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Softwarekonzern Wie Microsoft Kunden bei der digitalen Transformation hilft

Microsoft ist dank künstlicher Intelligenz und Cloud-Computing ein Comeback gelungen. Dafür stehen Firmen wie VW und Eon – die sich aber in eine Abhängigkeit begeben.
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Microsoft will mit seinen Diensten rund um Cloud-Computing und künstliche Intelligenz das Betriebssystem für die Vernetzung stellen. Quelle: (c) Mischa Keijser/Corbis
Heute ist das Betriebssystem für PCs nur ein Produkt von vielen

Microsoft will mit seinen Diensten rund um Cloud-Computing und künstliche Intelligenz das Betriebssystem für die Vernetzung stellen.

(Foto: (c) Mischa Keijser/Corbis)

Paris, OrlandoMit lautem Rauschen jagt der Mais über die steile Rampe. Ein Großteil der gelben Massen verschwindet in einem Container – hin und wieder pustet ein gezielter Luftstoß ein Korn in einen anderen Behälter. Mit einem breiten Grinsen öffnet Stuart Bashford, Technikchef des Schweizer Unternehmens Bühler, die Schublade und zeigt die Ausbeute: Sein System hat das schlechte Getreide genau erkannt.

Der Manager stellte das System Lumovision kürzlich auf der Microsoft-Konferenz Ignite vor. Denn im Hintergrund läuft die Technologie des Softwarekonzerns: Unsichtbar für das menschliche Auge wird jedes einzelne Getreidekorn von einer Kamera aufgenommen und analysiert. In Bruchteilen einer Sekunde entscheidet die Software, ob ein Korn mit Aflatoxin befallen ist – einem Schimmelgift, das nach Schätzungen von Gesundheitsorganisationen für jährlich mehr als 150.000 Fälle von Leberkrebs weltweit verantwortlich ist.

Es ist nur eine von vielen Partnerschaften, die Microsoft präsentierte. Zahlreiche bekannte Namen tauchten auf der großen Leinwand hinter CEO Satya Nadella auf: BMW, Shell, Walmart und Eon, um nur einige zu nennen. Sie alle nutzen die Dienste von Microsoft, um analoge Produkte und Dienstleistungen ins 21. Jahrhundert zu bringen.

„Wir versuchen, mit unseren Kunden zu lernen, wie eine Branche funktioniert, und ihnen dann die bestmöglichen Lösungen zu bieten“, erklärt Vertriebschef Jean-Philippe Courtois die neue Strategie gegenüber dem Handelsblatt.

Wenn ein Update für Windows technische Probleme bereitet – wie es derzeit der Fall ist –, sind die Folgen längst nicht mehr so gravierend wie früher. Heute ist das Betriebssystem für PCs nur ein Produkt von vielen. Heute, da „die Welt ein Computer wird“, wie CEO Nadella sagt, will der Konzern mit seinen Diensten rund um Cloud-Computing und künstliche Intelligenz das Betriebssystem für die Vernetzung stellen. Das wichtigste Angebot heißt daher nicht mehr Windows, sondern Azure.

Die Investoren haben das längst erkannt: Seit Nadellas Amtsantritt 2014 ist der Microsoft-Kurs auf das Dreifache gestiegen. Der Börsenwert liegt mit gut 850 Milliarden Dollar etwas über dem von Google-Mutterkonzern Alphabet. Vor fünf Jahren, als das 1975 gegründete Microsoft als abgeschrieben galt, lagen noch Welten dazwischen.

Das Beispiel Bühler zeigt, wie Microsoft sich die neue Welt vorstellt. Beim System Lumovision brachte der Schweizer Lebensmittelspezialist die langjährigen Erfahrungen seiner Experten ein, der amerikanische Konzern seine Technologie – also die Cloud-Computing-Plattform Azure und Algorithmen für künstliche Intelligenz.

So kennt die Maschine die Fließgeschwindigkeit der Maiskörner auf der Rampe und kann so gezielt infizierte Körner entfernen. Und das in einer bisher ungekannten Geschwindigkeit: 15 Tonnen pro Stunde prüft und reinigt die Maschine. Das ist eine Revolution in der Nahrungsmittelindustrie: Während hochwertige und teure Produkte wie Erdnüsse aufwendig einzeln geprüft werden, ist es bei Massenware wie Mais üblich, aus einem Container voll Ware mühsam Proben zu ziehen.

Ohne die Geschwindigkeit und Leistungsstärke einer Cloud-Plattform sei das neue System nicht machbar gewesen, sagte Technikchef Bashford im Gespräch mit dem Handelsblatt. Der bodenständige Mittelständler ist gerade dabei, sein gesamtes Unternehmen, alle Geschäftsprozesse, Produkte und Dienstleistungen zu digitalisieren. Das ist es, was Microsoft-Chef Nadella als „Tech Intensity“, als Technologieintensität bezeichnet.

Was das Buzzword besagen soll: Informationstechnologie ist nicht mehr nur ein Hilfsmittel, um ein Unternehmen zu führen – sie steht im Zentrum aller Prozesse. Nadella vergleicht die Cloud-Technologie gar mit der Einführung von Dampfmaschine oder Elektrizität – nur dass die Auswirkungen noch gravierender seien. Die ganze Welt wird ein Computer, sagt der Manager voraus. Das „Internet der Dinge“ vernetzt in Echtzeit viele Milliarden von Geräten und Sensoren. Microsoft, sagt Nadella, sei angetreten, Unternehmen und Menschen weltweit auf dem Weg in die Digitalwelt zu unterstützen.
Das Schweizer Familienunternehmen steht für einen großen Trend. Microsoft verkünde derzeit so viele namhafte Partnerschaften wie noch nie, sagt Axel Oppermann, Gründer und Chef des deutschen IT-Beratungsunternehmens Avispador: „Es gibt einige Leuchtturmprojekte, die bei der Vermarktung der Services in anderen Unternehmen helfen sollen. Das geht durch alle Branchen.“

Microsoft sicher sich Zugang zu Branchenwissen

Der Konzern hat daran ein doppeltes Interesse. Zum einen geht es darum, Kunden für seine Cloud-Plattform Azure zu gewinnen, die das Gegenstück zu AWS von Marktführer Amazon ist. Abgerechnet wird in der Regel nach Verbrauch: Je mehr Daten Unternehmen übertragen, speichern und auswerten, desto höher fällt die Abrechnung aus. Microsoft-Chef Nadella stellt dieses Geschäftsfeld in den Mittelpunkt seiner Strategie. Mit Erfolg: Im abgelaufenen Geschäftsjahr bis Ende Juni stieg der Umsatz der Sparte „Intelligent Cloud“ um 23 Prozent auf 9,6 Milliarden Dollar. Die Plattform Azure legte sogar um rund 90 Prozent zu.

Zum anderen positioniert sich Microsoft als Helfer für die digitale Transformation – also ein Thema, das derzeit alle Vorstände und Unternehmer beschäftigt. Der radikale Wandel durch die neuen Technologien stehe „im Mittelpunkt moderner Unternehmensstrategien“, ist Courtois überzeugt. „Wir wollen es Unternehmen wie Eon oder VW ermöglichen, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.“ Die Beispiele sollen davon zeugen.

Langfristig könnte dieses Geschäft viel einträglicher sein als der Verkauf von Windows- und Office-Lizenzen. „Mit den Partnerschaften sichert sich Microsoft Zugang zu wichtigem Branchenwissen, um seine Cloud-Dienste und Algorithmen intelligenter zu machen“, sagt Analyst Oppermann. „Dieses Wissen kann Microsoft bei anderen Kunden einsetzen – das ist Gold wert.“ So ein Domänenwissen weise sonst nur IBM auf.

Hinzu kommt: Wenn Unternehmen bei der digitalen Transformation auf Microsoft-Technologie setzen, kommen sie so schnell nicht wieder davon los. Denn beim Cloud-Computing gilt: Sind einmal alle Daten auf der Plattform, sind einmal die eigenen Programme mit den Algorithmen verknüpft, ist ein Umzug zu einem Konkurrenten aufwendig bis unmöglich – und zwar bei allen Anbietern. „Ziel ist es, das Wissen im Unternehmen aufzubauen und eigene bessere Lösungen zu entwickeln, um zentraler in die Wertschöpfung reinzukommen“, sagt Oppermann.

Microsoft-Vorstand Courtois hat dafür im vergangenen Jahr die Vertriebsorganisation massiv umgebaut. Seine Entwickler tüfteln nun beispielsweise gemeinsam mit Kunden an neuen Lösungen. Stets mit dem Versprechen, dass Microsoft ihnen keine Konkurrenz machen will. „Wir haben nicht vor, beispielsweise im Energiemarkt anzugreifen, Autos zu bauen oder im Pharmahandel aktiv zu sein“, sagt der Franzose – ein Seitenhieb auf Amazon und Google, die selbst Produkte entwickeln.

Mit dieser Strategie hat Microsoft im Cloud-Markt einigen Erfolg. Amazon, mit dem Dienst AWS Vorreiter in Sachen IT aus der Wolke, ist mit einem Marktanteil von 34 Prozent zwar nach wie vor die Nummer eins, wie das Analysehaus Synergy Research ermittelt hat. Dahinter ist Microsoft mit 14 Prozent die solide Nummer zwei. Und: Der Softwareriese holt deutlich auf, allein im zweiten Quartal um drei Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr.

Als Nächstes will Nadella alle anderen Bereiche in die große Cloudwelt einbinden, selbst Spiele. Gerade erst wurde „Projekt xCloud“ angekündigt. Der Dienst wird Spiele, die früher nur auf der hauseigenen Konsole Xbox liefen, auf PCs, Tablets oder Smartphones bringen, egal mit welchem Betriebssystem. Die massive Rechenarbeit wird in der Cloud erledigt. Nadella, der gerne mal Präsentationen auf einem iPad von Apple vorführt, reißt alte Grenzen ein, die es in einem Weltcomputer auch nicht mehr geben kann. Und das Bindemittel zwischen allem ist die Cloud.

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