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Wettlauf um KI-Vorherrschaft

In Sachen Künstlicher Intelligenz ist China der baldige Vorreiter. Die USA fallen langsam, aber sicher zurück.

Technik der Zukunft Wie China bei der Künstlichen Intelligenz zur Supermacht aufsteigt

China setzt entschlossen auf die KI. Erstmals seit der industriellen Revolution könnte der Westen die Vorherrschaft bei einer globalen Schlüsseltechnologie verlieren.
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Peking, Düsseldorf, San FranciscoAngela Merkel schlendert durch die Firmenzentrale des chinesischen Start-ups iCarbonX. Die Bundeskanzlerin bleibt vor einem Spiegel stehen. Firmengründer Wang Jun ist sofort zur Stelle. „Ich will, dass Menschen weniger leiden“, sagt er. Der Spiegel kann Körperkonturen und Bewegungen einer Person erfassen. Wer eine Sportübung nicht korrekt ausführt, bekommt Verbesserungsvorschläge: Arme höher, Rücken gerader, Beine weiter.

Doch wer erwartet, dass Angela Merkel nun den Spiegel mit ein paar vorbildlich ausgeführten Rumpfbeugen testet, der wird enttäuscht. Die mächtigste Politikerin der Welt weiß genau, welche Bilder sie von sich in die Welt setzen will. Die Verbeugung vor einem chinesischen Hightech-Produkt gehört ganz sicher nicht dazu.

Wang will iCarbonX zu einer globalen Plattform für Gesundheitsdienste ausbauen. Der Service basiert auf neuesten Erkenntnissen aus Biotechnologie und Genetik. iCarbonX will seinen Kunden in- und auswendig kennen, mitsamt seiner DNA, seinen Pheromonen, Enzymen und Proteinen.

Im Kern geht es jedoch gar nicht so sehr darum, wie Daten erhoben werden. Im Zentrum steht die Auswertung. Der Algorithmus. Die Künstliche Intelligenz, kurz KI. Sie ist es, die ein neues Zeitalter einläuten könnte. Für Chinas boomende Hightech-Branche – und für den Rest der Welt.

Die Szenen bei iCarbonX in der südchinesischen Küstenmetropole Shenzhen, die auch gerne Chinas „Silicon Valley“ genannt wird, sollten Lehrstück und Warnung zugleich sein für Merkel. Denn was dort entsteht, ist ein System ganz nach dem Geschmack der chinesischen Führung. Möglichst viele Daten speisen einen Algorithmus, der zum besseren Leben animieren soll. Das Ergebnis kann ein harmloses Hilfsmittel für einen gesünderen Alltag sein oder ein Orwell‘sches Instrument der absoluten Kontrolle.

Künstliche Intelligenz made in China: Weitgehend unbemerkt von der westlichen Öffentlichkeit haben chinesische Tech-Konzerne in diesem Zukunftsmarkt rapide aufgeholt, sind vielfach auf Schlagdistanz an die Wettbewerber von der US-Westküste herangerückt und haben die Europäer auf Platz drei verwiesen. Noch kennt kaum jemand den Fitness-Spiegel-Entwickler iCarbonX. Andere Anbieter wie Alibaba, Baidu und Tencent sind schon bekannter.

Sie alle stehen in einem Wettlauf miteinander und mit ihren globalen Wettbewerbern: Wer den Standard für die Künstliche Intelligenz bestimmt, der wird auch die Basis für die Wirtschaft der Zukunft kontrollieren.

China will den Markt für Künstliche Intelligenz dominieren

„Wir sind entschlossen, einer der dominanten Spieler zu werden“, sagt Min Wanli, Forschungschef des chinesischen Internetkonzerns Alibaba, im Interview mit dem Handelsblatt. Der frühere Google-Mitarbeiter ist eine Koryphäe für KI. Seine Forschungsprojekte entscheiden mit darüber, wie wir morgen leben werden: Wie wird künftig ein Auto gelenkt? Wie eine Stadt geplant? Eine Operation in der Notaufnahme durchgeführt?

Bei alle diesen Anwendungen kann Künstliche Intelligenz ihre revolutionäre Kraft entwickeln, Sie basiert im Wesentlichen auf Computerprogrammen, die selbstständig lernen, und zwar anhand der Daten, mit denen sie gefüttert werden. Ein autonom fahrendes Auto zum Beispiel bekommt mit jedem Bild, das seine Kameras (und die Kameras aller mit ihm vernetzten Fahrzeuge) von der Umgebung einfangen, einen immer genaueren Eindruck von der Wirklichkeit.

Auf dieser Grundlage kann die Software immer bessere Prognosen erstellen. Zum Beispiel, ob die Körperhaltung einer Person am Straßenrand darauf hindeutet, dass sie gleich unvermittelt auf die Fahrbahn treten wird.

„Die USA merken, dass China ihnen den Rang rasant abläuft“

Kaum eine Branche, die von solchen selbstlernenden Systemen nicht verändert wird. Computerprogramme für die Fernwartung prognostizieren bereits heute, welche Maschinenteile demnächst kaputtgehen werden. Bilderkennungssysteme können, wenn sie nur mit genug Daten schlau gemacht werden, besser als jede Kassiererin erkennen, welche Waren ein Supermarktkunde im Einkaufswagen hat. Und auch das Verhalten von Menschen, zum Beispiel im Berufsverkehr, lässt sich mit KI-Systemen zunehmend genau prognostizieren.

Weil KI in nahezu jedem Produkt und jeder Lebenslage zum Einsatz gebracht werden kann, gilt sie als Schlüsseltechnologie für die Weltwirtschaft von morgen.

Im globalen Wettlauf um die Vormachtstellung in dieser Schlüsseltechnologie genießt China einen entscheidenden Vorteil. Ein Bewusstsein für Datenschutz gibt es in China kaum, die rechtlichen Grenzen sind sehr weit gefasst. Seien es Informationen über das Fahrverhalten, über Krankheiten oder Einkaufsgewohnheiten – Alibaba, Baidu oder Tencent haben viel großzügigeren Zugriff auf Daten als vergleichbare westliche Unternehmen.

Daten aber sind die Grundlage für Künstliche Intelligenz, sie bilden den Nährboden für das eigenständige Lernen intelligenter Computersysteme. Ein Anbieter, der zum Beispiel weitreichenden Zugriff auf Gesundheitsdaten der Bürger hat, besitzt einen deutlichen Vorteil beim Aufbau einer intelligenten Medizinsoftware, die automatisch Diagnosen stellt.

Der laxe Umgang mit Daten paart sich mit gewaltigen Investitionssummen und höchster politischer Priorität. Die Zukunftstechnologie ist Chefsache in China, vom Staatspräsidenten Xi Jinping bis zum Gouverneur und Bürgermeister einflussreicher Provinzen und Städte. Im vergangenen Juli beschloss der Staatsrat der Volksrepublik China offiziell: Das Land soll bis 2030 führende KI-Macht der Welt werden, anvisiert wird eine neue KI-Branche im Wert von 130 Milliarden Euro.

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Mithalten können da nur die USA. Bis 2015, neuere Zahlen liegen nicht vor, wurden in den USA 1 489 Patente im Bereich des maschinellen Lernens angemeldet, China kam auf 754 Patente, während Deutschland nur 140 hervorbrachte. Doch bereits 2017 kamen 48 Prozent des weltweiten Investments in KI aus China, aus Amerika waren es nur 38 Prozent.

„Seit dem Zweiten Weltkrieg lag die am weitesten fortgeschrittene Technik in den Händen der US-Regierung. Raketen, Medizin, Internet“, sagt Bill Gates, Microsoft-Gründer und KI-Kenner, im Gespräch mit dem Handelsblatt. Jetzt aber gebe es eine Technologie, die nicht mehr von den Vereinigten Staaten kontrolliert werde.

Wer die Amerikaner bei der Künstlicher Intelligenz übetrumpfen könnte, zeichnet sich für Gates bereits ab: „Chinesische Unternehmen erscheinen mir bei der Sache am interessantesten.“ Wobei Unternehmen in China niemals unabhängig von den Interessen des Staates existieren.

Der Staat greift ein

Oktober 2017. In der Großen Halle des Volkes im Zentrum Pekings tritt Präsident Xi Jinping an das Rednerpult. Die Augen der mehr als 2.000 Parteifunktionäre sind auf ihn gerichtet. Er ist es, der die Richtung vorgibt. Kurz zuvor hat Xi die für die Vorsitzenden der Kommunistischen Partei (KP) bislang geltende Begrenzung auf zwei Amtszeiten aufheben lassen. Damit könnte er auf Lebenszeit regieren. Er gilt als so mächtig wie einst Staatsgründer Mao Tsetung.

Im Zuge einer Antikorruptionskampagne sind mehr als eine Million Funktionäre bestraft worden und Xis Gegner verstummt. Jetzt will er sein Land zu neuer politischer und ökonomischer Stärke führen: „Wir müssen die Integration der Realwirtschaft mit Spitzentechniken aus dem Internet, Big Data und Künstlicher Intelligenz vorantreiben.“

Die KI hat höchste politische Priorität. Quelle: picture alliance / Photoshot
Der Nationalkongress der Kommunistischen Partei

Die KI hat höchste politische Priorität.

(Foto: picture alliance / Photoshot)

Xis Worte hallen nach. Immer und immer wieder zeigt das Staatsfernsehen anschließend die zentralen Aussagen von Xis Rede auf dem Parteitag im Oktober 2017. Kurz zuvor hatte bereits der Staatsrat als höchstes Verwaltungsgremium Chinas das Ziel ausgegeben, bis zum Jahr 2020 eine KI-Wirtschaft mit einem Wert von umgerechnet rund 18 Milliarden Euro auszubauen.

Bis zum Jahr 2030 steht das bereits erwähnte Ziel, China zur weltweit führenden Land für Maschinenintelligenz zu machen. Viele Provinzen haben eigene Programme ausgelegt, um mit Subventionen und Steuernachlässen lokale KI-Champions heranzuziehen.

Bei der Entwicklung der Schlüsseltechnologie will der chinesische Staat nichts dem Zufall überlassen. Daher hat er die Tech-Firmen in einem „National Team“ zusammengefasst. Darin soll der Suchmaschinenbetreiber Baidu das automatisierte Fahren vorantreiben. Der Handelsgigant Alibaba soll KI einsetzen, um Städte smarter und effizienter zu machen. Der Kommunikationskonzern Tencent soll KI im Gesundheitssektor vorantreiben. Und iFlytek aus Shenzhen ist der nationale Champion für das Thema Spracherkennung.

Gestützt vom Staat treiben die Firmen ihre Entwicklungen voran. „China ist führend darin, Künstliche Intelligenz auch in Geschäftsmodelle umzuwandeln“, sagt Jost Wübbeke, ehemaliger Leiter des Wirtschaftsprogramms beim Berliner Chinaforschungsinstitut Merics und heute Programmleiter bei der Unternehmensberatung Sinolytics.

Firmen wie Alibaba machten schon heute vor, wie sich KI-Anwendungen in die Arbeitsabläufe der Unternehmen integrieren ließen, sagt Wübbeke. Bei Cainao, der Logistik-Tochter von Alibaba, würden etwa Kameras den Bestand in den Lagerhäusern überwachen. So müssten nicht aufwendig Sensoren installiert werden. Die Fortschritte in der Bilderkennung machten die Prüfung mit hochauflösenden Kameras möglich. Nach demselben Prinzip werden in China bereits seit einigen Jahren Geschäfte ohne Kassierer betrieben.

Auch dort erkennen Kameras, welche Produkte Kunden aus den Regalen nehmen – lange bevor Amazon Go mit viel Aufwand den ersten kassenlosen Supermarkt in den USA eingeweiht hat.
Chinas Vordenker für die kommerzielle Anwendung von KI heißt Min Wanli. In China wurde er als Wunderkind hofiert, ging für seine Forschungen in die USA und arbeitete dort unter anderem für IBM und Google. Seit fünf Jahren treibt er das Thema KI bei Alibaba voran.

Unter dem Namen „ET Brain“ verspricht Alibaba seinen Kunden KI-gestützte Lösungen für die unterschiedlichsten Branchen: Solarmodule werden mit weniger Abfall und höherer Leistung hergestellt, der Verkehr in Städten wird effizienter gesteuert und Abfall optimal für ein effizientes Recycling sortiert. ET Brain lockt seine Kunden mit vorab garantierten Effizienzgewinnen. Derzeit ist Min ständig in Europa unterwegs, um Firmen von den Leistungen des chinesischen Systems zu überzeugen.

Mit aller Kraft versucht China, den KI-Wettlauf mit den USA zu gewinnen – ein Wettlauf, in dem Europa längst abgeschlagen ist und bestenfalls noch Chancen auf Bronze hat. Aber was wiegt am Ende stärker? Der jahrzehntelange Vorsprung der USA als Tech-Nation Nummer eins? Oder China mit der konzertierten Kraft von Staat und Konzernen – gepaart mit der freien Verfügbarkeit nahezu aller benötigten Daten?

Einer, der die Antwort auf diese Fragen wissen muss, ist Kaifu Lee. Geboren in Taiwan, ging er in die USA und schrieb dort in den 80er-Jahren seine Dissertation über KI. Nach Stationen bei Apple, Microsoft und als Chinachef von Google ist er heute als Investor in Technologiefirmen unterwegs. Er bewegt sich ebenso selbstsicher und gut vernetzt im Silicon Valley wie in der Tech-Szene von Peking, Shenzhen und Hangzhou.

Ausführlich hat er die beiden Ansätze zur Entwicklung von KI in den USA und China verglichen. Seine zentralen Thesen hat er in seinem Ende September erschienenen Buch „AI Superpowers“ verarbeitet. Nach seiner Einschätzung bringt China alles mit, um als Sieger aus dem globalen KI-Wettrennen hervorzugehen.

Vier Faktoren sieht er als entscheidend an: Daten, Unternehmer, Forscher und Regulierung. China ist schon heute zur weltgrößten Internetnation mit mehr als 800 Millionen Onlinenutzern aufgestiegen, die sehr viele Daten generieren. Der Staat versorgt die Firmen zudem mit Zugang zu Regierungsdatenbanken und verschafft ihnen Freiräume.

Nur bei der Forschung hängt China zurück. Noch kommt die wegweisende KI-Grundlagenforschung meist aus den USA. Dieser gewaltige Wissenspool sorgt dafür, dass die USA in vielen Schlüsselbereichen der KI noch immer führend sind. Ein Rückstand, der den Chinesen Ansporn ist.

AlphaGo schlug den Go-Meister – KI wurde in China zur Schlüsseltechnik

Es war wie ein „Sputnik-Moment“ für China: Vor zwei Jahren schlug das von Google entwickelte AlphaGo fast mühelos den Meister von Go, Lee Se-dol. Das komplexe Strategiespiel wird von vielen Chinesen gespielt. Auch dem letzten chinesischen Kaderfunktionär wurde klar, welche Macht und Bedeutung Künstliche Intelligenz haben kann. Spätestens seitdem gilt KI als Schlüsseltechnik – und Amerika als Vorbild.

Als erste Regierung der Welt veröffentlichten die USA fast zeitgleich zum Go-Wettkampf im Mai 2016 einen umfassenden Strategieplan zur KI, in dem Forschungsleistungen, Ziele und ethische Rahmenbedingungen aufgestellt wurden. Auftraggeber: das Weiße Haus, damals noch unter Präsident Barack Obama.

Nachfolger Donald Trump rief vor wenigen Monaten eine Kommission für KI ins Leben. Gedrängt hatte darauf Verteidigungsminister Jim Mattis, der in einem internen Memo an Trump schrieb, man müsse „das ganze Land dazu bringen“, sich des Themas anzunehmen. Schließlich gehe es „nicht nur um Verteidigung des Landes, sondern um eine Transformation des menschlichen Zustandes“.

Das Verteidigungsministerium spielt bei der Grundlagenforschung in den USA eine Schlüsselrolle. Satellitennavigation, Internet – die Beispiele lassen sich lange fortsetzen. Das neuste Projekt: KI. Im vergangenen Juni rief das Ministerium das „Joint Artificial Intelligence Center“ (JAIC) ins Leben. Das Zentrum ist streng geheim, das Budget beläuft sich laut Medienberichten auf 1,7 Milliarden Dollar für fünf Jahre. Dabei soll es nur die vielfachen Bemühungen von KI im Ministerium koordinieren – und die Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft verbessern.

Die zahlreichen Eliteuniversitäten verschaffen dem Land zusätzliche Impulse. Die Cornell University im Norden vom Bundesstaat New York gilt beispielsweise als die führende KI-Hochschule der Welt. Insgesamt kommen die USA auf 78 000 KI-Forscher, während es in China nur die Hälfte ist, wie es in einem Bericht der chinesischen Forschungseinrichtungen IT Juzi und Tencent Institute 2017 heißt.

Aber die Chinesen machen Fortschritte. Schon 2014 produzierten ihre Wissenschaftler mehr akademische Veröffentlichungen im KI-Bereich als die Amerikaner – auch wenn die US-Aufsätze noch immer im Schnitt eine höhere Qualität aufweisen.
Probleme haben die Chinesen in der Hardware. Vor allem bei Halbleitern liegt China zurück. Diese Computerbauteile sind unerlässlich für das „Trainieren“ von KI. Die USA kontrollieren laut der International Trade Administration rund die Hälfte der globalen Halbleiterproduktion, während China nur auf vier Prozent kommt.

Diese strategische Bedeutung erklärt die diversen Vetos von Trump gegen die Übernahme von US-Halbleiterunternehmen. Heraus ragte die untersagte Übernahme des kalifornischen Halbleiterherstellers Qualcomm durch Konkurrent Broadcom im Wert von sagenhaften 117 Milliarden Dollar. Der Grund: Broadcom ist in Singapur ansässig, man fürchtete um den Einfluss des Großkunden Huawei aus China.

Wichtig für KI-Entwicklung sind auch Supercomputer. Die schnelle Rechengeschwindigkeit lässt Softwareprogramme lernen und sich entwickeln. Hier holt China langsam auf. Von den insgesamt 500 Supercomputern der Welt gehörten 2014 noch 232 zu den USA, während China auf 76 kam. Drei Jahre später überholte das Reich der Mitte die USA mit 168 versus 159.

Insgesamt gibt es in der Welt mehr als 2 500 KI-Unternehmen, davon sitzen 43 Prozent in den USA, während China auf 23 Prozent kommt. Masse ist dabei auch Klasse: Laut dem renommierten CB Insights Ranking sind unter den wichtigsten 100 KI-Start-ups nur sieben chinesische Firmen, während Amerika auf 76 Unternehmen kommt.

Um den Wissensvorsprung der USA aufzuholen, verlegen immer mehr chinesische Konzerne Teile ihrer KI-Entwicklung dorthin, wo dieses so geballt verfügbar ist wie nirgendwo sonst auf der Welt.

China entdeckt das Silicon Valley

Vor der Tür in dem hellen Büro in Sunnyvale blickt der Baidu-Mitarbeiter in die Kamera. Hinter der Linse tastet eine Software des chinesischen Suchmaschinenkonzerns sein Gesicht ab, registriert markante Kennzeichen. Die Künstliche Intelligenz verbindet die Punkte, ein einzigartiges Muster entsteht. Kaum ein Augenblick vergeht, da schwingen die Flügel der Tür auf. Baidus Gesichtserkennungssoftware hat den Angestellten identifiziert. Bemerkenswert, wenn auch nicht wirklich revolutionär – mit einer ähnlichen Technologie ist auch Apples Topmodell iPhone X ausgestattet.

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Aber es geht Baidu im Silicon Valley auch nicht um Gesichtserkennung, sondern um Personalgewinnung. Mit seinem Standort im Silicon Valley will Baidu vor allem „talentierte und erfahrene Programmierer“ anlocken, sagte Jingao Wang. Er ist Senior Director von Baidu’s Intelligent Driving Group und Architekt von Apollo, der Technologieplattform für autonomes Fahren.

Qi Lu, der ehemalige Chef von Baidus operativem Geschäft, nannte die Apollo-Plattform das „Android der autonomen Fahr-Branche“, Apollo solle aber noch „offener und kraftvoller“ werden als Googles mobiles Betriebssystem.

Das erste Büro im Silicon Valley eröffnete Baidu 2011. Heute werkeln in Sunnyvale etwa 150 Ingenieure an Baidus Roboterauto. Rund um das Büro testet der Hersteller die Fahrzeuge auf kalifornischen Straßen. Für Apollo hat Baidu unter anderem Mitarbeiter von Waymo abgeworben, der Einheit für autonomes Fahren beim Wettbewerber Alphabet („Google“).

Gut gelaunt sitzen zwei von ihnen auf dem Vordersitz eines blauen Lincoln. Im hellen Sonnenlicht sausen Baumreihen und Bürohäuser mit spiegelnden Außenflächen vorbei. Während der autonomen Fahrt berühren die Hände der beiden Baidu-Testpiloten nicht das Lenkrad.

Baidu will Google mit seinen eigenen Waffen schlagen. Es kopiert die Open-Source-Philosophie des Suchmaschinen-Giganten: Wie das von Google entwickelte mobile Betriebssystem Android öffnet auch Apollo seine Plattform für das autonome Fahren, um im Gegenzug Reichweite und Marktmacht zu gewinnen. Programmierer erhalten bei Apollo freien Zugriff auf Daten, Programmcode und Hardwarekomponenten.

Seit dem Start von Apollo im Juli 2017 beteiligten sich 118 Unternehmen an der Plattform, unter ihnen die Autobauer Daimler, Ford und BMW, aber auch Zulieferer wie Bosch, Continental und Nvidia. Auch zahlreiche chinesische Hersteller machen mit. Noch hängt Apollo hinter Waymo zurück. Doch der offene Ansatz hilft den Chinesen. „Er wird Apollo zum globalen Erfolg verhelfen“, glaubt US-Unternehmer Bobby Hambrick, CEO des aus Illinois stammenden Unternehmens AutonomouStuff. Er setzt das System von Baidu in ersten Fahrzeugen ein.

Der offene Austausch mit den Chinesen hat aber seinen Preis. Baidu stellt seine Technologie frei zur Verfügung, um im Gegenzug Zugriff auf die Fahrdaten der Autobauer und Zulieferer zu erhalten.
„Wir verstehen die Bedenken der Autobauer total“, wirbt Baidu-Manager Wang um Verständnis.

Für ihn ist die Rechnung aber einfach: „Je mehr man teilt, desto mehr bekommt man vom Ökosystem zurück.“ Apollo wolle eine Win-win-Situation schaffen. „Die Internetindustrie und die Autobauer müssen sich in der Mitte treffen.“

Heißt im Klartext: Ihr kriegt unsere Technologie, wir kriegen die Daten eurer Kunden. Die klassische Chinastrategie, die in Peking oder Shenzhen niemand anstößig findet.

Macht über Daten hilft dem chinesischen Staat

Das selbstfahrende Auto ist nur ein Bereich, in dem China zur Weltspitze gehören will. KI soll sich auf jede Branche erstrecken, in der Daten eine Rolle spielen. „Nichts ist so wichtig wie mehr Daten“, postuliert der KI-Pionier Fred Jelinek. Gemessen an diesem Standard ist China in einer perfekten Position. Bis 2020, so schätzen die Marktforscher von IDC, wird China 8,6 Zettabytes an Daten generieren, Amerika wird im Vergleich nur auf 6,6 Zettabytes kommen.

Kameras fotografieren Fußgänger, die bei rot über die Straße laufen. Quelle:  Handelsblatt
Verkehrskontrolle

Kameras fotografieren Fußgänger, die bei rot über die Straße laufen.

(Foto:  Handelsblatt)

Während China 2012 nur 13 Prozent der weltweiten digitalen Rohdaten stellte, könnte laut IDC der Anteil im Jahr 2020 bei bis zu 25 Prozent liegen. Im März 2018 gab Tencent bekannt, dass allein seine Super-App WeChat mehr als eine Milliarde User hatte.

Diese Datendichte lässt Chinas KI-Produkte schneller besser werden. Als die Geschäftsführer des chinesischen Video-Streamingdienstes iQiyi im vergangenen Jahr zusammensaßen, um neue Programme zu konzipieren, schlug jemand eine Rap-Talentshow vor. Die Manager beim Internetriesen Baidu, der Mutterfirma, waren sich unsicher. Chinas Musikmarkt wird von Pop und Balladen dominiert, Rap erschien abwegig.

Aber bevor sie diesen Vorschlag vom Tisch wischen wollten, suchten sie Rat bei iQiyi Brain. Das System benutzt Künstliche Intelligenz, um mittels Such- und Videodaten die Produktion von Unterhaltungsinhalten zu optimieren. iQiyi Brain sagte voraus, dass eine solche Rap-Show ein Erfolg werden könnte. Im Juli 2017 kam die erste Folge auf den Markt. Die zwei Gewinner wurden über Nacht zu Stars.

Durch die Analyse des Sehverhaltens ihrer Kunden erkennt der Konzern auch, welche Stars bei welcher Zielgruppe wie ankommen. „Für die Werbeindustrie ist das eine große Hilfe, den Wert von jemanden einzuschätzen“, erklärt der Chief Technology Officer von iQiyis, Liu Wenfeng. Außerdem könne man durch diese Technologie die Arbeit des Casting Direktors erleichtern. „Aber nur für Nebenrollen“, fügt er hinzu. „Bei den Hauptrollen ist das Vertrauensverhältnis zwischen Regisseur und Schauspieler zu wichtig.“

China macht es internationalen Internetfirmen schwer

Auch US-Unternehmen wie Netflix setzen zunehmen auf KI, um ihr Geschäft effizienter zu gestalten. iQiyi versucht, immer einen Schritt weiter zu sein. Ein KI-System durchleuchtet Abertausende Stunden Filmmaterial, um Profile von Schauspielern anzulegen. Aufbauend auf den Analysen gibt das System Empfehlungen, welche Darstellerin oder welcher Darsteller optimal für welches Filmprojekt geeignet ist.

Auch wenn iQiyi bisher noch rote Zahlen schreibt: Der Umsatz wächst gewaltig. Allein im zweiten Quartal 2018 stieg er gegenüber dem Vorjahresquartal um 51 Prozent auf 932 Millionen Dollar, vor allem getrieben durch hohe Werbeeinnahmen und eine wachsende Abonnentenzahl. Seit vergangenem Jahr legte sie um 75 Prozent auf 67,1 Millionen zu, davon sind 66,2 Millionen zahlende Kunden.

China ist dabei, sich zum globalen Leitmarkt für die Anwendung von KI zu entwickeln. Doch zur Politik der chinesischen Führung gehört es auch, internationalen Internetfirmen den Zugang zu chinesischen Kunden zu erschweren. Facebook, Twitter und Youtube sind in China gesperrt. 2010 ließ sich Google als Held der Netzfreiheit feiern und zog sich mit seinem Suchdienst vom chinesischen Festland zurück.

Der US-Konzern wollte sich nicht länger der vom chinesischen Staat auferlegten Selbstzensur beugen. Jetzt könnte der Rückzug vom Rückzug bevorstehen. Unter dem Namen „Project Dragonfly“ erwägt Google, nach China zurückzugehen. Das würde auch bedeuten, dass sich das US-Unternehmen den strengen Überwachungsvorschriften der chinesischen Behörden beugen muss.

Dabei geht es Peking nicht nur um Zensur – sondern auch um den Zugriff auf die von Google gewonnenen Daten. In den USA und Europa versuchen Tech-Konzerne mit viel Mühe, möglichst verlässliche Daten über ihre Nutzer zu sammeln. In vielen Fällen können sie sich aber nicht sicher sein, ob Kunden nur erfundene Informationen in ihre Profile eintragen oder ihre echten Daten teilen.

In China sieht das anders aus. Der Staat hilft bei der Datenbeschaffung mit. Ab dem Jahr 2020 soll landesweit ein System installiert werden, in dem jeder Bürger und jedes Unternehmen einen Wert für die Vertrauenswürdigkeit zugewiesen bekommt. Eine Art staatliche Mega-Schufa. Und die Internetfirmen Alibaba, Baidu und Tencent sollen Peking dabei helfen, ein möglichst lückenloses System aufzubauen.

Europa fällt im KI-Wettlauf zurück

Viele Städte in China integrieren mittlerweile KI-betriebene Technologie in ihre Verwaltungssysteme. Zum Beispiel benutzen Sozialämter Gesichtserkennung zur Verifizierung von Anträgen und Ärzte in Krankenhäusern diktieren Patientenakten in Transkribierprogramme. Wer das mit dem Alltag in deutschen Behörden oder Kliniken vergleicht, bekommt einen Eindruck, wie abgehängt Europa derzeit im Wettrennen der Digitalmächte dasteht. Einzig der deutsche Softwarekonzern SAP mischt vorne mit.

Ende September in Hangzhou, einer Millionenstadt in der Nähe von Schanghai. SAP-Vorstandsvorsitzender Bill McDermott schreitet mit Alibaba-Chef Daniel Zhang durch einen dunklen Saal auf eine hell ausgeleuchtete Bühne, um eine Partnerschaft anzukündigen.

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„Vor langer Zeit haben wir China als unsere zweite Heimat ausgerufen“, schmeichelt der Amerikaner in deutschen Diensten den chinesischen Gastgebern. Nun stehe ein besonderer Moment in dieser langen Geschichte an: SAP biete fortan wichtige Produkte wie S/4 Hana über die Cloud von Alibaba an – und das ermögliche eine „Wachstumsrevolution“. „Wow, wow, wow“, ruft McDermott. Das Publikum beginnt zögerlich zu klatschen.

Es ist eine Partnerschaft, von der beide Seiten profitieren. SAP kann seine Cloud-Dienste im großen chinesischen Markt deutlich einfacher verkaufen. Alibaba gewinnt mit dem Partner SAP Glaubwürdigkeit und Kunden. Es gehe aber auch darum, „intelligente Unternehmen“ zu schaffen, betont McDermott. Tatsächlich spielt die Künstliche Intelligenz für SAP inzwischen eine wichtige Rolle: SAP führt in seiner Software immer mehr Funktionen ein, die auf maschinellem Lernen basieren. So soll die Finanzsoftware eingehende Buchungen automatisch mit offenen Posten abgleichen, auch wenn einzelne Daten nicht übereinstimmen.

Derzeit setzt SAP nach eigenen Angaben rund 25 Projekte mit Künstlicher Intelligenz um. Künftig dürfte es schwierig werden, diese Projekte zu zählen, weil nahezu alle Programmierer im Konzern die Technologie verwenden können.

Neben SAP investiert die deutsche Automobilindustrie verstärkt in KI – das autonome Fahren ist ohne Künstliche Intelligenz nicht denkbar, auch in vielen anderen Prozessen verspricht sie deutliche Verbesserungen. Audi beispielsweise hat jüngst angekündigt, Blechteile mithilfe von Bilderkennung auf Risse zu prüfen, und zwar „automatisiert, zuverlässig und schnell“.

Auch für andere Branchen, in denen Deutschland stark ist, ist KI hochrelevant. Zum Beispiel im Maschinenbau: Die vorausschauende Wartung von Maschinen, die an Datenmustern Fehler erkennt, bevor sie auftreten, ist ohne kluge Algorithmen nicht denkbar. Einige Unternehmen erkennen das, beispielsweise Bosch. Der Stuttgarter Konzern will in einigen Jahren bei allen Produkten Künstliche Intelligenz einsetzen.

Dieses Engagement ist aber nicht repräsentativ für die Breite der deutschen Industrie. So ergab eine Umfrage des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI), dass in 64 Prozent der Unternehmen die Voraussetzungen zur Nutzung von KI fehlen. Auch eine Studie der Boston Consulting Group bestätigt den Nachholbedarf.

Was die Situation verschärft: In Deutschland entstehen vergleichsweise wenige Start-ups, die die Technologie in den Mittelpunkt stellen. Nach Erhebung der Unternehmensberatung Roland Berger und des Risikokapitalgebers Asgard Capital vom Mai sind es nur gut 100. Damit liegt die Bundesrepublik nicht nur hinter den USA und China, sondern auch deutlich kleineren Ländern wie Israel und Kanada auf Rang acht.

Die Bundesregierung arbeitet nun an einem „Masterplan“, um der Wirtschaft in Sachen KI auf die Sprünge zu helfen. Das Vorgehen sieht Fabian Westerheide, Chef von Asgard Capital und Mitautor der Studie, jedoch kritisch. Die Agenda komme um Jahre zu spät, die Prozesse seien zu langsam und das Budget zu klein, sagt er: „Wir haben das Geld, aber wir stecken es lieber in die Rente statt in die Zukunft. Unser Staat verwaltet den Status quo.“

Künstliche Intelligenz wird die Welt verändern, keine Frage. Aber was wird das für eine Welt sein? „Künstliche Intelligenz kann helfen, Demokratien besser zu machen“, sagt der Computerwissenschaftler Pedro Domingos von der Universität von Washington. „Die Technik kann aber auch einem autoritären Regime helfen, an der Macht zu bleiben.“ Domingos hat mit dem Buch „The Master Algorithm“ einen Bestseller geschrieben, der sogar beim chinesischen Staatschef Xi Jinping im Regal steht. „Künstliche Intelligenz ist das Tool, das sich Diktatoren immer erträumt haben“, sagt Computerwissenschaftler Domingos. „Alle düsteren Visionen rund um Überwachung werden mithilfe der Technik Realität.“

Domingos sieht auf der Welt einen neuen Wettbewerb der Systeme zwischen Demokratien und autoritär regierten Staaten. In diesem Wettstreit sei KI ein entscheidender Faktor. „Künstliche Intelligenz wird in ein paar Jahren weite Teile unseres Alltags beherrschen“, sagt Domingos. Und die Technik sei so komplex, dass praktisch unsichtbar bleibe, welche Ziele ein Algorithmus verfolgt.

„KI verfolgt zwar das Ziel, das ihre Programmierer ihr geben, den Weg dorthin findet sie selbst. Sie diskriminiert bestimmte Volksgruppen, bewertet Frauen anders als Männer – oder sammelt und analysiert spezielle Informationen“, sagt Domingos. „Wenn wir chinesische Algorithmen nutzen, dürfen wir nie vergessen, dass diese Algorithmen von chinesischen Unternehmen entwickelt wurden, die eng mit dem chinesischen Staat verflochten sind.“

Chinas Rückschläge

Für Skeptiker wie Domingos mag es ein Trost sein: Es ist noch nicht ausgemacht, dass China aus dem Wettlauf um die besten KI-Standards tatsächlich als Sieger hervorgeht. Zumal chinesische Unternehmen inzwischen sehr geschickt darin sind, echte oder vermeintliche Erfolge in Sachen KI herauszustellen.

Zum Beispiel auf einer KI-Konferenz in Schanghai Mitte September: Ein japanischer Professor hält dort einen Vortrag. Sein Akzent ist schwer verständlich, die Zuhörer haben Schwierigkeiten mit seinem Englisch. Aber wie durch ein Wunder erscheint das Gesagte fast fehlerfrei auf einem riesigen Bildschirm neben dem Sprecher. Das könne die durch Künstliche Intelligenz getriebene Simultanübersetzung schon jetzt leisten, behaupten die Mitarbeiter des Spracherkennungsexperten iFlyTek.

Doch dann erscheint ein Artikel, in dem der Autor behauptet: Er habe den Vortrag des Professors zusammen mit einer anderen Übersetzerin im Hintergrund der Veranstaltung manuell übersetzt. Als Beweis lädt er Videos hoch. Einen Tag später gesteht iFlyTeks Vizepräsident Hu Yu auf seinem eigenen Weibo-Konto, dem Twitter Chinas, dass es sich bei der Übersetzung tatsächlich nicht um eine KI-Anwendung gehandelt habe. Das Unternehmen selbst verlinkt auf ein Zitat ihres Präsidenten Liu Qingfeng, der erst kürzlich gesagt hat: „Maschinen können noch nicht Übersetzer ersetzen. Um ehrlich zu sein, steuern wir derzeit eher auf eine Kombination aus Mensch und Maschine zu.“

Chinas KI-Ambitionen könnten größer sein als seine wirklichen Fähigkeiten. Während einer Präsentation im September in Peking warnte selbst Buchautor und KI-Evangelist Kaifu Lee davor, dass viele Firmen ihre Technologie als KI verkaufen, obwohl sie in Wirklichkeit nur eine Form der Automatisierung oder statistischen Auswertung sei. Ein Etikettenschwindel, der allerdings auch bei westlichen Unternehmen verbreitet ist, die sich als möglichst zukunftsfähig präsentieren wollen.

„KI ist momentan ein Schlagwort in China, mit dem man an Kapital kommt. Deswegen behauptet jeder, der irgendwelche Algorithmen benutzt, dass seine Technologie durch KI betrieben werde. Das ist meist völliger Quatsch“, sagte ein anonym bleiben wollender Tech-Investor mit langjähriger Erfahrung im chinesischen Markt am Rande des Weltwirtschaftsforums in Tianjin.

So hatte die Stadt Zhengzhou unlängst Brillen vorgestellt, mit denen Träger gesuchte Kriminelle in einer Menschenmenge identifizieren können sollten. Tatsächlich funktionieren sie jedoch nur, wenn das Objekt mehrere Sekunden stillsteht. Für den alltäglichen Einsatz sind sie daher nur begrenzt zu gebrauchen. An vielen Bahnhöfen, auf denen man angeblich per Gesichtskontrolle einchecken kann, sind die entsprechenden Geräte ausgeschaltet. Die Begründung lautet häufig, dass der Vorgang „zu lange dauert“.

Das Wettrennen um die Führungsrolle bei Künstlicher Intelligenz hat gerade erst begonnen. China hat gute Voraussetzungen, um das Rennen am Ende zu gewinnen oder sich zumindest mit den USA den Spitzenplatz zu teilen. Denn auch wenn nicht alle chinesischen KI-Firmen das halten, was sie versprechen: Die Kombination aus nahezu unbegrenztem Datenzugang, ehrgeizigen Unternehmern und einem Staat, der alles für einen Erfolg der KI-Branche unternimmt, sind wichtige Erfolgsfaktoren.

Fest steht: KI wird die gesamte Weltwirtschaft verändern. Und diese Weltwirtschaft von morgen wird sehr viel chinesischer sein als heute – und sehr viel weniger europäisch.

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1 Kommentar zu "Technik der Zukunft: Wie China bei der Künstlichen Intelligenz zur Supermacht aufsteigt"

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  • HB: „Zukunftstechnologie ist Chefsache in China, vom Staatspräsidenten Xi Jinping bis zum Gouver-neur und Bürgermeister einflussreicher Provinzen und Städte. …“
    Mit welchen Themen befassen sich unsere Politiker der letzten 10 Jahre in den Ländern Europas und in Brüssel? China ist längst an uns vorbeigezogen, technologisch, wirtschaftlich und militärisch. Die Macht- und Einflussverhältnisse kehren sich, auch mittels der förmlich explodierenden KI. Diese Entwicklungen lassen sich nicht mehr umkehren, noch aufhalten.

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