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Astronautin Samantha Cristoforetti im Interview Wie man sich gegen 8.500 Mitbewerber durchsetzt

Die italienische Astronautin und Kampfpilotin Samantha Cristoforetti hat bei der ESA eines der härtesten Auswahlverfahren der Welt gemeistert.
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Die Italienerin durchlief ein fast einjähriges Bewerbungsverfahren bei der ESA. Quelle: mauritius images / insidefoto srl / Alamy
Samantha Cristoforetti

Die Italienerin durchlief ein fast einjähriges Bewerbungsverfahren bei der ESA.

(Foto: mauritius images / insidefoto srl / Alamy)

Düsseldorf Als Samantha Cristoforetti im Raumschiff zur Internationalen Raumstation (ISS) fliegt, geht für sie ein Traum in Erfüllung – und ein langer Bewerbungsmarathon zu Ende. Die Astronautin kämpfte sich zwölf Monate lang durch das Auswahlverfahren der europäischen Raumfahrtagentur Esa und setzte sich gegen Tausende Bewerber durch.

Frau Cristoforetti, Sie haben sich 2008 als Esa-Astronautin beworben. Wie groß war die Konkurrenz?
Es gab 8.500 gültige Bewerbungen. Zugelassen wurde nur, wer auch einen medizinischen Flugtauglichkeitsschein eingereicht hatte. Von da an ging es dann auch erst richtig los mit dem Verfahren. Es wurden von Stufe zu Stufe schnell immer weniger Bewerber.

Und welches war der schwierigste Schritt in dem riesigen Auswahlverfahren?
Die erste Runde, denn da sind die meisten Bewerber ausgeschieden. Von den anfänglichen 8.500 mussten 7.500 gehen.

Was mussten Sie tun, um weiterzukommen?
Wir hatten einen Monat Zeit, um einen ziemlich langen Fragebogen im Internet auszufüllen. Da wollte die Esa alles von einem wissen. Was man studiert hat, welche Berufserfahrungen man hat, aber auch Details zum Privatleben. So musste ich zum Beispiel angeben, welchen Sport ich betreibe, ob ich rauche und in welchen Ländern ich schon gelebt habe – so etwas.

Klingt nach simplem Steckbrief.
Ja, aber es ist ein ganz langer. Es gab gegen Ende auch noch ein paar offene Fragen, wo jeder ein bisschen aufschreiben sollte, was man sich unter dem Beruf vorstellt. Auch die klassischen Fragen nach den eigenen Stärken und Schwächen waren dabei.

Und was haben Sie geantwortet?
Bei Stärken weiß ich es nicht mehr. Bei den Schwächen habe ich angegeben, dass ich sehr direkt bin. Darauf haben sie mich auch hinterher im Vorstellungsgespräch direkt angesprochen.

Wie haben die Esa-Manager reagiert?
Ich glaube, sie hatten die Befürchtung, dass ich alle provoziere und mich mit jedem anlege. Ich habe ihnen aber versichern können, dass dem nicht so ist. Ich meinte nur, dass ich nicht die beste Diplomatin wäre – schließlich war ich ja auch Kampfpilotin, da muss man viel mit sich selbst ausmachen.

Wie haben Sie sich auf den Fragenkatalog vorbereitet?
Weil ich parallel noch meine Ausbildung zur Kampfpilotin bei der Luftwaffe machte, sahen meine Wochenenden, um ehrlich zu sein, ziemlich monoton aus. Ich bin nicht rausgegangen und habe mich stattdessen an den sehr langen Fragebogen gesetzt. Ich habe dann mein Leben rekonstruiert und nach Aspekten und Ereignissen gesucht, die meinen Lebenslauf interessanter machen.

Und was ist Ihnen so eingefallen?
Als Astronautin ist es sehr wichtig, handwerklich und mechanisch geschickt zu sein. Also habe ich aufgeschrieben, dass ich im Studium meinen Computer selbst repariert habe oder bei der Luftwaffe Handfeuerwaffen auseinander- und wieder zusammenbauen musste. Das sind so Dinge, die einem nicht direkt einfallen, aber sehr wichtig sind.

Was war die ungewöhnlichste Frage?
Die Frage zum Zeitraum, den ich mir vorstellen könnte, weg von zu Hause zu sein. Ich habe da einfach den größtmöglichen angegeben, ich glaube, das war ein Jahr. Ich wollte nichts unversucht lassen. Am Ende war ich unter den letzten 1.000.

Wie viele Runden gab es insgesamt?
Ich habe nicht mitgezählt, aber es waren viele! Es folgte ein Tag mit Computertests vor Ort in Hamburg, um unsere kognitiven Fähigkeiten zu testen. Danach mussten wieder 800 Bewerber gehen. Die übrigen 200 wurden zu einem weiteren Tag eingeladen, an dem die Teamfähigkeit und das Verhalten in der Gruppe beobachtet wurden.

S. Cristoforetti: Die lange Reise.
Penguin Verlag
München 2019
496 Seiten
24 Euro

Eine Art Astronauten-Assessment-Center?
Ja, genau. Der Tag verlief wie ein ganz normaler Bewerbungstag. Erst die Teamaufgaben, und dann gab es das erste Mal auch ein Gespräch mit älteren Astronauten und Psychologen. 45 von uns wurden dann für die nächste Runde empfohlen, einen einwöchigen Medizincheck. Danach waren noch 22 Bewerber übrig.

Was folgte dann?
Wir mussten wieder alle zu Vorstellungsgesprächen, dieses Mal mit der zuständigen Direktorin und acht hochrangigen Führungskräften der Esa. Es ging nicht um die technische Eignung, sondern mehr um die Person an sich. Die Esa hat sich angeschaut, ob wir die Raumfahrtagentur auch nach außen vertreten können, und letztendlich zehn Bewerber für die allerletzte Runde ausgewählt.

Wer wartete da auf Sie?
Der Generaldirektor der Esa und zwei weitere Manager. Es gab weitere Interviews, und der Generaldirektor hat am Ende sechs von uns ausgewählt. Das war’s. Insgesamt hat der Bewerbungsprozess ein Jahr gedauert.

Wie sind Sie mit dem Druck über eine so lange Zeit umgegangen?
Ich bin sehr belastbar und brauche keine Entspannungspausen. Aber es ist mir immer schwerer gefallen, gefühlsmäßig genügend Abstand zum Bewerbungsverfahren zu halten. Die Enttäuschung beim Ausscheiden wäre schon sehr, sehr groß gewesen. Auch die lange Wartezeit zwischen den einzelnen Runden war zermürbend. Manchmal waren es zweieinhalb Monate.

Konnten Sie sich ablenken?
Zuerst nicht. Ich habe die Konzentration bei meiner Pilotenausbildung verloren und wäre fast durchgefallen. Dadurch habe ich allerdings gelernt, dass ich am besten funktioniere, wenn ich mich nur auf eine Sache konzentriere. Deshalb habe ich mir dann immer gesagt: „Ich habe alles gemacht, was möglich war, und jetzt kann ich nichts mehr daran ändern.“ Das hat mich entlastet.

Am Ende haben Sie sich allein gegen 8.500 Bewerber durchgesetzt und waren als Astronautin 2014/2015 für 200 Tage im All. Was war das dann für ein Gefühl?
In beiden Momenten war ich unbeschreiblich glücklich, es war die Erfüllung meines Traums.

Haben Sie noch irgendwie an den Auswahlprozess gedacht?
Es war damals so bestimmend für mein Leben, weil ich dadurch im Begriff war, meinem Lebenstraum ein Stück näherzukommen. Natürlich denke ich auch heute noch oft an diese Zeit.

Würden Sie es noch mal tun – auch mit all dem Aufwand?
Ohne Frage – immer wieder!

Frau Cristoforetti, danke für das Interview.

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