Der moderne Mann Die digitale Bilderflut lässt uns den Wert der Bilder vergessen

Herr K. versucht Herr über unzählige digitale Familien-Fotos zu werden. Früher, mit Papierfotos, Fotoalbum und Klebestift, war das noch einfacher.
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Herr K. fühlt sich, als hätte er gerade das Internet kaputt gemacht. Als würde gleich das Telefon klingeln und ein tiefer Bass mit amerikanischem Akzent würde sagen: „Fassen Sie nichts mehr an! Gehen Sie nicht in das Licht! Wir sind gleich bei Ihnen. Sie haben die komplette Kommunikations-Infrastruktur des Planeten zerstört.“ Dabei hat er nur versucht, die Urlaubsbilder aus Südfrankreich zu sortieren. 

Das geht ja heute nur noch elektronisch, was die Sache nicht einfacher gemacht hat in den vergangenen Jahren. Früher – also in einer Zeit, die seine Kinder irgendwo zwischen Kleopatra und Dreißigjährigem Krieg verorten – früher hatte man noch analoge Fotoapparate mit richtigen Filmen drin.

Glaubt ja heute kein Mensch mehr, aber man wusste gar nicht so richtig, was man aufnahm. War alles noch sehr manuell. Und später brachte man den Film (!) zu Photo Porst (!!) oder so und bekam eine Woche (!!!) danach das Resultat auf Papier (!!!!).

Manchmal war alles schwarz, weil Tante Doris zwischendurch mal auf den Film hatte schauen wollen. Aber normalerweise war doch so in etwa das drauf, was man anvisiert hatte, wenn auch unscharf, weil selbst Autofokus noch eher Idee als Basistechnologie war: Interrail-Bekanntschaften aus Holland, Opas Beerdigung oder Rock am Ring anno irgendwas. Am Ende klebte man das buntbedruckte Papier noch in sogenannte Fotoalben, die irgendwann in Pappkartons auf dem Dachboden landeten, 20 Jahre später wiederentdeckt wurden, und dann weinte irgendwer, weil die Zeit so schnell verging.

Heute weint niemand mehr, obwohl die Zeit noch viel schneller vergeht. Herr K. ist indes kaum in der Lage, die Bilder unfallfrei von seiner topmodernen Digitalkamera oder gar dem Handy auf den Computer zu downloaden. Irgendwas geht immer schief. Und selbst wenn er sie dann, wie vorhin, endlich auf dem Computer hat, ist das noch nicht das Ende.

„Sortier das doch endlich mal“, hatte seine Frau gedrängelt. „Wir wollen auch mal was davon haben“, hatte sie gesagt. Da Speicherplatz kein Problem mehr darstellt, hatten sich auf Handy und Fotoapparat digital alle Urlaube der vergangenen 15 Jahre angesammelt samt Familienfesten, hohen Feiertagen und anderen Meilensteinen: erste Schritte und Zähne der Kinder, Ostereiersuchen auf Norderney oder Kirmes-Videos der lachenden Brut. Die gesamte Erinnerung der Familie eben.

Seit es keine Alben mehr gibt, schaut sich das eigentlich niemand mehr an. Man fotografiert zwar alles zigfach, aber nur, um es dann auf irgendwelchen Festplatten wieder zu vergessen. Wobei man sich im Netz jetzt digital Bildbände basteln könnte, für die ein achtköpfiges Kreativteam in mittelständischen Werbeagenturen früher ein Jahr benötigt hätte. Aber darüber muss sich Herr K. keinen Kopf mehr machen, seit plötzlich alles schwarz wurde auf seinem Laptop. Und als er ihn jetzt wieder hochfährt, sind alle Fotos weg. Alle. Für immer.

Gerade ruft seine Frau von unten hoch, ob man schon was sehen könne. Und Herr K. wünscht sich, dass er augenblicklich von einer emotional verarmten Einheit der Navy Seals erschlagen wird. Mit alten Fotoalben. Mindestens.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt’s auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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