Management-Coach „Viele erfolgreiche Unternehmer sind unglücklich“

Management-Coach Johannes Schmeer beobachtet, dass viele Chefs erfolgreich, aber unzufrieden sind. Im Interview erklärt er, warum Unternehmer trotzdem an ihrem Verhalten festhalten – und wie sie wieder glücklich werden.
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Management-Coach Johannes Schmeer hat festgestellt, dass viele Unternehmer meinen, in Zeiten der Digitalisierung Erwartungen der Mitmenschen permanent gerecht werden zu müssen. Quelle: Getty Images
Unter Druck

Management-Coach Johannes Schmeer hat festgestellt, dass viele Unternehmer meinen, in Zeiten der Digitalisierung Erwartungen der Mitmenschen permanent gerecht werden zu müssen.

(Foto: Getty Images)

DüsseldorfJohannes Schmeer coacht seit Jahrzehnten Führungskräfte. In Gesprächen mit Unternehmern hat er festgestellt, dass viele zwar erfolgreich, aber unglücklich sind. Im Interview erklärt der Experte, was häufig die Ursachen der Unzufriedenheit sind und ob Unternehmen unter diesen Bedingungen überhaupt langfristig profitabel sein können.

Herr Schmeer, Sie behaupten, dass viele erfolgreiche Unternehmer unglücklich sind.
Richtig. Ich berate seit vielen Jahren Unternehmer und stelle fest, dass sie immer häufiger erfolgreich, aber gleichzeitig unzufrieden sind. Und das, obwohl ihre Unternehmen gute Gewinne einfahren und auch privat äußerlich alles in Ordnung scheint. Trotzdem sitzen mir immer öfter Menschen gegenüber, die unzufrieden sind und mit ihrer Situation hadern.

Wie äußert sich diese Unzufriedenheit konkret?
Emotional. Die Menschen merken, dass sie schlecht drauf sind und fragen sich: „Bei mir ist doch alles in Ordnung. Ich verstehe selbst nicht, warum ich so unglücklich bin mit mir und meinem Leben.“ Die Unzufriedenheit äußert sich also auf eine diffuse Weise, weil die Unternehmer eben nicht sagen können: „Mir geht es schlecht, weil...“ – und dann folgt ein konkret zu benennender Anlass. Die negative Gefühlslage scheint abstrus, weil sowohl die emotional schlechte Verfassung spürbar ist als auch der Gedanke dominiert „Eigentlich ist doch alles okay“.

Was sind die Gründe dafür?
In Gesprächen zeichnet sich oftmals ab, dass die meisten sich wiederfinden in einem Korsett von Erwartungen. Das erscheint im ersten Moment paradox: Schließlich hat ein eigenständiger Unternehmer in der Wirtschaft die maximale Freiheit, da er sein eigener Herr ist.

Das sind die besten Arbeitgeber Deutschlands
Glassdoor-Award für Mitarbeiterzufriedenheit
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Die Karriereplattform Glassdoor hat die besten Arbeitgeber 2017 in der Kategorie Mitarbeiterzufriedenheit ermittelt. Zum zweiten Mal auch in Deutschland. Von Anfang November 2015 bis Ende Oktober 2016 wurden weltweit über 2,1 Millionen anonyme Arbeitgeberbewertungen eingereicht. Im Fokus: Mitarbeiterzufriedenheit, Vor- und Nachteile des Jobs, Karrieremöglichkeiten, Vergütung, Zusatzleistungen, Kultur und Work-Life-Balance. 25 deutsche Unternehmen erhalten den Glassdoor-Award für Mitarbeiterzufriedenheit. Die Top 15 im Überblick.

Platz 15: Volkswagen
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Auf Platz 15 im Ranking schafft es der Wolfsburger Autobauer. Im Durchschnitt aller Kategorien erhält Volkswagen von den Mitarbeitern 4,0 von fünf möglichen Punkten. Ein Angestellter schreibt auf Glassdoor: „Professionalität, Zusammenarbeit mit Konzerngesellschaften, soziale Sicherheit.“

Platz 14: Fraunhofer Gesellschaft
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Etwas besser als der Volkswagen-Konzern schneidet die Fraunhofer Gesellschaft ab: Sie erhält im Durchschnitt 4,1 von fünf möglichen Punkten. Mitarbeiter schätzen laut Glassdoor vor allem die Kollegen und die Arbeitsbedingungen.

Platz 13: Bayer
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Der Leverkusener Pharmakonzern ist der Karriereplattform zufolge bei Mitarbeitern besonders beliebt aufgrund der Karrieremöglichkeiten und Zusatzleistungen. Auch Bayer erzielt im Durchschnitt 4,1 Punkte.

Platz 12: Vodafone
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Platz zwölf belegt das Mobilfunkunternehmen Vodafone. „Modernes Unternehmen mit vielen Entwicklungschancen, sehr gute Arbeitsumgebung sowie moderne und flexible Arbeitskultur mit mobilen Arbeitsmöglichkeiten“, schreibt ein Mitarbeiter.

Platz 11: Infineon Technologies
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Bei Infineon sind die Mitarbeiter laut Glassdoor insbesondere mit der Vergütung, den Zusatzleistungen sowie den Aufstiegschancen zufrieden. Der deutsche Halbleiterhersteller hat seinen Sitz im bayerischen Neubiberg. Süddeutschland ist im Ranking mit insgesamt 13 Arbeitgebern aus Bayern und Baden-Württemberg besonders stark vertreten.

Platz 10: BMW
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Ebenfalls aus Bayern kommt der Autobauer, der den zehnten Rang belegt: BMW. Mitarbeiter loben, dass sie sich einfach intern auf eine andere Stelle bewerben können, wenn ihnen der aktuelle Arbeitsbereich nicht mehr gefällt.

Doch der Knackpunkt ist meistens das innere Erleben dieser Menschen. Sie fühlen sich enorm verpflichtet gegenüber Mitarbeitern, Lieferanten, Kunden oder Familie. Eigene Interessen rücken in den Hintergrund. Wonach diesen Menschen eigentlich zumute ist, nämlich ihr Wunsch danach, mehr so leben zu können, wie es ihnen selbst tatsächlich entsprechen würde, bleibt aufgrund des innerlichen Drucks zunehmend auf der Strecke. Die Konsequenz: Sie werden unglücklich.

Warum machen viele Unternehmer trotzdem unbeirrt so weiter?
Weil sie eine große Angst in sich tragen, irgendetwas zu ändern. Allein schon bei dem Gedanken an Veränderungen spielt sich in ihren Köpfen ein Horrorfilm ab, bei dem ihre eigene Welt zusammenbricht: In diesem Kopfkino geht zum Beispiel der wirtschaftliche Erfolg baden oder die Frau läuft davon, weil sie sich an den hohen Lebensstandard gewöhnt hatte, den der Unternehmer ihr durch sein befürchtetes Scheitern nicht mehr erfüllen könnte.

„Viele ignorieren Warnsignale über Jahrzehnte“

In Gesprächen mit Führungskräften hat der Management-Coach festgestellt, dass viele zwar beruflich erfolgreich, aber unglücklich sind. Quelle: Presse
Johannes Schmeer

In Gesprächen mit Führungskräften hat der Management-Coach festgestellt, dass viele zwar beruflich erfolgreich, aber unglücklich sind.

(Foto: Presse)

Aber führen sie durch ihr unverändertes Verhalten nicht gerade dieses Szenario herbei?
Genau. Viele Unternehmer ignorieren Warnsignale und akzeptieren ihre Unzufriedenheit für den beruflichen Erfolg über Jahre oder Jahrzehnte hinweg als Preis für den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolg. Die Dauer hängt dabei von der Ausgeprägtheit der Verdrängungsmechanismen ab. Oft folgen Menschen selbst dann noch dem alltäglichen Trott, wenn die Ehe tatsächlich zerbrochen ist oder die Kinder missraten. Denn viele Menschen verharren lieber im sicheren Unglück als sich auf die Suche nach dem unsicheren Glück zu begeben.

Von welchen Warnsignalen sprechen Sie?
Wenn Unternehmer unzufrieden sind, merken sie das sehr früh auf der mentalen, emotionalen oder körperlichen Ebene. Auf der physischen Ebene können das ganz einfach Bauch-, Rücken- oder Kopfschmerzen sein. Auf der emotionalen Ebene kann sich die Unzufriedenheit durch Gereiztheit und schlechte Laune widerspiegeln – und bis zu depressiven Verstimmungen führen, die sich über Monate oder sogar Jahre hinziehen. An die kann sich ein Betroffener durchaus gewöhnen. Er nimmt sie gleichsam als notwendiges Übel hin.

Kann das Unternehmen unter diesen Bedingungen weiter so erfolgreich sein?
Das kommt auf die Führungsmannschaft an, die hinter dem Unternehmer steht. Oft ist das Team dazu in der Lage, seine Schwächen auszugleichen.

Der Unternehmer sitzt auch in den meisten Fällen gerade nicht depressiv in der Ecke, sondern er arbeitet. Eine häufige Reaktion auf eine Depression ist, eine Arbeitssucht zu entwickeln. Und immer mehr Menschen greifen zu leistungssteigernden Medikamenten wie Ritalin, um sich auf Kurs zu bringen. Unter Umständen merkt niemand im Betrieb, was im Chef tatsächlich vorgeht.

Was raten Sie diesen Unternehmern?
Über ihre Befürchtungen zu sprechen. Denn nur dadurch erkennen sie ihre eigenen Denkschranken – in welchen Bereichen also festgefahrene Glaubensüberzeugungen sie schon am ersten Schritt in die Veränderung hindern. Tatsächlich wissen sie aber gar nicht, ob sich diese in der Realität auch bewahrheiten würden.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Einer meiner Kunden glaubte zum Beispiel, dass er seinen größten Auftraggeber sicher verlieren wird, wenn er bei den webbasierten Bieterwettbewerben nicht mehr mitgeht. Als er das aber tatsächlich einmal getan hat, machte er genau die umgekehrte Erfahrung: der Kunde kam auf ihn zu, fragte nach, was denn los sei und war bereit, sich auf Konditionen zu verständigen, die diesem Unternehmer einen ordentlichen Deckungsbeitrag ermöglicht haben.

Herr Schmeer, vielen Dank für das Interview.

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  • „Viele erfolgreiche Unternehmer sind unglücklich“ – Was sind die Gründe dafür?“

    „In Gesprächen zeichnet sich oftmals ab, dass die meisten sich wiederfinden in einem Korsett von Erwartungen. Doch der Knackpunkt ist (…) Sie fühlen sich enorm verpflichtet gegenüber Mitarbeitern, Lieferanten, Kunden oder Familie. Eigene Interessen rücken in den Hintergrund (..) ihr Wunsch danach, mehr so leben zu können, wie es ihnen selbst tatsächlich entsprechen würde, bleibt aufgrund des innerlichen Drucks zunehmend auf der Strecke. Die Konsequenz: Sie werden unglücklich.“

    Der Grund dieses Dilemmas ist also ganz offensichtlich, dass sich viele Unternehmer mit zunehmendem Erfolg vom o.g. „Korsett von Erwartungen“ die Luft abdrücken lassen, WEIL SIE SICH FÜR ALLES ALLEIN VERANTWORTLICH FÜHLEN.

    Das sind sie aber nicht:

    Sie haben der Gesellschaft mit der Gründung bzw. erfolgreichen Führung ihres Unternehmens doch längst ein überdurchschnittliches Maß an Mut und Initiative bewiesen.

    Es wäre also gut, wenn sie dies realisierten. Und infolge dessen, dass sie nicht nur sich selbst, sondern auch ihren Mitarbeitern einen großen Gefallen tun, wenn sie die Verantwortung für den weiteren Erfolg des Unternehmens mit diesen teilen bzw. an sie delegieren.

    Dazu aus http://www.handelsblatt.com/unternehmen/mittelstand/kulturwandel-bei-sipgate-das-etwas-andere-unternehmen/19167984-all.html:

    „Weniger Kontrolle, viel Eigenverantwortung und ständige kleine Verbesserungen helfen (…), ein Unternehmen wieder flott zu machen. Doch das ist leichter gesagt als getan.
    Sipgate ließ sich von Agile42 zunächst zeigen, wie sich Software durch eine veränderte Firmenkultur schneller entwickeln lässt. „Anfangs war das ein Kulturschock für uns. Aber seitdem haben wir unsere Geschwindigkeit verhundertfacht“ - „Heute können wir Sachen in wenigen Tagen an die Kunden ausliefern, für die wir früher ein Jahr gebraucht haben.“

    Scheint sich also zu lohnen, sich mal genauer anzusehen, wie das bei denen funktioniert.

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