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Achim Briese

Der Ingenieur war für Bosch im Silicon Valley.

(Foto: Evelyn Dragan für Handelsblatt)

Erfahrungen von Expats Zurück aus dem Silicon Valley – rein in den Kulturschock

Das Silicon Valley inspiriert. Doch viele deutsche Top-Talente kehren nach ein paar Jahren zurück und erleben in Deutschland einen Kulturschock.
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DüsseldorfAchim Briese ist begeisterter Sportler. Im Silicon Valley radelte der Bosch-Ingenieur jeden Tag zur Arbeit. Schließlich lag das US-Forschungszentrum seines schwäbischen Heimatkonzerns lange Zeit in Palo Alto – für Briese in einer Viertelstunde auf dem Fahrrad erreichbar. Später musste er nach Sunnyvale, aus 15 wurden 35 Minuten Radweg. Seine Frau brauchte das Auto, um den Sohn zur Schule zu bringen. So stieg Briese aufs Rad.

Das Lächeln verging ihm aber nicht, trotz der immer länger werdenden Anfahrt. Zu schön war der ewige blaue Himmel und die karge Landschaft.
Drei Jahre lang lebte Briese als Expat mit seiner Familie im Valley, seit ein paar Monaten ist er zurück in Stuttgart. Als Scout für Bosch ließ sich der Ingenieur von Jungfirmen aus Kalifornien inspirieren. Für seinen Arbeitgeber schaute er sich Start-ups zu Drohnentaxis und „urbaner Mobilität“ an.

Parallel entwickelte er gemeinsam mit der Stanford University Simulationsverfahren für die Luftmassensensorik – um so erst einmal schnöde Verbrennungsmotoren zu verbessern. „Es ist spannend, in diesem Umfeld zu arbeiten“, sagt Briese mit etwas Fernweh in der Stimme. „An der Grenze der technischen Machbarkeit, mit ungeheuer viel Dynamik, Gründergeist – und das hierarchieübergreifend.“

Neue Geschäftsmodelle testen, Trends erkennen, Innovationen entwickeln – dafür steht das Silicon Valley, und davon wollen auch deutsche Unternehmen profitieren. Traditionskonzerne wie Bosch verfügen zum Teil schon seit Jahrzehnten über eigene Standorte in der kalifornischen Tiefebene. Die Hoffnung: In der Heimat von Apple, Google und Co. sollen Manager bündelweise Ideen generieren und mit nach Hause bringen.

Inspirationsquellen gibt es ausreichend. 20.000 Start-ups sind in dem Gebiet um die Bucht von San Francisco ansässig, genauso wie jede Menge Kapitalgeber sowie die Universitäten Stanford und Berkeley, die zu den weltweit führenden zählen.

Wer aus dem „Golden State“ an der US-Westküste in die Digitalwüste Deutschland zurückkehrt, ist begehrt in den Personalabteilungen deutscher Unternehmen. „Manager, die im Valley waren, zählen zu den am besten ausgebildeten Fachkräften. Sie können in deutschen Unternehmen den entscheidenden Unterschied machen“, sagt Robert Kämper, Berater bei Russell Reynolds.

Und sein Kollege Thomas Becker beobachtet gar, dass die Zahl der Rückkehrer wächst. Hohe Mieten, teure Lebensmittel, immer arbeiten bis zum Anschlag – und dazu das politische Klima. „Das Silicon Valley ist nicht mehr das Traumland, das es vor zehn Jahren einmal war.“ Immer mehr Manager liebäugeln mit einem Wechsel nach Europa, berichtet Becker. Gerade zuletzt habe sich der Trend deutlich verstärkt, so die Berater.

Deutschlands Rolle im Silicon Valley

Wie viele Führungskräfte den Weg zurück antreten, ist statistisch nicht erfasst. Sicher ist: 15 deutsche Unternehmen sind mit Außenstellen an der kalifornischen Küste vertreten. Kein anderes Land in Europa hat so viele Forschungszentren, Innovationslabore oder Risikokapital-Ableger im Silicon Valley wie Deutschland. Das hat die Innovationsberatung „Mind The Bridge“ herausgefunden.

Schätzungen zufolge leben und arbeiten 60.000 bis 70.000 Deutsche im amerikanischen Ideen-Mekka, viele davon auf Zeit. Wer zurückkommt, erlebt nicht selten einen zweiten kulturellen Schock: die Wiedereingliederung in den deutschen Büroalltag – Beschaffungsanträge und Kantinenkoma inklusive.

Darauf hatten Georg Bauser, 33, und Christopher Cederskog, 36, keine Lust. Die beiden haben sich bei Airbnb in Kalifornien kennengelernt und sind heute ihre eigenen Chefs. Was die Deutschen aus dem Valley mitgenommen haben: Einfach machen. Das riet ihnen Airbnb-Chef Brian Chesky immer wieder. „Es geht darum, mit wenig technischer Infrastruktur ganz schnell festzustellen, was erfolgreich werden könnte – auch in einem Milliardenkonzern“, sagt Bauser.

Christopher Cederskog (links) und Georg Bauser haben im Silicon Valley bei Airbnb Erfahrungen gesammelt und jetzt in Berlin ihr Start-up Expansion Partner gegründet. Quelle: Jonas Holthaus für Handelsblatt
Die Gründer von Expansion Partner

Christopher Cederskog (links) und Georg Bauser haben im Silicon Valley bei Airbnb Erfahrungen gesammelt.

(Foto: Jonas Holthaus für Handelsblatt)

Nach diesem Prinzip hat der Manager unter anderem die „Entdeckungen“-Plattform für Airbnb aufgebaut, die Reisenden Restaurants und Entdeckungstouren empfiehlt. Ihr Wissen aus dem Valley bringen Bauser mit Cederskog nun in ihrem gemeinsamen Berliner Start-up Expansion Partner ein. Das junge Unternehmen unterstützt hiesige Firmen bei ihren Wachstumsplänen.

„Ich bin froh, in die Welt der Start-ups eingetaucht zu sein“, sagt Cederskog, der vor seiner Zeit bei Airbnb unter anderem für die Deutsche Bank in Frankfurt gearbeitet hat.

In Deutschland wollten gerade angestellte Führungskräfte gern alles richtig machen, sagt Immo Futterlieb, Partner im Münchner Büro der Unternehmensberatung Heidrick & Struggles, der selbst drei Jahre in Kalifornien gelebt hat und heute Führungskräfte bei ihrer Rückkehr nach Europa berät.

„Im Valley werden viel mehr Ideen generiert und neue Ansätze einfach mal ausprobiert“, sagt Futterlieb. So würden Produkte schneller auf den Markt gebracht – auch wenn sie noch nicht perfekt ausgereift seien.

Zwar schwappen solche Methoden auch nach Deutschland. Doch wer das Handwerk direkt vor Ort verinnerlicht, ist in der Heimat prädestiniert für Innovationsarbeit, sagt der Heidrick-Experte: „Das kann ein Rückkehrer besser als jemand, der nicht im Valley war.“

Mutig sein, Visionen ausprobieren, und das immer im direkten Austausch mit dem CEO – für diese Erfahrung waren die beiden Berliner Junggründer bereit, einige Einschränkungen in Sachen Freizeit in Kauf zu nehmen: „Es war mir egal, nur zehn Tage Urlaub zu haben und jeden Sonntag um 15 Uhr für ein Projekt-Briefing bereitstehen zu müssen“, sagt Bauser.

Und auch Cederskog betont die Anziehungskraft im Valley durch die enorme Dichte an Leuten, die etwas erreichen wollten: „Man bleibt vor allem aus genau diesem Grund dort – denn die öffentliche Infrastruktur ist auf jeden Fall verbesserungswürdig.“

Flucht vor Preisexplosionen

Tatsächlich wird das Leben in und um San Francisco immer härter: Die Infrastruktur und der Verkehr sind nah am Infarkt, Miet- und Immobilienpreise explodieren, Probleme mit Obdachlosen und Drogenabhängigen nehmen zu. Klagen, die Russell-Reynolds-Berater Becker von seinen Klienten vor Ort immer häufiger hört.

„Die Polarisierung hat extrem zugenommen“, sagt er. „Selbst die gehobene Mittelschicht kann es sich nicht mehr leisten, nah am Arbeitsplatz zu wohnen. In diesem Licht wirkt das gute alte Europa plötzlich wieder ganz sexy.“

So hat sich auch der Blick des Gründerduos auf ihren Heimatkontinent verändert: „Auch hier gibt es Offenheit, Verdichtung und kreative Kraft“, sagt Cederskog. „Zumindest in der Start-up-Welt.“ Bausers Blick auf Europa fällt nicht ganz so positiv aus. Nach seiner Rückkehr habe er auf jeden Fall auch „Rückständigkeit“ gespürt, gerade in Sachen Digitalisierung.

Die Verbindung zum Silicon Valley haben die Gründer deshalb aufrechterhalten: Alle drei Monate sind sie in San Francisco, um Kunden zu treffen und sich auf dem Laufenden zu halten.

„Es ist nicht alles heilig, was im Silicon Valley passiert“, sagt Tim Holzapfel. „Aber wir können uns davon inspirieren lassen.“ Holzapfel arbeitet für Siemens in der Organisationsentwicklung. Die Hälfte seiner 21 Jahre Betriebszugehörigkeit hat der Manager im Ausland verbracht: Argentinien, Israel, Finnland – und San Mateo.

Schwierige Überzeugungsarbeit bei deutschen Kollegen

Für zwei Jahre entsandte ihn Siemens in das kalifornische Städtchen, in dem viele Start-ups ihren Sitz haben. Sein Auftrag damals: Den 200 Mitarbeiter starken Softwareanbieter E-Meter in den Dax-Konzern integrieren. Siemens hatte die Firma 2012 gekauft, um das Geschäft mit computergesteuerten Stromnetzen zu erweitern.

Was der Siemens-Manager vor allem mitgenommen hat: Schnell sein. „Ich habe von der Pike auf gelernt, langfristige Visionen in Zwei-Wochen-Sprints zu erreichen.“ Holzapfels Teams in Deutschland lässt er deshalb einige Wochen im Jahr autark arbeiten, dann geht’s zur Projektbesprechung, bei der im Zweifel nachjustiert wird. „So hat jeder einzelne Mitarbeiter mehr Verantwortung und kommt motivierter zur Arbeit“, sagt Holzapfel.

Doch bis dahin war es ein weiter Weg: Manche seiner Kollegen hätten seit zehn Jahren den gleichen Job gemacht. Sie von den neuen Arbeitsweisen zu überzeugen, sei durchaus schwierig gewesen, berichtet der 45-Jährige. In seiner Abteilung hat er deshalb in den vergangenen drei Jahren die Hälfte der Stellen neu besetzt. „Ich habe neue Leute geholt, die sich weiterentwickeln wollten.“

Dennoch ist es Holzapfel wichtig, den deutschen Unternehmenskoloss behutsam zu wandeln. „Ein Konzern wie Siemens kann 170 Jahre Erfahrung nicht einfach über Bord werfen“, so der Manager. Auch Personalexperte Futterlieb warnt deutsche US-Rückkehrer davor, ihre Heimatunternehmen zu schnell umkrempeln zu wollen.

Pioniergeist und Horizonterweiterung

„Die Idee eines Google-Managers kann in einer deutschen Firmenkultur funktionieren – muss sie aber nicht.“ Diese Unterschiede müssten Führungskräfte im Hinterkopf behalten, wenn sie mit Kapuzenpulli und kalifornischem Überschwang an ihre Arbeitsplätze zu Hause zurückkehrten.

Was nicht heißt, dass sich deutsche Unternehmen nicht über den Pioniergeist ihres weit gereisten Top-Personals freuen würden. Im Gegenteil: „Von diesem Netzwerk profitieren unsere Mitarbeiter, die an zukunftsweisenden Technologien arbeiten und aus der engen Zusammenarbeit lernen, noch stärker über den Tellerrand zu blicken“, sagt etwa Bosch-Personalchef Christoph Kübel.

Auch bei Siemens heißt es: Gerade Führungskräfte müssten den Strukturwandel der Arbeitswelt und die daraus entstehenden Chancen vorleben. „Das funktioniert insbesondere dann, wenn man es selbst erlebt hat. Nur dann kann man die Kollegen mitreißen und Skeptiker überzeugen.“ Führungskräfte des Technologiekonzerns können deshalb seit etlichen Jahren schon spezielle Austausch- und Delegationsprogramme in Anspruch nehmen.

Für Siemens-Mann Holzapfel hat sich der Schritt an die US-Westküste auch karrieretechnisch gelohnt: Als Senior Vice President in der Organisationsentwicklung soll er für den Konzern genau jene neuen Arbeitsweisen vorantreiben, die er auf seiner Stippvisite in Kalifornien erlernt hat. Ein einflussreicher Job. „Sicher ist, dass ich ihn ohne meine Erfahrungen in San Mateo nicht so gut machen könnte“, resümiert Holzapfel.

Die heutige Laborleiterin bei Roche in Penzberg bei München war als Postdoktorandin in Stanford und fand so zu ihrem
Annette Vogt

Die heutige Laborleiterin von Roche in Penzberg war als Postdoktorandin in Stanford und fand so zu ihrem Traumjob.

(Foto: Thomas Dashuber für Handelsblatt)

Eine ganz andere Karriere hat Annette Vogt gemacht. Sie holte sich ihre Expertise als Postdoktorandin an der Stanford University. Nach ihrer Promotion an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, hatte sich die damals 31-Jährige proaktiv an der US-Eliteuni beworben.

Drei Jahre lang forschte sie dort über die Massebestimmung von Proteinen und Krebs. Ihre Erfahrungen bringt sie heute beim Pharma-Konzern Roche am Standort München-Penzberg als Laborleiterin ein: Durch ihre Erfahrung an der Top-Uni habe sie ihren „absoluten Traumberuf gefunden“, sagt Vogt. Das Leben an der Westküste habe sie innovativer und offener für die Ideen anderer gemacht. „Kein Workshop kann diesen Spirit rüberbringen“, sagt sie in bestem Denglisch. „Das muss man aktiv gelebt haben.“

Innovationen dank Diversität

„Ob aus dem Silicon Valley, aus Auslandsstationen innerhalb des Konzerns oder aus anderer Unternehmenserfahrung – diverse Gedankenwelten bringen Innovationen“, sagt Ursula Redeker, Sprecherin der Geschäftsführung bei Roche Diagnostics in München. Ähnlich wie Bosch und Siemens entsendet auch der Pharmaspezialist Mitarbeiter als Expats nach Kalifornien. „Ihre Erfahrungen und Ideen sind dort wie hier sehr geschätzt.“

München-Penzberg oder Stanford? „Wir wissen, dass die meisten Auswanderer Deutschland nicht dauerhaft verlassen wollen“, sagt Marcel Erlinghagen von der Universität Duisburg-Essen. Den Job- und Standortwechslern ginge es vielmehr darum, im Ausland neue Erfahrungen zu sammeln. „Die allermeisten von ihnen kommen nach ein paar Jahren zurück und wollen weiter Karriere machen.“

Bereits 2015 hat der Soziologe in einer Pilotstudie das Rückkehrer-Phänomen untersucht. Der Forscher sagt: „Es ist in der Regel ein ganzes Bündel an Motiven, die zur Rückkehr führen.“ Für zwei Drittel der Befragten waren familiäre Gründe entscheidend. Fast genauso häufig spielten berufliche Aspekte die entscheidende Rolle.

Was Erlinghagen auch beobachtet: Ist jemand einmal im Ausland gewesen, erhöhe das die Wahrscheinlichkeit, dass er ein weiteres Mal Deutschland verlasse.

Auch Bosch-Ingenieur Briese wollte zunächst vor allem aus privaten Gründen wieder nach Deutschland. „Meine Frau und ich wollten, dass unsere Kinder noch etwas von ihren Großeltern haben.“ Doch nach nicht einmal einem halben Jahr liebäugelt der 44-Jährige schon wieder damit, eine Weile im Ausland zu arbeiten.

Eine Rückkehr nach Amerika, aber auch ein Ausflug nach China – vieles sei für ihn denkbar. Sein Lebensmotto, das er aus seiner Zeit in Amerika mitgebracht hat heißt „expanding horizons“, also: den eigenen Horizont ständig erweitern – notfalls wieder auf dem Rad.

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