Der moderne Mann Drei Sterne für ein Bahnhofsklo

Nach der Rückkehr aus dem Urlaub fühlt sich Herr K. dem Druck ausgesetzt, alles Mögliche zu bewerten.
Kommentieren

Was Herr K. nach dem Urlaub brauchen könnte, wäre – Urlaub. Nicht weil die Sommerfrische so anstrengend gewesen wäre. Er ist aus dem Alter raus, als man die arbeitsfreien Wochen für Wüsten-Rallyes oder ein chronisches Delirium in ibizanischen (heißt das so?) Großraumdiskotheken nutzte. Eigentlich war er nicht mal in diesem Alter, als er in dem Alter war. Jedenfalls kommt man dann zurück, und die nervenzerfetzende Nachbearbeitung des Urlaubs geht aus dreierlei Gründen erst los.

Zuallererst wird man in immer neuen Mails aufgefordert, alles zu bewerten, was man irgendwie in Anspruch genommen hat: das Hotel, den Mietwagen, aber auch die Pizzeria, den Bahnhofskiosk oder die Tropfsteinhöhlen-Führung. Die Mails sind teils rührend formuliert und lassen keinen Zweifel daran, dass Insolvenz oder gar Selbstmord des Eigentümers droht, wenn Herr K. etwa dem Marzipanladen in Aix-en-Provence oder der Garderobiere im Strandbad von Nizza nicht mindestens fünf Sterne, Kochmützen, Daumen-hoch-Emojis oder neun von zehn möglichen Wohlfühlpunkten verleiht. Am besten alles auf einmal.

Herr K. hat mal vier Monate auf eine Pandabär-Handyhülle aus Hongkong gewartet, die sich seine Tochter zum Geburtstag gewünscht hatte, zu dem das Teil natürlich nicht pünktlich ankam. Daraufhin bewertete er den Händler bei Amazon mit einem Stern, was in der Digitalära einem Todesurteil samt ewiger Verdammnis gleichkommt. Das wurde Herrn K. aber erst klar, als er eine Mail des Pandabär-Handyhüllen-Importeurs bekam, ein Herr seines Alters aus einem Vorort von Lüdenscheid. Da war dann viel von „Existenz vernichtet“ die Rede und dass seinen vier Kindern jetzt eine Zukunft im Heim drohe nach der Firmenpleite. Am Ende der Mail hing ein Foto der schniefenden Kinder, die barfuß vor einem Restmüll-Container neben einer Kik-Filiale standen.

Man hat als Konsument heute eine enorme Verantwortung, findet Herr K. und nutzt die erste Bürowoche nach dem Urlaub deshalb zur akribischen Abarbeitung der Bewertungswünsche. „Wir fühlten uns wie Gott in Frankreich“ schrieb er als Bewertung des französischen Tourismusverbands, bei dem er unvorsichtigerweise während der Urlaubsplanung auch seine Mailadresse hinterließ.

Am Ende bewertet er noch elf Bewertungsportale und stellt fest, dass die Welt im Netz nur noch aus Super-Hotels zu Traumpreisen, aus Traumstränden und Traum-Tropfsteinhöhlen zu bestehen scheint. Im „Spiegel“ hat Herr K. gelesen, dass es eine wahre Bewertungsindustrie gebe, die sich freundliche Kommentare gut bezahlen lasse. Herr K. macht derlei freiwillig. Wirtschaftsförderung im Kleinen. Er findet, damit etwas Gutes zu tun, auch wenn es natürlich anstrengend und kreativ herausfordernd ist, jedem Bahnhofsklo noch Nettes abzugewinnen. Aber auch daran hängen Existenzen. Und es gibt ja noch weit schlimmere Momente der Urlaubsnachbereitung, wie wir nächste Woche sehen werden.

P.S.: Das Adjektiv zu Ibiza heißt laut Duden übrigens „ibizenkisch“. Wo kann man denn dazu mal eine Bewertung abgeben? (Fortsetzung folgt)

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt’s auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

Startseite

Mehr zu: Der moderne Mann - Drei Sterne für ein Bahnhofsklo

0 Kommentare zu "Der moderne Mann: Drei Sterne für ein Bahnhofsklo"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%