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VW-Vorständin im Interview Hiltrud Werner: „Ich sehe keinen Grund, meine Herkunft zu verschweigen"

Hiltrud D. Werner ist eine der wenigen ostdeutschen Top-Managerinnen. Ein Gespräch über Aufstiegschancen, Widerstände und sonderbare Vorstellungsgespräche.
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Mehr Selbstbewusstsein wagen. Quelle: Gordon Welters/laif
Ostdeutsche Topmanagerin Werner

Mehr Selbstbewusstsein wagen.

(Foto: Gordon Welters/laif)

Wolfsburg Die vergangene Woche war ein besondere für Volkswagens Rechtsvorständin Hiltrud Werner. Kurz nach dem Gespräch mit dem Handelsblatt folgt die Meldung, dass die VW-Spitze um Vorstandschef Herbert Diess im Dieselskandal angeklagt wird. Werner gehört nicht zu den Beschuldigten.

Im Interview kurz zuvor möchte Werner nicht spekulieren, und sagt nur, die Vorwürfe seien unbegründet und sie sei stolz darauf, dass das Unternehmen in den letzten Jahren akribisch seine Arbeit gemacht habe. Dann geht das Gespräch um das eigentliche Thema: Ihre Rolle als ostdeutsche Ausnahmemanagerin.

Frau Werner, wir haben auch andere Top-Manager aus Ostdeutschland für dieses Interview angefragt. Alle haben mit der Begründung abgesagt, dass sie sich nicht auf ihre ostdeutsche Herkunft reduzieren lassen wollen. Warum reden Sie so offen?
Ich sehe keinen Grund, meine Herkunft zu verschweigen. Erstens, weil ich stolz bin auf meine Heimat. Und zweitens, weil ich der Meinung bin, dass die Ostdeutschen - vielleicht mehr als der Rest von Deutschland – im Moment positive Rollenbilder brauchen.

Viele im Osten sind nach 30 Jahren Wende desillusioniert. Eine noch unveröffentlichte Studie der Universität Leipzig kommt zu dem Ergebnis, dass gerade einmal 4,2 Prozent der Elitepositionen in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft mit Menschen aus der ehemaligen DDR besetzt sind. Warum machen so wenige Ostdeutsche Karriere?
Das kann ich auch nicht final beantworten, aber da spielen mehrere Faktoren hinein. Schauen Sie doch als erstes nur mal auf die geografische Verteilung der Dax-Konzerne. Die sitzen alle im Westen. Wer in Ostdeutschland aufgewachsen ist und in den ersten Jahren seiner Karriere nahe der Heimat bleiben möchte, kann bestimmte Erfahrungen einfach nicht machen. Dazu kommt: Ostdeutsche sind seltener bereit, in akademische Zusatzausbildungen wie einen MBA zu investieren, nach dem Motto: Mal gucken, ob ich einen so hoch bezahlten Job auch wirklich finde, für den sich das teure Studium lohnt.

Fehlt es also an Mut?
Oft scheitert es auch an den finanziellen Startmitteln. Aber die Frage nach dem Mut ist berechtigt. Man braucht für eine spannende Erwerbsbiografie, die aus der Masse heraussticht, die Bereitschaft Risiken einzugehen. Hier würde ich mir von ostdeutschen Fachkräften mehr Selbstbewusstsein wünschen.

Wie haben Sie diesen Mut bewiesen?
Als ich 1991 meine erste Stelle in Westdeutschland angenommen habe, war das privat extrem herausfordernd für mich.

Sie waren damals bei einem Münchner IT-Berater.
Ich bin am Anfang – trotz kleinem Kind zu Hause – zwischen München und Thüringen gependelt, weil mein Mann noch dort war. Wir hatten über Monate ein 36-Stunden-Wochenende, das heißt: Sonntag, 15 Uhr von zu Hause weg und Samstag früh um drei wieder da. Das war schon mutig, finde ich.

Sie waren später bei BMW die erste verheiratete Frau mit Kind in der Konzernrevision.
So ist es und das war eindeutig noch eine ganz andere Kultur als heute. Denn im Vorstellungsgespräch kam die Frage: „Wie sollen Sie denn Dienstreisen machen – Sie haben doch Kinder?“ Da habe ich geantwortet: „Sie haben doch auch welche, oder?“ Ich musste dann zu so einer Art Generalbevollmächtigtem, der ein Vetorecht hatte für Einstellungen im Vorstandsteam. Der sollte mir auf den Zahn fühlen. Und das erste, was er zu mir gesagt hat, war: „Frau Werner, Sie sind das Leben in kommunistischen Kulturen ja gewöhnt. Dann können wir sie jetzt gleich mal nach Nordkorea schicken.“

Und was haben Sie geantwortet?
Ich habe nur gesagt: „Nun ja, wenn die Risiken des BMW-Konzerns aktuell in Nordkorea liegen, dann packe ich meinen Koffer und fliege dahin, aber ich sehe die Lage anders.“ Ich konnte glaubhaft machen, dass ich der Aufgabe gewachsen bin und wenig später hatte ich den Job.

Ist diese Chuzpe typisch für Frauen aus dem Osten? Eine Studie zeigt, dass unter den wenigen ostdeutschen Managern auffällig viele Frauen sind.
Natürlich ist es für Frauen, die wie ich in der DDR aufgewachsen sind, eine deutlich normalere Situation, voll zu arbeiten. Ich glaube aber, dass Ostdeutsche generell eine hohe Resilienz und Unbekümmertheit mitbringen. Wenn Sie so wollen, sind wir es gewohnt mit widrigen Umständen klarzukommen. Das hat nichts mit Mann oder Frau zu tun.

Trotzdem ziehen in der Wirtschaft bei Top-Besetzungen Ostdeutsche immer noch den Kürzeren. Sind vielleicht auch die Netzwerke westdeutscher Manager schuld an dem Ungleichgewicht?
Da fragen Sie die falsche. Ich bin ja Ossi! Aber, was Sie da sagen, stimmt schon. Entscheidungsträger – und da nehme ich mich überhaupt nicht heraus – neigen in der Regel dazu, Risiken minimieren zu wollen. Das bedeutet: Wenn sie sich zwischen etwas entscheiden müssen, was sie kennen und etwas, was sie nicht kennen, werden sie sich häufig für das Bekannte entscheiden.

Ostdeutsche bringen generell eine hohe Unbekümmertheit mit. Das hat nichts mit Mann oder Frau zu tun.

Das heißt: Westdeutsche bevorzugen Westdeutsche. Und Sie?
Bei uns zählt immer Qualifikation. Aber sagen wir es mal so: Ich versuche den Nachteil zu eliminieren, den viele Ostdeutsche mitbringen. Nämlich eine andere Erwerbsbiografie. Ich glaube, im Jahr 2019 sollte Schluss damit sein, dass man sich für seine Herkunft rechtfertigen muss.

Begünstigen Monokulturen in Vorständen Skandale wie die Dieselaffäre?
Ich bin der Auffassung: Zu homogene Entscheidungsgremien sind langfristig nicht so effizient und nicht so innovativ wie Entscheidungsgremien, in denen eine höhere Diskussionskultur herrscht.

Und was tun Sie für die Diskussionskultur bei VW?
Manchmal bin ich die böse Hexe im Raum (lacht). Das liegt an den Themen meines Ressorts. Insgesamt ist die Diskussionskultur bei uns im Vorstand aber sehr gut. Viele Vorstände sind in anderen Unternehmen großgeworden. So haben wir per se eine unterschiedliche Sicht auf die Dinge.

Wann mussten Sie zuletzt böse Hexe spielen?
Da ging es um ein Personalthema. Tiefer will ich nicht ins Detail gehen.

Was ist für Sie in Vorstandssitzungen eigentlich komischer: Dass Sie die einzige Frau oder die einzige Ostdeutsche im Raum sind?
Eindeutig: Frau. Schauen Sie zum Beispiel mal in den Geschäftsbericht von 2017. Da haben die Macher des Berichts ohne Rücksprache mein buntes Jackett wegretuschiert und grau eingefärbt, damit es besser auf die Seite mit den Herren im dunklen Anzug passt. Es wird noch eine Weile dauern, bis stereotypes Zuschreiben weniger wird.

Sind Sie eigentlich für eine Ostdeutschen-Quote in Führungsgremien?
Auf keinen Fall. Allein die Definition wird ja schwierig. Ab wann ist man denn ein Ossi? Wie alt muss man gewesen sein zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung? Das ist nicht praktikabel. Ich glaube obendrein, dass eine Quote der falsche Weg wäre. Was wir jetzt wirklich brauchen ist ein Marshallplan für den Osten. Das, was den Ostdeutschen die ersten 20 Jahre nach der Wiedervereinigung versprochen wurde, sollten sie endlich bekommen.

Der Solidaritätszuschlag wird aber gerade zurückgefahren.
Zum Glück! Der Soli muss abgeschafft werden, weil es in den Bestimmungen viel zu viele Hintertürchen gab, wofür das Geld verwendet werden durfte. Als Vorstand möchte ich der Politik keine Ratschläge geben, aber meine persönliche Meinung ist: wir brauchen ein echtes regionales Förderprogramm für den Osten.

Ist ein weiteres Förderprogramm wirklich zielführend? Es ist doch viel in die Infrastruktur im Osten geflossen – mit mäßigen Ergebnissen.
Verglichen mit dem Marshallplan war das scheinbar nicht so wirkungsvoll, weil nur punktuell in einige Städte investiert wurde. Potsdam, Leipzig, Weimar oder Dresden sind doch etwas anderes als Aschersleben, Delitzsch oder Pirna. Es gibt viel zu viele Gegenden, die immer noch so aussehen wie vor 30 Jahren.

Wo sehen Sie die größte Chance für den Osten?
Eindeutig in der Digitalisierung. Dafür brauchen wir aber unbedingt 5G an jeder Milchkanne. In Arbeitswelten, in denen man auch im Homeoffice statt im Büro arbeiten kann, sind die ländlichen Bereiche doch jene, wo die Leute kreativ sein können und sich wohlfühlen. Das ist viel besser, als dass alle in die Ballungsräume ziehen. Wie gesagt: Dafür brauchen wir aber Investitionen. Nur dann wird der Osten profitieren.

Frau Werner, vielen Dank für das Gespräch.

Mehr: Seit der Wiedervereinigung vor 30 Jahren hat Ostdeutschland wirtschaftlich stark aufgeholt. Doch die Bundesregierung sorgt sich um die Stimmung im Osten.

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