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Fachkräfte Rekordlücke bei IT-Spezialisten belastet deutsche Wirtschaft

Der Fachkräftemangel bedroht das Wachstum der deutschen Wirtschaft. Es mangelt vor allem an Gesellen und Meistern – überwiegend in MINT-Berufen.
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Die Nachfrage nach IT-Kräften wird wegen der Digitalisierung in Zukunft nicht abreißen. Quelle: dpa
Fachkräfte

Die Nachfrage nach IT-Kräften wird wegen der Digitalisierung in Zukunft nicht abreißen.

(Foto: dpa)

Berlin Fehlende IT-Spezialisten werden zunehmend zum Problem für den Arbeitsmarkt: Nach dem MINT-Frühjahrsreport des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) ist die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage hier im Laufe von nur vier Jahren auf fast 60.000 Fachkräfte gestiegen. Das ist mehr als das Dreifache des Wertes von 2014, heißt es in der Studie, die dem Handelsblatt vorliegt.

Und es sei zu erwarten, „dass die Nachfrage nach IT-Kräften so schnell nicht abreißen wird“, schreibt das Team um den IW-Ökonomen Axel Plünnecke. Denn die Herausforderungen – von der Digitalisierung über Smartgrids bis zu Smarthomes – seien gewaltig.

Enormer Mangel herrscht allerdings quer über alle MINT-Berufe – also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Insgesamt klaffte hier zwischen Jobangeboten und Arbeitslosen im April eine Netto-Lücke von gut 311.000 Fachkräften. Das liegt nur um wenige Tausend unter dem bisherigen Rekordwert vom Frühjahr 2018.

Da die wenigsten Arbeitnehmer bundesweit mobil sind, also nur sehr wenige bereit sind, für einen Job etwa von Niedersachsen nach Bayern umzuziehen, ist die tatsächliche Lücke „realistischerweise noch deutlich höher“, heißt es im Report. Die aktuelle Lage ist misslich. Die Bundesregierung hat sich vorgenommen, die Ausgaben für Forschung und Entwicklung von heute drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts bis 2025 auf 3,5 Prozent zu steigern.

Um das zu erreichen, „müsste allein die Anzahl der MINT-Erwerbstätigen in den Forschungsabteilungen der Wirtschaft um etwa 220 .00 Personen zunehmen“, rechnet das IW vor. Vor wenigen Wochen hatte die für das Handelsblatt erstellte Future-Skills-Studie von Stifterverband und McKinsey ergeben, dass in den kommenden fünf Jahren 700.000 zusätzliche Tech-Spezialisten benötigt werden. Außerdem müssten 2,4 Millionen Erwerbstätigen Schlüsselqualifikationen wie die Fähigkeit zu agilem Arbeiten oder digitalem Lernen vermittelt werden.

Zuwanderer helfen

„Angesichts der sprunghaft wachsenden Digitalisierung in allen Lebensbereichen überrascht das Ergebnis des neuen MINT-Reports nicht wirklich“, sagte die Sprecherin des Nationalen MINT Forums, Nathalie von Siemens, dem Handelsblatt. Sie bestätigte, „dass MINT-Bildung – zu der IT gehört – mehr denn je an die Spitze der bildungspolitischen Prioritäten gehört“. Das Forum setzt auf den vor wenigen Tagen unterschriebenen Digitalpakt und den MINT-Aktionsplan des Bundes.

„Denn Stiftungen und zivilgesellschaftliches Engagement wie im MINT Forum reichen allein nicht aus“, so von Siemens. „Schulen brauchen allerdings nicht nur mehr Ausstattung, sondern mehr MINT-Lehrkräfte und natürlich technisches Personal. Sie sind mit den jetzt anstehenden Aufgaben überfordert, weshalb wir die Zusammenarbeit mit außerschulischen Initiativen dringend empfehlen.“

Den MINT-Aktionsplan hatte unlängst die Bundesbildungsministerin vorgelegt: Hier will der Bund etwa mit einem Wettbewerb MINT-Cluster lokaler Akteure in ganz Deutschland fördern. Ohne die vielen Zuwanderer betrüge die MINT-Fachkräftelücke schon heute rund eine halbe Million.

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Die Beschäftigung von Ausländern – vom Elektriker bis zum Ingenieur – ist seit 2012 weit dynamischer gewachsen als die von Deutschen. Hätte sie sich gleichermaßen langsam entwickelt, würde die MINT-Fachkräftelücke heute um fast 210.000 größer ausfallen, so der Report.

„Insgesamt sind rund 1,9 Millionen zugewanderte MINT-Kräfte in Deutschland erwerbstätig und tragen in Höhe von rund 186 Milliarden Euro pro Jahr zur Wertschöpfung bei“, so Plünnecke. In den kommenden Jahren erreichten viele Fachkräfte das Rentenhalter, „sodass die Herausforderungen bei der Fachkräftesicherung weiter zunehmen“.

Sowohl das IW als auch die Auftraggeber der Studie – Arbeitgeber, BDI und Gesamtmetall sowie die Wirtschaftsinitiative „MINT Zukunft schaffen“ – drängen daher darauf, das Fachkräfte-Zuwanderungsgesetz so schnell wie möglich zu verabschieden, damit es zum 1. Januar 2020 wirksam werden kann. Es soll vor allem Nicht-Akademikern von außerhalb der EU den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt erleichtern.

Bislang profitiert Deutschland vor allem in akademischen Berufen von Zuwanderern aus Drittstaaten – bei Facharbeitern werden in erster Linie Fachkräfte aus der EU selbst angelockt. Die größte Rolle spielt die Migration von MINT-Kräften in den süddeutschen Bundesländern und der Hauptstadt: In Baden-Württemberg stellen Ausländer 13,5 Prozent der einschlägigen Berufsgruppen, in Berlin 13 und in Bayern und Hessen je gut elf Prozent.

Anregung durch Mindestlohn

Der größte Mangel herrscht seit einigen Jahren zunehmend nicht bei den Akademikern, sondern bei den Facharbeitern: Hier fehlen aktuell mehr als 200.000 MINT-Fachleute, davon 144.000 Gesellen und rund 60.000 Meister und Techniker. Die Lücke an studierten MINT-Experten ist deutlich kleiner: Sie liegt bei 108.000 Kräften.

Das IW empfiehlt, den Notstand an beruflich Ausgebildeten vor allem durch mehr Werbung für die duale Ausbildung anzugehen. Zwar ist die Zahl der neuen MINT-Azubis seit 2010 immerhin um 15 Prozent auf 152.000 gestiegen. Zugleich gab es 2018 aber noch 11.500 unbesetzte Plätze – und nur 5500 unversorgte Bewerber.

Attraktiver werden soll die duale Ausbildung auch durch die vom Bund geplanten neuen Azubi-Mindestlöhne. Nach dem Plan von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) sollen Lehrlinge im ersten Lehrjahr ab 2020 mindestens 515 Euro monatlich erhalten, bis 2023 soll der Betrag auf 620 steigen. In den höheren Lehrjahren soll es entsprechende Aufschläge geben.

Die Wirtschaft hatte zunächst heftig gegen den Eingriff in die Belange der Sozialpartner protestiert – schließlich aber gemeinsam mit dem DGB selbst einen Vorschlag gemacht, den die Ministerin weitgehend übernahm. Attraktiv ist eine Technik-Lehre für viele Flüchtlinge: Im vergangenen Jahr bewarben sich mehr als 38.000 junge Geflüchtete um einen Ausbildungsplatz – das waren fast 12.000 mehr als im Jahr zuvor.

Sie brauchen allerdings oft eine lange Vorbereitungszeit, vor allem, um Deutsch zu lernen, und eine besondere Betreuung, um die Lehre erfolgreich zu beenden. Praktiker melden zudem, dass der Anteil der Analphabeten unter ihnen wächst (siehe Interview rechts).

Wettbewerb um weibliche Bewerber

Als bisher ausgesprochen schlecht erschlossenes Potenzial für die MINT-Berufe gelten die jungen Frauen. Angesichts des Mangels müssten dringend mehr von ihnen von den guten Aussichten in den MINT-Berufen überzeugt werden, drängen die IW-Experten. Seit 2012 hat sich der Anteil der Frauen an den einschlägigen Ausbildungsberufen lediglich von 7,7 auf 8,8 Prozent erhöht.

Deutlich mehr von ihnen für eine Lehre als Mechatroniker, Elektroniker oder Installateur zu begeistern dürfte künftig aber noch schwieriger werden. Denn gerade die frauentypischen Berufe im Gesundheitsbereich, der Pflege und der Kindererziehung brauchen ebenfalls Zigtausende zusätzliche Kräfte und locken mit besseren Bedingungen.

„Es ist erfreulich, dass es bei MINT-Berufen einen kleinen Anstieg gibt, er ist aber natürlich viel zu gering“, sagt Ekkehard Winter, Co-Sprecher des MINT Forums. Der MINT-Report schildert, dass Eltern oftmals die pessimistische Selbsteinschätzung von Mädchen und jungen Frauen bei Mathematik schon im Grundschulalter bestätigen und so der Entscheidung gegen einen entsprechenden Beruf Vorschub leisten. Mit diesem Problem will sich der „Nationale MINT Gipfel“ Ende Juni in Berlin befassen.

Daneben soll es auch darum gehen, die hohe Zahl der Abbrüche sowohl in der Ausbildung als auch an den Hochschulen zu reduzieren. Der Anteil der vorzeitig abgebrochenen Ausbildungsverträge ist zwischen 2005 und 2017 von knapp 20 auf fast 26 Prozent gestiegen, auch die Abbrecher- und Wechselquote in den MINT-Studiengängen ist weiterhin hoch. „Wir müssen junge Menschen also nicht nur besser an MINT-Berufe heranführen, sondern sie auch während der Ausbildung und im Studium besser begleiten“, so Winter.

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1 Kommentar zu "Fachkräfte: Rekordlücke bei IT-Spezialisten belastet deutsche Wirtschaft"

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  • Rekordlücke oder eher Rekordlüge?? Seit der Doku "Die Mär vom Fachkräftemangel" wissen wir Bescheid, wie diese Zahlen erstellt werden!