Der moderne Mann Die vier Typen von Fußballfans

Herr K. sieht sich im Kreise seiner Familie gewissen Erwartungen ausgesetzt und macht sich mit den Ritualen der Fußball-Weltmeisterschaft vertraut.
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Die Fußball-Weltmeisterschaft schürt große Hoffnungen. Nicht nur, was Manuel Neuers austherapierten Mittelfußbruch angeht. Auch Herr K. sieht sich im Kreise seiner Familie gewissen Erwartungen ausgesetzt. Oder klarer: Die denken, dass er jetzt vier Wochen lang in einem straff sitzenden Trikot der deutschen Nationalmannschaft auf der Couch sitzt und drittklassigen Restalkohol transpiriert.

Seine Frau hat ihm extra ein Fässchen Bier gekauft und ein „Fan-Set 49-teilig“ mit Plastik-Vuvuzela und Strohhalmen in Schwarz-Rot-Gold. „Dann kannst du mal ein paar Freunde einladen und es dir richtig gemütlich machen.“ Herr K. hat keine Freunde, sondern Kollegen.

Wenn er Freunde hätte, wären sie wie er irritiert von der Vorstellung, mit Wimpeln am Auto hupend durch die Stadt fahren zu müssen, weil ihre Frauen das für zünftig halten. „Aber das ist doch nett“, sagt seine Frau. Nett ist die kleine Schwester von Scheiße, weiß Herr K., der Fans beim Fußball in vier Kategorien einteilt.

In der ersten Schublade stecken Typen wie er, die sich eigentlich nicht sonderlich für den Sport interessieren und Draxler nicht von Reus unterscheiden können. Einmal in der Woche schaut sich Herr K. auf Videotext die Bundesliga-Tabelle an, um gesellschaftlich nicht völlig zu vereinsamen, aber das war es dann auch. Mit seinem sechsjährigen Sohn besuchte er mal ein Bundesligaspiel, was beide nachhaltig verschreckt hat. Typischer Satz dieser Fan-Kategorie: „Wie ... abseits?“

Anders als Fan-Abteilung zwei, die mit „ihrem Club“ aufgewachsen ist, sich bis in die C-Jugend hinein Hoffnungen auf eine eigene Weltkarriere gemacht hat und alle Pokalgegner der letzten 93 Jahre im Schlaf herbeten kann. Typischer Satz: „Das erinnert mich an das Spitzenspiel 1973 in Bergisch Gladbach: Schmolke gegen Strielow, der trotz einer Oberschenkelzerrung Linksaußen spielte.“

Kategorie drei ist seit einigen Jahren stark im Kommen: die Akademiker. Sie lesen noch den „Kicker“, aber eher „11 Freunde“ und sind überzeugt, dass Big Data die nächste WM entscheiden wird. Typischer Satz: „3-4-2-1 ist gegen die Schweden auf jeden Fall ratsamer als 4-2-3-1, weil der Goal Impact ihres offensiven Mittelfelds im Schnitt zuletzt 0,3 Prozentpunkte über dem der Deutschen lag.“

Solche Typen sind auch deshalb unausstehlich, weil sie aus diffusen Traditionsgründen heraus trotzdem noch in der Lage sind, eine Flasche Bier mit einem Einwegfeuerzeug zu knacken, dabei aber über „Quantencomputer für die valide Spielanalyse“ dozieren.

„Und die vierte Kategorie?“, fragt Herrn K.s Kollege Koslowski beim Mittagessen in der Kantine. In diesem Moment weht Frau Stibbenbrook aus der Rechtsabteilung herein. Sie trägt ein XXL-Bayern-Trikot, als sei‘s ein Zwei-Mann-Zelt und schwarz-rot-goldene Schminke auf den Wangen.

Koslowski schaut Herrn K. an, dann sagt er: „Nett. Jetzt bin ich noch gespannt auf den typischen Satz.“ Da schreit die Stibbenbrook schon: „Olé, olé, wir wer‘n Meister!“

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt’s auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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