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Gewächshäuser im Supermarkt 100 Millionen Dollar für Gemüse: Berliner Start-up überzeugt Investoren

Das Berliner Start-up Infarm will mit kleinen Gewächshäusern für Restaurants und Supermärkte expandieren. Dabei hilft nun ein namhafter Investor.
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Auch in deutschen Supermärkten wachsen Kräuter schon direkt im Supermarkt.
Gemüse aus dem Kasten

Auch in deutschen Supermärkten wachsen Kräuter schon direkt im Supermarkt.

London/HamburgViel Geld für eine ungewöhnliche Firma: Das Berliner Start-up Infarm stellt Geräte her, die in Supermärkten und Restaurants frisches Gemüse und Kräuter wachsen lassen. Damit hat das junge Unternehmen internationale Investoren überzeugt und 100 Millionen Dollar Wachstumsfinanzierung eingesammelt, unter anderem von Atomico, einem der wichtigsten Risikokapitalgeber Europas.

Der Deal, der am Dienstag verkündet werden soll, gehört zu den größten europäischen Finanzierungsrunden für junge Agro-Tech-Unternehmen. Das zeigt die zunehmende Bedeutung der Landwirtschaft für Tech-Investoren.

„Die Menschen in Europa haben einen immer höheren Anspruch an ihre Ernährung“, erklärt Mitgründerin Osnat Michaeli die Attraktivität für Investoren. „Die Qualität soll gut sein und die Herstellung möglichst nachhaltig bleiben. Dafür haben wir eine technische Lösung entwickelt.“

Äußerlich ähneln die Infarm-Anlagen gläsernen Kühlschränken – allerdings wachsen in den beleuchteten Etagen Kräuter und Salat vor Umwelteinflüssen geschützt in einer speziellen Nährlösung. Das schnell wachsende Gemüse wird regelmäßig im Supermarkt geerntet und kommt dann direkt in den Verkauf. Die Pflanzen müssen weder transportiert noch gelagert werden. 

Allein drei Jahre habe es gedauert, die weitgehend von Algorithmen gesteuerten Anlagen zu entwickeln, sagt Michaeli. Mittlerweile stehen 200 Infarm-Geräte in Supermärkten und Restaurants sowie weitere 150 bei Großhändlern in Deutschland, Luxemburg, der Schweiz und Frankreich.

Mit dem frischen Geld wollen die Gründer das Wachstum nun deutlich beschleunigen: Bislang kamen im Quartal 50 neue Farmen dazu, bis zum Jahresende sollen alle drei Monate 350 weitere aufgestellt werden – zunächst zusätzlich zu den bisherigen Märkten auch in Großbritannien, später weltweit, etwa auch in den USA und Asien.

„Wir haben das Geld zum sechsten Gründungstag erhalten – ein netter Zufall“, sagt Mitgründerin Michaeli dem Handelsblatt. Sie hat Infarm zusammen mit den Brüdern Erez und Guy Galonska in Berlin gestartet. Dort entwickelten die drei Israelis die Miniaturfarmen und die Software, mit der die Geräte betrieben werden. „Unsere Wahl fiel auf Berlin, weil klar war, dass Europa unser wichtigster Markt sein wird“, sagt Michaeli.

Gemüse vom Hochhausdach

Die 100-Millionen-Dollar-Spritze für das junge Berliner Unternehmen Infarm und seine 250 Mitarbeiter zeigt, wie viel Potenzial Investoren in dem Geschäft mit neuartigen Gewächshäusern sehen, dem sogenannten Vertical Farming. „Wir glauben, dass Vertical Farming ein Megatrend ist, der unsere Gesellschaft verändern wird“, sagt Hiro Tamura, Partner des neuen Infarm-Investors Atomico. „Die globale Produktion von Früchten und Gemüse konzentriert sich auf nur wenige Klimazonen. In vielen Fällen liegen Produktion und Verkaufsstelle 2.500 Kilometer auseinander. Auch deshalb liegt der CO2-Fußabdruck von Lebensmitteln bei 17 Prozent der globalen Emissionen.“

Es ist der Traum von der gesunden, frischen und umweltfreundlichen Ernährung: Gemüsebeete, gestapelt in großen Hallen oder auf dem Dach von Hochhäusern, sollen die Megastädte des 21. Jahrhunderts ernähren. Schon seit einem halben Jahrhundert weckt die Idee der abgeschlossenen Indoor-Farmen mitten in der Stadt die Fantasie von Agrarökonomen.

Das große Versprechen ist, auf gegebener Fläche ein Vielfaches dessen produzieren zu können, was in einem herkömmlichen Gewächshaus gedeiht. „Letztlich kann das bedeuten: kein Einsatz von Pestiziden, nur zwei bis vier Liter Wasser je Kilogramm Gemüse und eine Reduzierung des benötigten Landes um den Faktor zehn bis zwanzig“, zählt die Agrar-Universität Wageningen die Vorteile des Konzepts auf. Doch nach der ersten Euphorie sind die Forscher vorsichtig geworden.

Osnat Michaeli, Erez und Guy Galonska – die drei Gründer von Infarm.
Gründer mit Gemüse

Osnat Michaeli, Erez und Guy Galonska – die drei Gründer von Infarm.

„Die Antwort auf die Frage, wie wir bald zehn Milliarden Menschen ernähren können, ist Vertical Farming noch nicht. Die Technik ist teurer als konventionelle Landwirtschaft in Mitteleuropa, auch weil sie etwa für die Beleuchtung viel Strom verbraucht. Obwohl sich die Effizienz in den nächsten Jahren rapide verbessern wird, bleibt ein Preisnachteil“, sagt Leo Marcelis, Professor an der renommierten Agrar-Universität Wageningen. Er beschäftigt sich intensiv mit dem Konzept, bereitet gerade einen Fachkongress zu dem Thema vor. Seine These: Die Idee kann in der Nische erfolgreich sein – als eine Alternative zu Biogemüse für ein urbanes Publikum.

Das nun mit reichlich frischem Geld ausgestattete Berliner Unternehmen Infarm sieht er dabei als einen Vorreiter. „Das Konzept spricht Menschen an, die wichtig finden, was sie essen und wo es herkommt – und die weniger auf den Preis achten müssen“, sagt Experte Marcelis. „Infarm hat schnelles Wachstum hingelegt – auch weil das Konzept sich schnell in weitere Supermärkte ausrollen lässt.“

In Deutschland sind Edeka und Metro dabei, Globus kommt bald dazu, in Nachbarländern zählen Handelsriesen wie die Schweizer Migros zu den Kunden der Berliner. Die ersten Geräte stehen häufig in besonderen Supermärkten – etwa in der Hamburger Hafencity oder in der Nähe der Düsseldorfer Königsallee. 

Offenbar bewährt sich die Idee bei den Kaufleuten. „Das macht uns viel Spaß“, sagt etwa Jens Arne Jänecke, der seit zweieinhalb Jahren einen 4200 Quadratmeter großen Edeka in Adendorf bei Hamburg betreibt. Er hat gleich vier Infarm-Module aufgestellt. „Unsere Philosophie ist, dass wir uns Alleinstellungsmerkmale gegen Mitbewerber verschaffen wollen“, sagt er.

Infarm helfe dabei: Schließlich hätten selbst erfahrene Mitarbeiter aus der Gemüse-Abteilung ganz neue Geschmacksnuancen bei Kräutern und Salat festgestellt. Doch auch wirtschaftlich hofft er auf einen Erfolg: „Das macht auch Spaß mit Blick auf Gewinnspanne und Deckungsbeitrag. Das ist kein reines Marketing.“

Eine einmalige Pflanzen-Datenbank

Die Geräte selbst bleiben dabei Eigentum von Infarm, das von den Supermärkten und Restaurants Geld pro geernteter Pflanze bekommt. Einmal in der Woche schickt das Unternehmen Servicekräfte vorbei, die neue Pflanzen setzen, ansonsten arbeiten die Brutkästen ferngesteuert.

„Die nötigen Sensoren für die Steuerung und die Kontrolle des Wachstums haben wir teils selbst entwickelt – und messen so im Leben einer Pflanze 50.000-mal Dinge wie Feuchtigkeit und CO2-Gehalt der Luft“, sagt Mitgründer Erez Galonska. „Wir wissen gewissermaßen, wann die Pflanze isst, schläft oder wächst.“ Dadurch entstehe eine bislang einmalige Datensammlung über das Wachstum von Pflanzen. 

Das Ziel: Die Gründer wollen noch viel besser verstehen, unter welchen Bedingungen die Pflanzen optimal wachsen. Ziel sei es, dass Supermärkte ihren Bedarf an Kräutern allein durch Infarm decken können: 100 bis 150 Pflanzen produziert eine Minifarm in der Woche – bei einem typischen Verkaufspreis von 1,30 Euro kommen so im Monat durchaus 500 bis 700 Euro Umsatz zusammen.

Solche Art Vertical Farming im Kleinformat reizt neben Infarm auch andere deutsche Gründer. Agrilution aus München entwickelt vertikale Farmen für den Privatgebrauch. Als Investoren sind bei den Münchenern unter anderem Tengelmann und der LED-Hersteller Osram an Bord.

Hiro Tamura, Partner des neuen Infarm-Investors Atomico.
Überzeugter Investor

Hiro Tamura, Partner des neuen Infarm-Investors Atomico.

Das Start-up, gegründet von zwei jungen Agrarökonomen, vertreibt seine Geräte vor allem über Küchenstudios. Neben dem Kühlschrank kann so im Küchenblock auch ein Mini-Gewächshaus stehen. Dabei keimen auf zwei Ebenen ebenfalls Kräuter und Salat aus Saatmatten. Ganz billig ist der Spaß allerdings nicht: Mit knapp 3.000 Euro kostet das Gerät so viel wie ein sehr guter Herd.

Auch in den USA lockt die Vision solcher Indoor-Farmen Tech-Investoren: 2017 gab Softbank im bis dahin größten Agrotech-Deal 200 Millionen Dollar an Plenty aus San Francisco. Dabei ist das eigentliche Geschäft von Plenty noch klein: Die Amerikaner betreiben eine knapp 19.000 Quadratmeter große Halle im Süden San Franciscos. Der größere Teil davon dient als Versuchsfläche, im Rest wachsen Salatpflanzen, die Plenty an Supermärkte und Onlinehändler in der Region verkauft.

Doch die Manager planen bereits die internationale Expansion. Im Frühjahr holte das Unternehmen den früheren Twitter-Finanzchef Mike Gupta an Bord – einen Manager mit IPO-Erfahrung. 

Die Stimmung für Food-Tech ist gut: Der Aktienkurs des veganen Burger-Hersteller Beyond Meat hat nach seinem Börsendebüt vor wenigen Wochen kräftig zugelegt.

Gemüse für die asiatischen Megacitys

Auch andere junge US-Unternehmen erproben neue Pflanzkonzepte etwa in einer Art Hydrokultur. So lässt Aerofarms im Raum New York seine Keimlinge auf tuchartigen Matten wachsen und spricht von einem geschlossenen System. Das Versprechen des Unternehmens lockte mittlerweile sogar Investoren wie Ikea: „Vollständig kontrollierte Landwirtschaft bedeutet, dass wir jeden Aspekt der Farbe, Textur, der Nährwerte und vor allem des Geschmacks unserer Gemüse steuern können. Unser Grünkohl ist süßer, unser Rucola würziger, unsere Kräuter sind strahlender.“ Die Aufzählung verweist jedoch auch auf eine Schwäche: Bislang produzieren die Farmen eher salatartiges Gemüse – und bedienen damit einen Nischenmarkt.

Urbane Besserverdiener sind auch eine Zielgruppe für Comcrop in Singapur. Das Unternehmen zieht Gemüse auf Hochhausdächern, Freiwillige helfen bei der Ernte. Das Unternehmen bietet so ein Naturerlebnis in dem Stadtstaat, in dem 98 Prozent der landwirtschaftlichen Produkte aus dem Ausland kommen.

Weltweit soll das Geschäft mit dem lokal erzeugten Gemüse wachsen.
Bereit für die Expansion

Weltweit soll das Geschäft mit dem lokal erzeugten Gemüse wachsen.

So ist in Asien die Forschung zu solchen Anbaumethoden stark – schon länger in Japan, seit einigen Jahren auch in China. „Vertical Farming ist auf jeden Fall ein interessanter Ansatz, um Menschen in Megacitys mit frischem Gemüse zu versorgen“, sagt Experte Marcelis. Das lohne sich vor allem in Weltregionen, in denen trockenes Klima konventionellen Anbau stark verteuert. 

Das Berliner Start-up Infarm könnte mit der neuen Millionenfinanzierung einen Beitrag dabei leisten. Und so betonen die Gründer auch stets das Potenzial für eine effizientere Landwirtschaft weltweit, in der Gemüse nicht mehr per Schiff oder Lastwagen quer durch Europa transportiert werden muss. 

Der Koch Tim Raue, auch ein Kunde von Infarm, habe sich eine bestimmte Minzsorte gewünscht, die es nur in Südamerika gebe, sagt Mitgründerin Michaeli. „Die wächst nun bei ihm direkt in der Küche.“ Und auch in der Pariser Haute Cuisine sind Kräuter von Infarm gefragt, seitdem Metro mehrere der Mini-Gewächshäuser in seiner dortigen Filiale installiert hat.

Mehr: Drohnen, Wetter-Apps, autonome Traktoren – moderne Landwirte setzen voll auf Automation und Digitalisierung. Im Agrarsektor hat sich eine lebendige Start-up-Szene etabliert

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