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Start der Automatica Kleiner, sensibler, kooperativer – der Roboter-Boom geht weiter

Mobile, autonome Roboter sind der neueste Trend. ABB, Universal Robots und andere wollen mit diesen „Cobots“ auch Mittelständler als Kunden gewinnen.
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Automatica: Der Roboter-Boom in der Industrie geht weiter Quelle: OnRobot
OnRobot-Chef Enrico Krog Iversen (rechts) mit Ingenieuren

Auf der Automatica präsentiert das neu formierte Unternehmen ein System, das eine Tüte Chips greifen und prüfen kann, ob diese unversehrt ist.

(Foto: OnRobot)

MünchenSeit Jahren eilen die Hersteller von Industrierobotern von einem Absatzrekord zum nächsten. Eine Sättigung ist nicht im Sicht – im Gegenteil. „Vor allem kleinere Firmen stehen dem Thema Robotik heute viel offener gegenüber“, zeigt sich Thomas Visti, Chef der dänischen Mobile Industrial Robots (MiR), im Gespräch mit dem Handelsblatt überzeugt.

Durch die neuen kollaborativen Roboter, die leicht programmiert werden können und direkt neben dem Menschen arbeiten, erweitere sich der Markt gerade enorm. Auch für Mittelständler rechnet sich heute oft der Einsatz einzelner Roboter.

Davon wollen Newcomer wie MiR profitieren, aber auch die etablierten Spieler wie ABB. Auf der Messe Automatica zeigen die Hersteller in München gerade, was technologisch möglich ist – und schließen neue Bündnisse. Denn wegen der Öffnung des Markts werden die Karten in der Branche gerade neu gemischt.

Laut Prognose des Branchenverbands IFR werden im Jahr 2020 weltweit mehr als drei Millionen Industrieroboter im Einsatz sein – eine Verdoppelung im Vergleich zu 2014. Der Absatz aller Hersteller dürfte daher auch in den nächsten Jahren im Schnitt um 15 Prozent steigen.

Im Jahr 2020 dürften laut Prognose 521.000 Industrieroboter verkauft werden. Im Krisenjahr 2009 waren es gerade einmal 60.000. In Deutschland könnten die Umsätze mit Robotik und Automation im laufenden Jahr um acht Prozent auf erstmals mehr als 16 Milliarden Euro steigen.

Der ganz große Trend, der auch die Messe Automatica bestimmt, sind die kollaborativen Roboter – sogenannte Cobots, die direkt neben dem Menschen arbeiten können. Diese „werden sich in einer Reihe von Industrien durchsetzen“, glaubt IFR-Präsident Junji Tsuda. Momentan machen sie laut IFR-Schätzung nur drei Prozent des Robotermarkts aus. Doch bis 2025 sollen es bereits 34 Prozent eines Marktes ausmachen, der dann 25 Milliarden Dollar groß ist.

Einarmiger ABB-Roboter soll mehr Flexibilität ermöglichen

Bei den kollaborativen Robotern ist die Branche derzeit zweigeteilt. Da sind auf der einen Seite die traditionellen Hersteller großer Roboter wie ABB und Kuka, die zunehmend in das Segment der kleinen, flexiblen Maschinen drängen. Daneben gibt es die Spezialisten, angeführt vom Pionier Universal Robots, das sich als Weltmarktführer bei Cobots sieht. Im vergangenen Jahr steigerten die Dänen, die inzwischen zum US-Konzern Teradyne gehören, den Umsatz um 72 Prozent auf 151 Millionen Euro.

Auf der Automatica präsentiert Universal Robots die neu entwickelte Plattform E-series. Ein sogenannter Kraft-Momenten-Sensor soll die Maschinen noch präziser und sensibler machen, die Programmierung noch einfacher möglich sein. Mit der neuen Plattform wolle Universal Robots die Position als Marktführer „weiter ausbauen“, kündigte UR-Präsident Jürgen von Hollen an.

Der Branchenriese ABB, der zum Beispiel bei den großen Robotern für die Autoindustrie stark ist, will da nicht zurückstehen. Die Schweizer präsentieren auf der Automatica ein neues, einarmiges Modell ihres Cobots Yumi. Dieser ermögliche noch mehr Flexibilität und könne zum Beispiel auch mit einem zweiarmigen Kollegen zusammenarbeiten, sagte Per Vegard Nerseth, Leiter des Robotics-Geschäfts von ABB, dem Handelsblatt.

Ein großer Trend bei den Cobots sind autonome, mobile Roboter, die in Betrieben Transportaufgaben übernehmen können. Quelle: MIR
Paletten-Transporter von MiR

Ein großer Trend bei den Cobots sind autonome, mobile Roboter, die in Betrieben Transportaufgaben übernehmen können.

(Foto: MIR)

Mit Yumi stoßen die Schweizer nach eigenen Angaben auf viel Resonanz. Laut Nerseth setzen zwei Jahre nach dem Start mehr als 1000 Kunden weltweit den Cobot in der Produktion ein, für ihn ein „phantastischer Erfolg“.

ABB hat zudem unter dem Namen Omnicore eine neue Roboter-Controller-Familie entwickelt, die nun auf den Markt kommt und eine noch flexiblere Steuerung ermöglichen soll. ABB könne über die Plattform ABB Ability außerdem die Roboter mit anderen Maschinen und dem Internet der Dinge vernetzen, sagte Nerseth. Dieses „Single-Shop-Prinzip“ sei eine der Stärken des Konzerns im Vergleich zu ausgewiesenen Spezialisten.

Ein großer Trend bei den Cobots sind autonome, mobile Roboter, die in Betrieben Transportaufgaben übernehmen können. Mobile Industries Robots sieht sich hier als Marktführer und konnte den Umsatz im vergangenen Jahr auf zehn Millionen Euro verdreifachen. Das Unternehmen wurde ebenfalls gerade erst für einen dreistelligen Millionenbetrag von Teradyne übernommen.

„Noch stehen wir bei den mobilen Robotern am Anfang, doch es gibt ein enormes Potenzial“, sagt MiR-Vorstandschef Visti, der früher Universal Robots mit aufgebaut hatte. „In den nächsten Jahren wird es einen wahren Boom geben.“ Der Transport sei – zum Beispiel im Gegensatz zur Fertigung – noch vergleichsweise wenig automatisiert. Gerade in der Automobilindustrie, die dem Thema Robotik seit jeher sehr offen gegenübersteht, sei das Interesse aber groß.

Auch in der Elektronikindustrie konnte MiR schon Kunden gewinnen. Die mobilen Roboter bewegen sich selbstständig durch die Hallen und können Hindernisse erkennen. Wichtig, so Visti, sei eine hohe Flexibilität. Die Kunden müssten die Maschinen einfach am Tablet programmieren können, wenn sie die Produktion umstellen. „Die Eigentümer müssen selbst der Herr über den Roboter sein.“

Aus dem Umfeld von Universal Robots hat sich gerade erst ein weiterer, ehrgeiziger Player formiert. Enrico Krog Iversen, Ex-Vorstandschef von Universal Robots, führt den neuen Greifsystem-Spezialisten OnRobot, der aus der Fusion von Perception Robotics (USA), OptoForce (Ungarn) und On Robot (Dänemark) hervorgegangen ist. Während OnRobot die Elektrogreifer herstellt, die direkt am Roboterarm montiert werden, sind OptoForce und Perception Robotics auf Sensoren spezialisiert, die eine immer wichtigere Rolle spielen.

Etablierte gegen Newcomer – wer gewinnt das Rennen?

Auf der Messe präsentiert das neu formierte Unternehmen ein System, das eine Tüte Chips greifen und taktil prüfen kann, ob diese unversehrt ist. „Es gibt so viele neue Applikationen, das wird die Branche in den nächsten Jahren beflügeln“, sagte Iversen dem Handelsblatt. Firmen, die heute zehn Roboter einsetzen, könnten so zehn neue dazu kaufen. Und im Mittelstand könnten viele Firmen nun erstmals überhaupt einen Roboter einsetzen.

OnRobot wolle die Umsätze in den nächsten Jahren von derzeit gut fünf auf 250 Millionen Euro steigern. Das wirke auf den ersten Blick höchst ambitioniert – im Vergleich zum Weltmarkt sei das Ziel aber immer noch bescheiden.

Dieser Spinnenroboter rollt und läuft
Bionic Wheel Bot
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Der Bionic Wheel Bot von Festo erinnert an einen Droideka, der sich in Zeitlupe bewegt. Vorbild für den achtbeinigen Roboter, der sowohl laufen als auch rollen kann, war allerdings nicht der Kampfroboter aus den Star-Wars-Filmen, sondern eine Wüstenspinne. (Foto: Festo)

Radlerspinne
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Die erst 2008 entdeckte Radlerspinne (Cebrennus rechenbergi) lebt in der Sahara. Sie kann wie andere Spinnen normal laufen. Sie kann sich aber auch mit einem kombinierten Ablauf aus Flug- und Bodenrolle fortbewegen und dabei sogar einen leichten Anstieg hinaufrollen. (Foto: Festo)

Bionic Wheel Bot
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Die acht Beine des Bionic Wheel Bot sind gekrümmt und paarweise angeordnet: je zwei an den beide Enden des etwa 57 Zentimeter langen Rumpfes und je zwei in der Mitte, wobei ein Paar Beine weit zur Seite absteht. Zum Laufen nutzt der Roboter aber nur sechs seiner Beine. Ein Paar ist eingeklappt. (Foto: Festo)

Bionic Wheel Bot
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Um in den Rollmodus überzugehen, werden drei Beine auf einer Seite eingeklappt, dass sie ein knapp 27 Zentimeter großes Rad bilden. Jetzt kommt das vierte Beinpaar zum Einsatz: Damit stößt sich der Roboter ab und rollt los – ganz so wie sein natürliches Vorbild. (Foto: Festo)

Bionic Wheel Bot
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Jede der beiden Fortbewegungsarten hat ihre Vorteile: Rollen ist energetisch günstiger und vor allen Dingen wesentlich schneller. Die Radlerspinne rollt doppelt so schnell wie sie läuft und nutzt diese Bewegungsart, wenn sie Feinden entkommen will. Wird das Gelände unwegsam und steinig, ist dagegen das Laufen effektiver, denn über Hindernisse lässt es sich einfacher hinweg steigen als rollen. (Foto: Festo)

Bionic Wheel Bot
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Doch was ist, wenn der Roboter weder rollt noch läuft? Für das Stehen haben die Entwickler eine energieeffiziente Lösung gefunden: Insgesamt 15 Motoren treiben die Beine an. Fast alle sind selbsthemmende Schneckenantriebe, bei denen der Spinnenroboter keine Energie aufwenden muss, um den Körper beim Stehen aufrecht zu halten. (Foto: Festo)

Bionic Wheel Bot
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Eingesetzt werden könnte der Roboter etwa zur Erkundung fremder Planeten. Die Rover etwa, die aktuell über den Mars rollen, haben nur relativ kleine Räder, mit denen sie gern mal im Sand steckenbleiben. Da wäre ein Roboter, der sich auf zwei Arten fortbewegen könne, die bessere Alternative. (Foto: Festo)

Wer wird das Rennen am Ende gewinnen – die etablierten Roboterbauer wie ABB, Yaskawa und Kuka oder die neuen, kleinen Herausforderer vornehmlich aus Skandinavien? Im Moment sei durch das hohe Wachstum genug Platz für alle, sagte MiR-Chef Visti. Universal Robots habe den Markt der kollaborativen Roboter auch für kleinere Kunden erschlossen, als sonst niemand daran geglaubt habe. Wenn die Firmen innovativ blieben, hätten sie gute Chancen, ihre Position an der Spitze zu behaupten.

Auch Robotik-Pionier Iversen ist überzeugt: „Die Newcomer haben große Vorteile, weil sie sehr agil sind und schneller neue Ideen umsetzen können.“ Natürlich spiele am Ende immer auch die Finanzkraft eine Rolle. Doch da haben sich die groß gewordenen Start-ups inzwischen Schützenhilfe geholt. OnRobot hat den Danish Growth Fund an Bord, MIR und Universal Robots profitieren von der Schlagkraft von Teradyne.

So ist der Optimismus in der Branche derzeit nahezu grenzenlos. Es gebe natürlich immer politische und konjunkturelle Risiken, sagt ABB-Manager Nerseth. Doch habe sich der Markt in den vergangenen Jahren sehr stark und solide entwickelt.

Viele Branchen und Regionen hätten noch Nachholbedarf bei der Automatisierung, zudem müssten die Firmen auch und gerade in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten ihre Produktivität weiter verbessern. „Es sind kaum Gründe vorstellbar, warum sich die positive Entwicklung in den nächsten Jahren nicht fortsetzen sollte.“

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