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Internationale Studie Von wegen technikfeindlich – Deutsche Arbeitnehmer offen für künstliche Intelligenz

Keine Angst vor neuer Technik: Einer aktuellen Studie zufolge sehen deutsche Arbeitnehmer den Einsatz künstlicher Intelligenz positiv.
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Ein Mitarbeiter des Robotic Innovation Centers steuert bei der CeBIT Messe in Hannover mit Hilfe eines Exoskeletts den Roboter AILA. Quelle: dpa
Künstliche Intelligenz am Arbeitsplatz

Ein Mitarbeiter des Robotic Innovation Centers steuert bei der CeBIT Messe in Hannover mit Hilfe eines Exoskeletts den Roboter AILA.

(Foto: dpa)

BerlinDeutschland hat bei der wirtschaftlichen Nutzung von künstlicher Intelligenz (KI) im internationalen Vergleich gute Chancen. „Wir stellen eine sehr analytische Haltung zu KI fest, kritisch, aber auch neugierig und insgesamt sehr faktenbezogen“, sagt Jörg Erlebach, Senior Partner bei der Boston Consulting Group (BCG). Anders als oft bemängelt, habe die deutsche Wirtschaft außerdem „in wesentlichen Teilen einen bevorzugten Zugang zu Daten, und wer darüber verfügt, hat einen Vorteil.“

Die BCG hat im Mai und Juni die weltweit erste internationale Erhebung über den Einsatz von KI in Unternehmen durchgeführt. Befragt wurde jeweils eine repräsentative Zahl von Arbeitnehmern – keine Manager – in Frankreich, Deutschland, Spanien, Großbritannien sowie in den USA, Kanada und China.

Dabei kamen sowohl Mitarbeiter zu Wort, die bereits selbst am Arbeitsplatz mit künstlicher Intelligenz zu tun haben als auch solche, die zwar davon gehört haben, in der eigenen Arbeitswirklichkeit aber noch nicht damit konfrontiert wurden.

Weltweit haben die Chinesen eindeutig die positivste Einstellung zu KI. 85 Prozent der Befragten erwarten, dass die Arbeitsorganisation sich verbessern wird und 90 Prozent glauben, dass sich Wachstumschancen für ihr Unternehmen ergeben. Die entsprechenden Werte für Deutschland: 68 und 72 Prozent. Deutschland liegt im Mittelfeld, Spitzenreiter bei der KI-Freundlichkeit in Europa ist überraschenderweise Spanien.

In allen Ländern zeigt sich, dass Arbeitnehmer mit eigener KI-Erfahrung dem Phänomen positiver gegenüber stehen als solche, die noch keine eigenen Erlebnisse haben. „Die Leute sind bereit, die Gelegenheit zu nutzen“, folgert Silvayn Duranton, der die BCG-Tochter Gamma leitet, in der 500 Mitarbeiter sich mit dem Einsatz von KI in Unternehmen beschäftigen.

Besonders interessant an der Studie sind die Widersprüche, die an wichtigen Stellen deutlich werden. Auch wenn KI-erfahrene Arbeitnehmer insgesamt sehr positiv dazu eingestellt sind, haben sie in mancher Hinsicht einen sehr kritischen Blick. In vielen Ländern erwarten sie negative Auswirkungen auf die Anzahl der Arbeitsplätze und die Kaufkraft.

Eine sehr große Mehrzahl von 82 Prozent der aktiven KI-Nutzer befürchtet, dass die Technologie zu größerer Kontrolle und Überwachung führen wird. Und 71 Prozent erwarten, dass KI Arbeit entmenschlicht und zu weniger sozialem Zusammenhalt führen wird. Die gleiche Anzahl sieht die Gefahr ethischer Probleme, vor allem mit Blick auf den Schutz persönlicher Daten.

Verblüffend ist, dass gerade die chinesischen Arbeitnehmer die Gefahr einer verschärften Kontrolle und von Arbeitsplatzverlusten sehen. 84 Prozent von ihnen befürchten Überwachung und 76 Prozent weniger Jobs. Damit sind die Chinesen weltweit Spitzenreiter.

Es gibt also, und das herauszuarbeiten ist die Stärke der BCG Studie, keine simple positive oder negative Einstellung zu künstlicher Intelligenz. Man muss schon sehr genau nach den einzelnen Auswirkungen und den Haltungen dazu fragen.

Herausforderung für Unternehmen: KI zu geheimnisvoll

Duranton zieht eine Lehre aus den kontrastreichen Ergebnissen: „Die Leute haben vor allem einen positiven Blick auf die Möglichkeiten für ihr Unternehmen, aber sie wollen Leitplanken, eine gute Regulierung, gute Bedingungen für die Anwendung.“ Unternehmen stünden vor der Herausforderung, noch wesentlich über die staatliche Regulierung hinauszugehen, die in Entwicklung ist. Nur so ließen sich die deutlich kritischen Tendenzen auf konstruktive Weise beantworten.

Einen Einfluss auf die Einstellung zu KI in der Arbeitswelt hat ganz offensichtlich die Art und Weise, wie damit im Unternehmen umgegangen wird: offen oder geheimniskrämerisch. Frankreich ist zusammen mit dem Vereinigten Königreich das Schlusslicht, was den unternehmensinternen Dialog über KI angeht. Lediglich 28 Prozent der Befragten gaben an, dass ihre Vorgesetzten mit ihnen über das Thema diskutieren. In Deutschland sind es 39 Prozent, in Spanien 42 Prozent. Spitzenreiter ist hier China mit einem Wert von 79 Prozent.

Natürlich kann man einwenden, dass ein Franzose möglicherweise nicht dasselbe unter einer offenen Diskussion versteht wie ein chinesischer Arbeitnehmer. Duranton gibt zu, dass es einen kulturellen Einfluss geben könne, der die Ergebnisse verzerre. Das lasse sich nicht herausfiltern. „Wir geben das wieder, was die Befragten geantwortet haben.“

Die äußerst schwachen Werte in den beiden europäischen Staaten sieht der BCG-Partner als „einen lauten Weckruf dafür, nicht nur im Topmanagement und unter Experten über den Einsatz von KI zu sprechen, sondern den Dialog mit allen Teams und mit den Gewerkschaften aufzunehmen.“ Und es müsse nicht nur geredet, sondern auch gehandelt werden, etwa durch Schulungsangebote.

Keine Technikfeindlichkeit in Deutschland

Kritisch fügt der Franzose hinzu: Wir reden in Europa viel über die Notwendigkeit, eigene GAFAs (Technikriesen wie Google, Amazon, Facebook, Apple) zu schaffen, mehr für die Forschung in künstlicher Intelligenz aufzuwenden, aber wir sollten vor allen Dingen mit den Beschäftigten reden.“ Auch hier zeige sich ein „spanisches Wunder“, denn 42 Prozent der Befragten in dem Land gaben an, dass ihre Vorgesetzten mit ihnen über KI diskutieren. Das ist weltweit der zweithöchste Wert.

An zweiter Stelle liegt Spanien auch, was die Einstellung von Mitarbeitern mit neuem Qualifikationsprofil angeht und im Hinblick auf Weiterbildungsmöglichkeiten. Deutschland schneidet hier gut ab, es liegt im weltweiten Vergleich jeweils auf Rang 3.

„Roboter statt Personal“ – So soll der Arbeitskräftemangel behoben werden

Der deutsche BCG-Partner Erlebach sieht hierzulande keine Technikfeindlichkeit. Es sei vielmehr so, dass man sich intensiv mit allen Vor- und Nachteilen von KI auseinandersetze. „Das hat auch einen Vorteil, wir sind als Standort gesucht, weil wir uns mit den möglichen kritischen Folgen des Einsatzes von KI befassen.“

Ein häufiges Argument: in Deutschland sei der Datenschutz zu streng, deswegen werde die Auswertung von Big Data und damit die Entwicklung von künstlicher Intelligenz behindert. Das lässt Erlebach jedoch nicht gelten.

Zwar gehe der durchschnittliche Deutsche sehr viel zurückhaltender mit der Weitergabe persönlicher Daten um. Doch andererseits säßen die großen Industrieunternehmen auf einem „Schatz von Daten“, der noch nicht ansatzweise genutzt werde. „Jedes moderne Auto erhebt während der Fahrt tausende von Messwerten, die man auswerten kann, entsprechendes gilt für Maschinen.“ Es müsse mit dem Teufel zugehen, wenn „der Exportweltmeister Deutschland daraus keinen Nutzen ziehen könnte.“

Mit einem Anflug von Kritik sagt der BCG-Mann: „Es kann auch eine prima Ausrede sein zu sagen: ‚Wenn ich alle Daten habe, mache ich was ganz Tolles‘.“ Wir könnten schon jetzt „vielleicht auf etwas kleinerer Basis etwas Tolles machen, das nennt man Evolution.“

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