Der moderne Mann Detoxing auf die harte Tour (III)

Wegen einer Autopanne ist Herr K. mitten in der Wildnis gestrandet. Ohne Handyempfang entdeckt er nun in der rauen Natur völlig neue Seiten an sich.
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Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an:  herr.k@handelsblatt.com
Herr K. – der moderne Mann

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Seit mehreren Stunden irren Herr K. und sein Kollege Koslowski jetzt durch oberbayerische Idyllen, die für die beiden Manager einen wachsenden Schrecken darstellen. Der Mietwagen gab irgendwo im Nichts plötzlich den Geist auf. Und ohne Handyempfang können sie ja nicht mal Siri um Rat fragen oder die Kompass-App aufrufen, um den Weg zu ihrer Vertriebstagung zu finden.

Obwohl es kühl ist, spürt Herr K. den Schweiß zwischen seinen Schulterblättern. Er würde es nicht zugeben, aber er hat Entzugserscheinungen. Keine Mails. Keine WhatsApp-Nachrichten. Keine Anrufe, wobei man ja sagen muss, dass eh kein Mensch mehr mit dem Handy telefoniert. Allenfalls schickt man sich heute Sprachnachrichten und fragt dann per SMS nach, ob sie angekommen sind.

Herr K. starrt wieder auf sein Handy, das lakonisch signalisiert: „Kein Netz“. Da kann er noch so oft die Apps hin und her wischen. „Geben Sie‘s auf!“, rät Koslowski, der einen noch deutlich derangierteren Eindruck macht. Er hat sich seine P&C-Anzughose zerfetzt bei dem Versuch, im Wald Feuerholz zu sammeln. Offenbar geht er bereits davon aus, hier im Schutz einer Latschenkiefer ein Biwak aufschlagen und morgen früh den Tau vom Farn lecken zu müssen.

„Wir sind so unfähig geworden“, murmelt Koslowski ein ums andere Mal. „Lebensunfähig!“ Herr K. ist genervt: „Sie können ja versuchen, ein Reh zu reißen und es auf kleiner Flamme über dem Feuerzeug zu rösten, das sie auch nicht dabeihaben. Ich laufe lieber ins nächste Dorf.“ Darauf wieder Koslowski: „Jaaa, der feine Herr aus der Business-Class will natürlich nicht wahrhaben, dass er sich von all seinen Gadgets die Herrschaft über sein eigenes Dasein längst hat abnehmen lassen.“ Dann trottet er aber doch weiter hinter Herrn K. her, der auf eine Kreuzung zumarschiert.

Es ist dummerweise nicht irgendeine Feldweg-Kreuzung, sondern jene, die sie vor Stunden hinter sich gelassen haben. Rechts am Straßenrand steht ihr Mietwagen. „Wir sind im Kreis gelaufen“, sagt Herr K. „Der Klassiker für todgeweihte Städter in ab-so-lu-ter Wildnis“, sagt Koslowski tonlos. „Glauben Sie mir jetzt?“

In diesem Moment schallt auf der anderen Seite ein fröhliches „Huhuu“ über die Hügel. Es ist Frau Stibbenbrook, die in einem keck gestreiften Hosenanzug an Nordic-Walking-Stöcken heranmarschiert. „Ist ja noch Zeit für ein bisschen Sport vorm Abendbüfett. Aber wo waren Sie beide denn so lange? Sind doch keine 200 Meter zum Hotel!“

Herr K. schaut seinen heruntergekommenen Kollegen an: „Wir haben ein neues Survival-Training ausprobiert, nicht wahr, Koslowski?“ „Äh, genau“, sagt Koslowski, der in seiner aufgerissenen Hose ausschaut wie ein Schiffbrüchiger in einem sehr billigen Film.“ Frau Stibbenbrook ist begeistert: „Das ist ja herzallerliebst.“

Was die beiden Überlebenden noch nicht wissen: An diesem Abend werden sie vor Kollegen in der Kaminbar einen faszinierenden Bericht abliefern über „Proaktives Detoxing in Oberbayern“. Sie werden Helden sein. Und was soll man sagen: Sie haben es sich verdient (Ende).

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt’s auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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