Big-Data-Technologie Lego-Kasten gegen Shitstorm und Motorschäden

Shitstorms erkennen, bevor sie aufziehen. Wissen, wann Maschinen gewartet werden müssen. Rapidminer hilft Firmen mit moderner Datenanalyse, der Zeit voraus zu sein – und muss sich im Wettbewerb selbst beeilen.
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Der Zukunft auf der Spur: Ralf Klinkenberg gehört mit seiner Firma Rapidminer zu den besten Adressen in Sachen maschinelle Datenanalyse. Quelle: Stephan Mündges

Der Zukunft auf der Spur: Ralf Klinkenberg gehört mit seiner Firma Rapidminer zu den besten Adressen in Sachen maschinelle Datenanalyse.

DortmundEs ist nicht der Berliner Kiez, sondern ein sanierter Bauernhof in Dortmund-Eichlinghofen. Ralf Klinkenberg blickt von seinem Fenster nicht auf das urbane Hipster-Deutschland, sondern auf eine Wiese. Eine Handvoll Schafe, blauer Himmel. Beschauliche Provinz auf den ersten Blick. Aber wer Klinkenberg über sein Start-Up Rapidminer und das gleichnamige Programm reden hört, merkt: Hier rennt einer um die Wette, das Ziel ist die Zukunft. Klinkenberg spricht schnell, während des gesamten Interviews steht er. Gemütlichkeit ist nicht seine Sache.

1,8 Billionen Terabyte an Daten wurden allein 2012 neu produziert. Riesige Datenmassen entstehen jeden Tag in allen Wirtschaftszweigen, teils fein säuberlich sortiert in Datenbanken, teils unstrukturiert verteilt in Texten, Audiodateien oder Bildern. Diese Datenmassen zu bändigen, sie auszuwerten und nutzbar zu machen, ist mittlerweile ein lohnendes Geschäftsmodell. Der Branchenverband Bitkom geht davon aus, dass allein in Deutschland mit der Analyse großer Datenmengen dieses Jahr 850 Millionen Euro umgesetzt werden. 2016 – so die Prognose – werden es 1,56 Milliarden Euro sein.

„Die Zahlen dokumentieren, dass der Anteil Deutschlands am Weltmarkt deutlich wachsen wird“, ist sich Mathias Weber vom Hightech-Branchenverband Bitkom sicher. „Das ist ein Resultat der starken Nachfrage aus der deutschen Industrie, speziell aus der Automobilindustrie.“

Wie Big Data Ihr Leben verändert
Stau auf der A8
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Dicht an dicht: Wenn die Autos auf der Straße stehen, lässt sich das mit moderner Technologie leicht nachvollziehen. Zum einen gibt es Sensoren am Straßenrand, zum anderen liefern die Autos und die Smartphones der Insassen inzwischen Informationen über den Verkehrsfluss. Diese Daten lassen sich in Echtzeit auswerten und mit Erfahrungswerten abgleichen – so wird klar, wo gerade ungewöhnlich viel los ist und beispielsweise eine Umleitung Sinn ergeben würde. Ein Pilotprojekt dazu lief in der Rhein-Main-Region, allerdings nur mit rund 120 Autos. Langfristig ist sogar das vollautomatische Autofahren denkbar – der Computer übernimmt das Steuer. Eines ist aber klar: Alle Big-Data-Technologien helfen nichts, wenn zu viele Autos auf zu kleinen Straßen unterwegs sind.

Google Books
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Fundgrube für Forscher: Google Books ist nicht nur eine riesige digitale Bibliothek. Die abertausenden eingescannten Texte lassen sich auch bestens analysieren. So kann nachvollzogen werden, welche Namen und Begriffe in welchen Epochen besonders häufig verwendet wurden – ein Einblick in die Denkweise der Menschen. Der Internet-Konzern nutzt den Fundus außerdem, um seinen Übersetzungsdienst Translate zu verbessern.

Grippe
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Schnupfen, Kopfschmerz, Müdigkeit: Das sind die typischen Symptome der Grippe. Aber wann erreicht die Krankheit eine Region? Bislang konnte man das erst feststellen, wenn es zu spät war. Der Internet-Riese Google hat ein Werkzeug entwickelt, mit dem sich Grippewellen voraussagen lassen: Flu Trends. Bei der Entwicklung hielten die Datenspezialisten nicht nach bestimmten Suchbegriffen Ausschau, sondern nach Korrelationen. Wonach also suchten die Menschen in einer Region, in der sich das Virus ausbreitete? Sie filterten 45 Begriffe heraus, die auf eine unmittelbar anrollende Grippewelle hindeuten – ohne dass irgendein Arzt Proben sammeln müsste.

Twitter-Aktie kräftig im Plus
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Aufwärts oder abwärts? Die Millionen von Kurznachrichten, die jeden Tag über Twitter in die Welt gezwitschert werden, können Aufschluss über die Entwicklung der Börsen geben. Denn aus den 140 Zeichen kurzen Texten lassen sich Stimmungen ablesen – das hat ein Experiment des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) gezeigt. Je intensiver die Emotionen, desto stärker die Ausschläge. Marktreife Investitionsmodelle, die auf Tweets setzen, gibt es indes noch nicht.

Flugpreise
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Lotterie am Himmel: Die Preise von Flugtickets lassen sich für Laien kaum nachvollziehen. Auch eine frühe Buchung garantiert kein günstiges Ticket, weil die Fluggesellschaften ständig an der Schraube drehen. Das wollte sich der Informatiker Oren Etzioni nicht gefallen lassen: Er sammelte mit seiner Firma Farecast Millionen von Preisdaten, um künftige Preisbewegungen zu prognostizieren. 2008 kaufte Microsoft das Start-up, die Funktion ist jetzt in die Suchmaschine Bing integriert.

UPS
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Jeder Meter kostet Zeit und Geld. Daher wollen Logistikunternehmen ihre Fahrer auf kürzestem Wege zum Kunden lotsen. Der weltgrößte Lieferdienst UPS führt dafür in einem neuen Navigationssystem Daten von Kunden, Fahrern und Transportern zusammen. „Wir nutzen Big Data, um schlauer zu fahren“, sagte der IT-Chef David Barnes der Nachrichtenagentur Bloomberg. Im Hintergrund läuft ein komplexes mathematisches Modell, das auch die von den Kunden gewünschten Lieferzeiten berücksichtigt.

Indian kite maker congratulates US President Obama in Amritsar
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Es waren nicht nur gute Wünsche, die US-Präsident Barack Obama 2012 zur Wiederwahl verhalfen: Das Wahlkampf-Team des Demokraten wertete Informationen über die Wähler aus, um gerade Unentschlossene zu überzeugen. Dabei griffen die Helfer auch auf Daten aus Registern und Sozialen Netzwerke zurück. So ließen sich die Bürger gezielt ansprechen.

Ralf Klinkenberg will mit dem Markt wachsen. Seine Firma Rapidminer gehört zu den besten Adressen, wenn es um die maschinelle Datenanalyse und daraus gezogene Prognosen geht – die IT-Experten der Beratungsgesellschaft Gartner zählen sie zu den Top 4 der Branche. Volkswagen, Siemens, die GfK oder Paypal gehören zu den Kunden.

Zusammen mit Ingo Mierswa hat der 42-jährige Klinkenberg 2007 das Start-Up gegründet. In den Jahren zuvor arbeiteten die beiden zusammen als Doktoranden an der Technischen Universität in Dortmund. Schon damals interessierten sie sich für selbstlernende Systeme, sie schrieben ein Programm, mit dem Datenmengen flexibel bearbeitet und verglichen werden konnten – eigentlich nur um sich die Forschungsarbeit zu erleichtern. „Das ist vergleichbar mit einem Lego-Kasten: Man kann viele alte Bausteine nutzen und muss nur wenige neue Steine produzieren, um etwas völlig Neues zu schaffen.“

Mit diesem Programm fing der Weg ins Unternehmerleben an. Die Programmierer stellten es auf Tagungen und in Fachmagazinen vor, 2004 kamen die ersten Anfragen von Firmen und mit ihnen die Erkenntnis, dass für intelligente Datenanalyse ein Markt besteht.

Nur außen ist es beschaulich: Die Firma Rapidminer hat in einem sanierten Bauernhof in Dortmund-Eichlinghofen ein Büro. Quelle: Stephan Mündges

Nur außen ist es beschaulich: Die Firma Rapidminer hat in einem sanierten Bauernhof in Dortmund-Eichlinghofen ein Büro.

Wenn früher in Unternehmen Daten analysiert wurden, ging es darum, was war. Man schaute in den Rückspiegel: Wie viele Kunden haben ihren Vertrag gekündigt? Wo gab es Verzögerungen in der Produktion? Ralf Klinkenberg will der Zeit aber voraus sein: Man müsse proaktiv handeln. Mithilfe großer Datenmengen und intelligenter Systeme, die sie analysieren.

Ein Beispiel: Ein Pharmaunternehmen bringt eine neue Spritze auf den Markt. Die Gebrauchsanweisung ist missverständlich formuliert, es kommt bei der Nutzung der neuen Nadeln zu leicht vermeidbaren Verletzungen. Die Texterfassung von Rapidminer kann in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter kritische Postings erkennen und auswerten – ohne dass man dafür viel Personal benötigt. Denn das Programm lernt anhand weniger Beispieltexte, woran Kritik zu erkennen ist, und aus der Vielzahl der Kommentare kann es die wichtigen Themen herausfiltern. Dieser Mechanismus gibt dem Pharmaunternehmen einen zeitlichen Vorsprung. Man kann auf die Kritik reagieren, bevor sie sich zu einem Shitstorm auswächst.

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