Der moderne Mann Knigge fürs Telefon

Niemand telefoniert, jeder mailt oder schreibt Nachrichten im Büro. Doch kommt es zum Telefonat, dann gleicht das Abrüstungsverhandlungen, findet Herr K.
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Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an:  herr.k@handelsblatt.com
Herr K. – der moderne Mann

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

Nur falls Sie es noch nicht wissen: Telefonieren ist das neue Rauchen. Wer noch einigermaßen alle Latten am Zaun hat, schickt stattdessen Mails oder WhatsApp-Nachrichten, Threema-Botschaften oder wenigstens SMS. Die fernmündliche Sprachkommunikation hat dagegen stark an Bedeutung eingebüßt, findet Herr K.

Wenn er von sich selbst ausgeht: Er besitzt zwar von allen potenziellen Gesprächspartnern alle Kontaktdaten. Und natürlich wäre es am einfachsten, jemanden auf dessen Handy anzurufen. Aber das käme ihm vor wie ein Anschlag. Man weiß ja nie, wo man wen gerade erreicht: in einem gut frequentierten Fitnessstudio, auf dem Kinderspielplatz oder in einem Hotelbett in Ulan Bator um 3 Uhr morgens Ortszeit. Manager müssen ja heute alles gleichzeitig sein: Sportskanonen, Familienmenschen, Welteroberer.

Kommunikationstechnisch hat das bisweilen Nachteile.

„Ne, ne, erzählen Sie ruhig“, wurde Herr K. zum Beispiel kürzlich von seinem Kollegen Berger aus dem Marketing vollgeröchelt zwischen Kilometer acht und neun auf dessen Holmes-Place-Laufband. Leider rutschte Berger dann vom Band, und nach fünf Minuten, in denen Herr K. nur noch das hysterische Geschrei einer unterbezahlten studentischen Fitness-Hilfskraft hörte, legte er lieber auf. Berger war dann vier Wochen in einer privaten Reha im Oberfränkischen.

Noch schlimmer als solche Telefon-Erlebnisse sind eigentlich nur Einladungen zu einem Telefontermin, wie sie Herr K. vor drei Wochen via Outlook bekam: Der Abteilungsleiter einer Kartonagenfabrik aus Ostwestfalen sollte mit ihm ... na ja, ist eigentlich egal, und wir haben hier ja auch nicht ewig Platz.

Aber was wollte der Typ ihm damit beweisen, dass er den Termin von 14.50 bis 14.57 Uhr einstellte? Und das drei Wochen im Voraus? Dass man im Kartonagen-Business wahnsinnig beschäftigt ist? Dass sein Berufsleben in feine Sieben-Minuten-Salamischeibchen zerteilen muss, wer die eigene Selbstoptimierung als Führungskraft weiter vorantreiben will?

Am Tag der Tage ist Herr K. nun ab 14.45 Uhr richtig ein bisschen aufgeregt. In den Wochen davor haben sich die beiden Sekretariate einander angenähert wie bei israelisch-iranischen Abrüstungsverhandlungen. Wer ruft wen an? Wer stellt dann an wen zuerst durch? Wer muss also auf wen zwei Zehntelsekunden länger warten und sich folglich als Bittsteller fühlen?

Am Ende war ausgehandelt worden, dass Herrn K.s Assistentin anruft, den Kartonage-Typen dann aber durchstellen darf. Um darüber hinaus einen Extrapunkt zu landen, bittet Herr K. um 14.48 Uhr seine Sekretärin, erst um 14.53 Uhr anzurufen. Er lauscht ins Vorzimmer, als sie wählt und nach nervenzerfetzender Stille schließlich sagt: „Wie, Ihr Chef hat schon sein Anschlusstelefonat?“

Es wird wohl nie geklärt werden, was die beiden eigentlich voneinander wollten. Aber Herr K. weiß jetzt endgültig, warum Telefonieren so unbeliebt geworden ist.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt’s auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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