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Diversity Warum das Outing für Top-Manager in Deutschland noch immer heikel ist

Die Liste der „Top 100 Out Executives“ ehrt erfolgreiche geoutete Führungskräfte in Deutschland. Das Ziel: Mut machen zu Offenheit auf jedweder Hierarchieebene.
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Für die Otto-Managerin ist es in Deutschland längst nicht selbstverständlich, mit einem Outing Karriere zu machen. Quelle: Otto
Gesa Heinrichs

Für die Otto-Managerin ist es in Deutschland längst nicht selbstverständlich, mit einem Outing Karriere zu machen.

(Foto: Otto)

Düsseldorf Eva Kreienkamp erreicht die Nachricht auf einer Lernreise in China: Die Chefin der Mainzer Verkehrsgesellschaft, die beruflich gerade die Verkehrswende stemmt und privat mit einer Frau zusammenlebt, steht in diesem Jahr auf Platz eins der „Top 100 Out Executives“. Die Liste, die dem Handelsblatt vorab vorlag, hat den Anspruch, die 100 deutschen Top-Führungskräfte, die sich offen zum Beispiel als lesbisch, schwul, bi- oder transsexuell geoutet haben, zu vereinen.

Kreienkamp, die in China neue Ideen für die Mobilität von morgen sammelt, freut sich am Telefon hörbar über die Ehrung und die Möglichkeit, der Community LGBT (lesbisch, gay, also: schwul, bisexuell, transsexuell) ein Gesicht zu geben. Aber die 57-Jährige, die gerade auch auf die Liste der Top-Frauen in der Mobilitätsbranche gewählt wurde, stellt klar: „Die Auszeichnung für meinen beruflichen Erfolg ist mir genauso wichtig.“

Es sind genau diese beiden Kriterien, die die Jury beim Ranking der „Top Out Executives “ berücksichtigt: herausragende Leistungen im Job – aber eben auch sichtbarer Einsatz für die LGBT-Community, also all jene Menschen, die eine andere als die heterosexuelle Orientierung oder -geschlechtliche Identität haben.

Die dahinterstehende LGBT- und Social-Business-Gruppe Uhlala sowie die Stiftung „Prout at Work“, die zum zweiten Mal die Liste veröffentlichen, wollen diese Talente unter den Führungskräften und Nachwuchstalenten sichtbar machen. „Wir wollen zeigen: Du kannst Karriere machen, obwohl du LGBT bist“, erklärt Albert Kehrer, der nach einer Karriere unter anderem bei PwC, IBM und KPMG die Prout-at-Work-Stiftung gegründet hat, die mit dem Begriff „Outing“ im Titel spielt.

Der Diversity-Experte hat vor 20 Jahren in Großbritannien miterlebt, wie der „Independent“ erstmals eine solche Liste für den angloamerikanischen Wirtschaftsraum herausgab. „Das hatte einen Wahnsinns-Impact“, sagt er. „Es ist in den USA und Großbritannien heute auch viel einfacher und normaler, sich im beruflichen Kontext zu outen, als bei uns.“

Kehrer ist stolz auf die Liste – aber allein der Umstand, dass es sie gibt, zeugt von einem eigentlich traurigen Umstand: Es ist in Deutschland längst nicht selbstverständlich für Menschen, die homosexuell, bi- oder transsexuell sind, sich zu outen, geschweige denn Karriere zu machen.

Suche nach Vorbildern

Das Besondere an diesem Management-Ranking: Jeder, der darauf steht, hat sich im Vorhinein mit der Nominierung einverstanden erklärt. Eine ganze Reihe potenzieller Kandidaten zieht es aber vor, sich nicht zu offenbaren – auch wenn die meisten aus ihren ersten Berufsjahren das ‧ungute Gefühl, kein Rollenvorbild zu haben, kennen dürften.

Ein Blick auf die Top 100, unter denen sich Talente von Konzernen wie SAP, Lufthansa, Thyssen-Krupp, Bayer oder Deutsche Bahn finden, offenbart denn auch: Auf der Liste sind Geschäftsführerinnen und Chefs kleinerer Unternehmen – aber aus der Dax-Riege eher Namen aus der zweiten, dritten Reihe. Den geouteten schwulen Dax-Vorstand sucht man vergebens, obwohl es bei der Stiftung und in der LGBT-Community heißt: „Wir wissen, dass es sie gibt.“

Immerhin sind, je nach Statistik, um die zehn Prozent der Bevölkerung nicht heterosexuell, es liegt also bei aller Homogenität in deutschen Vorständen nahe, dass sie auch dort vertreten sind. Aber ein Outing wie das von Apple-Chef Tim Cook gab es nicht – und auch er sprach erstmals im Alter von 53 und nach 16 Jahren in den Diensten des Tech-Konzerns offen über seine Homosexualität.

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Prominente Beispiele für ein öffentliches Outing in der deutschen Wirtschaft ist der frühere Telekom-Vorstand Thomas Sattelberger, der sich aber auch erst nach dem Ausscheiden aus dem Dax-Konzern outete, sowie Harald Christ, der als Vorstandsmitglied der Ergo-Versicherung offen darüber sprach, dass er schwul ist – sich aber bald darauf aus dem Konzern verabschiedete und eine Werbeagentur übernahm.

Frauen sind zwar ohnehin rar auf deutschen Vorstandsetagen. Immerhin gibt es prominente und offen lesbische Führungskräfte wie die ada-Gründungsverlegerin Miriam Meckel oder die frühere Staatssekretärin Katrin Suder, die zuvor Karriere bei der Beratung McKinsey gemacht hatte und 2018 die Liste der „Top Out Executives“ anführte.

Aber wer Beispiele für prominente Outings sucht, findet sie vor allem im Unterhaltungsgeschäft – man denke an Hella von Sinnen und Alfred Biolek – oder in der Politik, wo in Guido Westerwelle ein schwuler Außenminister sein Land in der arabischen Welt vertrat und Homosexuelle wie Barbara Hendricks oder Jens Spahn Diversity ins Bundeskabinett einbringen.

Nun spielen bei dieser Frage ganz unterschiedliche Gründe eine Rolle. So erzählt die diesjährige Nummer eins auf der Liste, Kreienkamp: „Ich habe schon zu Schulzeiten beschlossen, ein Leben zu führen, das mir entspricht.“

Unterschiede beim Gehalt

Sie trat also geoutet ihre berufliche Laufbahn an, musste sich nie verbiegen. Unter anderem arbeitete sie für die Allianz, gründetet ein Unternehmen, führte die Geschäfte des Hamburg-Köln-Express und gehört heute auch dem Beirat der Landesbank Baden-Württemberg an. „Es gibt Karrierewege, die ich nicht eingeschlagen habe, und das lässt sich erklären“, sagt sie. „Als Lesbe waren zum Beispiel manche Auslandsstationen für mich tabu.“ In der arabischen Welt oder Russland etwa werden Homosexuelle verfolgt, sogar mit Todesstrafe bedroht.

Auch Kreienkamp sagt: „Im Wirtschaftsleben ist das Outing noch einmal etwas anderes als in der Politik.“ Zum einen ist Politik zuvorderst darauf ausgerichtet, gesellschaftliche Veränderungen voranzutreiben, zum anderen gelten andere Karrierekriterien. Und schließlich wirken in manchen Positionen, wie bei einem Außenminister, Schutzmechanismen, auf die sich ein Vertriebsleiter in Russland oder Saudi-Arabien nicht berufen kann.

Nicht alle in der Wirtschaft gehen daher mit ihrem Outing so klar um wie Kreienkamp, die sich aussuchen kann, auf welchen Podien sie auftritt, die auch mal eine Regenbogenstraßenbahn in Mainz beklebt und da ist für jüngere LGBT-Mitarbeiter, „die einfach mal reden möchten“.

Eine Umfrage der Boston Consulting Group (BCG) zeigt, dass mehr als jedes fünfte deutsche LGBT-Talent ein Outing im Job als Karrierefalle ansieht. Zwei von fünf Befragten gaben an, im Gespräch mit Vorgesetzten über die sexuelle Orientierung zu lügen.

Der Anteil der im Job Geouteten ist demnach in Deutschland mit 37 Prozent deutlich geringer als in vielen anderen Ländern: Für die Studie befragte BCG weltweit mehr als 4000 Berufstätige und Studenten unter 35 Jahren; im Schnitt sagte jeder zweite Befragte, sich im Job geoutet zu haben.

Das Risiko der Karriere- oder Gehaltsfalle untermalt eine Studie des Berliner Wirtschaftsforschungsinstituts DIW aus dem Jahr 2017 über den „Sexuality Pay Gap“ von bis zu zwölf Prozent, also den Gehaltsunterschied auf Grund sexueller Orientierung.

Demnach verdienen homo-, bi- oder transsexuelle Menschen weniger als Kollegen heterosexueller Orientierung – obwohl sie im Schnitt eine höhere Bildung haben. Heterosexuelle Männer verdienen nicht nur auffällig mehr als lesbische und die noch weniger verdienenden heterosexuellen Frauen, sondern auch als schwule Männer. Die Unterschiede bestehen auch bei Herausrechnung von Unterschieden etwa in Qualifikation und Erfahrung.

Mehr: „Es gibt die schwulen Dax-Vorstände“ – Interview mit Matthias Weber, Vorsitzender des Netzwerks schwuler Führungskräfte und Selbstständiger, Völklinger Kreis.

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