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Technik der Zukunft Wie China bei der Künstlichen Intelligenz zur Supermacht aufsteigt

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AlphaGo schlug den Go-Meister – KI wurde in China zur Schlüsseltechnik

Es war wie ein „Sputnik-Moment“ für China: Vor zwei Jahren schlug das von Google entwickelte AlphaGo fast mühelos den Meister von Go, Lee Se-dol. Das komplexe Strategiespiel wird von vielen Chinesen gespielt. Auch dem letzten chinesischen Kaderfunktionär wurde klar, welche Macht und Bedeutung Künstliche Intelligenz haben kann. Spätestens seitdem gilt KI als Schlüsseltechnik – und Amerika als Vorbild.

Als erste Regierung der Welt veröffentlichten die USA fast zeitgleich zum Go-Wettkampf im Mai 2016 einen umfassenden Strategieplan zur KI, in dem Forschungsleistungen, Ziele und ethische Rahmenbedingungen aufgestellt wurden. Auftraggeber: das Weiße Haus, damals noch unter Präsident Barack Obama.

Nachfolger Donald Trump rief vor wenigen Monaten eine Kommission für KI ins Leben. Gedrängt hatte darauf Verteidigungsminister Jim Mattis, der in einem internen Memo an Trump schrieb, man müsse „das ganze Land dazu bringen“, sich des Themas anzunehmen. Schließlich gehe es „nicht nur um Verteidigung des Landes, sondern um eine Transformation des menschlichen Zustandes“.

Das Verteidigungsministerium spielt bei der Grundlagenforschung in den USA eine Schlüsselrolle. Satellitennavigation, Internet – die Beispiele lassen sich lange fortsetzen. Das neuste Projekt: KI. Im vergangenen Juni rief das Ministerium das „Joint Artificial Intelligence Center“ (JAIC) ins Leben. Das Zentrum ist streng geheim, das Budget beläuft sich laut Medienberichten auf 1,7 Milliarden Dollar für fünf Jahre. Dabei soll es nur die vielfachen Bemühungen von KI im Ministerium koordinieren – und die Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft verbessern.

Die zahlreichen Eliteuniversitäten verschaffen dem Land zusätzliche Impulse. Die Cornell University im Norden vom Bundesstaat New York gilt beispielsweise als die führende KI-Hochschule der Welt. Insgesamt kommen die USA auf 78 000 KI-Forscher, während es in China nur die Hälfte ist, wie es in einem Bericht der chinesischen Forschungseinrichtungen IT Juzi und Tencent Institute 2017 heißt.

Aber die Chinesen machen Fortschritte. Schon 2014 produzierten ihre Wissenschaftler mehr akademische Veröffentlichungen im KI-Bereich als die Amerikaner – auch wenn die US-Aufsätze noch immer im Schnitt eine höhere Qualität aufweisen.
Probleme haben die Chinesen in der Hardware. Vor allem bei Halbleitern liegt China zurück. Diese Computerbauteile sind unerlässlich für das „Trainieren“ von KI. Die USA kontrollieren laut der International Trade Administration rund die Hälfte der globalen Halbleiterproduktion, während China nur auf vier Prozent kommt.

Diese strategische Bedeutung erklärt die diversen Vetos von Trump gegen die Übernahme von US-Halbleiterunternehmen. Heraus ragte die untersagte Übernahme des kalifornischen Halbleiterherstellers Qualcomm durch Konkurrent Broadcom im Wert von sagenhaften 117 Milliarden Dollar. Der Grund: Broadcom ist in Singapur ansässig, man fürchtete um den Einfluss des Großkunden Huawei aus China.

Wichtig für KI-Entwicklung sind auch Supercomputer. Die schnelle Rechengeschwindigkeit lässt Softwareprogramme lernen und sich entwickeln. Hier holt China langsam auf. Von den insgesamt 500 Supercomputern der Welt gehörten 2014 noch 232 zu den USA, während China auf 76 kam. Drei Jahre später überholte das Reich der Mitte die USA mit 168 versus 159.

Insgesamt gibt es in der Welt mehr als 2 500 KI-Unternehmen, davon sitzen 43 Prozent in den USA, während China auf 23 Prozent kommt. Masse ist dabei auch Klasse: Laut dem renommierten CB Insights Ranking sind unter den wichtigsten 100 KI-Start-ups nur sieben chinesische Firmen, während Amerika auf 76 Unternehmen kommt.

Um den Wissensvorsprung der USA aufzuholen, verlegen immer mehr chinesische Konzerne Teile ihrer KI-Entwicklung dorthin, wo dieses so geballt verfügbar ist wie nirgendwo sonst auf der Welt.

China entdeckt das Silicon Valley

Vor der Tür in dem hellen Büro in Sunnyvale blickt der Baidu-Mitarbeiter in die Kamera. Hinter der Linse tastet eine Software des chinesischen Suchmaschinenkonzerns sein Gesicht ab, registriert markante Kennzeichen. Die Künstliche Intelligenz verbindet die Punkte, ein einzigartiges Muster entsteht. Kaum ein Augenblick vergeht, da schwingen die Flügel der Tür auf. Baidus Gesichtserkennungssoftware hat den Angestellten identifiziert. Bemerkenswert, wenn auch nicht wirklich revolutionär – mit einer ähnlichen Technologie ist auch Apples Topmodell iPhone X ausgestattet.

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Aber es geht Baidu im Silicon Valley auch nicht um Gesichtserkennung, sondern um Personalgewinnung. Mit seinem Standort im Silicon Valley will Baidu vor allem „talentierte und erfahrene Programmierer“ anlocken, sagte Jingao Wang. Er ist Senior Director von Baidu’s Intelligent Driving Group und Architekt von Apollo, der Technologieplattform für autonomes Fahren.

Qi Lu, der ehemalige Chef von Baidus operativem Geschäft, nannte die Apollo-Plattform das „Android der autonomen Fahr-Branche“, Apollo solle aber noch „offener und kraftvoller“ werden als Googles mobiles Betriebssystem.

Das erste Büro im Silicon Valley eröffnete Baidu 2011. Heute werkeln in Sunnyvale etwa 150 Ingenieure an Baidus Roboterauto. Rund um das Büro testet der Hersteller die Fahrzeuge auf kalifornischen Straßen. Für Apollo hat Baidu unter anderem Mitarbeiter von Waymo abgeworben, der Einheit für autonomes Fahren beim Wettbewerber Alphabet („Google“).

Gut gelaunt sitzen zwei von ihnen auf dem Vordersitz eines blauen Lincoln. Im hellen Sonnenlicht sausen Baumreihen und Bürohäuser mit spiegelnden Außenflächen vorbei. Während der autonomen Fahrt berühren die Hände der beiden Baidu-Testpiloten nicht das Lenkrad.

Baidu will Google mit seinen eigenen Waffen schlagen. Es kopiert die Open-Source-Philosophie des Suchmaschinen-Giganten: Wie das von Google entwickelte mobile Betriebssystem Android öffnet auch Apollo seine Plattform für das autonome Fahren, um im Gegenzug Reichweite und Marktmacht zu gewinnen. Programmierer erhalten bei Apollo freien Zugriff auf Daten, Programmcode und Hardwarekomponenten.

Seit dem Start von Apollo im Juli 2017 beteiligten sich 118 Unternehmen an der Plattform, unter ihnen die Autobauer Daimler, Ford und BMW, aber auch Zulieferer wie Bosch, Continental und Nvidia. Auch zahlreiche chinesische Hersteller machen mit. Noch hängt Apollo hinter Waymo zurück. Doch der offene Ansatz hilft den Chinesen. „Er wird Apollo zum globalen Erfolg verhelfen“, glaubt US-Unternehmer Bobby Hambrick, CEO des aus Illinois stammenden Unternehmens AutonomouStuff. Er setzt das System von Baidu in ersten Fahrzeugen ein.

Der offene Austausch mit den Chinesen hat aber seinen Preis. Baidu stellt seine Technologie frei zur Verfügung, um im Gegenzug Zugriff auf die Fahrdaten der Autobauer und Zulieferer zu erhalten.
„Wir verstehen die Bedenken der Autobauer total“, wirbt Baidu-Manager Wang um Verständnis.

Für ihn ist die Rechnung aber einfach: „Je mehr man teilt, desto mehr bekommt man vom Ökosystem zurück.“ Apollo wolle eine Win-win-Situation schaffen. „Die Internetindustrie und die Autobauer müssen sich in der Mitte treffen.“

Heißt im Klartext: Ihr kriegt unsere Technologie, wir kriegen die Daten eurer Kunden. Die klassische Chinastrategie, die in Peking oder Shenzhen niemand anstößig findet.

Macht über Daten hilft dem chinesischen Staat

Das selbstfahrende Auto ist nur ein Bereich, in dem China zur Weltspitze gehören will. KI soll sich auf jede Branche erstrecken, in der Daten eine Rolle spielen. „Nichts ist so wichtig wie mehr Daten“, postuliert der KI-Pionier Fred Jelinek. Gemessen an diesem Standard ist China in einer perfekten Position. Bis 2020, so schätzen die Marktforscher von IDC, wird China 8,6 Zettabytes an Daten generieren, Amerika wird im Vergleich nur auf 6,6 Zettabytes kommen.

Kameras fotografieren Fußgänger, die bei rot über die Straße laufen. Quelle:  Handelsblatt
Verkehrskontrolle

Kameras fotografieren Fußgänger, die bei rot über die Straße laufen.

(Foto:  Handelsblatt)

Während China 2012 nur 13 Prozent der weltweiten digitalen Rohdaten stellte, könnte laut IDC der Anteil im Jahr 2020 bei bis zu 25 Prozent liegen. Im März 2018 gab Tencent bekannt, dass allein seine Super-App WeChat mehr als eine Milliarde User hatte.

Diese Datendichte lässt Chinas KI-Produkte schneller besser werden. Als die Geschäftsführer des chinesischen Video-Streamingdienstes iQiyi im vergangenen Jahr zusammensaßen, um neue Programme zu konzipieren, schlug jemand eine Rap-Talentshow vor. Die Manager beim Internetriesen Baidu, der Mutterfirma, waren sich unsicher. Chinas Musikmarkt wird von Pop und Balladen dominiert, Rap erschien abwegig.

Aber bevor sie diesen Vorschlag vom Tisch wischen wollten, suchten sie Rat bei iQiyi Brain. Das System benutzt Künstliche Intelligenz, um mittels Such- und Videodaten die Produktion von Unterhaltungsinhalten zu optimieren. iQiyi Brain sagte voraus, dass eine solche Rap-Show ein Erfolg werden könnte. Im Juli 2017 kam die erste Folge auf den Markt. Die zwei Gewinner wurden über Nacht zu Stars.

Durch die Analyse des Sehverhaltens ihrer Kunden erkennt der Konzern auch, welche Stars bei welcher Zielgruppe wie ankommen. „Für die Werbeindustrie ist das eine große Hilfe, den Wert von jemanden einzuschätzen“, erklärt der Chief Technology Officer von iQiyis, Liu Wenfeng. Außerdem könne man durch diese Technologie die Arbeit des Casting Direktors erleichtern. „Aber nur für Nebenrollen“, fügt er hinzu. „Bei den Hauptrollen ist das Vertrauensverhältnis zwischen Regisseur und Schauspieler zu wichtig.“

China macht es internationalen Internetfirmen schwer
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1 Kommentar zu "Technik der Zukunft: Wie China bei der Künstlichen Intelligenz zur Supermacht aufsteigt"

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  • HB: „Zukunftstechnologie ist Chefsache in China, vom Staatspräsidenten Xi Jinping bis zum Gouver-neur und Bürgermeister einflussreicher Provinzen und Städte. …“
    Mit welchen Themen befassen sich unsere Politiker der letzten 10 Jahre in den Ländern Europas und in Brüssel? China ist längst an uns vorbeigezogen, technologisch, wirtschaftlich und militärisch. Die Macht- und Einflussverhältnisse kehren sich, auch mittels der förmlich explodierenden KI. Diese Entwicklungen lassen sich nicht mehr umkehren, noch aufhalten.

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