Zum The Spark - der deutsche Digitalpreis Special von Handelsblatt Online
Project Debater beim Debattierwettbewerb

Die Software hat noch Schwächen, trotzdem ist der Auftritt bemerkenswert.

(Foto: JASON HENRY/The New York Times/R)

IBM Debater Wenn Computer und Mensch sich ein Rededuell liefern

Eine künstliche Intelligenz von IBM schlägt sich in einer Diskussion beachtlich. Müssen Politiker, Manager und Pfarrer um ihre Jobs bangen?
Kommentieren

DüsseldorfDie Maschine hat nicht über den Menschen gesiegt, zumindest dieses Mal. Doch allzu viel fehlte nicht.

Vor einigen Tagen lud IBM zu einem ungewöhnlichen Wettbewerb ein: Der IT-Konzern ließ ein neues System in einem Debattierwettbewerb antreten, „Project Debater“ lautete der Name passenderweise. Mit zwei erfahrenen Diskussionspartnern stritt das Programm beispielweise darüber, ob der Staat die Weltraumforschung subventionieren soll. Anschließend stimmte das Publikum ab.

Kurzer Vortrag, Gegenrede, Fazit: Nach zwei Debatten stand es 1:1. Anders als bei Schach, Go und Poker ist der Mensch der Maschine noch nicht völlig unterlegen. Doch auch das Unentschieden ist bemerkenswert. Denn der Wettbewerb lässt erahnen, dass Computer den Umgang mit Sprache, bislang ihre große Schwäche, erlernen können.

Das wiederum wirft einmal mehr die Frage auf, was der Fortschritt bei künstlicher Intelligenz (KI) für den Arbeitsmarkt heißt. Werden Politik, Pfarrer und Manager überflüssig, oder zumindest ihre persönlichen Referenten und Sekretärinnen? Ein Blick auf die Technologie zeigt, dass sich viele Jobs zumindest verändern werden.

Sechs Jahre Arbeit

Eine schwarze Säule mit einem blauen Mund verkörpert bei der Debatte „Project Debater“. Dahinter steckt jedoch nicht eine monolithische Technologie: Das Entwicklungsteam hat in sechs Jahren ein komplexes System entwickelt, das auf Textanalyse, Spracherkennung und Sprachausgabe beruht.

So analysiert es 300 Millionen Dokumente – von Wikipedia-Einträgen bis Zeitungsartikeln –, um sich auf das Thema vorzubereiten. Es transkribiert die Argumente des Debattengegners, um darauf antworten zu können. Und strukturiert das Wissen so, dass es möglichst überzeugend rüberkommt.

In der Debatte gelingt das nicht immer. Trotzdem hat der Wettbewerb Christian Bauckhage beeindruckt. „Es ist wirklich beachtlich, was künstliche Intelligenz möglich macht“, sagt der Professor für Informatik an der Uni Bonn und wissenschaftlicher Leiter des Fraunhofer-Forschungszentrums Maschinelles Lernen. Systeme mit einem derartigen Textverständnis seien vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen.

Ein Szenario für die Zukunft: In einer Anwaltskanzlei hilft die Software, lange Gesetzestexte und Urteilsbegründungen samt den darin enthaltenen Argumentationen zu analysieren. Um die Zusammenfassung zu einem Plädoyer kümmert sich aber der Jurist. So sieht es auch IBM: Der Konzern betont, dass die Technologie die menschliche Intelligenz erweitere, nicht ersetze.

Allerdings lässt sich an der Debatte erkennen, wo die Grenzen der künstlichen Intelligenz liegen. „Das System von IBM sah gut aus, weil es auf eine große Menge von Daten zugreifen konnte“, erklärt Bauckhage. Zur Erkundung des Weltalls beispielsweise gibt es viele Artikel und Statistiken, die eine Grundlage für die Argumentation bieten.

Bei vielen Themen dürfte der IBM Debater jedoch hoffnungslos verloren sein: „Vieles, über das es sich zu debattieren lohnt, ist nicht in Datenbanken zu finden, gerade wenn es um ethische Diskussionen geht“, sagt der Spezialist fürs maschinelle Lernen, die wichtigste Teildisziplin der KI. Auf das Weltwissen, das ein Mensch im Laufe seines Lebens sammelt, kann die Maschine nicht zurückgreifen.

Daher ist eine Arbeitsteilung sinnvoll. „Wenn ein Manager hauptsächlich mit Zahlen und Fakten argumentiert, könnte man sich vorstellen, dass ein System wie der Debater bei der Vorbereitung helfen kann“, sagt Bauckhage. Doch bei der Vermittlung seien auch Emotionen wichtig. „Das System ist ein cleverer Faktenfinder, aber kann nicht die Überzeugungsarbeit leisten.“ Ob in der Firma oder der Kirche.

Die Arbeit verschwindet nicht, aber sie verändert sich. Nach Einschätzung des McKinsey Global Institute (MGI) wird der Anteil der Arbeit, der technisches Wissen voraussetzt, bis 2030 um bis zu 55 Prozent steigen. „Gleichzeitig werden soziale und emotionale Kompetenzen an Bedeutung gewinnen“, heißt es in der Studie „Skill Shift“.

Die Debatte zeigt es: Wissen allein reicht nicht, um zu überzeugen.

Startseite

0 Kommentare zu "IBM Debater: Wenn Computer und Mensch sich ein Rededuell liefern"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%