind – anders also als in der Stahlindustrie, die nur eine Benchmark hat, die auf alle Unternehmen gleich wirkt und so eine Kostenabschätzung seriös ermöglicht.

Die Dekarbonisierung wird auch für die Chemieindustrie zum Kraftakt.

Foto: Reuters

Auch Chemie rechnet mit steigenden Kosten

Klar aber ist: Die Kosten für die Chemie erhöhen sich deutlich, wie der Branchenverband VCI erwartet. Denn die CO2-Preiserhöhung trifft bei der Chemie gleichzeitig auf eine Verringerung des Carbon-Leakage-Schutzes. Dabei handelt es sich um eine Sonderregelung im EU-Emissionshandelssystem, nach der Industrieanlagen eine Sonderbehandlung erhalten, bei denen eine hohes Risiko der Verlagerung von Emissionen besteht.

Laut dem VCI wurde die Carbon-Leakage-Liste drastisch verkürzt. Damit fallen viele Chemieprozesse aus der Liste und erhalten kaum noch Emissionszertifikate kostenlos zugeteilt. Aber auch für die Prozesse, die noch auf der Liste stehen, haben sich die Benchmarks teils spürbar verschärft. Dadurch verringert sich die kostenlose Zuteilung erheblich. „Alle Unternehmen müssen jetzt mehr Zertifikate zukaufen – und das bei gestiegenen und weiter steigenden Preisen“, sagt VCI-Experte Jörg Rothermel.

Die Leverkusener Covestro AG geht von einer steigenden Belastung aus, ohne konkrete Zahlen zu nennen. Der Konzern ist mit einem Teil seiner Produktionsanlagen im Emissionshandelssystem ETS reguliert, erhält auch freie Zertifikate, kauft aber für den eigenen Bedarf am freien Markt hinzu. Die spezifischen Emissionen lagen im Jahr 2020 bei 0,3892 Tonnen CO2-Äquivalente pro Tonne Produkt, bei einem Produktionsvolumen von 14 Millionen Tonnen.

Covestro fordert international gleiche Vorgaben für alle, weil nationale Maßnahmen aus Sicht des Konzerns die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie gefährden. Instrumente wie der derzeit auf EU-Ebene diskutierte Grenzausgleichmechanismus seien allein wegen der damit verbundenen handelspolitischen Risiken nicht das richtige Mittel, so das Unternehmen.

Zusätzlich benötigt die Industrie flankierende Mechanismen zur Förderung von Investitionen in neue, nachhaltigere Technologien. Für „vielversprechend“ hält der Konzern sogenannte „Carbon Contracts for Difference“, die durch einen virtuellen CO2-Preis Planungssicherheit bringen und einen Technologiewechsel fördern. Damit würden fortschrittliche Unternehmen für ihre Anstrengungen belohnt. Klimaneutralität sei nur mit neuen, innovativen Technologien zu erreichen – deren Entwicklung und Einsatz müsse gefördert werden, heißt es bei Covestro.

Mehrkosten durch steigende Strompreise

Die Kölner Lanxess setzt ebenfalls auf neue, umweltfreundliche Technologien, um wie geplant bis 2040 klimaneutral zu sein. Damit will der Konzern auch höheren Kosten durch steigende Zertifikatspreise entgegenwirken, er nennt aber keine konkreten Zahlen.

Allein durch den Bau einer neuen Lachgas-Reduktionsanlage am Standort Antwerpen für zehn Millionen Euro werden 150.000 Tonnen CO2-Äquivalente eingespart. Bis 2025 will Lanxess 100 Millionen Euro in klimafreundliche Technologien investieren. Seit 2004 hat der Konzern seine Emissionen auf rund drei Millionen Tonnen CO2-Äquivalente reduziert.

Bei der Münchener Wacker Chemie wird die Verknappung der Emissionszertifikate zu finanziellen Mehrbelastungen auf zwei Ebenen führen: erstens bei den eigenen Emissionen und zweitens, wesentlich stärker, indirekt über den Preis für zugekauften Strom. Die direkten Mehrkosten für den Erwerb von Zertifikaten liegen für Wacker perspektivisch bei einem mittleren einstelligen Millionenbetrag pro Jahr. Da das Unternehmen nach eigenen Angaben durch Zukäufe für die nächsten Jahre über ausreichend Zertifikate verfügt, werden diese Mehrkosten erst mit Verzögerung wirksam.

Der Konzern merkt die steigenden CO2-Kosten auch am Strompreis.

Foto: Reuters

Sofort spürbar seien die Auswirkungen über den Strompreis, heißt es bei Wacker. Die Mehrkosten liegen pro Jahr im mittleren zweistelligen Millionen-Euro-Bereich. „Die Verknappung oder Verteuerung von Emissionszertifikaten kann einen wichtigen Anreiz dafür setzen, dass die Unternehmen in ihren Anstrengungen, ihre Emissionen zu senken, nicht nachlassen“, sagt ein Wacker-Sprecher.

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Das Münchener Unternehmen will bis 2030 die spezifischen CO2-Emissionen verglichen mit 2012 um ein Drittel reduzieren und den Energieverbrauch verglichen mit 2007 halbieren. Das reiche aber nicht annähernd aus, um die Mehrkosten – vor allem aus dem Strompreis – auszugleichen. „Das macht deutlich, wie wichtig ein europäischer Industriestrompreis von vier Cent pro Kilowattstunde für die Wettbewerbsfähigkeit der energieintensiven Unternehmen hierzulande ist.“

Mehr: Lob von der Wirtschaft, Streit in der Koalition: Was bedeutet das Urteil zum Klimaschutzgesetz?

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