Anonyme Bewerbung Bitte ohne Bild zum neuen Job

Egal ob übergewichtig, tätowiert oder schon älter – Personaler sind nicht gefeit vor Vorurteilen. Warum auch anonymisierte Verfahren dagegen machtlos sind und wieso viele Unternehmen nicht einmal Absagen schicken.
Zu alt, zu bunt, zu übergewichtig? Die anonyme Bewerbung soll verhindern, zum Opfer von Personaler-Vorurteilen zu werden. Quelle: dpa
Diskriminierung im Bewerbungsverfahren

Zu alt, zu bunt, zu übergewichtig? Die anonyme Bewerbung soll verhindern, zum Opfer von Personaler-Vorurteilen zu werden.

(Foto: dpa)

Arbeitnehmer über 50? Die haben Alters-Wehwehchen und lassen sich von einem jüngeren Chef nichts sagen. Übergewichtige Menschen? Die sind faul und undiszipliniert – sonst würden sie ja abnehmen. Bewerber mit bunten Haaren, Tattoos und Blech im Gesicht? Das sind doch alles Asoziale, die sowieso nichts können und Unruhe stiften.

Natürlich gibt kaum ein Personaler zu, dass er einen Bewerber aufgrund seiner Vorurteile aussortiert. Nicht nur, weil er dann als spießig und intolerant gilt, sondern auch, weil es das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verbietet: Ethnische Herkunft, Glaube, Geschlecht, Alter und sexuelle Identität dürfen kein Grund sein, dass ein Personaler einen Bewerber abserviert. „Ein Unternehmen darf bei einer Absage nur sachbezogene Gründe angeben“, erklärt Arbeitsrechtler Christoph Abeln. Das heißt: weil der Bewerber nicht die in der Stellenanzeige geforderten Qualifikationen mitbringt oder ein Mitstreiter besser ausgebildet ist.

Doch viele Unternehmen halten sich nicht an das Antidiskriminierungsgesetz. Erst kürzlich lud ein Firmenchef aus dem Sauerland Schüler zu einer Tagung ein – aber nicht alle. Seine Einladung richtete sich ausschließlich an Schüler ohne Piercings, Tattoos und Schlabberhosen.

Karriereberaterin Cornelia-Ines Pfeffer weiß, dass das sauerländische Unternehmen kein Einzelfall ist. Seit einem Jahr betreut sie einen 56-jährigen, arbeitslosen IT-Projektleiter. „Er ist hochqualifiziert und bringt langjährige Arbeitserfahrung mit.“ Trotzdem findet er keine neue Stelle. 120 Bewerbungen – 120 Absagen. „Es gibt zwar kein Personaler zu, dass sein Alter ein Problem ist, aber ich kann mir keinen anderen Grund für die Absagen vorstellen“, sagt Pfeffer.

Zehn Killer-Fragen, die Chefs stellen
Standard-Antworten unerwünscht
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„Was ist Ihre größte Schwäche?“ Direkt gefolgt vom Klassiker „Wo sehen Sie sich selbst in fünf Jahren?“ ist dies wohl eine der meist gestellten Fragen im Bewerbungsgespräch, auf die die meisten Kandidaten schon eine passende, standardisierte Antwort parat haben: „Ich arbeite zu hart!“

Doch was tun, wenn CEOs Fragen stellen, mit denen Sie nicht gerechnet haben? 'Quartz' hat Vorstandsvorsitzende aus aller Welt gefragt, mit welchen Erkundigungen sie ihre Bewerber am liebsten aus der Reserve locken und in Erfahrung gebracht, welche Antworten sie dann gerne hören.

Was wäre Ihnen lieber? Geachtet oder gefürchtet zu werden?
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Oder platt gesagt: Was spielt für Sie die entscheidendere Rolle - Macht oder Moral? Laut Michael Gregoire, dem Vorsitzenden des IT Management Software-Unternehmens CA Technologies, eignet sich diese Frage ideal, um heraus zu kitzeln, was für ein Führungstyp der Bewerbungskandidat ist.

Eine perfekte Antwort gibt es in der Theorie nicht, denn je nach ausgeschriebener Stelle können die Anforderungen an den Chef variieren. In einem kollaborativen Arbeitsumfeld wäre es fatal, die Krallen auszufahren und eine angespannte Arbeitsatmosphäre zu fördern, sagt der Experte. Hier haben gefürchtete Führungskräfte nichts zu suchen. In einem Unternehmen, das sich gerade auf dem absteigenden Ast befindet, ist eine Führungskraft, die durchgreifen kann, jedoch vonnöten - wenn nicht sogar unabdingbar.

Achten Sie also darauf, welche Führungsqualitäten gefragt sind und ob Sie die Voraussetzungen erfüllen, wenn Sie sich auf eine Stelle bewerben.

Was ist Ihr größter Lebenstraum?
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Auf den ersten Blick eine harmlose Frage, doch laut Self-Made-Milliardärin Zhang Xin - Mitbegründerin des chinesischen Immobilienhändlers SOHO - lauern auch hier Tücken. Freigeister kommen deutlich besser an als Tiefstapler. Die erfolgreiche Unternehmerin hat es vorgemacht: Von dem in einer Textilfabrik zusammengesparten Geld gründete sie das Unternehmen, das heute Chinas größter Immobilienhändler ist. Hohe Ziele sind also gern gesehen und kommen gut an. Stellen Sie Ihr Licht nicht unter den Scheffel und zeigen Sie ihre Ambition ruhig offen.

Wie wurden Sie behandelt?
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Diese Frage ist besonders heimtückisch, denn Sie richtet ihr Augenmerk nicht an den Bewerbungskandidaten selbst, sondern auf alle Personen, die unmittelbar vor oder nach dem Gespräch mit ihm in Kontakt getreten sind. Das können Pagen, Chauffeure, Assistenten oder Rezeptionisten sein. Dem CEO eröffnet diese Frage eine einmalige Chance, auch hinter die „"Fassade“ des Bewerbers zu schauen. Ein Experte, der auf diese Strategie setzt, ist Rick Goings, Vorstandsvorsitzender von Tupper. Auf diese Weise erfahre man - zusätzlich zu den kognitiven Fähigkeiten - etwas über die sozialen Umgangsformen.

Bereiten Sie sich also auch mental darauf vor, auf ihre interaktiven Fertigkeiten geprüft zu werden. Diese halten viele Führungskräfte für genauso wichtig wie Ihr Fachwissen.

Warum sind Sie heute hier?
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Da sie sehr viele Antwortmöglichkeiten zulässt - darunter auch einige weniger wünschenswerte - ist auch diese Frage fies. Gordon Wilson - Vorstandsvorsitzender von Travelport - meint, ideal sei ein Kandidat, der auf den Nutzen fokussiert ist, den er dem Unternehmen bringt und persönliche Vorlieben zurücksteckt. „Wenn das Unternehmen von Ihnen profitiert, werden die persönlichen Aspekte wie von selbst kommen“, erklärte er gegenüber 'Quartz'.

Was ist Ihre Lieblingsimmobilie bei Monopoly und wieso?
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Die etwas andere Art, Bewerber zum Thema Chancen und Risiken zu befragen. Für Investmentbanker wie Ken Moelis ist diese Frage eine gewinnbringende Strategie, um junge Betriebswirte aus der Reserve zu locken.

Erzählen Sie von einer persönlichen Niederlage
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Hier ist Ihre Antwort das Entscheidende. Generell ist eine positive Einstellung der Schlüssel zum Erfolg. Denn wer sich selbst als Opfer und vom Pech verfolgt sieht, wirkt wenig vertrauenswürdig. Kandidaten, die dagegen offen über ihre Fehler und Niederlagen sprechen und aus diesen prägenden Erfahrungen neue Energie geschöpft haben, kommen umso besser an. Gerade Finanzdienstleister sind auf Querdenker angewiesen, die nicht sofort in Panik ausbrechen, wenn etwas schiefgeht, so Davide Serra, Vorstandsvorsitzender des Londoner Hedge Fonds Algebris.

Und die klingen meistens gleich: „Die Vorgesetzten bedanken sich für das Vertrauen des Bewerbers in das Unternehmen, müssen ihm aber leider mitteilen, dass sie sich für einen Bewerber entschieden haben, der für diese Stelle besser qualifiziert ist“, sagt Pfeffer. Oft kommt es sogar vor, dass die Bewerber noch nicht einmal eine Absage auf ihr Anschreiben erhalten.

Das spart dem Unternehmen nicht nur Papierkram und Zeit, sondern ist auch Taktik: Die Unternehmen wollen dem Risiko aus dem Weg gehen, gegen das Antidiskriminierungsgesetz zu verstoßen. Sonst könnte der Bewerber gegen die Verantwortlichen vor Gericht ziehen. Also gibt es lieber gar keine Absage, als eine, die rechtliche Folgen haben könnte.

Doch finanziell lohnt sich der Aufwand einer Klage laut Arbeitsrechtler Abeln nicht: Bis zu drei Bruttomonatsgehälter kann ein Kläger herausschlagen, wenn das Gericht ihm Recht gibt. Weil der Kläger noch Anwalts- und seinen Anteil an den Prozesskosten davon bezahlen muss, muss der Kläger meist sogar noch draufzahlen.

Auch muss der Bewerber beweisen können, dass Aussehen, Alter, Geschlecht oder Herkunft der Grund für die Absage waren. Und das ist aus Sicht des Arbeitsrechtlers heutzutage schier unmöglich. „Allenfalls wenigen kleinen Unternehmen kann man noch Diskriminierung beim Bewerbungsverfahren nachweisen“, weiß Abeln. Zum Beispiel, wenn sie ihre Stellenanzeige unwissentlich nur für Bewerber in einer gewissen Altersklasse ausschreiben oder nur männliche oder weibliche Bewerber wünschen.

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