Terroranschlag Rechtsextremist tötet zehn Menschen in Hanau – Verdächtiger ist ein 43-jähriger Deutscher

Bei dem Angriff in Hanau mit elf Toten gehen die Behörden von einem Terroranschlag mit rechtsextremem Hintergrund aus. Der Verdächtige veröffentlichte kurz vor der Tat ein Video.
20.02.2020 Update: 20.02.2020 - 11:53 Uhr 4 Kommentare

Bundesanwaltschaft vermutet rechtsextremen Hintergrund des Täters in Hanau

Hanau Bei einem Anschlag im hessischen Hanau hat ein Mann zehn Menschen getötet. Stunden nach dem Verbrechen an zwei unterschiedlichen Tatorten mit neun Toten entdeckte die Polizei die Leiche des mutmaßlichen Todesschützen in seiner Wohnung in Hanau - dort fanden Spezialkräfte noch eine weitere tote Person.

Insgesamt kamen damit elf Menschen am Mittwochabend und in der Nacht zum Donnerstag ums Leben, neun davon haben Migrationshintergrund. Unter den Todesopfern sind nach einem Bericht der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu auch fünf türkische Staatsbürger.

Der Generalbundesanwalt ermittelt wegen Terrorverdachts. „Er stuft das Verbrechen als Verdacht einer terroristischen Gewalttat ein“, sagte Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) am Donnerstag. „Es ist ein Anschlag auf unsere freie und friedliche Gesellschaft.“ Bayerns Innenminister Joachim Herrmann sprach nach einer Telefonschalte der Innenminister von einem „rechtsradikalen Hintergrund“. Der Täter habe „eine Reihe überwiegend aus dem Ausland stammender Menschen erschossen“.

Laut Beuth handelt es sich bei dem Todesschützen um einen 43-jährigen Deutschen aus Hanau. Er habe in zwei Shisha-Bars das Feuer eröffnet. Die Polizei werte derzeit seine Veröffentlichungen im Internet aus. „Erste Auswerteergebnisse der Homepage des vermeintlichen Täters deuten auf ein fremdenfeindliches Motiv hin.“ Der Täter soll legal im Besitz einer Waffe und Sportschütze gewesen sein. Der Mann habe wahrscheinlich allein gehandelt. „Bislang liegen keine Hinweise auf weitere Täter vor.“

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    Nach der Tat sei der mutmaßliche Täter tot zuhause aufgefunden worden. Die Ermittler gehen demnach davon aus, dass der Mann seine 72-jährige Mutter und sich selbst erschossen hat. „Beide wiesen Schussverletzungen auf, die Tatwaffe wurde bei dem mutmaßlichen Täter gefunden.“ Der mutmaßliche Täter sei zuvor nicht im Visier der Ermittler gewesen. Er sei weder als rassistisch bekannt gewesen noch polizeilich in Erscheinung getreten

    Die Bundesanwaltschaft schätzt den mutmaßlichen Täter von Hanau als fremdenfeindlich ein. Dieser habe auf seiner Homepage neben Videobotschaften auch eine Art Manifest eingestellt, sagte Generalbundesanwalt Peter Frank am Donnerstag in Karlsruhe. Darin sei neben wirren Gedanken und abstrusen Verschwörungstheorien auch eine „zutiefst rassistische Gesinnung“ zum Ausdruck gekommen. Die Ermittlungen zielten nun darauf, ob er für die Anschläge Mitwisser und Unterstützer gehabt habe, ergänzte Frank. Nach diesen werden im In- und Ausland gesucht.

    Nach einem Bericht der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ ist der Mann nach eigenen Angaben Bankkaufmann. Auf seiner Homepage gebe er an, 1977 in Hanau geboren, dort aufgewachsen und zur Schule gegangen zu sein. Nach dem Zivildienst habe er in Frankfurt eine Ausbildung zum Bankkaufmann absolviert und ab 2000 in Bayreuth BWL studiert. Das Studium habe er im Frühjahr 2007 erfolgreich abgeschlossen.

    Nach Informationen aus Sicherheitskreisen sind ein Bekennerschreiben und ein Video gefunden worden. Der mutmaßliche Täter hat demnach wenige Tage vor der Tat eine umfangreiche Sammlung von Erklärungen und Weltanschauungs-Theorien im Internet verbreitet. In einem knapp einstündigen Video behauptet er unter anderem, Deutschland werde von einem Geheimdienst mit weitreichenden Fähigkeiten gesteuert. Außerdem äußert er sich negativ über Migranten aus arabischen Ländern und der Türkei.

    In fließendem Englisch spricht der Mann in dem Video auch von einer „persönlichen Botschaft an alle Amerikaner“. Er sagt, in den USA existierten unterirdische Militäreinrichtungen, in denen Kinder misshandelt und getötet würden. Dort würde auch dem Teufel gehuldigt. Amerikanische Staatsbürger sollten aufwachen und gegen diese Zustände „jetzt kämpfen“. Ein Hinweis auf eine bevorstehende eigene Gewalttat in Deutschland ist in dem Video nicht enthalten.

    Was ist passiert?

    Die ersten Schüsse waren den Ermittlern zufolge gegen 22 Uhr gefallen. Am Heumarkt in der Hanauer Innenstadt blickten Passanten später in der Nacht immer wieder fassungslos auf die Szenerie am abgesperrten Tatort. Nicht weit entfernt in einer Seitenstraße lagen Patronenhülsen auf dem Fußweg, auch hier ist noch unklar, was genau passiert ist.

    Nur rund zwei Kilometer davon entfernt im Stadtteil Kesselstadt befindet sich ein weiterer Tatort. Dort wurden ebenfalls Schüsse abgefeuert. Eine mögliche dritte Schießerei im Stadtteil Lamboy bestätigte sich nicht. Die Polizei war aber auch dort mit einem Großaufgebot vor Ort. Später in der Nacht kreiste ein Polizeihubschrauber über Hanau. Die Informationen flossen nur spärlich. Von der Polizei hieß es nur, vom Tatort Heumarkt sei ein dunkles Fahrzeug davongefahren.

    Es ist ein Verbrechen, das die beschauliche und nur wenige Kilometer östlich von Frankfurt gelegene Stadt in ihrer jüngeren Geschichte noch nicht erlebt hat. Einer der Tatorte ist eine Shisha-Bar am Heumarkt, einer Straße, die etwas am Rande der Innenstadt von Hanau mit seinen rund 100.000 Einwohnern liegt. Es ist keine schmucke Gegend, Spielhallen, Wettlokale und Döner-Imbissbuden prägen das Straßenbild – und am späten Mittwochabend auch Polizeisirenen, Blaulicht und Absperrband.

    Hanau: Nach Schießereien besteht jetzt Terrorverdacht Quelle: Reuters
    Forensiker am Tatort in Hanau

    Der mutmaßliche Schütze ist tot, die Ermittler fanden ein Bekennerschreiben.

    (Foto: Reuters)

    Die Polizei forderte Passanten und Schaulustige auf, den Bereich zu verlassen. Beamte mit Maschinenpistolen sicherten die Umgebung ab. Menschen standen in der Nähe der mit Flatterband abgesperrten Bereiche und weinen. In der Gegend kurvten wuchtige Sportkarossen umher.

    Männer versammelten sich in mehreren Grüppchen nahe der Absperrungen. Die Stimmung pendelte zwischen Entsetzen, Sprachlosigkeit und Wut. Eine laut wehklagende Frau wurde von Sanitätern in ein nahe gelegenes Hotel gebracht. Dort saßen später im Frühstücksraum noch weitere Frauen versammelt, mit Tränen in den Augen. Die Nachricht von den Schüssen verbreitete sich wie ein Lauffeuer über die sozialen Medien. Anwohner posteten mutmaßliche Videos vom Tatort, offenbar kurz nach der Tat aufgenommen.

    „Ich habe einen Schock bekommen“

    Der zweite Tatort ist fast in Laufnähe, mit dem Auto sind es bis dahin nur etwa fünf Minuten. Der Kurt-Schumacher-Platz liegt in einem Wohnviertel. Dort befindet sich im Erdgeschoss eines Wohnblocks ein kleiner Laden mit der Aufschrift „24/7 Kiosk“ auf der großen Glasscheibe, auf einem Reklame-Leuchtschild steht „Arena Bar & Café“. Der Blick ins Innere war versperrt, die Scheiben teils halbhoch mit orangefarbener Folie beklebt.

    Auf dem Platz vor dem Café stand eine beschädigte Limousine, die Frontscheiben sind zum großen Teil mit Rettungsdecken abgedeckt. Später, die Spurensicherung lief schon längst, wurde ein Feuerwehrzelt, das auch als Sichtschutz diente, um das Auto herum aufgebaut.

    Auch hier sicherte die Polizei die Gegend weiträumig ab, ein schwer bewaffneter Beamter stand dabei. Immer wieder fuhren Einsatzwagen der Polizei zum Tatort. Während tief in der Nacht unten auf dem Parkplatz die Spurensicherung lief, waren manche Fenster in dem neunstöckigen Gebäude noch erleuchtet. Hier und da flimmerte ein Fernseher. Mehrere Schulen in der Nähe der Tatorte blieben heute geschlossen, um nicht die Polizeiarbeit zu behindern.

    Infografik: Rechter Terror in Deutschland ist kein neues Phänomen | Statista

    Nur wenige Menschen waren hier in der Nacht noch unterwegs, einige kamen aber bis an das Absperrband der Polizei. Sie seien Freunde oder Angehörige von den Opfern, berichteten sie.

    Unter ihnen war auch ein 24-Jähriger, der nach eigenen Angaben der Sohn des Kioskbesitzers ist. Er sei bei der Tat nicht vor Ort gewesen, sein Vater auch nicht, wie er erst später erfahren habe. Als er von den Schüssen gehört habe, sei er sofort hergekommen. „Ich habe erstmal einen Schock bekommen.“

    Die Opfer seien Leute, „die wir jahrelang kennen“. Es seien zwei Mitarbeiter und eine Person, die er schon von klein auf kenne. Der 24-Jährige sagte: „Wir kennen sowas nicht, wir sind auch nicht mit Leuten zerstritten. Wir können es uns gar nicht vorstellen. Es war ein Schock für alle.“

    • dpa
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    4 Kommentare zu "Terroranschlag: Rechtsextremist tötet zehn Menschen in Hanau – Verdächtiger ist ein 43-jähriger Deutscher"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Was ist nur los in Deutschland!? Ungestrafte Hetze gegen Mitmenschen anderer Kulturen und Religionen, ungestrafte Hetze und Beleidigungen in digitalen Medien, Waffenkauf online. Sinnlose Gewalt an unschuldigen Mitbürgern, die tiefe Trauer und Leid verursacht. Wo liegt er Ursprung dieses inhumanen Verhaltens? Die permanente ungestrafte öffentliche Diffamierung von Migranten und jüdischen Mitbürgern ist unsäglich. Wo ist die Basis der verquerten Weltanschauungen. Wer deren Urheber?

      Wo steht die Politik? Machtlos, wegen des Blockdenkens der Parteien, die Probleme in Thüringen mit Vernunft zu lösen, stärkt man schön weiter den rechten Rand, dessen Ziel die Instabilität der Gesellschaft ist. Politiker, wacht endlich auf und fangt an über Parteigrenzen hinweg zu denken zum Wohle der Demokratie!

    • Ist oder war?

    • Man ist nur noch entsetzt und traurig über diese barbarische Tat. Was mich aber noch wütender macht ist, dass diese Tat, ohne das die Polizei diese aufgeklärt hat, sofort von bestimmten Menschen und Medien in diesem Land politisch instrumentalisiert wird. Denen geht es nicht um die Toten, nein den geht es darum, ihr abartiges politisches Süppchen zu kochen und einen politischen Vorteil daraus ziehen zu wollen wo jetzt Schweigen und Trauer angesagt wäre.
      Nur hier hat niemand einen Vorteil. Die Angehörigen haben einen lieben Menschen verloren und wir alle haben verloren.
      Wenn ich Thüringen sehe mit welchen politischen unmenschlichem Hass dort sich gegenseitig „bekriegt“ wird, oder die Bundestagsdebatten verfolge, so frage ich mich welche Umgangsformen die meisten Abgeordneten haben, so sie überhaupt welche haben. Es gibt so gut wie keine Rede mehr ohne Beleidigungen, Herabwürdigung, Verächtlichmachung des politisch Andersdenkenden. Die Verrohung beginnt oben in der Gesellschaft der Fisch stinkt immer vom Kopf.
      Auf ZDF online: Zu einem Bericht der "Bild"-Zeitung, der dem Täter einen rechtsradikalen Hintergrund nachsagte, schrieben die Beamten auf Twitter: "Bitte halten Sie sich mit derartigen Äußerungen zurück."
      Gewalt bis hin zu Morden können und dürfen nicht einer Ideologie wie z.B. Links, Rechts, Islam zugeschrieben werden, was ja richtigerweise bei uns bei IS-Tätern auch so gehandhabt wird. Nicht der Islam ist verantwortlich für die Taten, sondern immer der Einzeltäter der eine Ideologie oder Religion missbraucht. So ist es aber auch bei z.B. bei Links, Rechts, hier wird eine Ideologie für die eigene barbarische Gewalt missbraucht.
      Als letztes, das Waffen recht wird laufend verschärft, trotzdem besaß der Täter eine Schußwaffe. Frage wie kommt das? Werden Schußwaffenbesitzer nicht überprüft. War die Waffe illegal warum wird hier nicht mehr von Seiten der Politik und Polizei getan?

    • Haben die Sicherheitskräfte nicht aufgepasst? Und nichts mitbekommen? Sehr seltsam.

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