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Eva Richterich Die Ricola-Erbin verbindet Kräuterbonbons mit Hightech

Ricola-Erbin Eva Richterich will mit dem Start-up-Labor „Ricolab“ neue Geschäftsfelder für das Familienunternehmen erobern. An Ideen mangele es nicht.
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Sie sitzt im Verwaltungsrat und führt das Innovation Lab. Quelle: Nik Hunger für Handelsblatt
Eva Richterich

Sie sitzt im Verwaltungsrat und führt das Innovation Lab.

(Foto: Nik Hunger für Handelsblatt)

ZürichEin hipper Co-Working-Space im Zürcher Westen wäre so ziemlich der letzte Ort, an dem Besucher eine Kräuterwiese vermuten würden. Außer bei Ricola: Im „Innovation-Lab“ des Kräuterbonbon-Herstellers werden Besucher von einem großflächigen Display begrüßt, auf dem der Wind über eine virtuelle Kräuterwiese streift: Bergfeeling als Virtual-Reality-Erlebnis.

Tradition und Zukunft verbinden – das will das Ricolab, das eigenständige Innovationslabor des schweizerischen Traditionsunternehmens. „Wir wollen Wissen über neue Technologien erarbeiten und zugleich Geschäftsfelder testen, die außerhalb des Kerngeschäfts liegen“, sagt Ricola-Erbin Eva Richterich im Gespräch mit dem Handelsblatt – und serviert Wasser mit frischer Pfefferminze. Sie stammt aus dem eigenen Garten der 45-Jährigen.

Die Richterichs haben zu Kräutern eine besondere Beziehung: 1930 gründete Emil Richterich die Richterich Company in Laufen (Ri-co-la) – und erfand die wohl bekanntesten Kräuterbonbons der Welt. Inzwischen exportiert Ricola seine Bonbons und Tees in mehr als 50 Länder. Im vergangenen Jahr machte die Firma mit ihren rund 400 Mitarbeitern einen Umsatz von 325 Millionen Franken.

Angaben zum Gewinn macht Ricola nicht, doch die Laufener unterstreichen stets stolz, dass sie noch nie rote Zahlen geschrieben haben. Aber bleibt das auch in Zukunft so, wenn sich die Ernährungsgewohnheiten ändern und die Digitalisierung das Geschäft des Familienunternehmens umkrempelt?

Laut Branchenverband BDSI nascht jeder Deutsche im Jahr zwar fünfeinhalb Kilogramm Zuckerwaren, doch der Markt für Hustenbonbons ist eher überschaubar. „Ricola zählt da definitiv zu den großen Spielern“, sagt Markus Heide, Chef des Online-Händlers „World of Sweets“. „Gerade jetzt, wenn die Erkältungszeit einsetzt, sind die Kräuterbonbons bei vielen Leuten gefragt.“

Dabei profitiere Ricola noch immer von der berühmten „Wer hat‘s erfunden?“-Werbekampagne, die von der Hamburger Werbeagentur Jung von Matt erdacht wurde – und das, obwohl die berühmten Spots seit Jahren gar nicht mehr im Fernsehen laufen. Große Innovationen seien im Bonbongeschäft eher selten, so der Süßwarenexperte: „Natürlich ging Ricola bei den Geschmacksrichtungen oder der Verpackung mit der Zeit“, sagt Heide, „aber das Geschäft ist eher konservativ.“

Um Innovationen jenseits des traditionellen Geschäfts zu entwickeln, rief der Mittelständler das eigene Digitallabor ins Leben: „Ricola ist das Mutterschiff, das verlässlich seinen Kurs fährt“, sagt Ricolab-Leiterin Eva Richterich. „Wir sind das Schnellboot, das neue Gewässer erkundet – und die Erkenntnisse zurückbringt.“

Mit dem hauseigenen Innovationslabor befindet sich Ricola in guter Gesellschaft: Nicht nur große Konzerne, sondern auch viele Mittelständler leisten sich die sogenannten Innovation-Labs, um sich fit für die Zukunft zu machen – oder zumindest, um sich so zu fühlen. Alleine die 1.000 größten deutschen Unternehmen betreiben derzeit 154 Innovation-Labs, wie eine noch unveröffentlichte Studie der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft zeigt.

Auch für kleinere Familienunternehmen wie Ricola können die Labore sinnvoll sein, erklärt Julian Kawohl, Professor für strategisches Management an der HTW. Dort ließen sich nicht nur digitale Kompetenzen bündeln. „Ein Innovation Lab zieht auch kreative Talente an, die sonst von den starren Strukturen eines Familienunternehmens abgeschreckt würden“, sagt Kawohl.

Im Ricolab sucht ein vierköpfiges Team nach neuen Wegen, um Kräuter und moderne Technologie zu verbinden – und tauscht sich dazu mit anderen Start-ups, Wissenschaftlern und Produzenten aus. Dabei will die Ricolab-Chefin Richterich die Erwartungen aber noch nicht zu hoch hängen: „Wir befinden uns noch in einer sehr frühen Phase.“ An Ideen mangele es aber nicht.

Manche Ideen landeten in der Tonne

Zum Beispiel die virtuelle Kräuterwiese. Die ist nicht als Dekoration gedacht, sondern soll eine grundlegende Frage klären: Lässt sich die Heilkraft von Kräutern vielleicht auch in der virtuellen Welt nutzen? Das klingt zumindest gewagt.

Doch die Ricolab-Macher verweisen auf Studien, denen zufolge Pflanzen das Wohlbefinden steigern können – egal, ob es sich dabei um echte Pflanzen handelt oder nicht. Auch „Herbs as a Service“ hat das Ricolab-Team schon ausprobiert, also ein Kräuter-Abo, bei dem Kunden regelmäßig mit saisonalen Kräutern versorgt werden.

Doch was mit Rasierklingen funktioniert, erwies sich bei Kräutern als kaum durchführbar – die Idee wanderte in die Papiertonne. Der Mut zum Scheitern gehöre dazu, erklärt Rasmus Nutzhorn. Der Däne hatte bereits mehrere Start-ups gegründet, bevor er ins Ricolab wechselte. „Wir wissen, dass wir mit unseren Einfällen häufig gegen Wände laufen werden“, sagt Nutzhorn. „Wir sind professionelle Gegen-die-Wand-Läufer.“ Selbst wenn ein Plan nicht aufgehe, ließen sich lehrreiche Schlüsse ziehen.

Dass mit Ricola ein Familienunternehmen hinter dem Labor steht, sieht Nutzhorn als entscheidenden Vorteil: „Für uns ist eine enorme Hilfe, dass wir den Rückhalt der Familie genießen.“ Anders als in einem Großkonzern werde das Lab nicht als Konkurrent wahrgenommen, sondern als Partner.

So soll das Labor die Innovationsabteilung des Familienunternehmens nicht ersetzen, sondern ergänzen. „Wir arbeiten außerhalb des Tagesgeschäfts, aber tauschen uns mit der Zentrale in Laufen regelmäßig aus“, sagt Eva Richterich.

Denn es ist egal, wo auf der Welt ein Ricola gelutscht wird: Hergestellt wird jedes Bonbon in Laufen im Baselland. „Wir produzieren nach wie vor alles in der Schweiz“, lautet das Credo von Firmenchef Felix Richterich. Das sei ein Teil des Markenversprechens. Der 60-Jährige ist Eva Richterichs Cousin. Er führt den Ricola-Verwaltungsrat – das Pendant zum deutschen Aufsichtsrat – in der dritten Generation.

Im Jahr 2011 hatte er nach dem Suizid des langjährigen CEOs Adrian Kohler auch den Chefposten bei dem Mittelständler übernommen. Was zunächst als Interimslösung gedacht war, hat sich längst verstetigt. Sohn Raphael, der ebenfalls für die Familienfirma arbeitet, wird als potenzieller Nachfolger gehandelt. Wie Eva Richterich sitzt auch er im Verwaltungsrat.

„Ich freue mich natürlich, dass ich das Vertrauen der Familie und des Verwaltungsrats für das Ricolab gewinnen konnte“, sagt Eva Richterich. Das Projekt sei aber eine Teamleistung. Angeben möchte sie nicht: Die Richterichs suchen nur selten das Licht der Öffentlichkeit. „Uns geht es nicht darum, irgendwelche Post-it-Zettel an die Wand zu kleben.“ Das würde auch nicht zum Image der Mutterfirma passen.

„Wir wollen mit dem Ricolab auch tatsächlich etwas bewirken.“ Den Beweis dafür müssen Richterich und ihr Team erst noch liefern. Aber vielleicht können sie dafür sorgen, dass der alte Ricola-Slogan „Wer hat’s erfunden?“ auch in Zukunft gilt. Die Schweizer eben.

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