Türkei-Krise Angst vor der Ansteckung – Europas Banken nach dem Lira-Absturz

Der Absturz der türkischen Lira schürt die Furcht vor den Folgen für Europas Banken. Doch die Risiken beschränken sich auf wenige Institute.
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Die spanische BBVA ist zu knapp 50 Prozent am türkischen Geldhaus beteiligt. Quelle: Bloomberg
Garanti Bank in Istanbul

Die spanische BBVA ist zu knapp 50 Prozent am türkischen Geldhaus beteiligt.

(Foto: Bloomberg)

FrankfurtViele Jahre lang war die Türkei ein gutes Pflaster für Europas Banken. Während die Minuszinsen der EZB auf den Heimatmärkten die Margen verdarben, boten sich zwischen Ankara und Istanbul lukrative Geschäftsmöglichkeiten. Das hat sich mit der schweren Währungskrise in der Türkei gründlich geändert.

Jetzt fürchten die Investoren, dass die Misere am Bosporus Ansteckungsgefahren für die Banken in der Europäischen Union bergen könnten. Es war vor allem diese Angst, die den Finanztiteln quer durch Europa am Freitag teilweise heftige Kursverluste bescherte.

Doch wie groß ist die Gefahr tatsächlich? Analysten der niederländischen Bank ABN Amro haben sich angeschaut, welche Geldhäuser wie stark in der Türkei engagiert sind. Ihr Urteil: Insgesamt halten sich die Gefahren in Grenzen.

Die Risiken sind auf eine Handvoll Banken beschränkt, allen voran die spanische BBVA und die italienische Unicredit und in geringerem Ausmaß die niederländische ING, die französische BNP Paribas und die britische HSBC. Insgesamt summiert sich das Türkei-Engagement europäischer Banken laut ABN Amro auf 143 Milliarden Euro. Rechnet man die fünf genannten Banken heraus, seien die Risiken allerdings für den Rest der Branche „minimal“, meint Analyst Tom Kinmonth.

Doch worin besteht das Risiko genau? Viele türkische Unternehmen haben Kredite in Dollar oder Euro aufgenommen. Den Banken drohen daher aufgrund der Abwertung der Lira zunächst keine Währungsverluste. Allerdings wird es für die heimischen Firmen schwieriger, ihre Kredite zurückzuzahlen. Die Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hatte erst kürzlich vor der hohen Dollar-Verschuldung in Schwellenländern wie der Türkei gewarnt.

Denn die türkische Währung hat seit Jahresbeginn um fast die Hälfte abgewertet – und sie fällt von einem Rekordtief auf das nächste. Am Freitag stieg der Kurs des Dollars in der Spitze um fast 18 Prozent auf ein Rekordhoch von 6,865 Lira. Das ist der größte Kurssprung seit 17 Jahren. Ähnliches galt für den Euro. Zusätzlichen Verkaufsdruck löste US-Präsident Donald Trump mit seiner Ankündigung aus, die Strafzölle auf türkische Aluminium- und Stahlimporte zu verdoppeln.

Die spanische BBVA hat ihren Anteil an der türkischen Garanti Bank im Laufe der vergangenen Jahre auf knapp unter 50 Prozent aufgestockt. „Egal welches Maß man benutzt, das Engagement von BBVA in der Türkei ist gewichtig“, warnt deshalb ABN-Analyst Kinmonth. 2017 sorgte das Land für mehr als 30 Prozent des operativen Gewinns der Spanier. BBVA wurde am Freitag so auch besonders hart von den Kursverlusten getroffen. Die Aktie verlor 5,2 Prozent. Die Bank wollte sich nicht zu ihren Geschäften in der Krisenregion äußern.

Der Kurs von Unicredit fiel vor dem Wochenende um 5,1 Prozent. Durch ihre Beteiligung an der Bank Yapi Kredi sind die Italiener direkt von den Turbulenzen durch den Lira-Einbruch betroffen. Die Mailänder Bank hält 40,9 Prozent an der viertgrößten Privatbank der Türkei. Unicredit verweist darauf, dass die türkische Bank zum Quartalsergebnis, das diese Woche bekannt gegeben wurde, mit 183 Millionen Euro weniger als zwei Prozent beigetragen habe. Dass die Situation dennoch genau kontrolliert wird, zeigt ein Satz aus dem Geschäftsbericht zum zweiten Quartal: „Die unsichere wirtschaftliche Lage in der Türkei und in Russland war Gegenstand von Betrachtungen über das Engagement dort.“ 

Deutsche Banken entspannt

Nur am Rande engagiert sind deutsche Banken in der Türkei: Die Forderungen beliefen sich Ende Juni auf insgesamt 20,8 Milliarden Euro, geht aus Bundesbank-Statistiken hervor. Gemessen am insgesamt 1,8 Billionen schweren Auslandsengagement deutscher Kreditinstitute ist das eine relativ kleine Summe. Zum Vergleich: Französische Banken sind in dem Land am Bosporus etwa doppelt so stark engagiert, zeigen Daten der BIZ zum ersten Quartal. Am stärksten ist die Großbank BNP Paribas betroffen: Ihr Türkei-Engagement beziffern die Statistiker der Baseler Institution auf 29 Milliarden Euro.

Die deutsche Finanzaufsicht hat Insidern zufolge wegen der Türkei-Geschäfte der heimischen Banken keine großen Bedenken. Wegen des Absturzes der Lira sieht sich die Aufsicht die Engagements der Institute aktuell noch einmal an, heißt es in Finanzkreisen. Das gleiche gelte für das Geschäft türkischer Bank-Töchter in Deutschland. Konkreten Anlass zur Sorge gebe es bisher jedoch nicht.

Die Commerzbank kam Ende Juni auf Türkei-Geschäfte im Volumen von 2,5 Milliarden Euro. „Vor dem Hintergrund der aktuellen geopolitischen Entwicklungen werden Volkswirtschaften wie Russland, Türkei und China eng beobachtet“, heißt es im Geschäftsbericht. Sorgen bereitet das Türkei-Engagement dem Institut Finanzkreisen zufolge jedoch nicht.

Ähnlich sieht die Lage bei der Deutschen Bank aus. Mit 128 Vollzeitstellen gehört die Türkei zu einem der kleineren Auslandsstandorte des größten hiesigen Geldhauses. Darüber, wie groß das Engagements der Bank am Bosporus genau ist, wollte eine Sprecherin nichts sagen. In Finanzkreisen hieß es aber, die Aktivitäten in der Türkei bereiteten der Bank „keine Kopfschmerzen“. Dennoch verlor die Aktie der Deutschen Bank am Freitag 4,1 Prozent an Wert.

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