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Gründerin Hafida Guebli

Die französische Business-School HEC vergibt MBA-Stipendien an junge Gründerinnen aus den Banlieues.

(Foto:  HEC Paris/ Xavier Renauld)

Ethikprogramme Eliteschulen als Wohltäter – Wer Gutes tut, wird ein besserer Manager

Sozial Schwache fördern: Business-Schools entdecken ihre ethische Verantwortung. Das soll nicht nur die Welt verbessern, sondern auch die Manager.
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DüsseldorfMit 13 entwarf sie ihre Kleider selbst – so exakt und professionell, dass ihre Mitschülerinnen zehn Euro zahlten, um sie leihen zu dürfen. Das war, wenn man so will, Hafida Gueblis erstes Geschäftsmodell.

Mit 24 gründete die Pariserin einen Teesalon, den sie jedoch nach den Terroranschlägen von 2015 schließen musste. Doch anstatt aufzugeben, zieht die inzwischen 29-Jährige gerade ihr nächstes Start-up auf: ein digitales Nachbarschaftsportal namens Neyb’s.

An Selbstbewusstsein und Zuversicht mangelt es der Gründerin nicht. Perfekt gestylt, hochkonzentriert und kein bisschen müde trotz des Flugs in den sehr frühen Morgenstunden erläutert sie ihre Geschäftsidee. Dabei waren ihre Startbedingungen als Unternehmerin denkbar ungünstig: Als eines von sechs Kindern marokkanischer Einwanderer wuchs Guebli in den Banlieues auf, jenen von Drogen, Gewalt und Hoffnungslosigkeit geprägten Pariser Vororten, in denen es viele kriminelle Karrieren gibt, aber nur selten unternehmerische.

Dass sie es dennoch schaffte und an diesem Julitag in Berlin auf einer Konferenz über ihr noch junges Unternehmen berichten kann, hat sie auch der Business-School HEC zu verdanken, die sie in ihr Programm „Stand Up“ aufnahm.

Die 2012 gegründete Initiative fördert gezielt junge Frauen aus sozial schwachen Milieus, um die Lebensumstände in den Problembezirken zu verbessern. Für die französische Elitehochschule ein Beleg, dass sie nicht nur akademisch, sondern auch ethisch höchsten Maßstäben gerecht wird.

Crashkurs für Start-ups

„Das Programm soll ein Türöffner für Frauen sein, die mit ihren Ideen Gutes bewirken wollen und denen wir Zugang zu Kontakten und Wissen ermöglichen, den sie sonst nicht bekämen“, sagt Beate Boodoo, Dozentin bei Stand Up. 800 Frauen wurden über das Programm bereits gefördert, das neben der fachlichen Beratung und Beurteilung der Geschäftsidee auch einen Crashkurs in BWL an der HEC beinhaltet.

„Das Netzwerk, die Unterstützung und die finanziellen sowie strategischen Kompetenzen haben mir bei meinem Vorhaben extrem geholfen“, sagt Guebli. So erhielt die junge Gründerin beispielsweise staatliche Fördermittel in Höhe von 30.000 Euro.

Im Schnellkurs in die Selbstständigkeit. Quelle:  HEC Paris/ Xavier Renauld
Absolventinnen des Förderprogramms

Im Schnellkurs in die Selbstständigkeit.

(Foto:  HEC Paris/ Xavier Renauld)

Auch in Deutschland stellen immer mehr Business-Schools ethische Verantwortung als Teil ihres Selbstverständnisses heraus. So hat sich Jörg Rocholl, Präsident der ESMT in Berlin, zum Ziel gesetzt, „unternehmerisch denkende Führungskräfte auszubilden, die weltoffen sind und verantwortlich handeln“.

Daher verpflichtet die Hochschule die Studenten des Masterstudiengangs Management, sich während ihres Studiums als Berater in soziale Projekte einzubringen. „Die Teilnahme am Social Impact Project eröffnet den Studierenden neue Perspektiven und unterstützt ihre persönliche Weiterentwicklung“, erläutert Rocholl.

Die „Financial Times“ will Corporate Social Responsibility (CSR) sogar als eigene Bewertungskategorie in ihr renommiertes Business-School-Ranking aufnehmen – was Experten für bemerkenswert halten, da das Blatt seine Bewertungskriterien nur sehr selten anpasst.

Das kanadische Medienunternehmen Corporate Knights zeichnet mit seinem „Better World MBA Ranking“ schon länger Business-Schools aus, die das Thema soziale Verantwortung als festen Bestandteil in ihren Programmen verankert haben. Aus Deutschland schaffte zuletzt nur die Mannheim Business School den Sprung auf die Liste – auf Rang 24.

Auch Firmengründerin Hafida Guebli will mit ihrem vor einem Jahr gegründeten Start-up nicht nur Geld verdienen, sondern auch Gutes tun. Die von ihr entwickelte App Neyb’s (der Name ist eine verkürzte Form des englischen „neighbours“, Nachbarn) soll helfen, die Bewohner der Pariser Vororte besser mit ihren Vermietern zu vernetzen und so Alltagsprobleme wie tropfende Wasserhähne unkompliziert zu melden oder Anfragen stellen zu können. Die App setzt überwiegend auf selbsterklärende Piktogramme und Farben, da die Mieter in den Sozialwohnungen oftmals kein Französisch sprechen oder Analphabeten sind.

Gueblis Vertragspartner sind die Vermieter, die das Angebot als festen Bestandteil der Nebenkosten abrechnen. Jeder Mieter zahlt dafür nach Ablauf der einjährigen Pilotphase einen Euro pro Monat. Zudem sollen kommerzielle Anbieter künftig bei Neyb’s Werbung schalten können. „Ich hatte das Glück, auch an weiteren Förderprogrammen der HEC teilnehmen zu können, und habe in dieser Zeit viele wertvolle Kontakte geknüpft“, sagt die Mutter einer Tochter.

Etwa zu einem indischen HEC-Studenten, der Guebli mit einem Softwarespezialisten aus seiner Heimat zusammenbrachte. Der entwickelte schließlich den Prototyp ihrer App deutlich günstiger, als eine französische Agentur es getan hätte.

Kaffee ernten in Costa Rica

Dass die Ethikprogramme von Business-Schools tatsächlich etwas bewirken können, zeigt auch das Beispiel der Berliner ESMT. So reiste Bert-Klemens Kuhn im Rahmen des verpflichtenden Social Impact Projects während seines Masterstudiengangs nach Costa Rica, um dort gemeinsam mit Kommilitonen für Bean Voyage zu arbeiten. Ziel des Start-ups ist, das Einkommen der lokalen Kaffeebauern zu erhöhen, indem der Direktvertrieb gestärkt wird.

Kuhns Gruppe unterstützte das Unternehmen mit einer Finanzanalyse und entwickelte ein Vertriebskonzept. Für den 25-Jährigen gehört das Projekt zu den Highlights seines Studiums – und es hatte einen großen Lerneffekt. „Wir haben vor Ort die gesamte Wertschöpfungskette kennen gelernt und auch selbst auf den Plantagen gearbeitet. Da wird einem sehr bewusst, welche Auswirkungen unternehmerische Entscheidungen auf Dritte haben.“

Auch die Mannheim Business School hat das Thema soziale Verantwortung fest in ihrer Organisation verankert. „Wir wollen nicht nur in der Theorie verantwortungsvolle Führungskräfte ausbilden. Pflichtteil des Studiums ist deshalb auch ein Projekt, das in der Regel Menschen beziehungsweise Organisationen in der Region unterstützt“, sagt Ralf Bürkle, Marketingdirektor der Mannheim Business School.

Seit der Gründung im Jahr 2005 seien von den Teilnehmern der MBA- und Executive-MBA-Programme weit mehr als 100 soziale Projekte geplant und umgesetzt worden, darunter auch „Runtegrate“, ein Sponsorenlauf, mit dem die Jugendarbeit in einem Mannheimer Stadtteil gefördert wird (siehe nebenstehenden Text).

Die HEC in Paris denkt sechs Jahre nach dem Start ihres Stand-Up-Programms bereits in größeren Dimensionen. Sie will die Förderung nicht länger auf Frauen aus der Region Paris beschränken, sondern das Angebot auf nationaler Ebene implementieren. Statt einer Woche sollen die Teilnehmerinnen künftig sechs Wochen lang an der HEC lernen und vom Know-how-Transfer der Business-School profitieren. Zudem will sie den Zugang zu spezialisierten Inkubatoren vermitteln und auch Frauen unterstützen, die sich entscheiden, kein eigenes Start-up zu gründen, sondern sich lieber anstellen lassen möchten.

Für Hafida Guebli wäre diese Option allerdings keine Alternative. Sie glaubt fest an den Erfolg von Neyb’s. Nun muss die Gründerin beweisen, dass ihre Geschichte nicht nur ungewöhnlich und spannend, sondern auch erfolgreich ist.

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