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Manager im Sog der Sucht „Eigentlich sind das die richtig armen Schweine“

Heute blau, morgen blau, und übermorgen wieder: Sucht in der Führungsetage bleibt ein großes Tabuthema. Betroffene entscheiden selbst über Heilung oder Rückfall. Wie Führungskräfte wieder ihr Glück finden können.
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Rund 9,5 Millionen Menschen konsumieren „in gesundheitlich riskanter Form“ Alkohol. Quelle: dpa

Rund 9,5 Millionen Menschen konsumieren „in gesundheitlich riskanter Form“ Alkohol.

(Foto: dpa)

Düsseldorf „Eigentlich sind das die richtig armen Schweine“, sagt eine, die auf gar keinen Fall genannt werden will. Weil sie sich als Suchtcoach um die ganz Großen kümmert in der Geschäftswelt. Ob Abteilungsleiter, CEO oder Vorstand: Für ihre Klientel ist Diskretion mehr als nur Ehrensache.

Weil ein Top-Manager sich im Gegensatz zu strauchelnden Stars und Sternchen wie Jenny Elvers-Elbertzhagen, so ihre Erfahrung, niemals als alkohol- oder medikamentenabhängig outen würde. „Stellen Sie sich einen Dax-Chef vor. Der wird einen Teufel tun, in der Öffentlichkeit eine Alkoholbeichte abzulegen.“ Dabei handelt es sich um eine Krankheit wie Diabetes oder Herzleiden.

Die Psychotherapeutin weiß, wie einsam es an der Spitze sein kann. Dort, wo Leistungsdruck, Konkurrenz und Tempo den Takt vorgeben, wo sich die Top-Manager im Hamsterrad die Pfoten wund laufen. Und wo es noch immer ein Tabu ist, über Schwäche zu sprechen. „In meiner Praxis kommt es nicht selten vor, dass Betroffene mir zunächst mitteilen, dass sie sich lieber töten würden, als sich mit ihrer Sucht zu outen“, erzählt der Kölner Psychiater Thomas Schmitt. „Das ist sogar nachvollziehbar, denn in manchen beruflichen Positionen kommt eine Offenlegung der eigenen Suchterkrankung einem beruflichen Suizid gleich.“

Ein Blick in jüngste Statistiken, Stress- und Suchtberichte lässt nichts Gutes erahnen. Mehr als 40 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland leiden unter Termin- und Leistungsdruck, fast 20 Prozent fühlen sich körperlich und emotional erschöpft. Alle wissen, dass etwas schief läuft.

Wie Manager zu Abhängigen werden

Tabletten gegen Schlafstörungen, Rückenschmerzen, ein Magenmittel und oben drauf ein Fläschchen Melissengeist: Immer mehr Menschen sind medikamentenabhängig. Quelle: dpa

Tabletten gegen Schlafstörungen, Rückenschmerzen, ein Magenmittel und oben drauf ein Fläschchen Melissengeist: Immer mehr Menschen sind medikamentenabhängig.

(Foto: dpa)

Die Dauerbelastung, die permanente Optimierung und ständige Einsatzbereitschaft in der vernetzten, hektischen Arbeitswelt lösen eine Art von Stress aus, auf die wir evolutionär nicht vorbereitet sind. Das bringt Manager wie Fließbandarbeiter gleichermaßen an ihre Grenzen und kann auf Dauer krank machen. „Das muss nicht immer eine Sucht sein“, erklärt Götz Mundle, ärztlicher Geschäftsführer der privaten Oberbergkliniken, die sich auf die Behandlung von süchtigen Ärzten und Führungskräften spezialisiert haben. „Aber die psychischen Erkrankungen nehmen immer mehr zu.“

Allein die Zahl behandlungsbedürftiger Alkoholiker ist zwischen 1950 und 2007 um das Zwölffache gestiegen. Laut aktuellem Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung gelten 1,3 Millionen Menschen hierzulande als alkoholabhängig, etwa 9,5 Millionen konsumieren in „gesundheitlich riskanter Form“ Alkohol. Mindestens 1,4 Millionen Bürger sind medikamentensüchtig, bis zu 750.000 Menschen pflegen einen gefährlichen Cannabiskonsum oder sind opiatabhängig. Den volkswirtschaftlichen Schaden schätzt die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen auf jährlich mehr als 26 Milliarden Euro – nur bei Alkohol.

Und natürlich machen Hochprozentiges, Tabletten und Drogen auch vor Werkstoren und Chefetagen nicht Halt. Vor allem die sogenannten „High Potentials“ leiden an chronischem Stress und „stehen unter dem großen Druck, die an sie gesetzten Erwartungen zu erfüllen“, so Psychiater Schmitt.

Insbesondere Manager, in deren Leben der Leistungsgedanke von früher Jugend an eine zentrale Rolle spielte, sind gefährdet, an einer Sucht zu erkranken. Schmitt: „Weil viele von ihnen die Erfahrung gemacht haben, dass sie über ihre Leistung neben der finanziellen auch menschliche Zuwendung erhalten.“ Selbst das Erbgut funkt dazwischen, erklärt Klinik-Geschäftsführer Götz Mundle: „Zu 30 Prozent sind die Gene schuld.“

Berauscht im Chefsessel

43 Prozent der Erwerbstätigen sind überzeugt, dass ihr Arbeitsstress in den vergangenen zwei Jahren zugenommen hat. 19 Prozent fühlen sich überfordert. Quelle: dpa

43 Prozent der Erwerbstätigen sind überzeugt, dass ihr Arbeitsstress in den vergangenen zwei Jahren zugenommen hat. 19 Prozent fühlen sich überfordert.

(Foto: dpa)

Meistens fängt es irgendwie harmlos an, weiß Volker Kollenbaum, Chefarzt der privaten Nexus-Klinik in Baden-Baden. „Die ständige Alarmbereitschaft und die Verpflichtung, auch unter schwierigen Bedingungen wie Zeitdruck oder unvollständiger Information weitreichende Entscheidungen treffen zu müssen, stärkt das Bedürfnis, sich zu entspannen und sich etwas Gutes zu tun.“

Alkohol, Tabletten oder Drogen sind dann häufig ein Therapeutikum, um Spannungen und Frustrationen besser auszuhalten. Oder um die eigene Leistungsfähigkeit zu steigern, denn wer berauscht ist, fühlt sich stark und sicher. Das Fatale daran: Der menschliche Körper ist sehr anpassungsfähig und braucht bei regelmäßigem Konsum immer mehr, um die Sucht zu befriedigen. Und aus immer mehr wird schnell zu viel.

Was die Situation komplizierter und gefährlicher macht ist die Tatsache, dass Entscheider ihre Sucht oft lange verheimlichen. Schuld daran ist ein Glaubenssatz, der vielen Managern gemein ist: „Ich kann das alles alleine lösen und bin unabhängig von allen anderen“, berichtet Götz Mundle. Dazu kommt, dass die Erkrankung von den Untergebenen gedeckt wird. „Wer traut sich schon, seinem Chef zu sagen: Du trinkst!“ So wird das Tabu zementiert.

Bis sich also jemand überhaupt nach Hilfsmöglichkeiten umschaut, dreht sich die Krankheitsspirale weiter und tiefer. In schweren Fällen helfen dann nur noch Entzug und Therapie in einer Spezialklinik. Auch hier sind Scham und Angst wieder ein großes Thema. „Es muss zwar nicht, kann aber für eine Firma tödlich sein, wenn öffentlich bekannt würde, dass eine der zentralen Leitungspersonen in einer Suchtklinik ist“, berichtet Nexus-Chefarzt Volker Kollenbaum. „Und wenn jemand bekannt ist in Funk und Fernsehen, hat er auch das Problem, dass die Mitpatienten ihn erkennen könnten“, erzählt Mundle. Die Lösung: Wer solvent ist, zieht es vor, sich auf eigene Kosten im Ausland behandeln zu lassen oder begibt sich unter Pseudonym in eine Privatklinik. Eine Diskretion, die ihren Preis hat – Tagessatz 300 bis 400 Euro.

Patient Chef

Da drauf was trinken! Ein Satz, der im Geschäftsleben häufig fällt. Gründe zum gemeinschaftlichen Alkoholkonsum gibt es viele. Quelle: dapd

Da drauf was trinken! Ein Satz, der im Geschäftsleben häufig fällt. Gründe zum gemeinschaftlichen Alkoholkonsum gibt es viele.

(Foto: dapd)

Eine andere Schwierigkeit ist häufig die Dauer der Behandlung. Klinikchefs hören nicht selten den Satz: „Ich habe zwei Wochen Zeit, machen Sie mich wieder gesund.“ Nur reicht das für eine krisensichere Lösung der Probleme nicht aus. Kollenbaum: „Erforderlich sind mindestens vier bis sechs Wochen.“ In Einrichtungen, die von den Krankenkassen bezahlt werden, dauert ein Aufenthalt in der Regel drei bis sechs Monate.

Selbst danach ist das Leben eines Suchtkranken noch kein Zuckerschlecken. „Bis sich wirklich ein krankhaftes Verhalten geändert hat, braucht es ein bis zwei Jahre“, berichtet Oberberg-Geschäftsführer Götz Mundle. „Es ist die eine Sache, die schädliche Substanz wegzulassen. Aber die Patienten müssen erlernen, wie sie ohne Suchtmittel mit sich, ihrem Arbeitsalltag und ihrer Familie so umgehen können, dass wieder eine Lebendigkeit da ist.“ Und zwar so, dass sie sich nicht ausschließlich auf Ergebnisse, Ziele und Zahlen versteifen.

Für jemanden, der gesund werden will, ist der Klinikalltag harte Arbeit. Sechs bis sieben Therapiestunden stehen nach Entgiftung und Entwöhnung täglich auf dem Plan, auch am Wochenende. Die Patienten müssen lernen, ohne Alkohol zu leben und bewusst mit Stress umzugehen.

Da tauchen schnell unbequeme Fragen auf, die beantwortet werden wollen. Was gibt es für Grundkonflikte, die entwicklungsbedingt sind? Welche unrealistischen Erwartungen stellen Manager an sich selbst? Welche Veränderungen sind am Arbeitsplatz möglich? Welche unbewussten Konflikte schleppt man mit sich rum?

Lieber schlau als blau

In der Klinik lernen die Patienten, sich wieder zu spüren und den Blick nach innen zu richten. Quelle: obs/Accor Hotellerie Deutschland GmbH

In der Klinik lernen die Patienten, sich wieder zu spüren und den Blick nach innen zu richten.

(Foto: obs/Accor Hotellerie Deutschland GmbH)

Und dann noch das Kernthema: Kann ich Hilfe annehmen? Götz Mundle: „Die Frage ist nicht: Was kann ich alles, sondern was kann ich nicht!“ Das ist nicht einfach. Aber wenn der Punkt erreicht ist, Hilfe annehmen zu können, dann ist der Patient einen großen Schritt weiter. „Wer über seine eigenen Schwächen sprechen und sie annehmen kann“, sagt Mundle, „der ist auch dazu in der Lage, seine eigenen Fähigkeiten am Arbeitsplatz realistisch einzuschätzen.“

Um Rückfällen vorzubeugen, arbeiten viele Fachkliniken mit niedergelassenen Therapeuten oder Coaching-Experten zusammen und bleiben in Kontakt mit den Ex-Patienten. Das ist wichtig, denn am Arbeitsplatz lauern nach der Rückkehr die alten Probleme. Vor allem wenn man wieder dem Stress ausgesetzt ist, ist die Versuchung groß, wieder in gewohnte Muster abzugleiten. „Wichtig ist, dass die Patienten in der Lage sind, etwas was für sich und ihre Gesundheit zu tun“, erklärt Oberberg-Geschäftsführer Mundle. „Dass sie nicht einfach zurückkehren und wieder wie eine Maschine funktionieren.“

An dieser Stelle sieht der Klinikchef Mundle eine große Chance für das gesamte Unternehmen. „Der Chef kann als gutes Vorbild dienen, wenn er für kleine Momente des Innehaltens sorgt und seine Mitarbeiter mit einbindet. Damit nicht mehr der Profit im Vordergrund steht, sondern eine gesunde Arbeitsumgebung und die Ressource Mensch.“

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27 Kommentare zu "Manager im Sog der Sucht: „Eigentlich sind das die richtig armen Schweine“"

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  • Ganz großes Kino, wie hier kollektiv auf "Manager" draufgehauen wird. Doch was sind Manager eigentlich? Leute, die keine operative Tätigkeit ausüben sondern lediglich den Overhead, die Organisation Kommunikation usw. regeln. Damit die Belegschaft in Ruhe arbeiten kann. Sind das automatisch schleche Menschen? Bin ich als Manager ein schlechter Mensch? Nö - ich habe lediglich mein Schicksal in die Hand genommen, mich weitergebildet und mich weiterentwickelt. Management an sich kann man sehr schlecht, kann man aber sehr gut machen. Meist sind unfähige Manager in der Position wo sie sind, weil alle Anderen sich blenden lassen und sie nicht die eigentliche fachliche Qualifikation hinterfragen / probieren. Thema Oberflächlichkeit. Ist das die gleiche Oberflächlichkeit, die viele dazu verleitet, eine gesamte Berufsgruppe zu verteufeln?
    Was mich persönlich interessieren würde: Ein Querschnitt durch die Bevölkerungsgruppen der jeweiligen Suchtarten. Ich denke doch, dass sich für jede Drogen-Sucht eigene "Zielgruppen" herausfinden lassen.

  • Die wirklich armesligen Penner sind unfähige "Business-School" - "Gesellen-Meister". Ich habe noch nie so viel Schwachsinn gehört wie von "Wirtschafstwissenschaftlern".

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • OK! Aber es bleibt der Grundsatz !

    Trinke ich die Flasche aus, oder trinkt die Flasche mich aus !

    Jeder kann sich entscheiden, zwischen am Riemen reissen oder an der Flasche reissen

  • "Dort, wo Leistungsdruck, Konkurrenz und Tempo den Takt vorgeben, wo sich die Top-Manager im Hamsterrad die Pfoten wund laufen."

    Entschuldigung, aber mein Mitleid hält sich in Grenzen. Diese Menschen haben sich diesen Weg ausgesucht, um entweder mehr Geld oder mehr Macht oder eben beides zu haben. Um dies zu erreichen lassen sie oft skrupellos andere auf der Strecke. Und die sollen ihm dann wieder helfen? Wozu? Für den nächsten Tritt, wenn derjenige sich wieder erholt hat?
    Der Druck kommt nicht plötzlich von heute auf morgen, der baut sich mit jedem Aufstieg weiter auf. Wenn man seine Grenzen erreicht hat, sollte man eben aufhören und denjenigen den Vortritt lassen, die damit umgehen können.
    Bevor man den Schritt nach oben wagt, sollte man sich entscheiden. Man arbeitet um zu leben oder man lebt um zu arbeiten.

    Das ist wie mit einigen Fußballern. Sie wollen Stars/Helden sein, richtig viel Geld verdienen und kommen dann mit dem Erwartungsdruck nicht klar. Kein Mitleid. Sie müssen ja nicht. Sie haben ja die Wahl, einer anderen Arbeit nachzugehen.

  • Manche Manager können Ihre Betrügereien ebend nur im Suff ertragen!

  • Zu diesem Beitrag möchte ich einen Hinweis auf einen Bericht geben, der für Betroffene einen Weg aufzeigt, bei dem mit einer hohen Erfolgsquote zu rechnen ist. www.alternativtherapie.org/2013/01/11/den-alkohol-einfach-und-erfolgreich-besiegen-wie-geht-das
    Es bleibt jedem viel Erfolg zu wünschen, der in diesem Teufelskreis gefangen ist.

  • @wolfsfreund :-)

    "auch zu Zeiten, wo die Hühner noch oder schon schlafen"

    Hühnchenfilme: z.B.
    http://www.youtube.com/watch?v=zGHuQWlCdQg&list=ULWNRoBl8cu1E

  • Und was wollen Sie uns nun damit sagen ?

    Das wir mehr Mitleid haben sollten ??

    Sorry, aber es gibt positiven und negativen Stress.
    Der positive Stress ist wenn man wirklich davon überzeugt ist etwas Gutes, Sinnvolles zu tun.

    Aber wenn man sich (nur ein Beispiel) jeden Tag selber einreden muss, dass es wichtig + richtig ist die Menschen davon zu überzeugen, dass sie ihren noch funktionierenden PC unbedingt durch ein neues Modell, natürlich der eigenen Firma, ersetzen müssen dann entsteht eben negativer Stress ...

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