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Apple Watch

Die Alleskönner-Uhr ist das wohl bislang kommerziell erfolgreichste Wearable.

(Foto: Nick Jio on Unsplash)

Wearables So läuft der Gesundheitscheck via App

Uhren, Armbänder, smarte Kleidung: Das Geschäft mit Wearables boomt – ein neues Gadget von L'Oréal und Apple soll nun vor Sonnenbrand und bei Pollenflug warnen.
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DüsseldorfDie jüngste Kreation aus dem Kosmetikunternehmen La Roche-Posay ist weder Creme noch Spray. Sie ist weiß-blau, rund und so zierlich, dass sie sich als Kettenanhänger tragen oder fast in der Knopfleiste des Hemdes verstecken lässt: ein sogenanntes Wearable. Der batteriefreie Sensor hat zahlreiche Funktionen: Er misst nicht nur die UV-Strahlung.

Im Zusammenspiel mit einer App, die Daten zu Hauttyp des Nutzers sowie zu Luftverschmutzung, -feuchtigkeit und Pollenflug sammelt, soll daraus eine Art Technikhelfer für gesunde Haut entstehen. So kann der fingernagelgroße Begleiter etwa vor Sonnenbrand warnen und Ratschläge für Allergiker parat halten.

Bislang ist „My Skin Track UV“, wie der Sensor offiziell heißt, nur in den USA erhältlich. Doch von Dienstagmittag an wird er weltweit online angeboten – und in ausgewählten Apple-Stores, wie das Handelsblatt erfuhr. La Roche-Posay berichtet von großer Nachfrage in Amerika, wo das Gadget 60 Dollar kostet.

Zahlreiche Anfragen seien auch über soziale Medien eingegangen, nachdem Guive Balooch, Leiter des globalen L‘Oréal-Technologie-Incubators, den Tracker auf der Innovationsmesse CES in Las Vegas im Januar vorgestellt hatte. Das Unternehmen führt das steigende Bewusstsein für Hautkrebsrisiken an – und den Trend, gesünder zu leben.

Entsprechend groß sind die Hoffnungen, welche die L‘Oréal-Tochter an den kleinen Sensor heftet. Es ist der erste Launch einer Wearable-Anwendung im Konzern, auch die Kooperation mit dem Tech-Giganten Apple ist einmalig. Digitalvorständin Lubomira Rochet betont, dass digitale Technologien die Beauty-Branche enorm verändern werden.

Nicht zuletzt soll der „Minibodyguard für die Haut“, wie sie das Wearable intern nennen, natürlich Umsatz generieren: Er gibt Nutzern Kauftipps für Produkte aus dem eigenen Hause. La Roche-Posay trifft mit seinem UV-Sensor auf eine rasant steigende Nachfrage nach elektronischen Helfern, die sich auf der Haut oder nah am Körper tragen lassen.

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Wurden 2014 laut dem US-Marktforschungsunternehmen IDC weltweit knapp 29 Millionen Wearables abgesetzt, sollen es 2023 bereits zehnmal so viele sein. Den Hauptanteil haben Smartwatches, Armbänder und Fitnesstracker, außerdem Kopfhörer mit Computerfunktionen.

Der wohl größte kommerzielle Erfolg war bislang der Apple Watch beschieden, die inzwischen in der vierten Generation verfügbar ist. Der Elektronikhersteller hat nach Einschätzung von CCS Insight im vergangenen Jahr 26 Millionen Geräte verkauft, ein Plus von 63 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Trend Selbstvermessung

Datenbrillen und smarte Kleidung, etwa Laufschuhe mit Sensoren, sind hingegen noch eher außergewöhnliche Produkte. Doch auch das ändert sich. So soll der Umsatz mit Wearables, der 2018 weltweit knapp 14 Milliarden Dollar betrug, laut IDC-Schätzung bis 2023 auf mehr als 17 Milliarden wachsen.

„Die Bedeutung von Wearables steigt weiter“, urteilt Christian Wulff, Leiter des Geschäftsbereichs Handel und Konsumgüter beim Frankfurter Wirtschaftsprüferhaus Pricewaterhouse-Coopers (PwC). „In den Bereichen Fitness, Wellness und Gesundheit kommen die Unternehmen an Wearables-Anwendungen nicht vorbei“, meint er. Denn: „Die Konsumenten fordern es.“

Gerade im Health-Bereich beruht der Boom der technischen Entwicklungen auch auf dem steigenden Gesundheitsbewusstsein sowie auf der um sich greifenden Vorliebe der Nutzer, sich selbst zu vermessen und zu optimieren. Wulff führt zudem zwei Beobachtungen an, die den Markt mit Wearables für Unternehmen so attraktiv machen: Erstens verbreiteten sich App-Anwendungen immer weiter.

So verfügen laut des globalen PwC-Konsumentenreports von Mai 2019 weltweit drei von vier Nutzern auf ihren Smartphones schon über bis zu drei Gesundheits- oder Fitness-Apps – also Anwendungen, die klassischerweise nur in Verbindung mit Wearables funktionieren.

Mehr als jeder Dritte verfügt demnach über eine Sleep-App, die eine typische Wearable-Anwendung ist. Denn ohne den entsprechenden elektronischen Messer fehlen hier wesentliche Funktionen. Das gilt auch für Stressreduktions-Apps, die bereits jeder Vierte installiert hat, sowie für Anwendungen zur Überwachung von Vitalfunktionen, über die mehr als jeder Fünfte verfügt.

„Das geht einher mit einer weltweit steigenden Akzeptanz der globalen Plattformen als universelle Anbieter von Produkten und Dienstleistungen“, ergänzt Wulff. Laut Umfrage würden bereits zwei Drittel der Konsumenten weltweit Gesundheitsdienstleistungen von Anbietern wie Amazon, Google oder Apple annehmen. „Das wird die Industrie verändern“, glaubt Wulff. Die Unternehmen müssten sich überlegen, wie sie damit umgehen. So müssten sich etwa Uhrenhersteller fragen: Möchte demnächst überhaupt noch jemand eine normale Armbanduhr kaufen?

Missbrauch ist möglich

Die Funktionsvielfalt von Wearables begünstigt allerdings auch deren Missbrauch. Das war zuletzt im Fall von Amazon zu beobachten, wo sich ein elektronisches Armband, das den Beschäftigten eigentlich die Arbeit erleichtern sollte, als Art Fußfessel entpuppte. Der Versandriese hatte 2016 ein Patent für ein Multifunktionsgerät beantragt, das beispielsweise vibrieren kann, wenn ein Lagerarbeiter ein falsches Paket in die Hand nimmt.

Allerdings verfügt das Amazon-Wearable auch über einen Sender, mit dessen Hilfe die exakte Position jedes Mitarbeiters bestimmt werden kann – egal ob in der Lagerhalle oder in den Toilettenräumen. Das Armband kann sogar Handbewegungen aufzeichnen. Bewegt also ein Mitarbeiter seine Arme nicht, könnte daraus geschlossen werden, dass er zu lange Pausen macht. Bewegt er sie zu langsam, könnten die Vorgesetzten ihm vorwerfen, nicht produktiv genug zu sein.

Amazon verrät nicht, ob die Wearables zum Einsatz kommen. Allerdings berichtete das Tech-Portal „The Verge“, dass zwischen August 2017 und September 2018 in den USA bereits Mitarbeiter auf Basis derart gesammelter Daten automatisch gekündigt wurden. Dazu seien verschiedene Daten in einen Algorithmus eingespeist worden, der beurteilte, ob ein Mitarbeiter produktiv genug war. Verbesserte sich die Produktivität nach automatisierter Warnung und Ansprache nicht, folgte die Entlassung – und das alles ohne aktives Eingreifen durch Vorgesetzte. Der Roboter entließ den Menschen.

Boni für Fitnesspunkte

Auch die Versicherungsbranche hat die vielfältigen Möglichkeiten der tragbaren Alleskönner für sich entdeckt. In den USA beispielsweise lockt der Krankenversicherer John Hancock Kunden mit einer Apple Watch für nur 25 Dollar. Im Gegenzug willigen die Kunden ein, ihre von der Uhr aufgezeichneten Fitnessdaten an John Hancock zu senden.

Jeden Tag wird die „Leistung“ der einzelnen Versicherten bewertet – je mehr Punkte, desto geringer der Versicherungsbetrag. Erzielen sie allerdings zu wenig Punkte, müssen sie für die Apple Watch nachzahlen. In Deutschland sind die Möglichkeiten in diesem Bereich restriktiver, doch auch hier gibt es derartige Bonusprogramme.

Die AOK etwa bietet eine „Bonus-App“ an: Mithilfe eines Trackers können Versicherte ihre Aktivitäten an die AOK-App senden und Bonuspunkte sammeln, die sich auszahlen oder in Gesundheitsleistungen umwandeln lassen. Das Verbraucherportal Baden-Württemberg kritisiert, dass Versicherte diskriminiert werden könnten, die die permanente Selbstvermessung ablehnen.

Doch die Skepsis gegenüber der Selbstvermessung und Datenweitergabe schwindet: Dem Branchenverband Bitkom zufolge ist der Absatz von Wearables in Deutschland zwischen 2015 und 2017 um 18 Prozent auf 3,6 Millionen Geräte gestiegen. Der Umsatz stieg 2017 auf mehr als 560 Millionen Euro. Die Wachstumsraten sind hierzulande zweistellig – auch weil der Boom erst jetzt einsetzt, da die Bedenken in Sachen Datenschutz größer sind als anderswo.

Global betrachtet ist der typisch deutsche, bedächtigere Umgang mit Daten und der Freigabe an Unternehmen allerdings recht einmalig. PwC-Experte Christian Wulff meint dazu: „Datenschutz ist ein besonderes Thema in Deutschland.“ Mit Blick auf die Nutzungsgewohnheiten und Debatten in anderen – auch westlichen – Ländern müsse man eben feststellen: „In vielen Teilen der Welt hat der Datenschutz keinen so hohen Stellenwert wie bei uns.“

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