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Technik der Zukunft Wie China bei der Künstlichen Intelligenz zur Supermacht aufsteigt

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China macht es internationalen Internetfirmen schwer

Auch US-Unternehmen wie Netflix setzen zunehmen auf KI, um ihr Geschäft effizienter zu gestalten. iQiyi versucht, immer einen Schritt weiter zu sein. Ein KI-System durchleuchtet Abertausende Stunden Filmmaterial, um Profile von Schauspielern anzulegen. Aufbauend auf den Analysen gibt das System Empfehlungen, welche Darstellerin oder welcher Darsteller optimal für welches Filmprojekt geeignet ist.

Auch wenn iQiyi bisher noch rote Zahlen schreibt: Der Umsatz wächst gewaltig. Allein im zweiten Quartal 2018 stieg er gegenüber dem Vorjahresquartal um 51 Prozent auf 932 Millionen Dollar, vor allem getrieben durch hohe Werbeeinnahmen und eine wachsende Abonnentenzahl. Seit vergangenem Jahr legte sie um 75 Prozent auf 67,1 Millionen zu, davon sind 66,2 Millionen zahlende Kunden.

China ist dabei, sich zum globalen Leitmarkt für die Anwendung von KI zu entwickeln. Doch zur Politik der chinesischen Führung gehört es auch, internationalen Internetfirmen den Zugang zu chinesischen Kunden zu erschweren. Facebook, Twitter und Youtube sind in China gesperrt. 2010 ließ sich Google als Held der Netzfreiheit feiern und zog sich mit seinem Suchdienst vom chinesischen Festland zurück.

Der US-Konzern wollte sich nicht länger der vom chinesischen Staat auferlegten Selbstzensur beugen. Jetzt könnte der Rückzug vom Rückzug bevorstehen. Unter dem Namen „Project Dragonfly“ erwägt Google, nach China zurückzugehen. Das würde auch bedeuten, dass sich das US-Unternehmen den strengen Überwachungsvorschriften der chinesischen Behörden beugen muss.

Dabei geht es Peking nicht nur um Zensur – sondern auch um den Zugriff auf die von Google gewonnenen Daten. In den USA und Europa versuchen Tech-Konzerne mit viel Mühe, möglichst verlässliche Daten über ihre Nutzer zu sammeln. In vielen Fällen können sie sich aber nicht sicher sein, ob Kunden nur erfundene Informationen in ihre Profile eintragen oder ihre echten Daten teilen.

In China sieht das anders aus. Der Staat hilft bei der Datenbeschaffung mit. Ab dem Jahr 2020 soll landesweit ein System installiert werden, in dem jeder Bürger und jedes Unternehmen einen Wert für die Vertrauenswürdigkeit zugewiesen bekommt. Eine Art staatliche Mega-Schufa. Und die Internetfirmen Alibaba, Baidu und Tencent sollen Peking dabei helfen, ein möglichst lückenloses System aufzubauen.

Europa fällt im KI-Wettlauf zurück

Viele Städte in China integrieren mittlerweile KI-betriebene Technologie in ihre Verwaltungssysteme. Zum Beispiel benutzen Sozialämter Gesichtserkennung zur Verifizierung von Anträgen und Ärzte in Krankenhäusern diktieren Patientenakten in Transkribierprogramme. Wer das mit dem Alltag in deutschen Behörden oder Kliniken vergleicht, bekommt einen Eindruck, wie abgehängt Europa derzeit im Wettrennen der Digitalmächte dasteht. Einzig der deutsche Softwarekonzern SAP mischt vorne mit.

Ende September in Hangzhou, einer Millionenstadt in der Nähe von Schanghai. SAP-Vorstandsvorsitzender Bill McDermott schreitet mit Alibaba-Chef Daniel Zhang durch einen dunklen Saal auf eine hell ausgeleuchtete Bühne, um eine Partnerschaft anzukündigen.

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„Vor langer Zeit haben wir China als unsere zweite Heimat ausgerufen“, schmeichelt der Amerikaner in deutschen Diensten den chinesischen Gastgebern. Nun stehe ein besonderer Moment in dieser langen Geschichte an: SAP biete fortan wichtige Produkte wie S/4 Hana über die Cloud von Alibaba an – und das ermögliche eine „Wachstumsrevolution“. „Wow, wow, wow“, ruft McDermott. Das Publikum beginnt zögerlich zu klatschen.

Es ist eine Partnerschaft, von der beide Seiten profitieren. SAP kann seine Cloud-Dienste im großen chinesischen Markt deutlich einfacher verkaufen. Alibaba gewinnt mit dem Partner SAP Glaubwürdigkeit und Kunden. Es gehe aber auch darum, „intelligente Unternehmen“ zu schaffen, betont McDermott. Tatsächlich spielt die Künstliche Intelligenz für SAP inzwischen eine wichtige Rolle: SAP führt in seiner Software immer mehr Funktionen ein, die auf maschinellem Lernen basieren. So soll die Finanzsoftware eingehende Buchungen automatisch mit offenen Posten abgleichen, auch wenn einzelne Daten nicht übereinstimmen.

Derzeit setzt SAP nach eigenen Angaben rund 25 Projekte mit Künstlicher Intelligenz um. Künftig dürfte es schwierig werden, diese Projekte zu zählen, weil nahezu alle Programmierer im Konzern die Technologie verwenden können.

Neben SAP investiert die deutsche Automobilindustrie verstärkt in KI – das autonome Fahren ist ohne Künstliche Intelligenz nicht denkbar, auch in vielen anderen Prozessen verspricht sie deutliche Verbesserungen. Audi beispielsweise hat jüngst angekündigt, Blechteile mithilfe von Bilderkennung auf Risse zu prüfen, und zwar „automatisiert, zuverlässig und schnell“.

Auch für andere Branchen, in denen Deutschland stark ist, ist KI hochrelevant. Zum Beispiel im Maschinenbau: Die vorausschauende Wartung von Maschinen, die an Datenmustern Fehler erkennt, bevor sie auftreten, ist ohne kluge Algorithmen nicht denkbar. Einige Unternehmen erkennen das, beispielsweise Bosch. Der Stuttgarter Konzern will in einigen Jahren bei allen Produkten Künstliche Intelligenz einsetzen.

Dieses Engagement ist aber nicht repräsentativ für die Breite der deutschen Industrie. So ergab eine Umfrage des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI), dass in 64 Prozent der Unternehmen die Voraussetzungen zur Nutzung von KI fehlen. Auch eine Studie der Boston Consulting Group bestätigt den Nachholbedarf.

Was die Situation verschärft: In Deutschland entstehen vergleichsweise wenige Start-ups, die die Technologie in den Mittelpunkt stellen. Nach Erhebung der Unternehmensberatung Roland Berger und des Risikokapitalgebers Asgard Capital vom Mai sind es nur gut 100. Damit liegt die Bundesrepublik nicht nur hinter den USA und China, sondern auch deutlich kleineren Ländern wie Israel und Kanada auf Rang acht.

Die Bundesregierung arbeitet nun an einem „Masterplan“, um der Wirtschaft in Sachen KI auf die Sprünge zu helfen. Das Vorgehen sieht Fabian Westerheide, Chef von Asgard Capital und Mitautor der Studie, jedoch kritisch. Die Agenda komme um Jahre zu spät, die Prozesse seien zu langsam und das Budget zu klein, sagt er: „Wir haben das Geld, aber wir stecken es lieber in die Rente statt in die Zukunft. Unser Staat verwaltet den Status quo.“

Künstliche Intelligenz wird die Welt verändern, keine Frage. Aber was wird das für eine Welt sein? „Künstliche Intelligenz kann helfen, Demokratien besser zu machen“, sagt der Computerwissenschaftler Pedro Domingos von der Universität von Washington. „Die Technik kann aber auch einem autoritären Regime helfen, an der Macht zu bleiben.“ Domingos hat mit dem Buch „The Master Algorithm“ einen Bestseller geschrieben, der sogar beim chinesischen Staatschef Xi Jinping im Regal steht. „Künstliche Intelligenz ist das Tool, das sich Diktatoren immer erträumt haben“, sagt Computerwissenschaftler Domingos. „Alle düsteren Visionen rund um Überwachung werden mithilfe der Technik Realität.“

Domingos sieht auf der Welt einen neuen Wettbewerb der Systeme zwischen Demokratien und autoritär regierten Staaten. In diesem Wettstreit sei KI ein entscheidender Faktor. „Künstliche Intelligenz wird in ein paar Jahren weite Teile unseres Alltags beherrschen“, sagt Domingos. Und die Technik sei so komplex, dass praktisch unsichtbar bleibe, welche Ziele ein Algorithmus verfolgt.

„KI verfolgt zwar das Ziel, das ihre Programmierer ihr geben, den Weg dorthin findet sie selbst. Sie diskriminiert bestimmte Volksgruppen, bewertet Frauen anders als Männer – oder sammelt und analysiert spezielle Informationen“, sagt Domingos. „Wenn wir chinesische Algorithmen nutzen, dürfen wir nie vergessen, dass diese Algorithmen von chinesischen Unternehmen entwickelt wurden, die eng mit dem chinesischen Staat verflochten sind.“

Chinas Rückschläge

Für Skeptiker wie Domingos mag es ein Trost sein: Es ist noch nicht ausgemacht, dass China aus dem Wettlauf um die besten KI-Standards tatsächlich als Sieger hervorgeht. Zumal chinesische Unternehmen inzwischen sehr geschickt darin sind, echte oder vermeintliche Erfolge in Sachen KI herauszustellen.

Zum Beispiel auf einer KI-Konferenz in Schanghai Mitte September: Ein japanischer Professor hält dort einen Vortrag. Sein Akzent ist schwer verständlich, die Zuhörer haben Schwierigkeiten mit seinem Englisch. Aber wie durch ein Wunder erscheint das Gesagte fast fehlerfrei auf einem riesigen Bildschirm neben dem Sprecher. Das könne die durch Künstliche Intelligenz getriebene Simultanübersetzung schon jetzt leisten, behaupten die Mitarbeiter des Spracherkennungsexperten iFlyTek.

Doch dann erscheint ein Artikel, in dem der Autor behauptet: Er habe den Vortrag des Professors zusammen mit einer anderen Übersetzerin im Hintergrund der Veranstaltung manuell übersetzt. Als Beweis lädt er Videos hoch. Einen Tag später gesteht iFlyTeks Vizepräsident Hu Yu auf seinem eigenen Weibo-Konto, dem Twitter Chinas, dass es sich bei der Übersetzung tatsächlich nicht um eine KI-Anwendung gehandelt habe. Das Unternehmen selbst verlinkt auf ein Zitat ihres Präsidenten Liu Qingfeng, der erst kürzlich gesagt hat: „Maschinen können noch nicht Übersetzer ersetzen. Um ehrlich zu sein, steuern wir derzeit eher auf eine Kombination aus Mensch und Maschine zu.“

Chinas KI-Ambitionen könnten größer sein als seine wirklichen Fähigkeiten. Während einer Präsentation im September in Peking warnte selbst Buchautor und KI-Evangelist Kaifu Lee davor, dass viele Firmen ihre Technologie als KI verkaufen, obwohl sie in Wirklichkeit nur eine Form der Automatisierung oder statistischen Auswertung sei. Ein Etikettenschwindel, der allerdings auch bei westlichen Unternehmen verbreitet ist, die sich als möglichst zukunftsfähig präsentieren wollen.

„KI ist momentan ein Schlagwort in China, mit dem man an Kapital kommt. Deswegen behauptet jeder, der irgendwelche Algorithmen benutzt, dass seine Technologie durch KI betrieben werde. Das ist meist völliger Quatsch“, sagte ein anonym bleiben wollender Tech-Investor mit langjähriger Erfahrung im chinesischen Markt am Rande des Weltwirtschaftsforums in Tianjin.

So hatte die Stadt Zhengzhou unlängst Brillen vorgestellt, mit denen Träger gesuchte Kriminelle in einer Menschenmenge identifizieren können sollten. Tatsächlich funktionieren sie jedoch nur, wenn das Objekt mehrere Sekunden stillsteht. Für den alltäglichen Einsatz sind sie daher nur begrenzt zu gebrauchen. An vielen Bahnhöfen, auf denen man angeblich per Gesichtskontrolle einchecken kann, sind die entsprechenden Geräte ausgeschaltet. Die Begründung lautet häufig, dass der Vorgang „zu lange dauert“.

Das Wettrennen um die Führungsrolle bei Künstlicher Intelligenz hat gerade erst begonnen. China hat gute Voraussetzungen, um das Rennen am Ende zu gewinnen oder sich zumindest mit den USA den Spitzenplatz zu teilen. Denn auch wenn nicht alle chinesischen KI-Firmen das halten, was sie versprechen: Die Kombination aus nahezu unbegrenztem Datenzugang, ehrgeizigen Unternehmern und einem Staat, der alles für einen Erfolg der KI-Branche unternimmt, sind wichtige Erfolgsfaktoren.

Fest steht: KI wird die gesamte Weltwirtschaft verändern. Und diese Weltwirtschaft von morgen wird sehr viel chinesischer sein als heute – und sehr viel weniger europäisch.

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1 Kommentar zu "Technik der Zukunft: Wie China bei der Künstlichen Intelligenz zur Supermacht aufsteigt"

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  • HB: „Zukunftstechnologie ist Chefsache in China, vom Staatspräsidenten Xi Jinping bis zum Gouver-neur und Bürgermeister einflussreicher Provinzen und Städte. …“
    Mit welchen Themen befassen sich unsere Politiker der letzten 10 Jahre in den Ländern Europas und in Brüssel? China ist längst an uns vorbeigezogen, technologisch, wirtschaftlich und militärisch. Die Macht- und Einflussverhältnisse kehren sich, auch mittels der förmlich explodierenden KI. Diese Entwicklungen lassen sich nicht mehr umkehren, noch aufhalten.

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