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Beschäftigungsausblick 2019 OECD warnt vor Panikmache wegen Digitalisierung: „Disruption ist die neue Normalität“

Fast ein Fünftel der Jobs in Deutschland könnten schon bald Roboter übernehmen. Doch die OECD erkennt in dem Wandel auch Chancen für Arbeitnehmer.
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Arbeitsmarkt: OECD warnt vor Panikmache wegen Digitalisierung Quelle: dpa
Digitale Produktion

Deutschland dürfte überdurchschnittlich stark von der Digitalisierung betroffen sein.

(Foto: dpa)

Berlin Knapp jeder fünfte Job in Deutschland könnte in den kommenden 15 bis 20 Jahren der Automatisierung zum Opfer fallen. Deutschland ist damit etwas stärker von den Umwälzungen durch die Digitalisierung betroffen als der Durchschnitt der Industrieländer, zeigt der „Beschäftigungsausblick 2019“ der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Während in Deutschland 18,4 Prozent der Jobs einem hohen Automatisierungsrisiko unterliegen, sind es im OECD-Schnitt nur 14 Prozent. Ein Grund für die höhere Quote ist der vergleichsweise hohe Industrieanteil an der Wertschöpfung in Deutschland.

Weitere 35,8 Prozent der Arbeitsplätze in der Bundesrepublik werden zwar nicht wegfallen, sich aber grundlegend verändern, erwartet die Industrieländerorganisation. Auch hier liegt Deutschland leicht über dem OECD-Schnitt. Viele Menschen werden also nicht nur den Arbeitsplatz, sondern den Beruf wechseln müssen. Besonders betroffen sind dabei Beschäftigte mit mittlerer Qualifikation.

Verstärkt wird der Umbruch auf dem Arbeitsmarkt die zunehmende globale Verflechtung der Wirtschaft oder den demografischen Wandel. „Disruption ist die neue Normalität“, heißt es in dem Report, den OECD-Generalsekretär Angel Gurria und Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) am Donnerstag in Berlin vorstellten.

Es gebe aber keinen Grund zur Panikmache, weil durch die Digitalisierung auch neue Jobs entstünden oder mehr Menschen die Chance hätten, überhaupt am Erwerbsleben teilzuhaben. Außerdem habe es die Politik in der Hand, den Wandel aktiv zu gestalten und so zu verhindern, dass Beschäftigte vom technologischen Fortschritt überrollt würden. Die Digitalisierung müsse nicht zu einem „Armageddon“ auf dem Arbeitsmarkt führen, sagte Gurria: „Die Zukunft liegt in unserer Hand.“

So gibt die OECD konkrete Handlungsempfehlungen. Es sei etwa dringend erforderlich, Weiterbildungsangebote auszubauen und allen Beschäftigten die Möglichkeiten geben, sie auch wahrzunehmen. Vor allem Geringqualifizierte, die es am nötigsten hätten, profitieren bisher kaum von Weiterbildung.

Hierzulande hat nur ein Viertel der Geringqualifizierten in den zurückliegenden zwölf Monaten an Schulungen teilgenommen, bei den Hochqualifizierten waren es hingegen drei von vier. In keinem anderen Industrieland ist die Kluft so groß wie in Deutschland.

Neue Beschäftigungsformen entstehen

Zwar wird der unbefristete Vollzeitjob auch künftig die Arbeitswelt in den Industrieländern dominieren, erwartet die OECD. Gleichzeitig entstünden aber – etwa durch die Plattformökonomie – neue Beschäftigungsformen, die bisher kaum soziale Absicherung böten.

Weil die Zahl der Soloselbstständigen künftig wahrscheinlich zunehmen werde, sei es bedenklich, dass in Deutschland als einzigem OECD-Staat Selbstständige unabhängig von ihrem Verdienst nur auf freiwilliger Basis an der Altersvorsorge teilnehmen. „Dies kann ihr Armutsrisiko im Alter erhöhen“, heißt es in dem Bericht.

Die OECD mahnt zudem, Scheinselbstständigkeit effektiv zu bekämpfen und Betroffenen die Möglichkeit zu geben, ihren Status leichter anzufechten. Auch für Plattformbeschäftigte sollten Grundsätze und Leitlinien etwa zur Entlohnung verabschiedet werden. Eine Ausweitung der Tarifbindung würde zudem helfen, die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer zu stärken.

Die Industrieländerorganisation empfiehlt ihren Mitgliedern, zu prüfen, ob ihre sozialen Sicherungssysteme noch in die digitale Zeit passen. So sollten auch Selbstständige die Möglichkeit haben, sich gegen Arbeitslosigkeit abzusichern. Atypische Beschäftigungsformen wie Teilzeit oder Minijobs sollten nicht durch Steueranreize oder niedrigere Sozialabgaben attraktiv gemacht werden.

OECD spricht sich gegen Grundeinkommen aus

Die Rentenversicherung muss nach Einschätzung der OECD so reformiert werden, dass sie auch bei Brüchen im Erwerbsleben wirksamen Schutz vor Altersarmut gewährt. Erworbene Ansprüche müssten beim Wechsel zwischen Arbeitsplätzen oder vom Arbeitnehmerstatus in die Selbstständigkeit erhalten bleiben. Karrierepausen würden in Deutschland aber stärker mit einem Abbau von Rentenansprüchen bestraft als in vielen anderen Industrieländern.

Von einem bedingungslosen Grundeinkommen hält die Industrieländerorganisation nichts. Eine solche soziale Mindestsicherung wäre „entweder sehr kostspielig oder mit ungünstigen Verteilungseffekten verbunden, die zulasten der schwächsten Gruppen gingen“, schreibt die OECD.

Positiv hebt die Organisation die guten Beschäftigungschancen junger Menschen in Deutschland hervor, die sich entgegen dem OECD-Trend in den zurückliegenden Jahren verbessert hätten. In vielen OECD-Ländern gehörten dagegen gerade Jugendliche zu den Verlierern der Umbrüche auf dem Arbeitsmarkt.

Arbeitsminister Heil dürfte sich von dem Bericht bestärkt fühlen. Mit dem Qualifizierungschancengesetz, das seit Jahresbeginn gilt, hat die Große Koalition bereits die Förderung der Weiterbildung umgesetzt. Ziel ist, Beschäftigte zu qualifizieren, bevor sie ihren Job verlieren.

Im Sommer würden mit der Nationalen Weiterbildungsstrategie weitere Schritte folgen, kündigte Heil an. Mit dem Qualifizierungschancengesetz habe die Regierung Anreize gesetzt, die Weiterbildung in den Betrieben zu stärken. Aber was mache man in Bereichen, in denen „das Geschäftsmodell am Ende ist“. Hier müsse man an Umschulungen außerhalb der Betriebe denken.

Sein Ministerium denke über verschiedene Modell wie das von der IG Metall vorgeschlagene Transformationskurzarbeitergeld nach. Langfristig müsse es auch einen Rechtsanspruch auf Weiterbildung geben, betonte Heil. Kurzfristig gehe es aber zunächst darum, Berufs- und Hochschulen stärker als Weiterbildungsinstitutionen zu etablieren.

Auch hat die Bundesregierung, wie von der OECD vorgeschlagen, die Anspruchsvoraussetzungen für Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung gesenkt. Zudem soll die Einbeziehung aller Selbstständigen in die Alterssicherung noch in diesem Jahr in Angriff genommen werden.

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