Rollenbilder Drei Paare, drei Klischeebrüche – so leben Männer an der Seite erfolgreicher Frauen

In den meisten Beziehungen verdient der Mann mehr – so das Klischee. Zeit für einen Tabubruch und eine neue Perspektive. Drei Porträts moderner Paare.
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Die berufstätige Mutter verabschiedet sich am Morgen von ihrem kleinen Sohn und ihrem Mann, der zu Hause bleibt und die Betreuung des Säuglings übernommen hat. Quelle: picture alliance / JOKER
Rollentausch

Die berufstätige Mutter verabschiedet sich am Morgen von ihrem kleinen Sohn und ihrem Mann, der zu Hause bleibt und die Betreuung des Säuglings übernommen hat.

(Foto: picture alliance / JOKER)

DüsseldorfDass Frauen im Beruf durchstarten, sobald ein Kind da ist, ist offenbar noch immer so besonders, dass es dafür noch gar keinen deutschen, sondern nur einen englischen Ausdruck gibt. „Working Moms“ werden arbeitende, erfolgreiche Mütter auch hierzulande genannt. Und arbeitende Väter? Für die gibt es noch nicht einmal einen Anglizismus. Was soll an einem arbeitenden Vater schon Besonderes sein?

Traditionelle Rollenbilder wandeln sich extrem langsam. Doch während sich die Rolle der Frau in den letzten Jahrzehnten auf dem Arbeitsmarkt zum Positiven entwickelt hat, hat sich auch die Rolle des Mannes verändert.

Ob berufstätige Väter, die sich parallel um Haushalt und Kinder kümmern, Chefs in Teilzeit oder einfach nur ein Partner, der seiner Partnerin eine erfolgreiche Karriere ermöglichen möchte und dafür beruflich zurücksteckt: Immer mehr Männer – und das betrifft nicht nur Väter – erleben ähnliche Herausforderungen, die jahrzehntelang „Frauensache“ waren.

Noch sind Männer rar, die dazu stehen, vor allem der Mann an der Seite einer erfolgreichen Frau zu sein. Doch die folgenden Beispiele zeigen: Es gibt sie. Sie alle eint, dass es ihnen wichtig ist, sich ihre Zeit frei einteilen zu können und sie lieber bei der eigenen Karriere als der ihrer Partnerin Abstriche machen.

Häufig wählen diese Männer die Selbstständigkeit, arbeiten als Freiberufler oder in Teilzeit. Alle haben ihre Entscheidung kürzerzutreten bewusst getroffen. Und alle spüren, dass sie unter Geschlechtsgenossen noch Exoten sind und an Grenzen stoßen, vor allem gesellschaftliche.

Für ihre Karriere zog das Paar mit seinen Söhnen quer durch Europa. Quelle: Thomas Dashuber für Handelsblatt
Managerin Manuela Hoffmann-Lücke und ihr Mann Thomas Lücke

Für ihre Karriere zog das Paar mit seinen Söhnen quer durch Europa.

(Foto: Thomas Dashuber für Handelsblatt)

Wer noch mehr über das Thema wissen möchte: „Männer an der Seite erfolgreicher Frauen“ heißt auch ein Buch, das am 22. September erscheint. Die Autorin dieses Texts hat darin das Vorwort geschrieben.

Thomas Lücke: Abstriche machen – der Familie zuliebe

Uppsala, Erlangen, Stockholm, Helsinki, Athen – und zuletzt München: Für Thomas Lücke kam in den vergangenen 18 Jahren einiges an Umzügen zusammen. Stets war es ein neuer Job, der Lücke und seine Familie in die nächste Stadt lockte. Allerdings war es nicht Lücke selbst, der die Jobangebote bekam und annahm, sondern seine Frau. „Jedes Mal, wenn wir in einem neuen Haus in einer neuen Stadt ankamen, blieb ich erst einmal daheim, um unserer Familie beim Eingewöhnen zu helfen“, sagt Lücke.

Der 53-Jährige ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Geschichte. Nach den Umzügen hat er sich meist mit einer Teilzeitstelle als Deutsch-Lehrer begnügt. Verbeamtung? Undenkbar. Zumindest, wenn seine Frau weiter Karriere machen wollte.

Manuela Hoffmann-Lücke hat es so zur Deutschland-Chefin der Pharmafirma Baxter gebracht. Ihr Aufstieg verlief quer durch Europa, heute lebt und arbeitet sie in München. Immer mit dabei: Ehemann Thomas Lücke und die zwei Kinder Lasse und Finn. Sie sind heute 21 und 17 Jahre alt.

„Ich fühlte mich oft wie eine Druckverteiler-Platte, die Last abfedert“, erzählt Thomas Lücke. Doch er ist überzeugt: „Ein Elternteil muss der Familie zuliebe Abstriche machen, wenn der andere so durchstartet, wie meine Frau das getan hat.“ In Uppsala zum Beispiel brachte Lücke seinen Sohn Lasse in den Kindergarten, bevor er zu seinem Schwedisch-Kurs weiterfuhr.

Als seine Frau bereits die nächste Stelle in Erlangen antrat, blieb die Familie weiter in Schweden. Alle 14 Tage kam die Managerin übers Wochenende nach Hause. Den Rest der Zeit war Lücke quasi alleinerziehend, wachte nachts bei seinem damals sechs Monate alten Sohn Finn, wenn der nach dem Abstillen fieberte, kochte Fläschchen ab, wickelte.

„Man bekommt zwar keinen Orden, wenn man die hundertfünfzigste Windel gewechselt hat“, sagt der ehemalige Reserveoffizier der Bundeswehr. Doch er wirkt dabei nicht unzufrieden oder gar frustriert. „Meine Arbeit zu Hause war ja für die Familie wichtig“, sagt er.

V. Conin-Ohnsorge, M. Lackner, A. Weinländer-Mölders: Männer an der Seite erfolgreicher Frauen
Haufe
Freiburg 2018
198 Seiten
29,95 Euro
ISBN: 978-3648120965

Nur einmal stellte Lücke den eigenen Job über den Haussegen. Es war im Sommer 2013, als Lückes Frau wieder einmal ein Jobangebot erhielt. Diesmal sollte es nach Athen gehen. Zwei Wochen hatte die Managerin Zeit, um sich zu entscheiden. „Vor allem unser Jüngster wollte sie unbedingt wieder öfter als nur am Wochenende sehen“, erinnert sich Thomas Lücke.

Und so zog die Managerin kurzerhand mit den damals zwölf- und 16-jährigen Söhnen in ein Haus in Athen, gleich um die Ecke von ihrem neuen Büro – diesmal ohne Mann. Thomas Lücke blieb noch weitere zehn Monate in Stockholm, weil er seine erste Vollzeitstelle seit Langem an der Deutschen Schule nicht sofort aufgeben wollte: „Für mich war es sehr schwer, die eigenen Kinder ziehen zu lassen, aber ich fühlte mich auch meiner Abiturklasse in Schweden verpflichtet. Ich war hin- und hergerissen.“ Und das nicht ohne Grund, wie sich erst später herausstellte.

Weil Lückes Frau trotz ihres Jobs in Griechenland im deutschen Sozialsystem blieb, musste sie mindestens zwei Monate lang mehrere Tage pro Woche in Deutschland arbeiten. Und so kam es zu der skurrilen Situation, dass Lückes Frau von Oktober bis Dezember in München war, ihre Söhne Lasse und Finn in Athen auf die Ganztagsschule gingen und Thomas Lücke in Stockholm Deutsch unterrichtete.

„Gerade unseren Jüngsten überforderte das“, erinnert sich Lücke. An Weihnachten brach sein Sohn in Tränen aus. Für den Jüngsten ging es deshalb noch einmal für ein paar Monate zurück nach Schweden, von den Freunden verabschieden – und wieder bei Papa sein.

In Deutschland war Lücke oft der einzige Mann auf Spielplätzen, bei Elternabenden und Kindergeburtstagen. „Dadurch habe ich mich ein bisschen als Avantgarde gefühlt“, sagt er. Auch heute, wo sie wieder in Deutschland leben, habe sich daran wenig geändert. „Ich bin noch immer auf der Suche nach Mitstreitern.“

Thomas Hochgruber: Der Mann mit der Kreditkarte

Die Botschaft war für Thomas Hochgruber von Anfang an klar: „Mein Job kommt an erster Stelle – und dann du“, sagte seine heutige Frau Nicola noch beim Kennenlernen. „Ich kann mit dem Karrieredrang meiner Frau gut umgehen“, sagt der heute 54-Jährige. Nicht zuletzt deshalb, weil er von ihrem Ehrgeiz profitiert. Nicola Hochgruber hat sich als Angestellte eines Berliner Hotels zur Regionalmanagerin einer Investorengruppe in den Vereinigten Arabischen Emiraten hochgearbeitet.

Für ihren künftigen Arbeitgeber wird sie ab Oktober zwölf bestehende und drei neue Luxushotels in Dubai und Abu Dhabi verwalten. Jahreseinkommen: sechsstellig, steuerfrei. Dazu noch ein Leben in Dubai samt Expat-Exquisitäten – vom Haus mit Pool und Personal bis hin zur Krankenversicherung und regelmäßigen Gratis-Heimflügen für beide.

Dagegen wirken seine Honorare als Touristenführer, die er vor allem in den Wintermonaten mit Kreuzfahrtpassagieren verdient, wie Taschengeld. „Ich arbeite nur noch zum Spaß“, sagt Hochgruber. Ihr Einkommen mache es möglich. Und das ist durchaus wörtlich zu verstehen.

So spielen die Hochgrubers in ihrer neuen arabischen Wahlheimat ab und an Scharade: Er führt sie zur Oper oder Dinnershow aus und bezahlt – wenn auch mit ihrer Kreditkarte. Gestört habe das noch nie jemanden, auch nicht die Hochgrubers selbst. „Sie mag sowieso keine Handtaschen mitnehmen“, sagt Thomas Hochgruber und lacht.

Der 54-Jährige war früher einmal im Staatsdienst tätig, wurde aber frühverrentet. Danach hat er eine Zeit lang als Vertriebler und Trainer bei Siemens im Mobilfunk-Bereich gearbeitet. Als seine Frau 2008 die Chance bekam, in Dubai ein Luxushotel zu eröffnen, „brauchte ich nicht eine Sekunde lang nachzudenken, ob ich mitgehen soll“, sagt der gebürtige Hamburger.

Trotz des starken Einkommensgefälles, findet der ehemalige Beamte nicht, dass er im Schatten seiner Frau stehe. „In einer Beziehung kommt es nicht darauf an, wer mehr verdient, sondern wie der Mensch ist, mit dem man zusammenlebt“, sagt Thomas Hochgruber.

Und dieses Zusammenleben funktioniert vereinfacht gesagt so: Sie arbeitet viel. Dafür kümmert er sich um den Rest, kauft ein, kocht, bespaßt die drei Katzen und übernimmt Erledigungen, die seine Frau nicht in ihren Terminkalender quetschen kann – „damit sie, wenn sie nach zwölf Stunden Arbeit zurück in unsere kleine Oase kommt, sich sofort entspannen kann“.

Nicht nur in den Vereinigten Arabischen Emiraten hat Thomas Hochgruber häufig erlebt, dass darüber viele Männer verständnislos den Kopf schütteln. Auch zu Hause in Deutschland ist die Rollenverteilung der Hochgrubers im Freundeskreis eher untypisch.

Auch für Nicola Hochgruber hat es eine Weile gedauert, sich als starke Frau in der arabischen männerdominierten Geschäftswelt einzufinden. Viele Mitarbeiter, Geschäftspartner und Gäste im Wüstenstaat seien es schlichtweg nicht gewohnt, mit weiblichen Führungskräften umzugehen, speziell wenn es um Konflikte und schwierige Verhandlungen geht. „In ihrer Welt sind sie die Beschützer und deshalb nicht in der Lage, mit Frauen wie mir hart zu verhandeln.“

Die Managerin hat in den vergangenen zehn Jahren deshalb gelernt, sich an entscheidender Stelle bewusst zurückzunehmen. „Ich überlasse heute derartige Situationen meinen männlichen Mitarbeitern und treffe die Entscheidungen eher im Hintergrund – früher undenkbar für mich“, sagt Hochgruber, die sich selbst als dominanten Charakter beschreibt.

Was sie an ihrem eigenen Mann schätze? „Bei ihm kann ich mich fallen lassen und das schwache Geschlecht sein“, sagt Nicola Hochgruber und klingt dabei etwas barock. „Endlich muss ich keine Entscheidungen mehr fällen – noch nicht mal, was wir im Fernsehen schauen.“

Nur eines kann Thomas Hochgruber von seiner Frau nicht erwarten: einen Auftrag als Reiseführer. „Das könnte bei ihren Chefs komisch ankommen, wenn meine Visitenkarten in ihren Hotels zirkulieren“, erklärt er. Mal wieder: klare Ansage.

Werner Conin: Gereifter Charakter

Werner Conin sitzt mit seiner Familie um einen Tisch auf seinem Weingut in Nierstein und wirkt zufrieden. „Zuerst habe ich mich in die Arbeit verguckt“, sagt der Betriebswirt über seine Anfänge als Winzer in Rheinhessen. Die Liebe seiner Frau Vanessa bekam Conin gewissermaßen obendrauf.

Zwei Chefs in einem Haushalt. Quelle: Lemrich für handelsblatt
Familie Conin-Ohnsorge

Zwei Chefs in einem Haushalt.

(Foto: Lemrich für handelsblatt)

Alles begann, als Conin als Assistent seines späteren Schwiegervaters anheuerte. Bereits damals hatte sich Vanessa Ohnsorge, Conins heutige Frau, in den jungen Mann verliebt, der für ihren Vater arbeitete. Die Ohnsorges betrieben seinerzeit schon eine mittelständische Dienstleistungsfirma für die Pharmaindustrie. Der Weinberg in der Nähe von Mainz, auf dem Conin heute arbeitet, war nur ein Hobby für den Senior.

Die Leidenschaft für seinen heutigen Beruf entdeckte Conin an einem kalten Herbstmorgen vor mehr als 20 Jahren. Sein einstiger Chef und heutiger Schwiegervater verdonnerte den jungen Mitarbeiter kurzerhand zur Traubenlese. „Ein super Erlebnis“, erinnert sich der heute 51-Jährige mit Freude in der Stimme.

Auch Conins Beziehung zur Tochter seines Chefs entwickelte sich weiter. 2002 heirateten die beiden. Ihre Kinder Carlotta und Jean-Maxim sind nun 14 und zwölf. Er blieb weiter im Familienbetrieb angestellt, wurde Vertriebsleiter für Europa. Sie stieg in die Geschäftsführung ein. „Doch die Konstellation als Ehepaar und gleichzeitig als Chefin und Angestellter war problematisch“, erinnert sich Werner Conin. Die Kollegen tuschelten und „unterstellten mir Berechnung“.

Fasziniert vom Weinbau, besuchte Conin parallel zu seinem Job in der Familienfirma die Berufsschule. Sein Ziel: staatlich geprüfter Weinbauer werden. „Ich empfand das große Bedürfnis, etwas Eigenes zu schaffen“, auch weil seine Frau bald alleinige Geschäftsführerin wurde. Als Nachfolgerin treibt Vanessa Conin-Ohnsorge bis heute die Neuausrichtung des Unternehmens voran, netzwerkt, um neue Kundenkontakte zu schmieden, und digitalisiert das Geschäft auf datenbasierte Marketing-, Vertriebs- und Außendienstinformationen – alles zusammengenommen mehr als eine Vollzeitstelle für die junge, quirlige Unternehmerin.

Nach seiner Basisausbildung, die Conin als einziger Berufsschüler im Anzug absolvierte, schlug er 2003 seinem Schwiegervater vor, den Weinbau auszudehnen. Doch der Senior wollte nicht expandieren. Auf einer gemeinsamen Geschäftsreise stellte er ihn vor die Wahl: „Entweder du oder ich mache das weiter. Entscheide dich bis zum Frühstück.“ Conin machte weiter – und schmiss seinen alten Job hin, um hauptberuflich Winzer zu werden.

Nebenbei ein Weingut aufgebaut

„Die Zeit, in der meine Frau in der Firma arbeitete, habe ich in den Aufbau des Weingutes gesteckt.“ Conin kaufte Flächen dazu, sechs Hektar sind es jetzt, bildete sich zum Winzermeister fort. Bis die Kinder eingeschult wurden, hatte das Paar für sie Tagesmutter und Kindermädchen zur Unterstützung organisiert, zusätzlich halfen die Großeltern.

Heute produziert Conin jedes Jahr rund 25.000 Flaschen Weiß- und Rotwein sowie Sekt, vorwiegend ein Stammkundengeschäft. Außerdem kaufte er ein altes Weingut. „Ein Traum von einem Anwesen“ – von dem er niemals dachte, dass er wahr werden könnte. „Aber von meiner Frau habe ich gelernt, nicht die Probleme zu sehen, sondern nach Lösungen zu suchen“, sagt der Unternehmer.

Ob Kindererziehung, Geschäftliches oder einfach nur, um zu erfahren, was den Partner bewegt: Den Sonntagnachmittag hat das Unternehmerpaar reserviert für einen Mix aus „Schwatz und Beratung“. Conin: „Wir tragen die Entscheidungen des anderen selbstverständlich mit, weil wir uns vertrauen – da braucht es keine Rechtfertigung.“ Ausgewogen erscheint da nicht nur der jeweilige Beitrag zum Familieneinkommen.

Im Rückblick auf seinen eigenen Werdegang vom Nachwuchsmanager zum Vollblutwinzer ist Conin jedenfalls überzeugt: „Ohne den Ehrgeiz meiner Frau hätte sich mein eigener Ehrgeiz nicht so stark entwickelt, und ich wäre heute niemals da, wo ich bin“ – lächelnd auf dem eigenen Weingut bei Mainz.


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