Der moderne Mann Was ein Urlaub in mobilfunktechnischer Enthaltsamkeit bringt

Digitales Detoxing heißt der Trend, die Entschlackung von der ständigen Erreichbarkeit im Internet. Herr K. probiert sie aus – kalter Entzug inklusive.
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Es gibt sicher noch würdelosere Aktivitäten für einen Mittvierziger wie Herrn K. Nur fällt ihm gerade keine ein, als er auf der öffentlichen Toilette eines südfranzösischen Campingplatzes nachts um halb zwei mit dem Smartphone in der himmelwärts wedelnden Hand nach einem Strich Handyempfang sucht.

Er ist ja selbst schuld. „Detoxing ist für mich kein Problem“, hat er seiner Familie vorher versichert. „Schlimm, wenn man wie meine Kollegen derart an der Handynadel hängt“, hat er gemahnt. Also hat sie ihn beim Wort genommen und im Familienrat „WLAN-lose Sommerferien“ beschlossen.

Herr K. kann sich noch an Zeiten erinnern, als der größte Luxus in Hotels drahtloses Internet war. Heute werden stattdessen „elektrosmogfreie“ Regionen wie Geheimtipps gehandelt, auf Urlaub-ohne-Web-Plattformen, die sich leicht ergoogeln lassen. So viel Schizophrenie muss schon sein.

Während die Ewiggestrigen noch für den Breitbandausbau in Deutschland kämpfen, genießen wahre Hipster nun die technologische Einöde in Meck-Pomm, vergessenen Weilern der Oberpfalz – und eben manchen Tälern Südfrankreichs. Herr K. hüpft wieder in seinen Badeschlappen hoch, um in dem kleinen Fensterloch über ihm für eine Millisekunde Empfang zu bekommen. Hat er an Tag 6 des Urlaubs entdeckt.

Die Tage 1 bis 3 waren für alle schlimm, auch wenn’s niemand zugab. Seine 16-jährige Tochter wurde sehr schnell sehr unleidlich. Seine Frau auch. Herr K. selbst ertappte sich dabei, wie er in seiner Ferienlektüre (ein richtiges Buch aus Papier, E-Reader waren auch verboten) mehrfach versuchte, mit zittrigen Wischbewegungen die Seite umzublättern. Nur der sechsjährige Sohn hatte Spaß, aber der findet auch noch Bastelmais cool.

Nach dem kalten Entzug wurde es trotzdem für alle sichtbar besser. Man redete sogar miteinander, studierte skurrile Brett- und Kartenspiele und plante Wanderungen (!) mit analogen (!!) Faltkarten (!!!).

Natürlich hatte Herr K. sein Handy heimlich mitgenommen in der innersten Innentasche einer Aktenmappe. Nur gab’s dann tatsächlich null Empfang. Linderung brachten an den Tagen 4 bis 8 Ausflüge nach Nizza oder Saint-Tropez. In der urbanen Zivilisation fischte sich das Handy in seiner Cargohose quasi im Vorbeifahren eingehende Mails auf.

Aber erst an Tag 8, als er wieder einmal nachts auf der Toilette alles nachlesen wollte, fiel ihm auf, dass dort ein winziger Rest Empfang ist. Vorausgesetzt eben, dass man in der Herrentoilette ganz hinten rechts mit ausgestrecktem Arm etwa einen Meter hoch hüpft. Gelegentlich traf Herr K. dort seither zwei andere Führungskräfte von mittelständischen Hidden Champions der Bereiche Granulatproduktion und Systemgastronomie. Ist allen ein bisschen peinlich, aber geht halt nicht anders.

Als Herr K. in der zwölften Nacht die muffige Toilette verlässt, erschrickt er fast zu Tode. Vor ihm steht seine Tochter und hält ihm triumphierend ihr eigenes Handy entgegen: „Zwei Blöde, ein Gedanke.“ Beide kichern, versprechen sich aber gegenseitig zu schweigen. So ein Detoxing-Urlaub schweißt die Familie unheimlich zusammen, findet Herr K.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt’s auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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