Fachkräftemangel Wenn Kollegen Kollegen empfehlen

Auf der Suche nach Fachkräften suchen Unternehmen immer häufiger auch im eigenen Haus. Dabei greifen Personaler verstärkt auf die Empfehlungen von Mitarbeitern zurück. Den internen Headhuntern winken teils satte Prämien.
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Personalempfehlungen von Mitarbeitern können sich für die Unternehmen auszahlen. Quelle: dpa

Personalempfehlungen von Mitarbeitern können sich für die Unternehmen auszahlen.

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Düsseldorf„Glückwunsch, Sie haben die siebentägige Luxusreise für zwei Personen nach Monte Carlo gewonnen.“ Als Andreas Serr das am Telefon hörte, dachte er: „Wer spielt mir da gerade einen Streich?“ Die Stimme seines Chefs, Randstad-Vorstand Eckard Gatzke, der ihm die gute Nachricht selbst überbrachte, erkannte er nicht. Und dass er eine neue Kollegin angeworben hatte und dafür neben der Barprämie von 600 Euro noch den Jahres-Hauptpreis, der 2011 unter allen Empfehlungen ausgelobt worden war, gewinnen könnte, damit hatte Serr schon gar nicht gerechnet. Nun also winkt dem Vertriebsmitarbeiter im Sommer der Trip an die Côte d'Azur samt Casino-Besuch und 500 Euro Taschengeld. Gesamtwert der Belohnung: rund 4500 Euro.

Mitarbeiter-Empfehlungen sind für Neueinstellungen en vogue. Immer mehr Firmen wie Adidas oder die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young nutzen ihre Mitarbeiter als Headhunter im eigenen Haus.

Trotz Finanz- und Eurokrise - die Konjunktur in Deutschland läuft. Überall wird händeringend nach personeller Verstärkung gesucht. Und die Firmen werden dabei immer seltener fündig. Das belegt die aktuelle Recruiting-Trends-Studie der Universitäten Bamberg und Frankfurt in Zusammenarbeit mit der Online-Jobbörse Monster, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt: Demzufolge geht zwar die Hälfte der deutschen Top-1000-Unternehmen davon aus, Ende des Jahres 2012 mehr Mitarbeiter zu beschäftigen als jetzt.

Doch bei der Einstellung gibt es Probleme: Ein gutes Drittel der Vakanzen wird 2012 nur schwer und etwa fünf Prozent werden gar nicht besetzbar sein, weil kein geeigneter Kandidat verfügbar ist. Und acht von zehn Personalverantwortlichen glauben, dass das in Zukunft noch schlimmer wird. Schuld ist die Vergreisung der deutschen Bevölkerung, der damit zunehmende Fachkräftemangel und der schrumpfende Akademiker-Nachwuchs. Am schwierigsten zu finden sind Spezialisten für Forschung und Entwicklung sowie IT-Profis.

Doch Not macht bekanntlich erfinderisch. Gemeinsam suchen innovative Personalverantwortliche nach neuen Wegen aus der Misere. Im ersten „HR-Barcamp“ zum Beispiel - einer bislang nur aus der Internetszene bekannten Tagungsform mit Workshops, bei der die Teilnehmer erst während der Veranstaltung elektronisch abstimmen, welche Themen sie diskutieren wollen - treffen sich Personalleiter nächste Woche in Berlin.

Ein Thema dürfte sein, wie Personalmanager stärker von der zunehmenden sozialen Vernetzung der Gesellschaft profitieren können. Gut die Hälfte der 1000 größten deutschen Unternehmen nutzen heute schon Online-Netze wie Xing oder Facebook, um Stellenanzeigen zu veröffentlichen, Kandidaten zu suchen sowie zu 43,9 Prozent auch, um zusätzliche Informationen über Bewerber zu beschaffen.

Mit Prämien gegen den Fachkräftemangel

Mit Mitarbeiterempfehlungsprogrammen gekoppelt, lässt sich die Personalrekrutierung deutlich vereinfachen und beschleunigen, denn Mitarbeiter sind die besten Botschafter - und Talentscouts: „Unsere Mitarbeiter kennen die gesuchte Mischung von fachlicher Qualifikation und persönlichen Eigenschaften ja aus eigener Erfahrung“, sagt etwa Tanja Köhler. Sie ist zuständig für den Bereich Arbeitgeberattraktivität beim Personaldienstleistungsunternehmen Randstad und muss in Hochphasen mehrere Hundert Vertriebsdisponenten wie Andreas Serr jährlich einstellen. Etwa 30 Prozent kann sie dank der Initiative „Kollegen suchen Kollegen“ besetzen.

Unternehmen erhalten so Zugang zu Kandidaten, die sonst nur schwer oder gar nicht erreichbar wären. Im Durchschnitt führen von sieben Empfehlungen drei zu Einstellungen. Das hat jetzt erstmals die Uni Furtwangen mit einer Analyse von rund 150 Mitarbeiterempfehlungsprogrammen deutscher Unternehmen ermittelt, die dem Handelsblatt ebenfalls exklusiv vorliegt. „Diese Quote ist sensationell“, sagt Studienleiter und Personalmanagement-Experte Achim Trost. „Mitarbeiterempfehlungen sind treffsicherer als andere Maßnahmen zur Personalgewinnung wie der Einsatz von Headhuntern, Anzeigen in Stellenbörsen oder der Stand auf einer Bewerbermesse“, bestätigt Marcus Reif. Er ist bei Ernst & Young für Einstellungen verantwortlich. Allein im ersten Halbjahr 2011 erhielt das Wirtschaftsprüfungsunternehmen rund 40000 Bewerbungen, von denen rund 3500 auf Empfehlungen beruhten.

Im Durchschnitt erhalten deutsche Unternehmen etwa 133 Empfehlungen pro Jahr, hat Achim Trost ermittelt. Und die Höhe der Geldprämie, etwa für die Vermittlung eines Hochschulabsolventen mit drei bis fünf Jahren Berufserfahrung, reicht von 250 bis 6000 Euro.

Sogar für Arbeitgeber wie Ernst & Young, die für Professionals mit bis zu acht Jahren Berufserfahrung bis zu 10.000 Euro Prämie spendieren, rechnet sich das Empfehlungsverfahren im Vergleich mit den klassischen Instrumenten allemal. Denn einen Akademiker anzuwerben schlägt meist fünfstellig zu Buche. Allein ein eingeschalteter Personalberater berechnet in der Regel ein Drittel des jeweiligen Jahresgehalts.

Zwar ist momentan nicht mit Prämienexzessen wie zu Zeiten der New Economy zu rechnen, als der Vorschlag eines neuen Mitarbeiters gleich einen Porsche wert war. Aber schon jetzt lässt sich manches Unternehmen durchaus Kreatives einfallen, um Personallücken zu füllen: Sportartikel-Hersteller Adidas zum Beispiel hat aktuell 400 Vakanzen zu besetzen - vom Designer über Shoppersonal bis hin zum Logistik-Profi. Pro Empfehlung fließen in Deutschland 1000 Euro, in den letzten zwei Jahren gab es darüber hinaus jeweils noch einen Motorroller zu gewinnen.

Gute Leute kennen gute Leute

Adidas verlost unter allen Empfehlungen eine Reise zu den Olympischen Spielen in London. Quelle: dapd

Adidas verlost unter allen Empfehlungen eine Reise zu den Olympischen Spielen in London.

(Foto: dapd)

Inzwischen steigt mit jeder Empfehlung die Chance auf ein einzigartiges Überraschungsevent, das unter allen Talentscouts der Firma verlost wird. Aktuell geht es um eine Reise zu den Olympischen Sommerspielen in London. Beim nächsten Mal könnte es aber auch ein persönliches Fußballtraining mit Philipp Lahm sein.

„Prämien für Empfehlungen werden nicht ins Unermessliche steigen“, glaubt Wissenschaftler Trost. Künftig könnte es aber Pflicht für Mitarbeiter werden, sich als Talent-Scout zu betätigen. Angesichts zunehmender Aktivitäten in sozialen Netzwerken rechnet Trost sogar mit regelmäßigen „Referral-Meetings“, in denen Mitarbeiter gemeinsam Namenslisten erarbeiten und dazu Profile auf Xing oder LinkedIn zu Rate ziehen.

Offensichtlich greift das Prinzip: Gute Leute kennen gute Leute. Dabei ist es meist gar nicht der beste Freund, sondern eher die lose Verbindung - ein ehemaliger Studienkollege oder ein Bekannter vom letzten Branchenkongress -, die sich für Arbeitgeber und Mitarbeiter gleichermaßen gewinnbringend nutzen lässt. Dahinter steckt auch die Annahme, dass „unsere Mitarbeiter ihre Reputation mit der fachlichen und persönlichen Qualifikation desjenigen verknüpfen, den sie empfehlen“, sagt Melanie Fischer. Sie ist Teamleiterin Recruiting Berufserfahrene bei der Deutschen Bank. „Die Empfehlung ist bereits eine gute Vorauswahl, danach greifen aber alle regulären Bewerbungsprozesse“, sagt Melanie Fischer.

Einen Moment lang war es denn auch Lutz Hegemann, Wirtschaftsinformatiker von Ernst & Young, mulmig, als er die Bewerbungsunterlagen seines Freundes Christian Losemann, online einreichte. „Schließlich ist man so etwas wie ein Bürge“, sagt der 29-Jährige. „Vermassel nur nicht die Probezeit“, ermahnte Hegemann deshalb den angehenden Wirtschaftsprüfer Losemann bei privaten Treffen grinsend mit Blick auf seine Erfolgsprämie - die Hegemann schließlich auch kassierte.

Empfehlungen sind eine bequeme Art, das eigene Einkommen aufzubessern, findet der IT-Spezialist: „Ich bin schon auf der Suche nach weiteren Kandidaten. Leider müssen einige aus meinem Bekanntenkreis aber erst noch mit ihrem Studium fertig werden.“

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