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Medizin der Zukunft Wenn der Roboter die Schilddrüse checkt

Merck setzt erstmals einen sprechenden Roboter zur Gesundheitsvorsorge ein. Der Markt für Prävention birgt hohes Potenzial für die Pharmabranche.
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Merck will mit dem Einsatz von Petra das Bewusstsein für Schilddrüsenerkrankungen schärfen. Quelle: AFP/Getty Images
Roboter von Furhat

Merck will mit dem Einsatz von Petra das Bewusstsein für Schilddrüsenerkrankungen schärfen.

(Foto: AFP/Getty Images)

Frankfurt Ein bisschen blass ist sie, aber auf jeden Fall ein Hingucker. Ebenmäßige Gesichtszüge, freundlicher Augenaufschlag, sanfte Stimme. Und wenn Petra ihr Gegenüber nach gesundheitlichen Problemen fragt, ist sie ganz bei der Sache. „Hallo, ich bin Petra, der erste Roboter, der einen Gesundheitscheck macht,“ begrüßt sie auf Englisch.

Um dann gleich in medias res zu gehen. Alter? Gewicht? Medikamenteneinnahme? Ob man sich manchmal schlapp fühle, das Herz rase oder die Haare ausfallen, fragt die Roboterin unter anderem. Denn Petra hat die Aufgabe, innerhalb weniger Minuten herauszufinden, ob beim Gegenüber möglicherweise die Schilddrüsenfunktion gestört ist.

Der Darmstädter Pharmakonzern Merck hat Petra für diese Aufgabe programmieren lassen, genauer gesagt die schwedische Landesgesellschaft von Merck. Dort ist Gustav Aspengren mit dem Pilotprojekt betraut. Petra steht für „Prescreening Experience through Robot Assessment“, eine roboterunterstützte Vorsorgebefragung. Entwickelt hat die elektronische Büste die schwedische Firma Furhat Robotics.

Merck will mit dem Einsatz von Petra das Bewusstsein für Schilddrüsenerkrankungen schärfen. „Diese Erkrankungen bleiben häufig unerkannt, auch viele Ärzte haben das Thema nicht auf der Agenda“, sagt Aspengren. Laut Schätzungen sind weltweit rund 200 Millionen Menschen davon betroffen, rund 60 Prozent sind sich der Erkrankung aber nicht bewusst. Und weil die Symptome unspezifisch sind, dauert es in der Regel bis zu vier Jahre, bis die Krankheit diagnostiziert ist.

Prävention wird in Zukunft im Gesundheitsmarkt eine viele größere Rolle spielen, zeigt eine aktuelle Umfrage von Strategy&, der Strategieberatung von PwC unter 120 Pharmamanagern. Die befragten Pharmaführungskräfte erwarten in den kommenden Jahren im Vergleich zu 2018 vor allem in den Bereichen Diagnostik, Prävention und digitale Gesundheit massive Ausgabensteigerungen.

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Der Anteil der drei Bereiche wird sich bis 2030 von sieben auf 23 Prozent erhöhen, was in absoluten Zahlen mehr als eine Verdreifachung auf 2,7 Billionen Dollar, umgerechnet etwa 2,4 Milliarden Euro, bedeutet.

Petra könnte helfen, dass mehr Menschen früher abklären lassen, ob sie an einer Schilddrüsenerkrankung leiden, ist Aspengren überzeugt. Denn die Erfahrungen mit den Furhat-Robotern hat gezeigt, dass die sprechenden Büsten die Neugierde der vorbeilaufenden Menschen wecken, und die Bereitschaft hoch ist, sich auf einen Dialog mit der Maschine einzulassen.

Eine Diagnose stellt Petra allerdings nicht. Gibt es auffällige Symptome, empfiehlt sie dem Gegenüber einen Besuch beim Arzt.

Die Screening-Software für das Merck-Projekt kommt von der Firma YourMD, die weltweit mit ihren Diagnostik-Apps vertreten ist. Am digitalen Symptom-Check zu Schilddrüsenerkrankungen haben nach Angaben des Unternehmens bereits mehr als 24.000 Nutzer teilgenommen. Knapp die Hälfte davon gab Symptome an, die häufig bei Schilddrüsenerkrankungen vorkommen.

Merck hofft auf die USA und Asien

Damit Petra möglichst wenige falsch-positive oder falsch-negative Einschätzungen zu den Symptomen gibt, hat das Team im Merck-Pilotprojekt die Software in den vergangenen beiden Jahren stetig optimiert.

Merck-Manager Aspengren kann sich vorstellen, Petra-Roboter weltweit in großen Ärztezentren, Kliniken oder Apotheken aufzustellen. Im kommenden Jahr soll das Projekt offiziell gestartet werden. Merck stellt den Service kostenlos zur Verfügung und hofft auf eine Refinanzierung, wenn perspektivisch mehr Menschen die Schilddrüsenmedikamente des Unternehmens verordnet bekommen.

Merck bietet unter anderem Medikamente gegen die Schilddrüsenunterfunktion an, daran leiden im Alter von 60 Jahren etwa 17 Prozent der Frauen und acht Prozent der Männer.

Insbesondere die USA und Asien sind für Mercks Petra-Projekt interessante Regionen. Denn während in Europa Schilddrüsenpatienten in der Regel gut versorgt sind, gibt es in den anderen Regionen der Welt noch viel Potenzial. Vom Aussehen her kann sich Petra überall anpassen, ob asiatisch, afrikanisch, eurasisch, die Büste hat mehr als 50 verschiedene Gesichter und Stimmen, männlich wie weiblich.

Auch Kommunikationsprobleme wird Petra nicht haben, der Computer spricht viele Sprachen. Das Schilddrüsenscreening ist bereits in zehn Sprachen verfügbar. Sollte es mit der Spracherkennung doch mal Schwierigkeiten geben, kann der Dialog auch über einen Touchscreen geführt werden. Das Thema Datenschutz steht bei Petra übrigens ganz oben an – persönliche Daten der Gesprächspartner werden nicht gespeichert.

Mehr: In der Medizin wird Künstliche Intelligenz immer breiter eingesetzt. Die Hersteller hoffen auf ein Milliardengeschäft. Doch der Datenschutz bremst die Entwicklung.

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