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Wohnkonzepte Warum 50 Berufstätige in Düsseldorf unter einem Dach leben

WGs waren einst ein Lebenskonzept für Studenten. Heute wohnen immer mehr Berufstätige auf diese Weise. Ein Besuch in Deutschlands größter Business-WG.
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In der Düsseldorfer Business-WG leben 50 Berufstätige. Quelle: Jann Höfer für Handelsblatt
Gemeinsames Sonntagsfrühstück

In der Düsseldorfer Business-WG leben 50 Berufstätige.

(Foto: Jann Höfer für Handelsblatt)

Düsseldorf Mit einer gekonnten Handbewegung schlägt Norman Neupert das Ei auf. Das geht an diesem Sonntagmorgen gleich 30-mal so. Neupert macht Rührei, garniert mit Schnittlauch und Feta-Käse. Der 28-Jährige probiert ein Häppchen aus der Pfanne, bevor er zum riesigen Pfefferstreuer greift. Nicht nur der ist in Deutschlands größter Business-WG überdimensioniert: Die WG4U, so der Name der Düsseldorfer Wohngemeinschaft, bietet 50 Berufstätigen ein Zuhause auf Zeit.

Auf sechs Etagen, in einem umgebauten Bürogebäude der Telekom, leben und arbeiten 20 Frauen und 30 Männer, Unternehmensberater, Manager, Vertriebler, Architekten, Anwälte, Piloten und Lehrer, im Schnitt um die 30 Jahre alt. Sie teilen sich 25 Duschen, 22 Toiletten, zwölf Kochfelder, fünf große Kühlschränke, vier Waschmaschinen, zwei Fernsehräume, eine Sauna, einen Fitnessraum und eine Dachterrasse.

Jedes Wochenende bereitet Unternehmensberater Neupert als Teil des „Brunch-Teams“ ein großes Frühstück vor – für viele Bewohner ein Pflichttermin. Bei Käsebrötchen und Rührei sitzen sie hier in Hoodie, kurzer Hose, tragen Badelatschen mit Socken und sprechen über die abendlichen Altstadt-Erlebnisse oder den nächsten WG-Ausflug. Montags werden sie ihr Outfit wieder gegen Krawatte und Anzugschuhe tauschen, in Meetings sitzen und über Geschäftsziele diskutieren.

Die Düsseldorfer Business-Kommune dürfte die größte der Republik sein. Aber überall in Deutschland werden kleinere Business-WGs mit drei, vier oder fünf Bewohnern gegründet. Waren Wohngemeinschaften früher nur etwas für Studierende, entschließen sich heute immer mehr Berufstätige dazu. Laut dem Zimmervermittler WG-Gesucht sind 42 Prozent der WG-Angebote auf der Onlineplattform als „Business-“ oder „Berufstätigen-WG“ gekennzeichnet – 2013 waren es nur 28 Prozent.

Die Motive der Bewohner von Business-WGs mögen unterschiedlich sein: Der eine will sein berufliches Netzwerk unter den Mitbewohnern ausbauen oder in Gesprächen mit Berufstätigen aus anderen Branchen den Horizont erweitern. Andere erhoffen sich private Kontakte und einen schnellen Start in einer fremden Stadt.

Das Leben in der Business-WG in Düsseldorf
Gemeinsamer Brunch
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Am Wochenende treffen sich die Mitglieder der WG zum Brunch, um sich auszutauschen und besser kennen zu lernen.

(Foto: Jann Höfer für Handelsblatt)
Ständig auf Reise
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Viele Bewohner der WG sind beruflich oft unterwegs – Koffer packen gehört da zum Alltag.

(Foto: Jann Höfer für Handelsblatt)
Private Poststelle
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Bei so vielen Bewohnern klingeln die Paketboten regelmäßig bei der Business-WG. Und die Pakete stapeln sich.

(Foto: Jann Höfer für Handelsblatt)
Golfset
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An die klassische Studentenbude erinnert in der Riesen-WG wenig. Dass einige Bewohner in ihrer Freizeit auch Golf spielen, hat daran einen Anteil.

(Foto: Jann Höfer für Handelsblatt)
Fitnessraum in der WG
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Hier haben die Bewohner der Business-Kommune die Möglichkeit sich fit zu halten.

(Foto: Jann Höfer für Handelsblatt)
WG-Küche
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Selbst beim Kochen sind die Bewohner erreichbar.

(Foto: Jann Höfer für Handelsblatt)
Kühlschränke
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Um Lebensmittel für 50 Bewohner unterzubringen, braucht es viel Stauraum.

(Foto: Jann Höfer für Handelsblatt)

Was die Bewohner eint: Sie stehen oft am Anfang ihrer beruflichen Karriere, sind privat meist ungebunden, neu in der Stadt – und dort häufig auch nur so lange, bis woanders eine bessere Karriereoption winkt. „Business-WGs sind die passende Lebensform für die digitalen Arbeitsnomaden unserer Zeit“, sagt Hans-Peter Müller, Soziologieprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin. Die Bewohner seien meist „hochgradig flexibel“, „vorzüglich ausgebildet“ und „individualisiert“. Anders ausgedrückt: In Deutschlands Business-WGs wohnen gefragte Fachkräfte.

Das Kommunen-Konzept ist auch Symptom der modernen Arbeitswelt. Gerade die unter Dreißigjährigen bleiben ihren Arbeitgebern nicht mehr so lange treu wie früher. Im Schnitt ist die Beschäftigungslänge bei ein und demselben Unternehmen in den vergangenen 20 Jahren um ein Drittel gesunken.

Das zeigen Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Hinzu kommt: Immer mehr Menschen arbeiten in Teilzeit, zuletzt waren es 40 Prozent der Arbeitnehmer. Und auch die Zahl der befristet Angestellten steigt. Von beiden Entwicklungen ist gerade die jüngere Generation besonders betroffen.

Hohe Mieten

Berater Neupert wohnt seit einem Jahr in der WG. Der Wirtschaftsingenieur kommt aus München und studierte in Karlsruhe. Bei der Suche nach dem ersten Job war ihm der Ort völlig egal, nur das Angebot musste stimmen. Das passte bei der auf Ingenieure spezialisierten Unternehmensberatung Avencore – und so fiel die Wahl auf die NRW-Landeshauptstadt. „Die WG war ein guter Start, um hier anzukommen und Düsseldorf kennen zu lernen.“ Das wäre auch in einer kleineren WG gegangen, klar. Doch mit 49 Mitbewohnern sei es einfacher, neue Leute zu finden. „Ich genieße das Leben hier.“

Was Neupert auch mag: die Flexibilität. Wer sich nicht dauerhaft an einen Arbeitgeber binden will, auf Projektbasis arbeitet oder das Ende seiner Stelle schon nach der Vertragsunterschrift absieht, für den passt das klassische Einzelapartment oft nicht. Schließlich muss die Unterkunft in zahllosen Besichtigungen erst gefunden und die Wohnung eingerichtet werden – nur um dann fast schon wieder einen Nachmieter zu suchen.

„Die WG war ein guter Ausgangspunkt, um schnell neue Leute zu finden.“ Quelle: Jann Höfer für Handelsblatt
Norman Neupert (Unternehmensberater)

„Die WG war ein guter Ausgangspunkt, um schnell neue Leute zu finden.“

(Foto: Jann Höfer für Handelsblatt)

Die Anbieter von Business-WGs machen sich den Stress bei der Wohnungssuche zunutze und werben mit möblierten Zimmern und kurzen Kündigungsfristen. In der Düsseldorfer Business-WG etwa liegt diese bei nur bei einem Monat. „Diese Flexibilität ist ein wichtiges Verkaufsargument“, sagt Hausverwalterin Patricia Dickhaus. Kein Zimmer habe in den vergangenen Jahren leer gestanden, berichtet sie.

Eine Business-WG scheint nicht nur für Bewohner eine lohnenswerte Alternative. Für Vermieter kann es eine Gewinnmaschine sein: Die Bewohner sind finanzkräftig und haben einen geregelten Tagesablauf, mit ihnen lassen sich höhere Erlöse erzielen als etwa mit Studenten oder einer Familie.

Ein fertig eingerichtetes Zimmer, schnelle Ein- und Auszugsmöglichkeiten – das hat auch Finn Bode überzeugt. Der 22 Jahre alte Teamleiter des Finanzdienstleisters Tecis ist im Mai in die WG4U eingezogen. Er habe schon mit der Auflösung seiner alten Wohnung genug zu tun gehabt, sagt der jüngste Bewohner der Düsseldorf WG. „Für die Business-WG musste ich nur meinen Koffer packen und konnte einziehen.“ Bett, Schrank, Stuhl und Tisch waren schon da. Küche einbauen? Trockner kaufen? Rundfunkbeitrag anmelden? Blieb ihm alles erspart. „Der Umzug ist bequem und man kommt in ein funktionierendes System.“

Doch das hat seinen Preis: Die Bewohner müssen jeden Monat zwischen 660 und 890 Euro Miete zahlen – für zweckmäßig eingerichtete Zwölf- bis 20-Quadratmeter-Zimmer. Mit Flexibilität, Kontaktnetzen und auch ein wenig Nestwärme lässt sich für die Vermieter gut Geld verdienen, typischerweise müssen die Bewohner überdurchschnittliche Mietpreise zahlen. Dafür sind Nebenkosten für Strom und Internet im Preis enthalten.

Während Bode von den Bequemlichkeiten des Einzugs erzählt, sitzt er auf der Couch in der WG-Küche. Aus dem Radio ertönt Popmusik, am Tisch arbeiten zwei Bewohner mit Kopfhörern in den Ohren und tippen konzentriert auf ihren Laptops. Für einige Bewohner ist ihr Büro dort, wo sie den Computer aufklappen – und das kann inmitten der gemeinsamen Küche sein.

„Ich musste nur meinen Koffer packen und konnte einziehen.“ Quelle: Jann Höfer für Handelsblatt
Finn Bode (Teamleiter)

„Ich musste nur meinen Koffer packen und konnte einziehen.“

(Foto: Jann Höfer für Handelsblatt)

„In einer Business-WG setzt sich das fort, was wir vom Coworking kennen: der einfache und kreative Austausch, sagt Fabian Hoose, der an der Universität Duisburg-Essen zur Veränderung der Arbeitswelt forscht. So werde aus Coworking schnell Co-Living. Doch das muss nicht nur Vorteile haben: Einige der Düsseldorfer Bewohner sitzen manchmal auch noch nachts um 2 Uhr über ihren Projekten – in einer Business-WG ist die Gefahr, sich selbst auszubeuten, größer. Die Grenzen zwischen Privatem und Beruflichem würden sich in einer solchen Lebensform zusehends vermischen, sagt Experte Hoose, „und das kann sich belastend auf die Arbeitenden auswirken“.

Dennoch: Anke Bernecke-Kaus schätzt an der WG den abendlichen Austausch mit den Mitbewohnern. Die 33-Jährige leitet beim Industriekonzern Linde die Kundenbetreuung in der Vertriebsregion Mitte/West. Letztens habe sie spontan eine Stunde lang über Digitalisierung geredet, erzählt sie. „Es ist spannend mit Menschen zu sprechen, die unterschiedliche Perspektiven zu einem Thema haben.“

Bernecke-Kaus arbeitet mal im Büro in Düsseldorf, mal in Wiesbaden – einen festen Rhythmus hat sie nicht. Wenn sie nach einem anstrengenden Tag in die WG kommt, will sie bisweilen auch nur eines: abschalten. „Wir diskutieren hier nicht jeden Abend die Börsenkurse“, sagt sie. Auch in einer Business-WG muss es nicht immer nur um Arbeit gehen.

Zwei neue Mitbewohner pro Monat

Die neuen Business-Kontakte beschränken sich nicht nur auf die Bewohner. In Düsseldorf gibt es auch mit den WG-Alumni regelmäßige Treffen. Seit Eröffnung im Herbst 2010 haben fast 300 Berufstätige in der WG4U gelebt. Einer von ihnen: Bela Seebach, Co-Gründer des Gewürzhersteller-Start-ups Just Spices.

Als er zwischen 2015 und 2017 in der Unterkunft wohnte, versorgte er seine Mitbewohner jede Woche mit Gewürzpackungen aus der eigenen Firma. Seebach war eigentlich nicht in die WG gezogen, um sich mit den anderen Bewohnern über Kümmel und Knoblauchflocken oder sein Geschäftsmodell auszutauschen. Auch er schätzte die Flexibilität. Aber: „Rückblickend betrachtet war der berufliche Austausch schon sehr lohnenswert.“

Seebach bekam Denkanstöße für seine Produkte und auch der Blick von Außenstehenden habe ihm geholfen. Auch wenn er keinen Geschäftspartner in der WG gesucht hat, allein die Gespräche über seine Firma waren für ihn hilfreich. Nach 14 Monaten in der WG ist Seebach Anfang 2017 ausgezogen – „um mein eigenes Zuhause zu haben“.

Danach streben fast alle Bewohner der Business-WG. Sie haben zwar eine gemeinsame Bleibe gefunden, doch eigentlich sind sie nur auf der Durchreise. Im April hat Linde-Mitarbeiterin Bernecke-Kaus ihr Zimmer in der Riesen-WG bezogen. An den Auszug denkt sie zwar noch nicht, doch der komme irgendwann infrage: „Entweder ich entwickle mich beruflich weiter – und dann bin ich auch offen für einen Job in einer anderen Stadt.“ Oder es trete ein Partner in ihr Leben, mit dem sie zusammenwohnen möchte.

Der eine oder andere Bewohner hat den auch in der WG selbst gefunden. Die bietet offenbar nicht nur Gelegenheit, berufliche Kontakte zu schließen, sondern ist auch eine Art Hochzeitsbörse. Selbst die ersten Business-WG-Babys wurden schon geboren.

Im Schnitt lebt ein Bewohner gerade einmal anderthalb Jahre in der WG. Ein bis zwei Zimmer wechseln jeden Monat ihren Besitzer. Und die Riesenwohngemeinschaft hat auch ihre anonymen Seiten: Viele Bewohner kennen sich wegen der ganzen Wechsel dann doch nur beim Vornamen. Soziologe Müller sagt: „Eine Business-WG ist eine Gesellschaft, die Gemeinschaft spielt – und das zeitlich begrenzt.“

„Es ist spannend mit Menschen zu sprechen, die unterschiedliche Perspektiven zu einem Thema haben.“ Quelle: Jann Höfer für Handelsblatt
Anke Bernecke-Kaus (Leiterin Kundenbetreuung)

„Es ist spannend mit Menschen zu sprechen, die unterschiedliche Perspektiven zu einem Thema haben.“

(Foto: Jann Höfer für Handelsblatt)

Gerade wird in der Düsseldorfer WG gebaut, weitere 15 Zimmer sollen bis Jahresende dazukommen. Mit 65 Leuten unter einem Dach leben – mit so vielen direkten Nachbarn kommt schon jetzt nicht jeder klar. Beim sonntäglichen WG-Brunch sitzt ein Pilot, der seinen Auszug verkündet. Nach der dreimonatigen Mindestmietdauer hat er genug, er zieht in ein Einzelapartment. Ihm fehle die Privatsphäre, erzählt er, und auch der Stauraum falle bei so vielen Bewohnern doch arg klein aus.

Nach dem Brunch haben die Ersten schon wieder ihren Dienstlaptop aufgeklappt, andere machen noch ihren Teller sauber. Denn gespült wird in der Düsseldorfer Business-WG per Hand – eine Spülmaschine gibt es nicht. Das allerdings ist auch das Einzige, was hier an eine Studentenbude erinnert. Unternehmensberater Neupert geht hoch in sein Zimmer, um sich auszuruhen. Um 15 Uhr hat er sich mit einem Mitbewohner verabredet – zum Golf spielen.

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