Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

30 Jahre Mauerfall Warum Ostdeutsche noch immer selten Karriere machen

Nur vier Prozent der Führungskräfte in Deutschland sind in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Woran liegt es, dass nur wenige Ostdeutsche die Republik mitgestalten?
1 Kommentar
30 Jahre nach dem Mauerfall sind es vor allem „Wessis“, die die Republik verwalten, regieren und gestalten. Quelle: imago/WEREK
Absperrungen am Brandenburger Tor in Ostberlin

30 Jahre nach dem Mauerfall sind es vor allem „Wessis“, die die Republik verwalten, regieren und gestalten.

(Foto: imago/WEREK)

Düsseldorf Deutschland mag zwar eine Kanzlerin haben, die in der Uckermark groß geworden ist. Und viel weiter als die gebürtige Ostdeutsche Hiltrud Werner, die Rechtsvorständin bei Volkswagen ist, kann man in der deutschen Wirtschaft kaum aufsteigen. Doch die beiden Erfolgsfrauen sind Exoten.

In der DDR aufgewachsen und einen Spitzenposten im wiedervereinten Deutschland – selbst 30 Jahre nach dem Mauerfall ist das selten: Nur 4,2 Prozent der Elitepositionen in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft sind von Menschen mit Ost-Hintergrund besetzt, dabei leben in den neuen Bundesländern 15 Prozent aller Deutschen. Zu diesem Ergebnis kommt eine noch unveröffentlichte Studie der Universität Leipzig im Auftrag von WDR und MDR, die dem Handelsblatt vorliegt. Selbst in Ostdeutschland sind ostdeutsche Führungskräfte in der Minderheit, sie besetzen nur ein Viertel der Top-Posten.

Gerade in den Konzernen, die sich sonst mit Diversity-Initiativen und Anti-Vorurteils-Trainings schmücken, sind ostdeutsche Spitzenkräfte rar: Unter den 100 größten deutschen Firmen zählen die Leipziger Forscher gerade einmal zwei Vorstandschefs aus dem Osten. Bei den 190 Dax-Vorständen sieht es mit lediglich vier Ostdeutschen ähnlich mau aus. Dazu passt, dass kein Dax-Konzern seine Zentrale in den neuen Bundesländern hat.

Den absoluten Nullpunkt markiert die Wissenschaft: Kein einziger Rektor oder Präsident der 81 öffentlich-rechtlichen Hochschulen in Deutschland stammt laut Centrum für Hochschulentwicklung aus dem Osten. Wohlgemerkt – das schließt die Hochschulen in Ostdeutschland mit ein.
Die Zahlen zeigen: Auch 30 Jahre nach dem Mauerfall geht durch Deutschland ein Riss. Auf der einen Seite die „Wessis“, die die Republik verwalten, regieren und gestalten. Auf der anderen die „Ossis“, die unter den Mächtigen und Einflussreichen kaum zu finden sind. Doch warum ist es eigentlich so, dass nur wenige Ostdeutsche Karriere machen?

Erklärungsansätze gibt es viele: Die Treuhandanstalt hat damals nur einen Bruchteil der volkseigenen Betriebe der DDR an Ostdeutsche verkauft. Die meisten DDR-Firmen haben sich Konzerne aus der alten Bundesrepublik einverleibt. Ohne Umzug in den Westen haben Ostdeutsche deshalb bis heute kaum eine Chance, Topmanager zu werden.

In der DDR gab es auch weniger Akademiker als im Westen, weniger Menschen also mit dem klassischen Qualifikationsprofil für Führungsposten. Oft fehlten auch Rollenvorbilder für Topjobs, schließlich gehen Elitenforscher davon aus, dass die meisten Führungskräfte schon in ihrem Elternhaus mit dem richtigen Chef-Habitus sozialisiert werden.

In den neuen Ländern waren zudem Experten aus dem Westen gefragt, die Erfahrung mit dem westlichen Rechts- und Wirtschaftssystem hatten. „Es gab einen enormen Führungskräfteimport aus dem Westen“, sagt Holger Lengfeld, Soziologe an der Universität Leipzig. So wurden binnen kurzer Zeit die Führungseliten zwischen Thüringen und Mecklenburg ausgetauscht – eben durch Westdeutsche. Diejenigen, die damals jung in den Osten gingen, besetzen heute vielfach Top-Positionen.

Es mag verständlich sein, dass ostdeutsche Richter nach der Wende nicht einfach als Gerichtspräsident weitermachen konnten. Doch dass von den 45 Bundesrichtern, die 2018 und 2019 bestellt wurden, nur drei aus dem Osten kommen, lässt sich nicht allein mit Demografie erklären.

Wessis befördern Wessis

Eine andere Erklärung für das Ungleichgewicht: Ostdeutsche steigen nur so selten auf, weil Menschen lieber ihresgleichen befördern. Sie sehen oft diejenigen positiv, die eine ähnliche Ausbildung, Herkunft oder Einstellung haben. So wie Männer eher anderen Männern den Aufstieg zutrauen, befördern Wessis eben bevorzugt Wessis.

Soziologe Michael Hartmann, der lange an der Universität Darmstadt gelehrt hat, sagt: „Die Maßstäbe, die in Unternehmen angelegt werden, sind westdeutsche Maßstäbe, so sind Manager sozialisiert.“

„Das Prinzip der Ähnlichkeit“, wie Soziologen es nennen, hindert Ostdeutsche insbesondere in der Wirtschaft am Aufstieg. Die Politik ist da vielfältiger: In der Bundesregierung ist neben Kanzlerin Merkel auch Familienministerin Franziska Giffey (SPD) in der DDR aufgewachsen – macht einen Ost-Anteil von 12,5 Prozent.

Dass Ostdeutsche in führenden Politikpositionen weniger stark unterrepräsentiert sind als in anderen Bereichen der Gesellschaft, dürfte daran liegen, dass sich Parteien traditionell bemühen, mit Politikern aus verschiedenen Regionen möglichst viele Wählergruppen anzusprechen.

Sicherheit statt Risiko

Dass Ostdeutsche überall dort, wo nicht gewählt wird, nur selten Chef werden, mag auch mit ihrer Mentalität zu tun haben. So wünscht sich VW-Rechtsvorständin Werner im Handelsblatt-Interview, dass ostdeutsche Fachkräfte selbstbewusster auftreten: „Man braucht für eine spannende Erwerbsbiografie die Bereitschaft, Risiken einzugehen.“

Dass Ostdeutsche risikoaverser sind als Wessis, zeigen viele Statistiken: So halten sie etwa weniger Aktien und gründen seltener Firmen. „Wer Familienmitglieder erlebt hat, die ihren Job und manchmal ihre Lebensleistung verloren haben, der geht lieber einen sicheren Weg“, sagt Reint Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle. Nur führe der eben selten in Spitzenpositionen. Zugleich ist es nicht unplausibel, dass Menschen, die in einem System aufgewachsen sind, das auf Gleichheit bedacht war, seltener einen unbedingten Aufstiegswillen haben und dafür auch die Ellenbogen ausfahren.

Dabei wäre es wünschenswert, dass mehr Ostdeutsche die vereinte Republik mitgestalten, meint Soziologe Hartmann: „Diejenigen, die in der DDR aufgewachsen sind, können sich weit besser in die ostdeutsche Bevölkerung reinversetzen und deren Situation bei ihren Entscheidungen berücksichtigen.“

Hartmann plädiert deshalb für eine Ostdeutschen-Quote in Führungsetagen, da sich „ohne ein solches Drohpotenzial in der Wirtschaft nichts ändern“ werde. VW-Vorständin Werner hält das für „nicht praktikabel“, schließlich lasse sich nicht so einfach bestimmen, wer 30 Jahre nach dem Mauerfall noch als Ostdeutscher gilt.

Mehr: Seit der Wiedervereinigung vor 30 Jahren hat Ostdeutschland wirtschaftlich stark aufgeholt. Doch die Bundesregierung sorgt sich um die Stimmung im Osten.

Startseite

Mehr zu: 30 Jahre Mauerfall - Warum Ostdeutsche noch immer selten Karriere machen

1 Kommentar zu "30 Jahre Mauerfall: Warum Ostdeutsche noch immer selten Karriere machen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Die heutige als auch die damalige "VETTERNWIRTSCHAFT," mit massiven Vorteilsnahmen bei den "alten" Beteiligten, nicht nur in geldlicher Hinsicht, hat sich nicht verändert.

    Siehe die Besetzung der Aufsichtsratsposten, als auch die Besetzung der politischen Ämtern, ist fast unverändert. Diese Machart besteht seit mind 50 Jahren in den alten Bundesländern.

    Damit ist ja auch ALLES gesagt.

    Die Reste sind Märchenstunden, angeführt von den Grünen und den militanten OEKO-Verbindungen.

Serviceangebote